DJ Hell – House Music Box (Past Present No Future)

VÖ: 27.11.2020

Label: The DJ Hell Experience

Genre: Electronica

Der Berliner Produzent Helmut Josef Geier aka DJ Hell ist bereits seit den späten 1970er Jahren musikalisch aktiv. So hat er sich gerade zu Beginn seiner Karriere viel mit der künstlerisch ambitionierten elektronischen Musik dieser Zeit in Deutschland auseinandergesetzt. Dieser Experimentiergeist drückt sich auch in seinem Klangschaffen aus. Stets am Puls der Zeit hat der 58-Jährige sich mit den jeweiligen Phasen des Genres auseinandergesetzt und dabei Referenzen auf seine großen Vorbilder eingebaut. Man denke da nur an das grandiose Teufelswerk (2009), auf dem er unter anderem Kraftwerk huldigte. Immer wieder gab es eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Stilen (u.a. mit dem von DJ Hell als große Inspiration bezeichnete Detroit Techno). Diese individuelle Interpretation und die Umsetzung haben ihm ein ausgezeichnetes Renommee verschafft, auch und insbesondere international. Sogar der große John Peel hat mit ihm 1995 eine seiner berühmten Sessions aufgenommen. Von vielen Fachzeitungen (u.a. das Groove Magazine) wähl(t)en ihn regelmäßig zu den besten deutschen DJs (neben anderen Größen der Szene mit einem ähnlich guten Image, wie z.B. Sven Väth). Nachdem DJ Hells letztes Album Zukunftsmusik (2017) titelgemäß mit den Sounds aufwartete, die ein späteres Jetzt definieren werden, wird nun auf der neuen LP House Music Box (Past Present No Future) eine Rückschau auf das geboten, was einmal die elektronische Musik, insbesondere den House, ausgemacht hat. Hier wird den Nostalgikern unter uns eine Möglichkeit gegeben, sich noch einmal in jene Zeiten zurückzuversetzen, als Techno und House ihre revolutionären Anfänge hatten, wo unzählige Menschen mit neuartigen Klängen konfrontiert wurden, die oft Bedeutung für sie über die Musik selbst hinaus haben würden.  So gibt es einen Bezug auf die großen deutschen Interpreten wie Kraftwerk, aber auch auf die Szenen in Chicago, Detroit und New York der 1980er Jahre bzw. die Inspirationen (u.a. mit einem Sample von Jimi Hendrix). Natürlich heißt es im Titel „No Future“, aber DJ Hell wäre nicht DJ Hell, wenn er trotz des Rückschau-Charakters nicht auch wieder zeigen würde, wie zukunftsgewandt seine Sounds dennoch immer sind!

Note: 2,0

https://www.facebook.com/DJHellOfficial

 

Deichkind – Wer sagt denn das?

VÖ: 27.09.2019

Label: Sultan Günther

Genre: Electro(-Punk)

