Vladislav Delay – Rakka II

VÖ: 16.04.2021

Label: Cosmo Rhythmatic

Genre: Ambient / Electronica

Ich habe letztens eine tolle Liste bei Spotify entdeckt, in der die interessantesten und herrlich verrückt-verspieltesten Tracks von Electronica-Acts aus dem Heimatland meiner Mutter zusammengefasst wurden. Sie nennt sich schlicht Finnish Electronic und präsentiert so unterschiedliche Künstler/innen wie Emilia, Jimi Tenor, Op:l Bastards, Esa Saarinen, Jaakko Eino Kalevi oder die Ural 13 Diktators. Natürlich findet sich darauf auch ein gewisser Sasu Ripatti, der in der Electronica-Szene unter verschiedenen Pseudonymen aktiv ist und die verschiedensten Subgenres sowie weitere Spielarten (vor allem Ambient) auslotet, in diesem Fall als Luomo. Da gab es 2000 unter anderem Vocalcity und 2003 das von mir ebenfalls höchst geschätzte The Present Lover, auf denen verschiedenen House-Formen (u.a.a Deep, Micro) kunstvoll zum Ausdruck kamen. Andere Pseudonyme waren Sistol, Uusitalo, Conoco, Ripatti, nicht zu vergessen die weiteren Kollaborationen wie das Vladislav Delay Quartet, AGF/Delay bzw. The Dolls (Gemeinschaftsarbeiten mit Antye Greie und letzteres auch noch mit Craig Armstrong) oder jene mit dem Moritz von Oswald Trio. Am bekanntesten ist Ripatti aber wohl immer noch als Vladislav Delay. Die Sounds, die unter diesem Alias produziert, zeichnen sich durch eine höchst atmosphärische Tiefe, komplexe musikalische Strukturen und eine strikt konzeptuelle Herangehensweise aus. So widmete Vladislav Delay sich auf Rakka (2020) anhand auditiv anregender, stimmungsvoller, mitreißender aber auch durchaus herausfordernder Klangerlebnisse der finnischen Natur und ihren Eigenschaften. Ist ja zu Zeiten der Corona-Pandemie irgendwie nachvollziehbar, dass man sich dieser Thematik, den verschiedenen Rückzugsorten widmet (auch wenn die Natur schon immer eine Rolle bei Vladislav Delay gespielt hat). Auf dem Nachfolger schließt er daran an, präsentiert erneut atmosphärische Klangreisen, denen wieder ein introvertierter Charakter innewohnt. Die Sounds werden fortlaufend weiterentwickelt, präsentieren vielschichtige Strukturen, überraschende Wendungen und unterschiedliche Perspektiven. Als Halbfinne mag ich da „vorbelastet“ zu sein und von Grund auf eine positive Erwartungshaltung zu haben, wenn Vladislav Delay ein neues Album präsentiert, aber es ist ja auch im Ergebnis wunderbar, oder nicht?

Note: 2,0    

https://vladislavdelay.bandcamp.com/

         

