Blur – Parklife / Oasis – (What’s The Story) Morning Glory?

Blur – Parklife

VÖ: 25.04.1994

Label: Parlophone

Genre: Britpop / Alternative-/Indie-Rock


Oasis – (What’s The Story) Morning Glory?

VÖ: 02.10.1995

Label: Big Brother

Genre: Britpop / (Alternative-)Rock


Ich möchte jetzt nach über 25 Jahren hier nicht noch einmal den „Battle Of Britpop“ in allen Details ausbreiten, der ja von der Presse damals heraufbeschworen wurde und als „(…) the greatest pop rivalry since the days of the Beatles and the Stones“ bezeichnet und behandelt wurde. Natürlich lässt sich eine Frage, welche der beiden Bands die bessere ist, schon vor allem aus subjektiver Perspektive heraus beantworten, doch muss das wirklich sein?!? Denn ähnlich wie bei den Beatles und den Rolling Stones ist doch eigentlich kaum zu bezweifeln, dass beide Gruppen unheimlich wichtig sind. Sowohl Blur als auch Oasis haben großartige Werke und Songs geschrieben und den Pop und Rock revolutioniert  – und somit eben nicht „nur“ den Britpop der Zeit. Dieser gab den Musikfans ab den frühen 1990er Jahren das Gefühl, dass essenzielle Bestandteile verschiedenster Sounds und damit zusammenhängender Lebenseinstellungen und Botschaften aus 30 Jahren Pop und Rock – eben auch von den genannten Beatles und den Rolling Stones, aber auch anderen Formationen der Jahrzehnte zuvor (vor allem der Modbands der 1960er Jahre sowie des 1980er Indie-Rocks), und mit dem „Modfather“ Paul Weller als treibende Kraft des Genres – wieder eine Renaissance erleben durften. Mit einem britischen Anstrich versehen und als Ausdruck eines Lebensgefühls. Natürlich wären für diese Musikrichtung auch noch andere Bands zu nennen, natürlich Suede und Pulp, aber auch zum Beispiel Manic Street Preachers, The Verve, Supergrass, Ocean Colour Scene, Ash, Kula Shaker, manche sagen ja auch Radiohead etc., doch insbesondere Blur und Oasis haben wahrscheinlich nicht nur bei mir diesen großen Eindruck hinterlassen, und das nicht nur wegen ihres kommerziellen Erfolgs damals. Welche(r) Tonträge(r) mit welchem/n Song(s) das dann genau ist/sind, da kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Der „Battle Of Britpop“ ist ja im Zuge der Veröffentlichung der beiden Singles – Blurs Country House aus dem Album The Great Escape und Oasis‘ Roll With It aus (What’s The Story) Morning Glory?, die beide 1995 erschienen – entstanden. Dabei hatten beide Gruppen schon vorher geniale Werke veröffentlicht. Blur legte mit Leisure 1991 allerdings noch ein kommerziell nicht sonderlich erfolgreiches und von der Kritik wenig begeistert aufgenommenes, zum Beispiel Shoegaze und Madchester-Sounds kombinierendes Debüt vor. Doch mit Modern Life Is Rubbish (1993) wurde der Britpop eindrucksvoll von den Londonern eingeleitet. Mit Parklife ein Jahr später setzten sie einen qualitativ hohen Standard, der die grundlegenden Zutaten des Genres pointiert und musikalisch kraftvoll zum Ausdruck brachte. Großartige Songs wie Girls & Boys, der Titelsong, End Of A Century oder This Is A Low, ich persönlich liebe auch Tracy Jacks! Die Kommentare zu den sozialpolitischen Verhältnissen in stark geschriebenen Texten, die vor allem mit viel Humor und Spaß glänzten. Dann die musikalische Offenheit gegenüber den verschiedensten Stilrichtungen (hier unter anderem Punk, Psychedelia, Synthie Pop und Walzer). Später ging das ja bei Blur auch nach dem Britpop weiter, mit großartigen Leistungen auf Alben wie auf Blur (1997), 13 (1999)  oder Think Tank (2003). Parklife habe ich damals von einem Freund auf CD geschenkt bekommen, zusammen mit Leisure und Modern Life Is Rubbish. Das hier besprochene Werk ist bei aller Wertschätzung des letztgenannten das einzige, was ich auch heute noch regelmäßig höre. Großartig! Apropos großartig, das sind auch noch immer die beiden ersten Alben von Oasis, die ebenfalls fantastische Texte (von Noel Gallagher) und vielseitige, im positiven Sinne großspurige Musik (aus unter anderem Punk, Psychedelia) boten. Definitely Maybe (1994) mit Hammer-Songs wie Supersonic oder Live Forever war das kommerziell erfolgreichste Debüt aller Zeiten in Großbritannien. Dem wurde nur ein Jahr später der nicht minder fantastische Nachfolger (What’s The Story) Morning Glory? hinzugefügt, mit diesen auch heute noch von allen zurecht angestimmten Hymnen wie Wonderwall oder Don’t Look Back In Anger! Ich persönlich schätze das Zweitwerk sogar noch mehr, habe es in den über 25 Jahren so unglaublich viel gehört. Ich erinnere mich auch, wie wir das Album im Party-Keller eines Freundes – jährlich zu dessen Geburtstag – aufgelegt und die Hymnen feierlich mitgesungen haben! So gut waren die Jungs aus Manchester um die so oft zerstrittenen Gallagher-Brüder danach nicht wieder! Doch Oasis und Blur haben mich mit ihren Genre-Werken gleichfalls begeistert, Britpop at its best, das nun wirklich keinen „Battle“ nötig hat!    

