AnnenMayKantereit – 12

VÖ: 17.11.2020

Label: Irrsinn Tonträger

Genre: (Indie-)Rock / (Folk-)Pop

Anlässlich des letzten Albums Schlagschatten (2018) – das hier bei hicemusic nicht ohne Grund in der Sparte „Kontrovers“ besprochen wurde (vorwiegend wegen der überwiegend negativen Kritiken) – schrieb ich, dass ich die Gruppe durchaus schätze. Es ist vielleicht nicht unbedingt so, dass ihre Texte immer vor Subtilität strotzen, aber ich würde den Kölnern schon assistieren, dass sie wissen, wie sie direkt und aufrichtig schreiben können und dabei auch sozialpolitische Themen verständlich verpacken können. Irgendwie kann ich mich oft mit den Texten identifizieren. Hier sehe ich den Unterschied zu vielen anderen deutschsprachigen Bands, die im Radio gespielt werden. Da empfinde ich die vermittelten Emotionen als eher oberflächlich und eindimensional, ja leider auch oft vollkommen irrelevant. Das soll oft gefühlvoll sein, dem Hörer aus der Seele sprechen, aber tut es das wirklich? Naja, soll ja denen gegönnt sein, die es mögen. Bei AnnenMayKantereit stelle ich jedoch oft etwas fest, was ich bei einigen Anderen vermisse: eine Unverkrampftheit gepaart mit wirklichem Können. Man muss sich nur mal die Version von The Polices Roxanne (zusammen mit Milky Chance) anschauen! Klar, dann ist da ja auch noch die markante Stimme von Henning May, die wirklich „älter“ klingt als von einem 28-Jährigen, die nicht nur der Musik der Band eine Individualität und einen Wiedererkennungswert verleiht, sondern unter anderem ja auch das grandiose Hurra die Welt geht unter von K.I.Z. veredelt hat Es gibt für mich bestimmt noch mehr Gründe, warum ich diese Band schätze. Ich empfinde es andererseits aber auch so, dass AnnenMayKantereit es manchmal übertreiben, die Tiefgründigkeit ihrer textlichen Ausführungen vielleicht nicht so hoch wie beabsichtig ist, ja manchmal auch vor Plattheiten nicht ganz zurückgeschreckt wird. Doch das hält sich für mich alles in allem in Grenzen. Jetzt ist eine neue LP – schlicht 12 betitelt – unvermittelt erschienen. Es gab da ein nicht wirklich überraschend dominierendes Thema, natürlich die Corona-Pandemie, von der natürlich auch die Band wie so viele – natürlich ebenfalls über die Musik-Branche hinaus – schwer getroffen wurde. Denn es war unter anderem eine ganz große Tour geplant. So gibt es viel zu reflektieren, natürlich auch generell aus sozialpolitischer Perspektive. Es werden die Ängste, Sorgen und Entbehrungen, die Isolation vieler Menschen uvm. verarbeitet. Was lässt sich nun zum Resultat sagen? Sagen wir es mal so, das Album bietet einerseits erneut tolle Songs, die hintergründig das Thema aufbereiten und dazu vielschichtige Sounds aufbieten. Andererseits sind da auch Lieder dabei, die nicht so richtig zum Zuge kommen und letztlich wenig Eindruck vermitteln. Über die kurzen Songs – die Demo-Fassung zu Beginn beispielsweise – kann ich mir noch nicht so richtig ein abschließendes Urteil bilden. Doch ich würde sagen, dass das Positive auf dem Album für mich überwiegt. Ich mag die Band halt immer noch irgendwie gern!