Ich kann mich erinnern, dass mal jemand sagte, dass Deichkind vor über zehn Jahren aus der deutschen Hip-Hop-Szene von anderen etablierten Acts  vertrieben worden seien.  Ich habe da Unterschiedliches gelesen, es wird aber schon allgemein gesagt, dass die damals noch als Trio aktiven Hamburger irgendwie kaum noch Perspektiven in diesem Genre sahen. Ich finde persönlich, dass man der Band allerhöchsten Respekt zollen sollte, egal aus welchen Motiven heraus dieser Wechsel in die Bereiche des Electro(-Punk) vollzogen wurde. Denn auch wenn ich sie als Hip-Hopper geschätzt habe – mit dem Debüt Bitte ziehen sie durch (2000) und Hits wie Wer bremst das?!, Komm schon, Kabeljau Inferno und vor allem die Nina-Kollaboration Bon Voyage (dessen einzigartiges Video ich damals auf MTV und den beiden VIVA-Channels rauf und runter geschaut habe) – finde ich sie seit dem Wechsel mindestens genauso spannend. Der Wortwitz, diese höchst originellen Slogans der frühen Bandphase sind ja geblieben.  Wer erinnert sich nicht an die Textzeilen beispielsweise aus Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)? Das Album, auf dem der wohl bekannteste Song enthalten ist – das 2006er-Aufstand im Schlaraffenland markierte den radikalen Wechsel zu Electro, nachdem man auf Noch fünf Minuten Mutti (2002) und mit der Trio-Ur-Besetzung ja schon viel damit experimentiert hat. Deichkind wurde umbesetzt –  aus der Urbesetzung blieb nur noch Philipp Grütering übrig, erst 2006 Malte Pittner und 2008 dann auch Bartosch Jeznach waren weg, es kamen neue Leute wie Ferris MC dazu, nicht zu vergessen im Jahre 2009 der tragische Tod des Produzenten Sebastian Hackert (der übrigens als hauptverantwortlich für den Stilwechsel gesehen wird)  –, die Live-Shows wurden von Mal zu Mal „ausgefallener“, mit verschiedenen originellen Kostümierungen sowie vielen Farben, und die Band somit kommerziell erfolgreich, ein Massenphänomen (ich kann mich erinnern, dass ich sie mal auf dem Hurricane-Festival sehen wollte, es aber einfach zu voll war, um überhaupt irgendetwas zu sehen). Das musikalische Rezept waren „Bollerbeats“  und eben jene zuvor erwähnte sloganartigen Texte, die im Stile von Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) auch auf den folgenden Alben Arbeit nervt (2008), Befehl von ganz unten (2012) und Niveau weshalb warum (2015) durchgezogen wurde. Aber: Langweilig wurde es zumindest für mich nicht, eben weil man den nötigen Humor beibehalten hat, sich immer wieder originelle Textpassagen einfallen ließ, man Stellung zu jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Phänomenen nahm. Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger hat dazu gestern in einem wirklich gut geschriebenen Artikel Stellung genommen, Deichkind bewege sich stetig auf der „Linie zwischen stumpfer Abfahrt und hoher Kunst“. Ich kann dem zustimmen, manchmal schüttele ich schon den Kopf ob so mancher Zeilen, habe aber immer wieder Spaß dabei. Mit dem jetzt erschienen siebten Album Wer sagt denn das?  (das erste ohne Ferris MC) geht mir das erneut so. Der Titelsong ist wirklich fantastisch, man nimmt pointiert und ironisch Stellung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und zu Aussagen wie „Dummheit ist nicht erblich“. Doch auch der Rest ist zu großen Teilen wirklich herrlich, es gibt Sounds und Beats, die nur oberflächlich stumpf wirken, oftmals aber richtig hochqualitativ sind (z.B. eine richtig originelle Anspielung auf Kraftwerk in Endlich Autonom oder das auf Marilyn Manson anspielende Bude Voll People). Dann wieder einmal die wirklich intelligenten Texte, in denen man sich treffsicher und (selbst-)ironisch mit Themen wie Binge-Watching, wie in Keine Party zur eigenen Bandhistorie („Schluss mit Remmidemmi (…) dieses Bum-Bum-Bum hält doch keiner aus (…) /Da oben steht vermeintlich die Band, die die Party rockt / Doch die hab’n das alles einfach von den Beastie Boys gezockt“ u.a.) oder  Populismus nimmt. Die Band möchte wohl wirklich nicht mehr nur als „Partyband“ angesehen werden.  Ich bleibe dabei, ich bin ein Fan der Hamburger, auch – nein, vor allem wegen – Wer sagt denn das?. Ein großer Spaß mit viel Prominenz  in verschiedenen Funktionen (Jan Böhmermann, Olli Schulz, Alexander Marcus, Das Bo, Bela B, Lars Eidinger, Till Lindemann uvm.)!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)  

https://www.deichkind.de/

 