Beide Werke, Parklife und (What’s The Story) Morning Glory?           

Note: 1,0

https://www.blur.co.uk/

https://www.oasisinet.com/#!/home


Blur – Parklife


Oasis – (What’s The Story) Morning Glory?

Squid – Bright Green Field

VÖ: 07.05.2021

Label: Warp

Genre: Post-Punk / Indie-/Alternative-/Math-/Kraut-Rock / New-Wave

Okay, ich stelle es von vornherein klar: dieses Debüt der Newcomer-Band Squid aus Brighton kommt hier keineswegs wegen einer möglichen miesen Qualität, seiner Mittelmäßigkeit oder sonstiger eher negativer Aspekte in die „Kontrovers“-Sparte! Ich sage es direkt: Bright Green Field ist auch in meinen Augen wahnsinnig gut und wird sicherlich in einigen Bestenlisten des Jahrgangs 2021 landen! Ich weise diesmal nur kurz darauf hin, dass es bei meinem Lieblings-Label Warp Records erscheint, einer Stätte für experimentelle und hochqualitative Musik – seit mehr als 15 Jahren eben auch außerhalb der ambitionierten Electronica! Passt halt darauf, mit dieser unwiderstehlichen, absolut bestechenden Mischung aus Punk, Rock und New-Wave! Produzent dieses Debüts war zudem Dan Carey, der schon einige der momentan angesagtesten und großartigen Post-Punk-Bands (u.a. Black Midi mit ihrem grandiosen 2019er-Erstling Schlagenheim, aber auch Fontaines D.C. mit ihren beiden Werken sowie viele andere auch „Genre-fremde“ Bands) in dieser Funktion erfolgreich begleitet hat. Das gibt dem Sound die unwiderstehliche Kraft und gleichzeitige Eleganz! Klar, in den Texten lassen sich einige sozialkritische Messages erkennen, die im (Post-)Punk nun wahrlich nicht ungewöhnlich sind. Doch es erstaunt, wie aufgeräumt und reflektiert Squid hier vorgehen, dabei ein pessimistisches Bild der Zukunft als Warnung aufzeigen und diesen Botschaften mit diesen experimentellen Sounds voller Überraschungen Ausdruck verleihen! Der Hype war im Vorfeld schon groß, doch hier scheint er auch letztlich vollends berechtigt! Die Wertungen der Kritiker/innen sind in der Mehrheit überaus positiv, wobei ich vor allem in den deutschen Musik-Magazinen noch Zurückhaltungen festgestellt habe – auch wenn das natürlich eher Meckern auf hohem Niveau ist! Ich finde Bright Green Field wie gesagt schon jetzt fantastisch! Was sagt ihr? Bin mal gespannt, was ihr dazu sagt!