Note: 2,7

https://www.annenmaykantereit.com/

 

Matt Berninger – Serpentine Prison

VÖ: 16.10.2020

Label: Concord

Genre: Indie-Folk/-Rock / Chamber-Pop

Ist ja immer wieder eine spannende Angelegenheit mit Solo-Projekten von Bandmitgliedern. Ich meine das in dem Sinne, dass es doch einer Wundertüte gleichkommt, ob das überhaupt funktioniert. Denn es fallen ja doch einige Aufgaben an. Zuvorderst wird doch im Großen und Ganzen versucht, sich von der jeweiligen Hauptband musikalisch zu emanzipieren und einen neuen Weg einzuschlagen (gerade nach einem Ausstieg) oder eben Sachen auszuprobieren, die im Bandkontext schwer oder nicht möglich wären. Man könnte ja mal darüber reflektieren, wie viele berühmte Frontmänner es in der Pop-Geschichte versucht haben und wie viele von ihnen Erfolg hatten. Morrissey hat es ja beispielsweise zumindest eine lange Zeit geschafft, neue Wege abseits der Smiths zu gehen. Peter Gabriel zeigte neue Seiten, als er Genesis verlassen hatte. David Byrne, John Lennon, Bryan Ferry, Thom Yorke, Robert Plant….und und und. Es gibt schon die guten Beispiele, von denen ich an dieser Stelle sicherlich einige vergessen habe. Aber: es waren auch Solo-Künstler dabei, die vielleicht lieber bei ihrer Hauptband geblieben wären bzw. auf die „Alleingänge“ hätten verzichten sollen. Aber lassen wir da mal die Details!… Kommen wir lieber zu Matt Berninger, der eigentlich Sänger von The National ist. Ich hatte ehrlich gesagt die Befürchtung, dass da kaum was Neues kommt, was natürlich an sich schon ungerecht dem Künstler gegenüber ist. Es ist nun nicht so, dass die klanglichen Parallelen zu seiner Hauptband gar nicht auszumachen sind. Aber das war auch bei den oben Genannten nicht (immer) der Fall. Es gibt die feinen Unterschiede, zum Beispiel sind die Songs im Vergleich zu The Nationals Werke spärlicher instrumentiert, der Bariton-Stimme Berningers wird viel Raum zugestanden, musikalisch alles in der Tradition der Americana gehalten. Die erklingenden Instrumente wie Gitarre, Klavier, Streicher oder die von keinem Geringeren als Booker T. Jones (auch Produzent des Albums!) gespielte Hammond-Orgel werden eher im Hintergrund gehalten, sie dominieren nicht die Melodien. Alles ist ähnlich melancholisch in der Erscheinungsform, Berninger bezieht sich auf persönliche Erlebnisse und Erkenntnisse und derzeitige gesellschaftspolitische Zustände in den – im Vergleich zu The National weniger verschlüsselten – Texten, doch er setzt trotz allem gleichzeitig auf Optimismus und Entspannung, was sich auch in der Musik niederschlägt. Beeindruckendes Solo-Album mit vielen Facetten, die sich eben nicht direkt aufdrängen!

Note: 2,0

https://mattberningerswebsite.com

 

Sophie Hunger – Halluzinationen

VÖ: 04.09.2020

Label: Caroline

Genre:  Indie-Pop/-Rock / Folk

Wenn man heutzutage Pressetexte zu den Bands und Künstler/innen liest, so ist ja oft von ihrer Vielseitigkeit zu lesen, dass sie sich in den unterschiedlichsten Musikspielarten bewegen und diese spielerisch beherrschen würden. Nur ist dabei zu bedenken, dass die Gradwanderung zwischen dem Willen nach Abwechslung und einem künstlerischen Wiedererkennungswert nicht einfach zu bewältigen ist. Tatsächlich verhält es sich oft so, dass dieses Ziel, beide Pole abzudecken, nicht so ganz erreicht werden kann. Umso schöner ist es, dass es andererseits Künstler/innen gibt, denen die Überwältigung dieses Spagats spielerisch zu gelingen scheint, wie z.B. der vielseitig begabten 37-jährigen Schweizerin Sophie Hunger. Schon seit der in Eigenregie veröffentlichten Solo-Debüt-LP Sketches On Sea (2006) bewegt sie sich im weiten Feld von Folk, Indie-Pop/-Rock, Electronica, Jazz, Chanson uvm. Dazu kommen die ausgeprägten Skills im Bereich des Textens und der Instrumentierungen. Nicht zu vergessen die Mitwirkungen an unzähligen Projekten in Film, als Autorin etc., oder ihre Kooperationen (u.a. Max Herre, Steven Wilson). Mir persönlich ging es nur so, dass ich trotz der Anerkennung dieser künstlerischen Fähigkeiten aus subjektiver Sicht ihre Musik oft „nur“ gut fand, ohne wirklich sagen zu können, weshalb dies so ist  (mit einer Ausnahme, das 2010er Album 1983 fand ich großartig). Doch – so viel sei verraten – ihr neues Werk Halluzinationen gefällt mir schon jetzt richtig gut, auch aus subjektiver Perspektive. Es bietet wieder sowohl in Englisch und Deutsch gehaltene, gewohnt mannigfaltig instrumentierte Songs, in denen sich mit verschiedenen Themen – persönlicher als auch generell sozialkritischer Natur – beschäftigt wird. Das sind unter anderem tiefgründige Reflexionen darüber, wie es ist, wenn man die Kontrolle über das eigene Ich verliert. Die Texte sind nicht immer leicht zu entschlüsseln, die Stimmungsbilder variieren dabei. Die fantastische Produktion (von Dan Carey) erfolgte in den Londoner Abbey Road Studios. Großartige Kompositionen mit wundervollen Melodien. Schon jetzt fantastisch, Sophie Hunger ist so oder so eine der spannendsten Künstlerin dieser Tage!