Peter Doherty & The Puta Madres – Peter Doherty & The Puta Madres

VÖ: 26.04.2019

Label: Strap Originals

Genre: Indie-/Garage-/Psychedelic-Rock

In meinem Freundeskreis werde ich manchmal dafür kritisiert, dass ich dazu neigen würde, meine Meinungen über Musik immer so zu formulieren, als seien meine Ausführungen die einzig wahren auf dieser Welt. Dann wird mir vorgeschlagen, dass ich es vielleicht einmal ein wenig umformuliere, so nach dem Muster: „Ich denke, dass…“ oder „Meiner Meinung nach ist das…“. Okay, ist ja bestimmt berechtigt. Ich kann schon einmal überhart mit einer Band oder einer/einem Sänger/in ins Gericht gehen, was ich natürlich im Rahmen dieses Blogs nie tun würde 🙂 Das gilt natürlich auch für Interpreten, die ich überaus liebe. Nun gut, ich will mich mal so ausdrücken und ich hoffe es ist okay so: Meiner Meinung  nach sind die Libertines  einer der besten (Indie-/Garage-Rock-)Bands, die ich jemals zu Gehör bekommen habe. Ich denke zudem, dass Pete(r) Doherty einer der fantastischsten Songwriter der 2000er Jahre ist, was er überdies bei den Babyshambles und auf seinen Solo-Arbeiten zu Genüge unter Beweis gestellt hat. Sein Comeback mit den Libertines war doch absolut klasse, oder nicht? Die Live-Show damals anno 2014 in Düsseldorf hat mir besonders gut gefallen. Jetzt hat Doherty eine neue Formation um sich geschart, The Puta Madres. Über das Debüt habe ich folgendes zu sagen: In meinen Augen sind die Songs in Ordnung, sie liefern in Sachen Songwriting überaus hohe Qualität ab. Dennoch muss ich feststellen, dass ich nicht so richtig geflasht bin, denn im Sound unterscheiden sie sich unwesentlich von dem seiner anderen Projekte. Man merkt, dass es Doherty momentan privat gut geht, so dass ein generell fröhlicher und entspannter Eindruck entsteht. Das wird auch in den Texten thematisiert. Freut mich für ihn, wirklich. Das Album ist schon okay in meinen Augen, aber…ach, schon gut!

Note: 2,7 (mit Potential nach oben)

https://www.albionrooms.com//

 

Dendemann – Da nich für!