Note: 1,7 (vorerst)

https://squidband.uk/   

     

International Music – Ententraum

VÖ: 23.04.2021

Label: Staatsakt

Genre: Indie-Rock / Noise-Pop / Neo-Psychedelia             

Ich habe mich ja in den Kurzkritiken des Aprils auch mit dem neuen Album Die Gruppe der Berliner Ja, Panik auseinandergesetzt, einem wirklich klanglich und textlich ausgezeichnetem Werk! Es offenbart eine hintergründige, intellektuelle Herangehensweise an zurzeit aktuelle Themen. Wobei es dieser Formation vor allem um das Spiel mit Sprache geht. An diesen Bands mangelt es tatsächlich auch zurzeit in der deutschsprachigen Musikszene nicht, die nicht allzu offensichtliche, aber hochgradig reflektierte Standpunkte einnehmen und sich einer Angelegenheit multiperspektiv annehmen. Eigentlich bin ich ein großer Fan dieser Musik, habe schon immer mit Interesse verfolgt, was für Musiker/innen da in der Tradition und Nachfolge von beispielsweise „Hamburger Schule“-Musikgruppen wie Tocotronic, Die Goldenen Zitronen, Blumfeld oder Die Sterne vielschichtige Rock-/Punk-/Pop-Sounds produzieren, ebenfalls wie sprachlich komplexe, vielseitige Stimmungsbilder vermittelnde Texte. Leider war ich da 2018 nicht so aufmerksam, als ein Album namens Die besten Jahre erschien. Klar, habe ich das im Nachgang gehört und in den entsprechenden Jahresrückblick genommen. Aber das Werk – das unter anderem die Knaller-Single Cool bleiben aufbietet – und die Formation dahinter – die Essener von International Music – hatten eindeutig mehr Aufmerksamkeit verdient! Die Kritiker/innen zogen damals Parallelen zu besagten Ja, Panik – gerade aufgrund der Mischung deutscher und englischer Sprache –, verwiesen gleichzeitig aber auch auf die weiteren Stilrichtungen und Bands – ebenfalls in internationaler Hinsicht. Es wurden unter anderem gleichzeitig The Jesus And Mary Chain, Can und F.S.K. im Musikexpress ins Spiel gebracht. Die Band soll vor allem von den Beatles, The Velvet Underground, Spacemen3 und Trio inspiriert sein. So oder so, die Klänge sind tatsächlich vielseitig aufgestellt. Das wird auch bei dem genialen Zweitwerk Ententraum klar, das den Hörer unter anderem wieder mit Psychedelic-/Kraut-/Progressive-Rock und Noise-Pop bekannt macht und dabei eindeutig zeigt, dass da begnadet virtuose Musiker am Werk sind, die reichhaltig instrumentierte Songs mit unwiderstehlichen Melodien erzeugen! Es geht thematisch vor allem um den Zustand des Träumens, um die Bilder die erzeugt werden und offenbart verschiedene Deutungsansätze. Es wird mal lustig, ironisch, überschwänglich, aber auch melancholisch, traurig und düster! Das Album ist nur aus einem Grund in der „Kontrovers“-Sparte: ich bin hingerissen von Ententraum, finde es mindestens genauso gut wie das Debüt von International Music, habe aber auch die teilweise und vergleichsweise noch etwas verhaltenden Wertungen der Kritiker/innen registriert! Was sagt ihr zu dem Album? Genial, gut, schlecht oder doch nur Mittelmaß? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt 😊                       