Note: 2,0

www.sophiehunger.com

 

Bright Eyes – Down In The Weeds, Where The World Once Was

VÖ: 21.08.2020

Label: Dead Oceans

Genre: Indie-Rock/-Folk / Emo

Da war ich doch überrascht zu sehen, dass das letzte Werk – The People’s Key – von Bright Eyes neun Jahre alt ist. Die Band selbst hatte ja seitdem auch nicht mehr existiert und ist erst dieses Jahr zurückgekehrt. Wie zu hören ist, war diese Trennung damals wohl nicht mehr zu verhindern. Habe ich irgendwie alles nicht mitbekommen. Ich merke generell, dass ich nicht mehr wirklich den Überblick darüber habe, was Frontmann Conor Oberst in den letzten Jahren gemacht hat. Da waren halt einige Projekte, in denen der 40-Jährige seitdem engagiert war, zum Beispiel seine Solo-Sachen bzw. diejenigen mit der Begleitband The Mystic Valley Band. Oder die wiedervereinigten Desaparecidos oder jetzt zuletzt mit Phoebe Bridgers das aufregende Better Oblivion Community Center. Dann die 2016 erschienenen Wiederveröffentlichungen einiger Albumklassiker. Nicht zu vergessen seine Mitwirkungen an verschiedenen Alben (z.B. von Maria Taylor) und den Aktivitäten rund um die Labels Saddle Creek oder Team Love. Man muss sagen, dass nicht alles, was Oberst da präsentiert hat, jetzt großartig innovativ war, doch irgendwie konnte er zeigen, dass im Bereich von Indie-Rock, Folk und Emo er immer noch Spannendes abliefern kann, er vor allem in seinen Texten markante Stellungnahmen zu verschiedenen Themen einnimmt, er das Songwriting generell immer noch perfekt beherrscht. Klar waren da die Großtaten der 2000er Jahre, vor allem die beiden 2005er Werke I’m  Wide Awake, It’s Morning und Digital Ash In A Digital Urn. Da anzuschließen ist wohl schwer möglich, aber das muss ja auch nicht so sein. Mit Down In The Weeds, Where The World Once Was hat er ein wirklich starkes Album. Es bietet nicht nur wundervolle und komplexe instrumentelle Arrangements und im Gesamten eine atemberaubende Produktion mit diesem Größenwahn im positiven Sinne  (u.a. opulente Orchestrierungen, originelle eingesetzte Samples oder markante Gastauftritte z.B. von Red Hot Chili Peppers‘ Flea), sondern auch starke Texte, die uns in diesen schweren Zeiten Mut machen sollen. Oberst selbst verarbeitet den Tod seines Bruders (das Album ist diesem gewidmet) und ruft dazu auf, optimistisch zu bleiben. Ich muss dabei zugeben, dass ich nicht alles entschlüsseln kann, angesichts vieler Metaphern und anderer origineller Methoden. Das macht aber natürlich auch das Spannende aus. Ein Comeback, das wirklich überaus gelungen ist, mit einem wunderbaren Album und starken Songs!