VÖ: 25.01.2019

Label: Vertigo

Genre:  Hip-Hop

Ich muss es noch einmal erwähnen: seit ich diese Rubrik „Kontrovers“ hier bei hicemusic vor 2 Jahren eingeführt habe, sind mehr (von mir überaus geschätzte) Acts darin aufgetaucht und zur Diskussion gestellt worden, als es mir lieb ist bzw. sein kann. Okay, das spoilert jetzt vielleicht ein bisschen, was ich mit dem neuen Album von Dendemann vorhabe. Aber erst einmal langsam, ich möchte ein paar Worte zu dem 44-jährigen Rapper verlieren, die ausnahmslos positiv sind. Er ist ja nicht nur in meinen Augen einer der größten Könner im deutschsprachigen Hip-Hop: seine knarzend-rauhe Stimme, seine lustigen, entspannten und geistreichen, den Alltag so genau beschreibenden Texte (die genialen Wortspiele, die sich auch in den Titeln wiederfinden), generell die großartigen Rap-Skills, der unnachahmliche Umgang mit der musikalischen Gestaltung (die Instrumentals!) sind unter anderem das, was ihn auszeichnen. Und Ihr wisst ja, in welcher Form Daniel Ebel auch aktiv war, das war immer etwas Besonderes, egal ob als Gast – z.B. in Fischmobs legendären Susanne zur Freiheit („chauvinistischer als Latexallergie“) oder mit seinen Projekten, allen voran Eins Zwo. Man, was liebe ich diese Musik, die er zusammen mit DJ Rabauke in Form von zwei herausragenden Alben produziert hat, insbesondere auf Gefährliches Halbwissen (1999, ich sage nur: Hand aufs Herz,mit diesem unglaublich guten, auf Talkshows rekurrierenden Video)! Achso, solo hat Dendemann natürlich auch erstklassig geliefert, mit Die Pfütze des Eisbergs (2006) und Vom Vintage verweht (2010, ich kann mich noch an einen wunderbaren Auftritt auf dem Hurricane in dem Jahr erinnern, Dendemann mit Vokuhila 🙂 )! Zuletzt habe bestimmt nicht nur ich ihn für seine Auftritte mit der Freien Radikalen im Neo Magazin Royale geschätzt!… Jetzt aber zu Da nich für!, dem doch irgendwie ersehnten Comeback-Album: ich habe es in die Rubrik  „Kontrovers“ reingenommen, da ich selbst noch nicht so geflasht bin, wie ich es im Vorfeld natürlich erwartet habe. Nicht falsch verstehen, ich kann mir gut vorstellen, dass es wächst, dass es auch mich noch kriegen kann. Die Kritiker sind ja mehrheitlich überzeugt. Ich ziehe es aber vor, ehrlich zu sein und mich noch etwas zurückzuhalten. So manche Songs lassen für mich gerade in textlicher Hinsicht etwas Finesse vermissen bzw. manche Kollaborationen mit den durchaus prominenten Künstler/innen (Casper, Beginner, Trettmann) haben bei mir bisher nicht richtig gezündet. Andererseits, in manchen Momenten blitzen schon jetzt Dendemanns zweifellos immer noch vorhandenen, zuvor bereits erwähnten Skills auf, zum Beispiel in Müde  (jazzige Musik in Kombination mit einem tollen Sample von Hildegard Knef; generell ist hier ausgezeichnetes, breit gefächertes Material verarbeitet worden, von Heinz Erhardt, Rio Reiser über Schwesta Ewa, Bilderbuch, Slime  bis Die Goldenen Zitronen uvm.). Was ihm dann doch irgendwie gut steht, sind die sozio-politischen Bezüge in den Texten, die er ja im Neo Magazin Royale schon so gekonnt in seine Songs verpackte, was aber hier auf dem Album eben nicht immer so tiefgründig wirkt wie erhofft. Fazit: Ein schon modern produziertes Album, das mich aber vor allem in textlicher Hinsicht noch etwas mehr überzeugen muss. Vielleicht habe ich aber auch einfach zu große Erwartungen (gehabt)! Was meint Ihr? Seid Ihr hundertprozentig überzeugt? Ich freue mich über Euer Feedback!

Note: 2,7 (mit Potential nach oben)        

http://www.dendemann.de/

 