Note: 1,7 (mit Potential nach oben)

https://www.internationalmusic.band/

AnnenMayKantereit – 12

VÖ: 17.11.2020

Label: Irrsinn Tonträger

Genre: (Indie-)Rock / (Folk-)Pop

Anlässlich des letzten Albums Schlagschatten (2018) – das hier bei hicemusic nicht ohne Grund in der Sparte „Kontrovers“ besprochen wurde (vorwiegend wegen der überwiegend negativen Kritiken) – schrieb ich, dass ich die Gruppe durchaus schätze. Es ist vielleicht nicht unbedingt so, dass ihre Texte immer vor Subtilität strotzen, aber ich würde den Kölnern schon assistieren, dass sie wissen, wie sie direkt und aufrichtig schreiben können und dabei auch sozialpolitische Themen verständlich verpacken können. Irgendwie kann ich mich oft mit den Texten identifizieren. Hier sehe ich den Unterschied zu vielen anderen deutschsprachigen Bands, die im Radio gespielt werden. Da empfinde ich die vermittelten Emotionen als eher oberflächlich und eindimensional, ja leider auch oft vollkommen irrelevant. Das soll oft gefühlvoll sein, dem Hörer aus der Seele sprechen, aber tut es das wirklich? Naja, soll ja denen gegönnt sein, die es mögen. Bei AnnenMayKantereit stelle ich jedoch oft etwas fest, was ich bei einigen Anderen vermisse: eine Unverkrampftheit gepaart mit wirklichem Können. Man muss sich nur mal die Version von The Polices Roxanne (zusammen mit Milky Chance) anschauen! Klar, dann ist da ja auch noch die markante Stimme von Henning May, die wirklich „älter“ klingt als von einem 28-Jährigen, die nicht nur der Musik der Band eine Individualität und einen Wiedererkennungswert verleiht, sondern unter anderem ja auch das grandiose Hurra die Welt geht unter von K.I.Z. veredelt hat Es gibt für mich bestimmt noch mehr Gründe, warum ich diese Band schätze. Ich empfinde es andererseits aber auch so, dass AnnenMayKantereit es manchmal übertreiben, die Tiefgründigkeit ihrer textlichen Ausführungen vielleicht nicht so hoch wie beabsichtig ist, ja manchmal auch vor Plattheiten nicht ganz zurückgeschreckt wird. Doch das hält sich für mich alles in allem in Grenzen. Jetzt ist eine neue LP – schlicht 12 betitelt – unvermittelt erschienen. Es gab da ein nicht wirklich überraschend dominierendes Thema, natürlich die Corona-Pandemie, von der natürlich auch die Band wie so viele – natürlich ebenfalls über die Musik-Branche hinaus – schwer getroffen wurde. Denn es war unter anderem eine ganz große Tour geplant. So gibt es viel zu reflektieren, natürlich auch generell aus sozialpolitischer Perspektive. Es werden die Ängste, Sorgen und Entbehrungen, die Isolation vieler Menschen uvm. verarbeitet. Was lässt sich nun zum Resultat sagen? Sagen wir es mal so, das Album bietet einerseits erneut tolle Songs, die hintergründig das Thema aufbereiten und dazu vielschichtige Sounds aufbieten. Andererseits sind da auch Lieder dabei, die nicht so richtig zum Zuge kommen und letztlich wenig Eindruck vermitteln. Über die kurzen Songs – die Demo-Fassung zu Beginn beispielsweise – kann ich mir noch nicht so richtig ein abschließendes Urteil bilden. Doch ich würde sagen, dass das Positive auf dem Album für mich überwiegt. Ich mag die Band halt immer noch irgendwie gern!

Note: 2,7

https://www.annenmaykantereit.com/

 

