Morrissey – I Am Not A Dog On A Chain

VÖ: 20.03.2020

Label: BMG

Genre: (Alternative-/Indie-)Rock

Okay, vor knapp zweieinhalb Jahren, zu Erscheinen der vorletzten Platte Low In High School, habe ich diese zwar in die Sparte „Kontrovers“ aufgenommen, aber ich konnte der Musik doch mehr Positives als Negatives abgewinnen – auch wenn sie qualitativ natürlich weit entfernt von Morrisseys Großtaten entfernt lag. Schon damals wollte ich mich allerdings nicht unbedingt gerne zu den sozialpolitischen Ansichten des Ex-The Smiths-Sängers äußern, da sie – nun ja – nicht wirklich immer so leicht zu verdauen sind. Manchmal wird es wirklich richtig schwer, da fühlt man sich an Aussagen einer bei uns – bestimmt nicht nur in meinen Augen verständlicherweise – äußerst umstrittenen rechten Partei erinnert. Da ich ein Mensch bin, der oft auf Harmonie bedacht ist (erklärt vielleicht die vermehrt positiven Bewertungen auf diesem Blog) habe ich ja damals noch hinterfragt, ob Morrissey nicht vielleicht doch viele Themen dieser Zeit  mit Ironie und vor allem reflektiert angeht. Denn auf Low In High School hat einer der – das darf man ja irgendwie auch nicht vergessen – versiertesten Songwriter in der Historie der Popmusik ja schon ein paar gute Texte, z.B.  über Konflikte und das damit verbundene Leid der Bevölkerung, präsentiert. Also, ich war noch eher positiv. Doch dann: dieses neue Album! Ich sag es direkt: ich finde es echt nicht gut! Morrissey inszeniert sich als missverstandenes Opfer der Medien, gibt allerhand Plattitüden von sich. Die Texte sind leider oft schlicht und des „Mozzer“ nicht würdig, gerade wenn man an dessen ruhmreichen Zeiten zurückdenkt. Wenn er sein Selbstbewusstsein und sein Kämpferwillen hervorheben möchte, braucht es dann wirklich jene Zeilen aus dem Titelsong I Am Not A Dog On A Chain? Oft wollen auch die Instrumentierungen für mich nicht richtig zusammenpassen (z.B. wirken die Synthies irgendwie deplatziert). Ich muss zugeben: ein paar Songs zum Ende der Platte hin klingen nicht ganz so katastrophal. Aber, es wirkt alles so inkohärent und wenig zeitgemäß. Natürlich frage ich mich, ob ich irgendwas auch nicht verstanden habe, aber wenn man das Album mehrmals hört und sich vermehrt aufregt, so kann das doch kein gutes Zeichen sein, oder?

Note: 4,0

https://www.morrisseyofficial.com/

 

Giorgio Moroder – Déjà Vu

VÖ: 12.06.2015

Label: Sony

Genre: Electro-Pop / Disco

Giorgio Moroder ist eine Produzenten-Ikone der Disco-und Electronic Dance-Music, dessen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Man muss sich ja nur einmal die Liste der Künstler anschauen, mit denen der Südtiroler bereits zusammen gearbeitet hat. Nicht nur Donna Summer verdankt ihm legendäre Hits wie I Feel Love, Love To Love You Baby und Hot Stuff, auch Blondie, David Bowie, Irene Cara oder Berlin u.a. kamen in den Genuss künstlerisch und/oder kommerziell erfolgreicher Songs. Mal ganz zu schweigen von all den Interpreten aus Pop, Disco und Dance, auf die Moroder Einfluss geübt hat. Die French House-Pioniere Daft Punk wussten schon ganz genau, weshalb sie ihn anlässlich ihres Comeback-Albums Random Access Memories dazu bewegten, über seine musikalischen Anfänge und Erfolge zu sprechen. Dies führte bekanntlich zu dem großartigen Giorgio By Moroder, das den darin Geehrten wiederum zu einer Rückkehr ins Musik-Business ermutigte. Er begann im Alter von über 70 Jahren damit, als DJ zu arbeiten, touren und Songs zu remixen. 2014 folgte ein erstes selbst produziertes Hi-NRG-Stück (Giorgio’s Theme). Dann waren von ihm allerdings Aussagen zu vernehmen, die etwas irritierend anmuteten: er bezeichnete z.B. David Guetta und Tiësto als „die Besten“ ihres Faches und äußerte den Wunsch, mit Sängerinnen wie Miley Cyrus oder Katy Perry zusammen arbeiten zu wollen. Diese Meinung bleibt ihm zwar durchaus vorbehalten, aber es lässt auch ein wenig nachvollziehen, weshalb er uns ein solch profilloses, austauschbares LP-Comeback (nach 30 Jahren!) präsentiert. Mit fast allen Songs scheint er sich an die gegenwärtige, Charts-orientierte Jugend anbiedern zu wollen, mit Kylie Minogue, Sia, Kelis und Britney Spears (mit der Moroder ein lahmes Cover des Suzanne Vega-Hits Tom’s Diner vorlegt) u.a., die allesamt keine Akzente setzen können. Nur selten überzeugt er, bezeichnenderweise mit jenen Tracks, die er ohne Gast produzierte (vor allem 74 Is The New 24).

Note: 5,0   

www.giorgiomoroder.com/

 

Giorgio Moroder feat Kylie Minogue from Daniel Börjesson on Vimeo.