Dirty Projectors – Lamp Lit Prose

VÖ: 13.07.2018

Label: Domino

Genre:  (Indie-/Art-/Experimental-)Pop / Folk

Auf dem letzten, selbstbetitelten, vor eineinhalb Jahren erschienenen Album verarbeitete David Longstreth – Mastermind der New Yorker Dirty Projectors – die Trennung von Amber Coffman, seiner ehemaligen Band- und Lebenspartnerin. Ein wirklich schillerndes Werk ist dabei herausgekommen. Denn trotz eines traurigen Anlasses, demzufolge der Frontmann seine persönlichste Seite in den Texten zeigte, war die Musik nicht ausschließlich von einer melancholischen Stimmung geprägt. Es wurde die experimentellere Herangehensweise an die Pop-Musik beibehalten, die man schon auf den Vorgängern gewählt hatte. Denn obwohl die Band immer wieder der New Yorker Indie-Szene der späten 2000er Jahre zugerechnet wird, hat sie sich in Hinsicht ihres Klangstils von anderen der dortigen Formationen emanzipieren können. Die unterschiedlichsten Referenzen sind seitdem schon von Kritikerseiten herangezogen worden, von David Byrne über Frank Zappa und Yes bis Mariah Carey (!). Nun gut, einige dieser Vergleiche haben Longstreth angeblich auch verärgert. Dennoch eine Vielseitigkeit ist kaum abzustreiten. Besagtes Dirty Projectors bot bunten, wagemutigen Pop in Kombination mit R&B sowie Electronica-Elementen mit wirklich spannungsgeladenen, ideenreichen  Songs wie Cool Your Heart und spannenden Gästen. Der Nachfolger soll nun als Neustart verstanden werden, in mehrerer Hinsicht. Nicht nur, in besetzungstechnischer (es handelt sich nun um ein Sextett), denn zum einen möchte Longstreth seinen damaligen Trennungsschmerz als verarbeitet verstanden wissen – so dass die Texte wesentlich optimistischer ausfallen – und zum anderen ist auch in Bezug auf den Sound eine (kleine) Veränderung vorgenommen worden. Es geht mehr in Richtung Folk und den Indie-Pop/-Rock früherer Tage. Zum Glück wurde das Experimentelle dabei nicht vernachlässigt, so dass man als Hörer immer wieder mit neuen musikalischen  Ideen (insbesondere die instrumentellen Arrangements betreffend) versorgt wird. So gefällt mir vor allem das in Zusammenarbeit mit Amber Mark entstandene I Feel Energy mit einer Michael Jackson-artigen Soul/Funk/Pop-Mischung. Die Dirty Projectors bleiben weiter bestechend, soviel ist klar, auch wenn ich noch nicht ganz so begeistert von Lamp Lit Prose bin wie von dem Vorgänger!

Note: 2,3 (mit Tendenz nach oben)

http://dirtyprojectors.net/

 

DJ Koze – Knock Knock

VÖ: 04.05.2018

Label:  Pampa

Genre: Electronica / (Psychedelic-)Pop

Das Jahr 2018 – so viel steht jetzt schon fest – hält einige hochverdiente Größen mit fantastischen Alben bereit – gerade im Electronica-Bereich, was mich natürlich besonders freut! Nach dem bestechenden neuen Werk von Mouse On Mars – hier bei hicemusic gerade verdientermaßen zum Album des Monats April gewählt – folgt nun – so viel muss ich jetzt schon verraten – ein weiteres brillantes Statement eines Interpreten, der in diesem Genre ebenfalls schon längst eine Koryphäe ist. Vor allem – das sei hier noch einmal betont – nicht nur in Deutschland, sondern auch international! Klar, ich meine natürlich Stefan Kozalla alias DJ Koze! Ich hatte kürzlich nochmal einen Ohrwurm  von Susanne zur Freiheit, diesem unwiderstehlichen, in diesem Jahr schon 20 Jahre alt (!) werdenden Song von Fischmob (mit so vielen großartigen Gästen wie Dendemann, Smudo, Michi Beck und den Stieber Twins u.a.)! Da fällt bestimmt nicht nur mir auf, an welchen Projekten Kozalla bereits zuvor erfolgreich beteiligt war, in welchen musikalischen Stilrichtungen er unter diesen sich schon kreativ ausgetobt hat. Da wären ja vor allem International Pony und Adolf Noise zu nennen! Seit den 2000ern ist er zudem als DJ Koze unterwegs, hat unter diesem Pseudonym nicht minder fantastische Alben vorgelegt, egal ob offizielle Studioalben (erwähnt sei hier nochmal sein 2013 veröffentlichtes Amygdala)  oder Compilations wie die beiden Reincarnations-Remixplatten. Knock Knock habe ich vor ein paar Wochen das erste Mal beim Joggen gehört und wurde schon da von einigen Tracks mitgerissen. Vor allem fand ich bereits auffällig, wie gut Kozalla die Potentiale der Gäste hier zur Geltung bringen kann, z.B. José González in einem psychedelischen oder Róisín Murphy in einem experimentell-elektronischen Gewand. Jetzt nach  abermaligen Hördurchläufen muss ich hinzufügen, dass DJ Koze das Kunststück gelingt, diese ganzen (stilistisch unterschiedlich einzuordnenden)  Features – u.a. atemberaubende Auftritte von Bon Iver, Kurt Wagner, Sophia Kennedy oder den legendären Arrested Development – gekonnt und mit viel Humor ausgestattet in einem neuen, nicht unbedingt zu erwartenden  Kontext zu präsentieren, das es eine wahre Freude ist. Das hier ist schon jetzt ein Klassiker, soviel steht fest! Gebt ihm noch ein wenig Zeit und Ihr werdet das Album feiern, das verspreche ich Euch!  Schon jetzt herausragend!