Matt Berninger – Serpentine Prison

VÖ: 16.10.2020

Label: Concord

Genre: Indie-Folk/-Rock / Chamber-Pop

Ist ja immer wieder eine spannende Angelegenheit mit Solo-Projekten von Bandmitgliedern. Ich meine das in dem Sinne, dass es doch einer Wundertüte gleichkommt, ob das überhaupt funktioniert. Denn es fallen ja doch einige Aufgaben an. Zuvorderst wird doch im Großen und Ganzen versucht, sich von der jeweiligen Hauptband musikalisch zu emanzipieren und einen neuen Weg einzuschlagen (gerade nach einem Ausstieg) oder eben Sachen auszuprobieren, die im Bandkontext schwer oder nicht möglich wären. Man könnte ja mal darüber reflektieren, wie viele berühmte Frontmänner es in der Pop-Geschichte versucht haben und wie viele von ihnen Erfolg hatten. Morrissey hat es ja beispielsweise zumindest eine lange Zeit geschafft, neue Wege abseits der Smiths zu gehen. Peter Gabriel zeigte neue Seiten, als er Genesis verlassen hatte. David Byrne, John Lennon, Bryan Ferry, Thom Yorke, Robert Plant….und und und. Es gibt schon die guten Beispiele, von denen ich an dieser Stelle sicherlich einige vergessen habe. Aber: es waren auch Solo-Künstler dabei, die vielleicht lieber bei ihrer Hauptband geblieben wären bzw. auf die „Alleingänge“ hätten verzichten sollen. Aber lassen wir da mal die Details!… Kommen wir lieber zu Matt Berninger, der eigentlich Sänger von The National ist. Ich hatte ehrlich gesagt die Befürchtung, dass da kaum was Neues kommt, was natürlich an sich schon ungerecht dem Künstler gegenüber ist. Es ist nun nicht so, dass die klanglichen Parallelen zu seiner Hauptband gar nicht auszumachen sind. Aber das war auch bei den oben Genannten nicht (immer) der Fall. Es gibt die feinen Unterschiede, zum Beispiel sind die Songs im Vergleich zu The Nationals Werke spärlicher instrumentiert, der Bariton-Stimme Berningers wird viel Raum zugestanden, musikalisch alles in der Tradition der Americana gehalten. Die erklingenden Instrumente wie Gitarre, Klavier, Streicher oder die von keinem Geringeren als Booker T. Jones (auch Produzent des Albums!) gespielte Hammond-Orgel werden eher im Hintergrund gehalten, sie dominieren nicht die Melodien. Alles ist ähnlich melancholisch in der Erscheinungsform, Berninger bezieht sich auf persönliche Erlebnisse und Erkenntnisse und derzeitige gesellschaftspolitische Zustände in den – im Vergleich zu The National weniger verschlüsselten – Texten, doch er setzt trotz allem gleichzeitig auf Optimismus und Entspannung, was sich auch in der Musik niederschlägt. Beeindruckendes Solo-Album mit vielen Facetten, die sich eben nicht direkt aufdrängen!

Note: 2,0

https://mattberningerswebsite.com

 

Sophie Hunger – Halluzinationen

VÖ: 04.09.2020

Label: Caroline

Genre:  Indie-Pop/-Rock / Folk

Wenn man heutzutage Pressetexte zu den Bands und Künstler/innen liest, so ist ja oft von ihrer Vielseitigkeit zu lesen, dass sie sich in den unterschiedlichsten Musikspielarten bewegen und diese spielerisch beherrschen würden. Nur ist dabei zu bedenken, dass die Gradwanderung zwischen dem Willen nach Abwechslung und einem künstlerischen Wiedererkennungswert nicht einfach zu bewältigen ist. Tatsächlich verhält es sich oft so, dass dieses Ziel, beide Pole abzudecken, nicht so ganz erreicht werden kann. Umso schöner ist es, dass es andererseits Künstler/innen gibt, denen die Überwältigung dieses Spagats spielerisch zu gelingen scheint, wie z.B. der vielseitig begabten 37-jährigen Schweizerin Sophie Hunger. Schon seit der in Eigenregie veröffentlichten Solo-Debüt-LP Sketches On Sea (2006) bewegt sie sich im weiten Feld von Folk, Indie-Pop/-Rock, Electronica, Jazz, Chanson uvm. Dazu kommen die ausgeprägten Skills im Bereich des Textens und der Instrumentierungen. Nicht zu vergessen die Mitwirkungen an unzähligen Projekten in Film, als Autorin etc., oder ihre Kooperationen (u.a. Max Herre, Steven Wilson). Mir persönlich ging es nur so, dass ich trotz der Anerkennung dieser künstlerischen Fähigkeiten aus subjektiver Sicht ihre Musik oft „nur“ gut fand, ohne wirklich sagen zu können, weshalb dies so ist  (mit einer Ausnahme, das 2010er Album 1983 fand ich großartig). Doch – so viel sei verraten – ihr neues Werk Halluzinationen gefällt mir schon jetzt richtig gut, auch aus subjektiver Perspektive. Es bietet wieder sowohl in Englisch und Deutsch gehaltene, gewohnt mannigfaltig instrumentierte Songs, in denen sich mit verschiedenen Themen – persönlicher als auch generell sozialkritischer Natur – beschäftigt wird. Das sind unter anderem tiefgründige Reflexionen darüber, wie es ist, wenn man die Kontrolle über das eigene Ich verliert. Die Texte sind nicht immer leicht zu entschlüsseln, die Stimmungsbilder variieren dabei. Die fantastische Produktion (von Dan Carey) erfolgte in den Londoner Abbey Road Studios. Großartige Kompositionen mit wundervollen Melodien. Schon jetzt fantastisch, Sophie Hunger ist so oder so eine der spannendsten Künstlerin dieser Tage!