Note: 2,0

https://www.thisisbrighteyes.com/

 

Fontaines D.C. – A Hero’s Death

VÖ: 31.07.2020

Label: Partisan

Genre: Post-Punk / Indie-/Alternative-Rock

Ich überlege mir mal etwas für die Struktur von hicemusic, so dass mir nicht mehr so viele tolle Alben entgehen, ist auf jeden Fall mal eine Idee. Denn bei einer entsprechenden Maßnahme wäre mir – obwohl ich die Songs kannte und sie wirklich toll fand – bestimmt nicht das letztjährige Debüt Dogrel des irischen Quintetts Fontaines D.C. entgangen. Ja gut, ich versuche ja da immer eine gewisse Einsicht zu entwickeln, indem ich dann zumindest dem Nachfolger eines tollen Werks ein Ohr leihe. Im Fall von dieser Band kann ich nur sagen: zum Glück! Aber bevor ich zu A Hero’s Death komme, noch einmal kurz ein paar Infos zu dieser Formation um Leadsänger Grian Chattens. Ende der letzten Dekade – als einige Post-Punk-Bands in Großbritannien und Umgebung angesichts der gesellschaftspolitischen Ereignisse zu der Zeit – es gab genug, wogegen man sich erheben konnte, zum Beispiel im Zuge des Brexit – wohl nicht zufällig aufkamen  -, gründeten sich in Dublin die Fontaines D.C. Anfangs sollen die fünf Mitglieder – die sich während des Musikstudiums kennengelernt haben – noch The Strokes-Songs gecovert haben, doch später veröffentlichten sie einige, am Anfang dieser Rezension erwähnte Post-Punk-Songs, von denen einige auf dem besagten Debüt Dogrel landen (es fanden sich darauf alleine 7 Singles!). Die Kritiker waren begeistert, es gab Preise und es ging mit den Labelkollegen Idles und mit Shame auf Tour. Jetzt ist der Nachfolger A Hero’s Death schon da! Darauf wird hörbar der Sound erweitert, es gibt neben rohen und aggressiven Tönen auch ruhigere zu hören. Generell scheint man etwas ernster geworden zu sein und sich etwas zurückgenommen zu haben, es wird beispielsweise über Einsamkeit und Isolation gesungen. Andererseits werden positive Messages verkündet und gerade zu dazu aufgerufen, optimistisch in die Zukunft zu schauen. So unterschiedlich und vielseitig wie die Stimmungen sind die musikalischen Elemente. Ein fantastisches Werk, das niveautechnisch in der gleichen hohen Liga spielt wie Dogrel, welches ich mittlerweile glücklicherweise auch aufmerksamer gehört habe!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.fontainesdc.com

 