Note: 1,7 (mit Potential nach oben)

https://pamparecords.com/

 

Drangsal – Zores

VÖ: 27.04.2018

Label: Caroline

Genre: Indie-Pop / New Wave / Post-Punk

Es müsste das erste Mal sein, dass hier in der Kategorie “Kontrovers“ ein Act auftaucht, der von den Kritikern eigentlich relativ bis  sehr gute Wertungen für sein Album erhält. Zumindest habe ich noch keinen Verriss gelesen. Es liegt in diesem Fall an mir,  der gerne einmal erklärt haben möchte, woher die mehrheitliche Begeisterung für Drangsals zweites Album kommt. Das vor 2 Jahren erschienene Debüt des Mittzwanzigers – Harieschaim – hat mir größtenteils gefallen. Insbesondere Allan Align hatte es mit angetan, denn Max Gruber – so der bürgerliche Name von Drangsal – schuf damit einen zwar eindeutig und vornehmlich an den 1980er-New- sowie Dark-Wave-Bands orientierten Pop-Song (dieser war auch mit einer dementsprechenden Klangästhetik  versehen), aber der Künstler machte daraus ja kein Geheimnis, zeigt vielmehr, dass er über eine ausgezeichnete Kenntnis der Musik dieser Dekade verfügt und diese gekonnt in die Gegenwart zu transferieren in der Lage war. Ich kann mir nicht helfen, aber nach dem Debüt verlor ich allmählich das Interesse an Drangsals musikalischem Output.  Die letztjährige Kooperation Keine Angst mit Casper erachtete ich beispielsweise als lange nicht so spannend wie viele Andere. Ähnliche Eindrücke habe ich bei Zores. Es ist relativ schnell klar, dass Drangsal sich erneut den 1980er Jahren widmet, nun vor allem sich klangästhetisch auf das Frühwerk der Ärzte konzentriert (aber auch weiterhin an oben genannten Dark- und New-Wave-Bands sowie der „Neuen Deutschen Welle“). Nun ja, das hat schon seinen Charme, die Texte, die der Künstler wählt, werden ebenso sicher und verdientermaßen Anklang bei einigen Hörern finden, wenn er sie so ehrlich und direkt präsentiert. Da finden sich auf jeden Fall auch interessante Passagen auf Zores – schlecht ist das keinesfalls! –, aber so richtig packt es mich dennoch nicht. Wie findet Ihr das Album? Über Euer Feedback würde ich mich sehr freuen!

Note: 3,0

http://www.drangs.al/

 