Note: 2,0

www.sophiehunger.com

 

Bright Eyes – Down In The Weeds, Where The World Once Was

VÖ: 21.08.2020

Label: Dead Oceans

Genre: Indie-Rock/-Folk / Emo

Da war ich doch überrascht zu sehen, dass das letzte Werk – The People’s Key – von Bright Eyes neun Jahre alt ist. Die Band selbst hatte ja seitdem auch nicht mehr existiert und ist erst dieses Jahr zurückgekehrt. Wie zu hören ist, war diese Trennung damals wohl nicht mehr zu verhindern. Habe ich irgendwie alles nicht mitbekommen. Ich merke generell, dass ich nicht mehr wirklich den Überblick darüber habe, was Frontmann Conor Oberst in den letzten Jahren gemacht hat. Da waren halt einige Projekte, in denen der 40-Jährige seitdem engagiert war, zum Beispiel seine Solo-Sachen bzw. diejenigen mit der Begleitband The Mystic Valley Band. Oder die wiedervereinigten Desaparecidos oder jetzt zuletzt mit Phoebe Bridgers das aufregende Better Oblivion Community Center. Dann die 2016 erschienenen Wiederveröffentlichungen einiger Albumklassiker. Nicht zu vergessen seine Mitwirkungen an verschiedenen Alben (z.B. von Maria Taylor) und den Aktivitäten rund um die Labels Saddle Creek oder Team Love. Man muss sagen, dass nicht alles, was Oberst da präsentiert hat, jetzt großartig innovativ war, doch irgendwie konnte er zeigen, dass im Bereich von Indie-Rock, Folk und Emo er immer noch Spannendes abliefern kann, er vor allem in seinen Texten markante Stellungnahmen zu verschiedenen Themen einnimmt, er das Songwriting generell immer noch perfekt beherrscht. Klar waren da die Großtaten der 2000er Jahre, vor allem die beiden 2005er Werke I’m  Wide Awake, It’s Morning und Digital Ash In A Digital Urn. Da anzuschließen ist wohl schwer möglich, aber das muss ja auch nicht so sein. Mit Down In The Weeds, Where The World Once Was hat er ein wirklich starkes Album. Es bietet nicht nur wundervolle und komplexe instrumentelle Arrangements und im Gesamten eine atemberaubende Produktion mit diesem Größenwahn im positiven Sinne  (u.a. opulente Orchestrierungen, originelle eingesetzte Samples oder markante Gastauftritte z.B. von Red Hot Chili Peppers‘ Flea), sondern auch starke Texte, die uns in diesen schweren Zeiten Mut machen sollen. Oberst selbst verarbeitet den Tod seines Bruders (das Album ist diesem gewidmet) und ruft dazu auf, optimistisch zu bleiben. Ich muss dabei zugeben, dass ich nicht alles entschlüsseln kann, angesichts vieler Metaphern und anderer origineller Methoden. Das macht aber natürlich auch das Spannende aus. Ein Comeback, das wirklich überaus gelungen ist, mit einem wunderbaren Album und starken Songs!