Phoebe Bridgers – Punisher

VÖ: 19.06.2020

Label: Dead Oceans

Genre: Indie-/Folk-Rock

Um eines vorweg klarzustellen: ich möchte keinesfalls damit provozieren, dass ich das Zweitwerk Punisher von Phoebe Bridgers in die „Kontrovers“-Sparte gepackt habe. Denn normalerweise kommen Alben dieser Qualität nicht da rein. Es gibt ja einige Lobeshymnen darauf. Denn es ist egal, ob in der nationalen oder internationalen Musikpresse, es gibt nur die ganz hohen Wertungen, unter anderem 5½ Sterne im Musikexpress oder 8.7/10 Punkte bei Pitchfork. Nicht falsch verstehen, ich kann zu Teilen die Begeisterung nachvollziehen, denn die 25-jährige US-Künstlerin liefert wirklich ein starkes Statement mit Punisher ab. Schon das Debüt Stranger In The Alps (2017) hatte die Richtung angedeutet, dass Phoebe Bridgers richtig gute Texte zu schreiben und musikalisch interessante Wege im Spannungsfeld von Folk, Indie-Rock und Emo, ein bisschen Psychedelia, zu beschreiten vermag. Dann folgte ja letztes Jahr noch das fantastische selbstbetitelte Werk von Better Oblivion Community Center, dem Gemeinschaftsprojekt mit Conor Oberst. Ich weiß, dass Phoebe Bridgers eine wirklich spannende Künstlerin ist. Das wird ja auch auf Punisher klar, wenn sie in den Texten über ihre persönlichsten Erlebnisse, Erinnerungen und Erkenntnisse berichtet, sie sehr pointierte Stellungnahmen zu verschiedensten Themen wie (Liebes-)Schmerz, Hoffnung oder Verzweiflung präsentiert. Es gibt tatsächlich richtig starke Momente, in der die Musik eine unglaubliche Erhabenheit ausstrahlt. Deshalb ist Punisher auch wirklich richtig gut. Es ist nur so: ich sehe es (noch) nicht als Meisterwerk. Vielleicht kann ich es einfach nicht ganz packen, da ich mit Folk nicht immer die großen Berührungspunkte habe. Was haltet ihr von dem Album? Ist es dieses große Werk? Auf eure Meinungen bin ich wirklich sehr gespannt!

Note: 2,0 (hat aber Potential zu mehr)

https://phoebefuckingbridgers.com/

 

The Strokes – The New Abnormal

VÖ: 10.04.2020

Label: RCA

Genre: Indie-Rock / New-Wave/ Post-Punk

Es ist – und das schreibe ich hier nicht das erste Mal – erstaunlich, wie oft meine Favorite-Bands in der Sparte „Kontrovers“ landen. Obwohl andererseits irgendwie auch nicht unbedingt, bedenkt man einmal, dass ich natürlich entsprechend hohe Erwartungen an jenen nachfolgenden Output habe wie an den/die jeweiligen Tonträger, der/die diese Bewunderung erst begründet hat/haben. Nun gut, bei den Strokes aus New York, die mit ihrem genialen Debüt Is This It (2001) und dem ebenfalls herausragenden Zweitwerk Room On Fire (2003) sowie dem insgesamt okayen Drittling First Impressions Of Earth (2005)  mitverantwortlich für den Aufschwung  der Indie-/Garage-Rock-Welle der frühen bis mittleren 2000er Jahre waren, haben mich trotz eines wirklich guten Auftritts auf dem Hurricane-Festival 2010 dann vor allem in der Zeit danach nicht mehr so interessiert. Meiner Meinung lag es vor allem daran, dass die Band nie so genau gewusst hat, in welche Richtung sie sich bewegen wollte, eher zu New Wave/(Synthie-/Power-)Pop oder doch zum bewährten Indie-/Garage-Rock/Post-Punk. Irgendwie war das in Ordnung, was die New Yorker da auf Angles (2011) und Comedown Machine (2013) boten, aber nun wirklich nicht nennenswert einprägsam. Mir fällt auf Anhieb kein Song dieser Platten ein, was ziemlich deutlich macht, dass sie nicht unbedingt Eindruck hinterlassen haben bei mir. So geht es bei mir um einen anderen Grund, weshalb das sechste Studio-Werk The New Abnormal, das nach 7 Jahren Pause erscheint, in „Kontrovers“ landet. Denn es wird von der Musikkritik weitgehend gefeiert, es heißt beispielweise es handele sich um ein „(…) fantastisches Update des Stroke-Sounds“, es wird von einer „(…) Weiterentwicklung“ geschrieben. Tut mir leid, vielleicht bin ich überkritisch, aber ich sehe das leider überhaupt nicht so. Die Platte lief bei mir so durch, ohne dass sie meine Aufmerksamkeit gewinnen konnte. Für mich klingt das alles zu verkrampft. Die Single At The Door beispielsweise zeigt meiner Meinung nach nicht die besagten neuen Ideen. Der einzige Song, den ich wirklich mag, ist der Dance-Pop-infizierte Eternal Summer, auf dem Julian Casablancas Stimme gut mit den euphorisierenden Klängen harmonisiert. Meine Enttäuschung ist groß, liegt aber bestimmt an den hohen Erwartungen an meine Favorite-Band, vielleicht war auch die Kombination mit Produzentenlegende Rick Rubin im Vorhinein einfach zu verheißungsvoll, wer weiß das schon genau…Schade. Was sagt ihr zu The New Abnormal? Seht ihr eine Weiterentwicklung in ihrem Sound, die ich einfach nicht erkannt habe? Auf eure Reaktionen bin ich gespannt!