Dillon – Kind

VÖ: 10.11.2017

Label: PIAS

Genre: Elektro-/Art-Pop

Ich hab es ja letztens an dieser Stelle schon einmal erwähnt, dass der kontemporäre R&B bis auf ein paar Ausnahmen meiner Meinung ohne Zuhilfenahme von Electro-Elementen kaum funktioniert oder zumindest wenig attraktiv ist. Es gibt einige Beispiele, wie zuletzt die neue Platte von Kelela, in der eben die Zusammenführung ziemlich gut funktioniert. Mir geht es so, dass auch der Pop im Kontext elektronischer Musik irgendwie spannender erscheint, egal ob diese vorder- oder hintergründig in das Klanggewand eingearbeitet ist. Es muss ja nicht immer hochexperimentell sein. Popmusik benötigt aber neue Ansätze, muss zumindest ein wenig zukunftsgerichtet sein. Da haben sich ja in den letzten Jahren einige Künstler/innen hervorgetan, die ich interessant fand/finde: Fever Ray, St. Vincent, Austra, Zola Jesus, um nur ein paar zu nennen. Nicht zu vergessen eine Sängerin, die in dieser Aufzählung nicht fehlen sollte: die 29-jährige, in Deutschland aufgewachsene  Brasilianerin Dominique Dillon de Byington, kurz Dillon. Ihr 2011 auf BPitch Control veröffentlichtes Debüt  This Silence Kills  – ein Label, auf dem man sich eher auf Techno/IDM spezialisiert (Ellen Allien hat es gegründet) – bot detailliert ausgearbeiteten, vielseitig instrumentierten Indie Pop mit progressiven Electronica-Elementen, in dessen Folge sie mit Björk oder auch Tori Amos verglichen wurde. In diesem Fall wurde Dillon natürlich wieder mit einer hohen Erwartungshaltung seitens Fans und Kritikern konfrontiert, was ihre Folgewerke angeht. Ich muss auch zugeben, dass ich trotz der (aus objektiver Sicht hervorzuhebenden) Klasse von The Unknown (2014) nicht so richtig warm mit dem Zweitling wurde. Jedoch muss(te) mir ja bewusst sein, dass Dillon keinesfalls daran denkt, den Zugang zu ihrer Musik möglichst einfach zu gestalten. Wäre ein erneutes Hören wohl nochmal angesagt, denn es ist sicherlich dieser Pop, den ich oben erwähnt und erwartet habe. Ihr drittes Album Kind bietet nun abwechslungsreiche, unkonventionelle Melodien mit Texten über Liebe, das individuelle Reifen und Sichbehaupten in seiner Umwelt. Auch hier habe ich zwar noch ein paar Anlaufschwierigkeiten, es ist jedoch wahrscheinlich, dass das dritte Werk ziemlich faszinierenden Electro-/Art-Pop mit Entwicklungspotential bereithält (u.a. mit Dirk von Lowtzow als Gast)!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

http://dillonzky.com/

 