Note: 2,0

https://www.thisisbrighteyes.com/

 

Fontaines D.C. – A Hero’s Death

VÖ: 31.07.2020

Label: Partisan

Genre: Post-Punk / Indie-/Alternative-Rock

Ich überlege mir mal etwas für die Struktur von hicemusic, so dass mir nicht mehr so viele tolle Alben entgehen, ist auf jeden Fall mal eine Idee. Denn bei einer entsprechenden Maßnahme wäre mir – obwohl ich die Songs kannte und sie wirklich toll fand – bestimmt nicht das letztjährige Debüt Dogrel des irischen Quintetts Fontaines D.C. entgangen. Ja gut, ich versuche ja da immer eine gewisse Einsicht zu entwickeln, indem ich dann zumindest dem Nachfolger eines tollen Werks ein Ohr leihe. Im Fall von dieser Band kann ich nur sagen: zum Glück! Aber bevor ich zu A Hero’s Death komme, noch einmal kurz ein paar Infos zu dieser Formation um Leadsänger Grian Chattens. Ende der letzten Dekade – als einige Post-Punk-Bands in Großbritannien und Umgebung angesichts der gesellschaftspolitischen Ereignisse zu der Zeit – es gab genug, wogegen man sich erheben konnte, zum Beispiel im Zuge des Brexit – wohl nicht zufällig aufkamen  -, gründeten sich in Dublin die Fontaines D.C. Anfangs sollen die fünf Mitglieder – die sich während des Musikstudiums kennengelernt haben – noch The Strokes-Songs gecovert haben, doch später veröffentlichten sie einige, am Anfang dieser Rezension erwähnte Post-Punk-Songs, von denen einige auf dem besagten Debüt Dogrel landen (es fanden sich darauf alleine 7 Singles!). Die Kritiker waren begeistert, es gab Preise und es ging mit den Labelkollegen Idles und mit Shame auf Tour. Jetzt ist der Nachfolger A Hero’s Death schon da! Darauf wird hörbar der Sound erweitert, es gibt neben rohen und aggressiven Tönen auch ruhigere zu hören. Generell scheint man etwas ernster geworden zu sein und sich etwas zurückgenommen zu haben, es wird beispielsweise über Einsamkeit und Isolation gesungen. Andererseits werden positive Messages verkündet und gerade zu dazu aufgerufen, optimistisch in die Zukunft zu schauen. So unterschiedlich und vielseitig wie die Stimmungen sind die musikalischen Elemente. Ein fantastisches Werk, das niveautechnisch in der gleichen hohen Liga spielt wie Dogrel, welches ich mittlerweile glücklicherweise auch aufmerksamer gehört habe!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.fontainesdc.com

 

Phoebe Bridgers – Punisher

VÖ: 19.06.2020

Label: Dead Oceans

Genre: Indie-/Folk-Rock

Um eines vorweg klarzustellen: ich möchte keinesfalls damit provozieren, dass ich das Zweitwerk Punisher von Phoebe Bridgers in die „Kontrovers“-Sparte gepackt habe. Denn normalerweise kommen Alben dieser Qualität nicht da rein. Es gibt ja einige Lobeshymnen darauf. Denn es ist egal, ob in der nationalen oder internationalen Musikpresse, es gibt nur die ganz hohen Wertungen, unter anderem 5½ Sterne im Musikexpress oder 8.7/10 Punkte bei Pitchfork. Nicht falsch verstehen, ich kann zu Teilen die Begeisterung nachvollziehen, denn die 25-jährige US-Künstlerin liefert wirklich ein starkes Statement mit Punisher ab. Schon das Debüt Stranger In The Alps (2017) hatte die Richtung angedeutet, dass Phoebe Bridgers richtig gute Texte zu schreiben und musikalisch interessante Wege im Spannungsfeld von Folk, Indie-Rock und Emo, ein bisschen Psychedelia, zu beschreiten vermag. Dann folgte ja letztes Jahr noch das fantastische selbstbetitelte Werk von Better Oblivion Community Center, dem Gemeinschaftsprojekt mit Conor Oberst. Ich weiß, dass Phoebe Bridgers eine wirklich spannende Künstlerin ist. Das wird ja auch auf Punisher klar, wenn sie in den Texten über ihre persönlichsten Erlebnisse, Erinnerungen und Erkenntnisse berichtet, sie sehr pointierte Stellungnahmen zu verschiedensten Themen wie (Liebes-)Schmerz, Hoffnung oder Verzweiflung präsentiert. Es gibt tatsächlich richtig starke Momente, in der die Musik eine unglaubliche Erhabenheit ausstrahlt. Deshalb ist Punisher auch wirklich richtig gut. Es ist nur so: ich sehe es (noch) nicht als Meisterwerk. Vielleicht kann ich es einfach nicht ganz packen, da ich mit Folk nicht immer die großen Berührungspunkte habe. Was haltet ihr von dem Album? Ist es dieses große Werk? Auf eure Meinungen bin ich wirklich sehr gespannt!