Die größten Giorgio Moroder-Hits auf laut.fm – hicemusic:

https://hicemusic.wordpress.com/hicemusic-moroder-time/

Gang Of Four – What Happens Next

VÖ: 27.02.2015

Label: Membran

Genre: Alternative-/Industrial-Rock

Den Albumtitel sollte man mal als Frage an Andy Gill, einzig verbliebenes Gründungsmitglied der Post-Punk/New-Wave-Heroen Gang Of Four, formulieren. Wie geht es weiter mit seiner Band, 10 Jahre nach der Reunion, nach zwei guten Veröffentlichungen seither (wovon eine, Return The Gift , allerdings lediglich Neuaufnahmen alter Hits enthielt) und dem Ausstieg des Sängers und Co-Gründungsmitglieds Jon King? Nun, ein musikalischer Wechsel wurde angestrebt , mit Hilfe namhafter Gäste wie Herbert Grönemeyer (auf dessen Label das letzte Studioalbum Content in Europa veröffentlicht wurde), The Kills-Sängerin Alison Mosshart, Tomoyasu Hotei und Robbie Furze (The Big Pink) u.a. Gill übernahm auch gleich den Großteil der Produzentenarbeit, um seine Vorstellungen eines neuen musikalischen Klangbildes möglichst detailgetreu umsetzten zu können. Alles wahrlich keine schlechten Voraussetzungen! Aber: Was hat ihn dazu bewogen, Sounds zu verwenden, die 1990er-Alternative-Rock, speziell Industrial à la Nine Inch Nails, lediglich kopieren, ohne erwähnenswerte frische, eigene Ideen beizusteuern? So stellt sich schließlich folgender Effekt ein: Gleichgültigkeit – was ja im Grunde genommen nicht weniger schlimm ist, als wenn eine legendäre Band ein neues Projekt völlig in den Sand setzt. Denn dann hat man womöglich noch die eindeutige Bestätigung erhalten, dass nur die alten Platten der Helden hörbar sind. Bei einem Album wie diesem hier nimmt man die Musik wahr, ohne sich groß aufzuregen, da sie zwar keiner Katastrophe gleichkommt, aber ebenfalls wenig bis keine Höhepunkte präsentiert. Man hofft zukünftig auf ein Comeback, schreibt die Band nicht ab, befürchtet aber stets, doch wieder enttäuscht zu werden.

Note: 4,0

www.gangoffour.co.uk/

Yann Tiersen – Infinity

VÖ: 16.05.2014

Label: Mute

Es gab mehrere Gründe dafür, dass Die fabelhafte Welt der Amélie (2001) so großartig war. Drehbuch, Regie, Besetzung (vor allem Audrey Tautou), Ton, Szenenbild, Kamera (u.a.) – alles war erstklassig, keine Frage. Aber ebenso hat der französische Spielfilm wegen der Musik Eindruck hinterlassen. Verantwortlich war Yann Tiersen, der dafür moderne Klassiker wie Comptine d’un autre été, l’après-midi oder La valse d’Amélie komponierte. Die Mischung aus vielschichtigen klassischen Instrumentalarrangements und französischer Folklore verlieh den ohnehin schon beeindruckenden Bildern noch mehr Ausdruck. Es folgten weitere Arbeiten (z.B. der Soundtrack zu Good Bye, Lenin!), mit denen der Künstler seine Bekanntheit manifestieren konnte. Nun hat sich Tiersen nach Island begeben, um dort Infinity aufzunehmen und die einheimische Musiktradition einfließen zu lassen. Das Ergebnis ist jedoch nicht zufriedenstellend. Das Album beginnt zwar zunächst vielversprechend, da das Titelstück eine unheilvolle Stimmung vermittelt, die durch eine hymnische Streichermelodie aufgebrochen wird. Doch danach verliert das Werk an Spannung und lässt allzu oft Stringenz vermissen. Einerseits versucht Tiersen krampfhaft die Opulenz Sigur Rós‘ zu kopieren, andererseits klingen die Chöre seltsam nach New-Age-Esoterik. Nur selten kommen seine einstigen Fähigkeiten, auch mal unkonventionelle Bahnen einzuschlagen, zum Tragen. Das ist höchst bedauerlich.

Note: 4,0

http://livestream.yanntiersen.com/

 

Lily Allen – Sheezus

VÖ: 02.05.2014

Label: Regal Recordings

Schon die Leadsingle Hard Out Here, die nach einer mehrjährigen kreativen Pause Lily Allens im November letzten Jahres erschien, nahm die Öffentlichkeit recht kontrovers auf. Verständlich, denn einerseits wurde der Text (als auch das Musikvideo) zurecht wegen der kritischen Auseinandersetzung mit den oberflächlichen, stereotypen Mechanismen im Pop-Business (z.B. Anprangerung des einseitigen, nach wie vor chauvinistischen Frauenbilds) gelobt, andererseits lässt die Musik selbst eine vergleichbare Distanz vermissen. Sie unterscheidet sich letztendlich klanglich nicht nennenswert von jener Mainstream-Massenware, die von Allen kritisierte Kolleginnen wie Katy Perry oder Rihanna zu veröffentlichen pflegen. Der herrlich ironisch-selbstbewusste, individuelle Stil, den die 29-Jährige auf den beiden Vorgängern so erfolgreich auf den Punkt bringen konnte, ist hier nicht wirklich zu verorten. Dieses Problem lässt sich leider auf nahezu alle Songs des Albums projizieren. Schade!

Note: 4,0

www.lilyallenmusic.com/

Lily Allen – Hard Out Here (Official Video) from Sammy Neal – Video Editor on Vimeo.

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