Daft Punk – Homework

VÖ: 20.01.1997

Label: Virgin

Genre: (French) House / Electronica / Dance

In der jüngsten “Classics”-Besprechung der beiden ersten LCD Soundsystem-Werke wurde ein Hit des James Murphy-Kollektivs erwähnt:  Daft Punk Is Playing At My House. In ihm wird neben der namentlichen Nennung  im Titel auch im Text, in der Ausgestaltung des Sounds und im Video Bezug auf ein legendäres französisches Duo genommen  – abgesehen davon, dass James Murphy schon in seiner Debütsingle Losing My Edge behauptete, er habe es als Erster den „Rock Kids“ vorgestellt. Ich würde mal sagen, dass jeder oder zumindest sehr viele – selbst jene Musikfans, die lieber Rock und Pop oder andere Stilarten außer Electronica, House und Dance hören bzw. letzteren wenig abgewinnen können – mittlerweile seit mindestens 4 Jahren wissen, wer Daft Punk ist, ihr Markenzeichen kennen: die Helme*. Da gab es ja diesen einen Megahit mit Pharrell Williams und Nile Rodgers…Nun ja, darauf kommen wir später noch einmal zurück! Man muss sich noch einmal vergegenwärtigen, wie lang Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas  Bangalter als besagter Act aktiv sind, fast 25 Jahre! Wie manche der französischen Musikkollegen aus der Zeit der frühen bis mittleren 1990er Jahre (z.B. Air) begannen beide in sehr jungen Jahren mit Rock. Zusammen mit dem heutigen Phoenix-Gitarristen Laurent Brancowitz nannten sie sich Darlin‘, deren Sounds ein Redakteur des Melody Makers wenig schätzte, er bezeichnete sie als „A daft punky thrash“. Nun ja, es ist ersichtlich, was passierte, nicht lange danach war das hier besprochene Duo geboren, das in den früheren, eher konventionelleren Klängen keine Zukunft sah, sich dem weiten Feld der elektronischen Musik widmete, neue Wege eingehen wollte. Vor allem was für welche! Während die französischen Landsleute Air großartige Ambient/Downtempo-Sounds erkundeten, ging es hier in Richtung House/Techno, was später wegen Daft Punk und Kollegen wie Cassius, Étienne de Crécy, Mr. Oizo, Alex Gopher u.a.  als „French House“ bekannt wurde. Die früheren Tracks ließen schon erahnen, wie kompromisslos, progressiv, nach vorne treibend, dabei auch eingängig  das dann 1997 erschienene, im Schlafzimmer von Bangalter selbst produzierte Debüt Homework werden würde (sie waren dann, u.a. in umgearbeiteter Form auf diesem enthalten). Es wurde nicht zu viel versprochen, alles an dem Album, egal ob die Sounds, die legendären, unvergesslichen Videos der Singles Da Funk und Around The World  (von großartigen Regisseuren wie Spike Jonze und Michel Gondry inszeniert), –  ach – einfach alles begeistert mich heute noch. Das Werk gehört in meinen Augen neben Airs Moon Safari zu den besten französischen, jedoch ebenso generell  zu den größten Tonträgern der 1990er Jahre, ist ein Top5-Kandidat meiner persönlichen All-Time Favourite-Liste! Hier wurden Electro- wie Rock-Fans gleichermaßen infiziert, die (vermeintlich?) so zerstrittenen Lager vereint (wie es damals auch den Chemical Brothers, The Prodigy oder sehr viel später auch Justice gelang).  Na klar, heute kennen die Franzosen so viele wegen oben gemeinten, 2013 veröffentlichten Get Lucky, dieses „Massentaugliche“ wurde jedoch schon mit Around The World erreicht, spätestens ja dann mit dem – in meinem Augen immer noch wundervollen, wie Random Access Memories den Disco-Sounds frönenden – Nachfolger Discovery (mit One More Time, Aerodynamic, Digital Love und Harder, Better, Faster, Stronger etc.). Dass Homework auch Kreise außerhalb der French House-Lager erreichen konnte, wird durch meine persönlichen Erlebnisse gestützt. Ich habe Daft Punk das erste Mal in einer Sendung sehen können, die leider nicht sehr lange bestand und sich an ein Charts-orientiertes als auch an unkonventionelleren Sounds interessiertes Publikum richtete: das von Thomas Germann moderierte WDR-TV-Format Hit Clip. Neben Videos von unterschiedlichen Acts wie Oasis, No Doubt, Scatman John und Babylon Zoo (Spaceman) lief dort eben auch dieses in einem Take gedrehte Kunstwerk Around The World. Damals noch nicht ganz das Potential erkennend, war es mir später gelungen zu begreifen, was für eine fantastische Band Daft Punk ist. Vor allem wie genial und einflussreich Homework ist. Hypnotisch, tanzbar und absolut seelenvoll!

Note: 1,0

 

P.S.: Wer einmal sehen möchte, was für Könner de Homem-Christo und Thomas  Bangalter sind, sollte sich unbedingt die aufschlussreiche Dokumentation Unchained ansehen! Dort ist beispielsweise zu sehen, wie Bangalter 1996 in Wisconsin ein umjubeltes Set spielt, mit vermeintlich einfachsten Mitteln einen riesigen Effekt erzielt. Gänsehaut pur (wie Produzent Todd Edwards richtigerweise in dem Film sagt)!

*Es gibt im Booklet zu Homework ein Bild zu sehen, auf dem die beiden Mitglieder ohne den Helm zu sehen und ihre Gesichter ansatzweise zu erkennen sind, zudem jeweils ein Kinderfoto.     

https://www.daftpunk.com/

 

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