Note: 2,0 (hat aber Potential zu mehr)

https://phoebefuckingbridgers.com/

 

The Strokes – The New Abnormal

VÖ: 10.04.2020

Label: RCA

Genre: Indie-Rock / New-Wave/ Post-Punk

Es ist – und das schreibe ich hier nicht das erste Mal – erstaunlich, wie oft meine Favorite-Bands in der Sparte „Kontrovers“ landen. Obwohl andererseits irgendwie auch nicht unbedingt, bedenkt man einmal, dass ich natürlich entsprechend hohe Erwartungen an jenen nachfolgenden Output habe wie an den/die jeweiligen Tonträger, der/die diese Bewunderung erst begründet hat/haben. Nun gut, bei den Strokes aus New York, die mit ihrem genialen Debüt Is This It (2001) und dem ebenfalls herausragenden Zweitwerk Room On Fire (2003) sowie dem insgesamt okayen Drittling First Impressions Of Earth (2005)  mitverantwortlich für den Aufschwung  der Indie-/Garage-Rock-Welle der frühen bis mittleren 2000er Jahre waren, haben mich trotz eines wirklich guten Auftritts auf dem Hurricane-Festival 2010 dann vor allem in der Zeit danach nicht mehr so interessiert. Meiner Meinung lag es vor allem daran, dass die Band nie so genau gewusst hat, in welche Richtung sie sich bewegen wollte, eher zu New Wave/(Synthie-/Power-)Pop oder doch zum bewährten Indie-/Garage-Rock/Post-Punk. Irgendwie war das in Ordnung, was die New Yorker da auf Angles (2011) und Comedown Machine (2013) boten, aber nun wirklich nicht nennenswert einprägsam. Mir fällt auf Anhieb kein Song dieser Platten ein, was ziemlich deutlich macht, dass sie nicht unbedingt Eindruck hinterlassen haben bei mir. So geht es bei mir um einen anderen Grund, weshalb das sechste Studio-Werk The New Abnormal, das nach 7 Jahren Pause erscheint, in „Kontrovers“ landet. Denn es wird von der Musikkritik weitgehend gefeiert, es heißt beispielweise es handele sich um ein „(…) fantastisches Update des Stroke-Sounds“, es wird von einer „(…) Weiterentwicklung“ geschrieben. Tut mir leid, vielleicht bin ich überkritisch, aber ich sehe das leider überhaupt nicht so. Die Platte lief bei mir so durch, ohne dass sie meine Aufmerksamkeit gewinnen konnte. Für mich klingt das alles zu verkrampft. Die Single At The Door beispielsweise zeigt meiner Meinung nach nicht die besagten neuen Ideen. Der einzige Song, den ich wirklich mag, ist der Dance-Pop-infizierte Eternal Summer, auf dem Julian Casablancas Stimme gut mit den euphorisierenden Klängen harmonisiert. Meine Enttäuschung ist groß, liegt aber bestimmt an den hohen Erwartungen an meine Favorite-Band, vielleicht war auch die Kombination mit Produzentenlegende Rick Rubin im Vorhinein einfach zu verheißungsvoll, wer weiß das schon genau…Schade. Was sagt ihr zu The New Abnormal? Seht ihr eine Weiterentwicklung in ihrem Sound, die ich einfach nicht erkannt habe? Auf eure Reaktionen bin ich gespannt!

Note: 3,0

https://www.thestrokes.com/

 

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