Note: 3,0

https://www.thestrokes.com/

 

Morrissey – I Am Not A Dog On A Chain

VÖ: 20.03.2020

Label: BMG

Genre: (Alternative-/Indie-)Rock

Okay, vor knapp zweieinhalb Jahren, zu Erscheinen der vorletzten Platte Low In High School, habe ich diese zwar in die Sparte „Kontrovers“ aufgenommen, aber ich konnte der Musik doch mehr Positives als Negatives abgewinnen – auch wenn sie qualitativ natürlich weit entfernt von Morrisseys Großtaten entfernt lag. Schon damals wollte ich mich allerdings nicht unbedingt gerne zu den sozialpolitischen Ansichten des Ex-The Smiths-Sängers äußern, da sie – nun ja – nicht wirklich immer so leicht zu verdauen sind. Manchmal wird es wirklich richtig schwer, da fühlt man sich an Aussagen einer bei uns – bestimmt nicht nur in meinen Augen verständlicherweise – äußerst umstrittenen rechten Partei erinnert. Da ich ein Mensch bin, der oft auf Harmonie bedacht ist (erklärt vielleicht die vermehrt positiven Bewertungen auf diesem Blog) habe ich ja damals noch hinterfragt, ob Morrissey nicht vielleicht doch viele Themen dieser Zeit  mit Ironie und vor allem reflektiert angeht. Denn auf Low In High School hat einer der – das darf man ja irgendwie auch nicht vergessen – versiertesten Songwriter in der Historie der Popmusik ja schon ein paar gute Texte, z.B.  über Konflikte und das damit verbundene Leid der Bevölkerung, präsentiert. Also, ich war noch eher positiv. Doch dann: dieses neue Album! Ich sag es direkt: ich finde es echt nicht gut! Morrissey inszeniert sich als missverstandenes Opfer der Medien, gibt allerhand Plattitüden von sich. Die Texte sind leider oft schlicht und des „Mozzer“ nicht würdig, gerade wenn man an dessen ruhmreichen Zeiten zurückdenkt. Wenn er sein Selbstbewusstsein und sein Kämpferwillen hervorheben möchte, braucht es dann wirklich jene Zeilen aus dem Titelsong I Am Not A Dog On A Chain? Oft wollen auch die Instrumentierungen für mich nicht richtig zusammenpassen (z.B. wirken die Synthies irgendwie deplatziert). Ich muss zugeben: ein paar Songs zum Ende der Platte hin klingen nicht ganz so katastrophal. Aber, es wirkt alles so inkohärent und wenig zeitgemäß. Natürlich frage ich mich, ob ich irgendwas auch nicht verstanden habe, aber wenn man das Album mehrmals hört und sich vermehrt aufregt, so kann das doch kein gutes Zeichen sein, oder?

Note: 4,0

https://www.morrisseyofficial.com/

 

Foals – Everything Not Saved Will Be Lost – Part 2

VÖ: 18.10.2019

Label: Warner

Genre: Indie-/Post-/Progressive-Rock

Ich habe es ja schon anlässlich des vor etwas mehr als einem halben Jahr erschienenen Part 1 geschrieben, dass von den Indie-Rock-Bands der späten 2000er Jahre – womit ich dann eigentlich die Zeit ab 2008 meine – zwei Vertreter  zumindest mir im Gedächtnis geblieben sind, die vor allem eine „akademische Herangehensweise“ pflegten : Vampire Weekend und die Foals. Erstgenannte haben ja Anfang des Jahres ein gnadenlos gutes Album mit Father Of The Bride vorgelegt, zumindest für mich persönlich immer noch eines der Besten (wenn nicht DAS Beste) der vergangenen 10 Monate. Ich freue mich schon auf das bevorstehende Konzert in Köln. Die Zweitgenannten, die Foals, haben nun Part 2 von Everything Not Saved Will Be Lost auf den Markt gebracht. Schön finde ich, dass ebenfalls sie – wenn auch niveautechnisch nicht ganz auf der Höhe von besagten Vampire Weekend – immer noch liefern. Von großartigem elektronisch infizierten Math-Rock der Anfangstage ging es hin zu noch „härteren“, nach vorne peitschendem Rock-Strukturen, die vielleicht eingängiger, aber nicht langweiliger wurden. Die neue Veröffentlichung fällt im Vergleich zum Vorgänger nicht ab. Denn obwohl der Rock vordergründig „lauter“ daher kommt – man kann auch sagen: für die großen Stadien dieser Welt konzipiert ist –, geht der Experimentiergeist der Oxforder nicht verloren. Ein Feeling für feine, vielseitige, auch mal komplexe Instrumentierungen ist geblieben. Vielleicht ist das in der Gesamtheit nicht mehr so zwingend im Vergleich zu den Anfangstagen der Band, doch meilenweit weg von kreativem Stillstand. Hatte der Vorgänger noch so etwas wie Exits im Köcher, gibt es jetzt unter anderem Into The Surf. Beides klasse Beispiele von jeweils zwei tollen Alben der Foals innerhalb eines Jahres!

Note: 2,3

https://www.foals.co.uk/?frontpage=true

 

Angel Olsen – All Mirrors

VÖ: 04.10.2019

Label: Jagjaguwar

Genre:  Dream-/Baroque-/Art-Pop / Indie-Rock

Wann kann ich mich eigentlich mal von der Annahme befreien, dass die 32-jährige US-Amerikanerin noch nicht so lange im Business unterwegs ist!? Dabei ist sie doch bereits vor dem wirklich beeindruckenden My Woman (2016) künstlerisch aktiv gewesen, dieses Jahr ist es schon genau eine Dekade. In diesem Zusammenhang wurde von der pitchfork kürzlich im Rahmen des Polls „The 200 Best Albums of the 2010s“ ihr Zweitwerk Burn Your Fire For No Witness (2014) auf den fantastischen 26. Platz gewählt. Da wird es für mich, der sich mit der Diskografie von Angel Olsen bisher nur unzureichend vertraut gemacht hat – sieht man eben von besagten My Woman und dem neuen hier besprochenen Album  ab – unbedingt Zeit, das mal bei Gelegenheit nachzuholen. Es gibt da ja außer den ersten beiden Soloplatten noch weitere Arbeiten, an denen sie in verschiedenen Funktionen beteiligt war. Über die Musik, die ich bereits kenne, kann ich nur sagen, dass sie äußerst vielseitig instrumentiert ist, der Sound so wunderbar zwischen ambitioniertem Pop, Indie-Rock/Folk, etwas Soul und Country oszilliert bzw. ist eine stetige künstlerische Weiterentwicklung erkennbar. Das hatte bei My Woman dann etwas Filmisches im Stile von Twin Peaks, war durchgehend von einem hohen Experimentiergeist geprägt, mit einem Fokus auf Langsamkeit und instrumentellen Spielereien, generell einem wirklich hochqualitativen Songwriting. Diesen Weg geht die Künstlerin weiter, sie erlaubt sich allerdings noch mehr Opulenz im Sound, hier werden große Orchesterklänge aufgefahren, die den Texten über Liebe höchst wirkungsvoll Ausdruck verleihen. Angel Olsen gibt sich selbstkritisch, setzt sich mit all den Facetten menschlicher Beziehungen auseinander, das Feeling variiert dabei stetig, das Spiel mit ihrer Stimme macht die Spannung des Werkes aus. Das erinnert mich je nach Stimmung an die Erhabenheit einer Kate Bush oder Alison Goldfrapp, hat ein bisschen was von St.Vincent, ist andererseits zu jeder Zeit individuell und zeichnet die US-Amerikanerin Olsen als eine der schillerndsten Künstlerinnen der Gegenwart auf. All Mirrors ist einfach nur wundervoll!

Note: 1,7

https://angelolsen.com

 

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