Daft Punk – Discovery

VÖ: 12.03.2001

Label: Virgin

Genre: (Post-)Disco / Dance / Electronica

Ich weiß, ich habe das sagenhafte Debütalbum der French House-Ikonen schon an dieser Stelle gepriesen. Doch es ist mir gerade, nachdem Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter traurigerweise am 22. Februar ihre Trennung bekannt gegeben haben, ein Bedürfnis, ein weiteres, meiner Meinung nach immer noch unterschätztes Werk aus ihrer Diskografie zu erwähnen und in höchsten Tönen zu loben! Bei aller Klasse einiger Nachfolger von Homework (1997) kann es doch eigentlich nur eines sein, das da in Frage kommt, oder? Es ist vor kurzem 20 Jahre (!) alt geworden und ich wollte es gerade nach dem Split von Daft Punk unbedingt zum Geburtstag auf Platte geschenkt haben. Doch keine Chance, es war ausverkauft! Ich meine natürlich Discovery, das wahrscheinlich nicht nur mir in Erinnerung geblieben ist: wegen der absoluten Hits wie One More Time, wegen der ganzen öffentlichen Diskussion um den damaligen Stilwechsel des Duos von French House- zu Disco-Sounds, den im Anime gehaltenen Musikvideos (die damals im Musik-Fernsehen rauf und runter gespielt wurden), dem unbestreitbaren Nostalgie-Faktor und vielem mehr! Aber der Reihe nach. Ende 2000 erschien besagtes One More Time, das der ganzen Fan-Schar, die das damals knapp 4 Jahre alte Debüt Homework zurecht anbeteten, doch einige Irritationen bereitete. Wollte Daft Punk etwa (auch vor „Cheesiness“ nicht zurückschreckenden) Disco-Pop/R&B (und weiteres wie New Wave, Funk und Jazz) mit „richtigen Song-Strukturen“ machen? Jene Band, die den French House und allerlei „bollernde“ Electro-Sounds mit Brechern wie Around The World, Da Funk, Burnin‘ und vielen anderen einer größeren Hörerschaft zugänglich, auf unvergessliche Weise erfahrbar gemacht – und damit ein Genre geprägt – haben? Warum? Es waren einige, die das zunächst nicht akzeptieren wollten. Ich gehörte schon 2001 als musikalisch nun wirklich nicht gefestigter Teenie nicht zu jener Gruppierung. Ich liebte One More Time und natürlich das dann ein paar Monate später, im Frühjahr des Jahres erschienene Album  Discovery  schon immer, hörte es zu dieser Zeit schon rauf und runter. Auch in der Gegenwart, insbesondere nachdem die für mich irgendwie doch bestürzenden Trennung von Daft Punk, habe ich das Album auf CD – ja, in meinem Auto ist das noch möglich 😊 – nochmal in Dauerschleife laufen lassen. Es bleibt dabei, ich liebe diese Platte immer noch! Es wirkt zu keinem Zeitpunkt veraltet, die Sounds dröhnen so frisch wie anno 2001 aus den Boxen. Daft Punk haben damit etwas erneut geschafft, was sie mit Homework Ende der 1990er Jahre für den House erreichten. Sie beeinflussten mit den Sounds folgende Musiker-Generationen, machten Disco-Sounds wieder salonfähig im Pop, prägten den Produktionsstil usw. Warum wohl hat Kanye West sich ein Harder, Better, Faster, Stronger als Sample-Vorlage vorgenommen, um 2007 mit Stronger einen Hip-Hop-/Electronica-Crossover-Hit zu landen? Waren es vorher die Rock-Fans, denen mit Homework Electro-Klänge schmackhaft gemacht werden sollten, war es diesmal genau andersherum: jetzt sollte klar werden, dass Rock eben cool ist. Daft Punk haben es sowieso seit jeher verstanden, innovativ und gleichzeitig kommerziell erfolgreich zu sein. Ein Song wie Get Lucky mit Pharrell Williams und Nile Rodgers von ihrem letzten Studio-Album Random Access Memories (2013) spricht da wohl Bände, auf dem man sich ja dann erneut auf die Disco-Erforschungsreise begab. Auf Discovery wurden die Grundlagen geschaffen! Das Hit-Quartett um One More Time, Aerodynamic, Digital Love und Harder,Better,Faster, Stronger, die weiteren, ebenso  erfolgreichen Singles Face To Face und Something About Us, aber auch die „heimlichen“ Granaten wie Voyager, Superheroes oder High Life – ach alle Songs – sind von ihren Stimmungen jeweils so unterschiedlich und von ihren musikalischen Stilen her so vielfältig aufgestellt, sie runden ein unvergleichliches Album ab! Sehr traurig, dass diese Band sich aufgelöst hat, aber es bleibt auch hier die Musik. Hört unbedingt ihr absolutes Meisterwerk Homework, aber vergesst mir Discovery bitte nicht!

Note: 1,3

https://www.daftpunk.com/

                                

DJ Hell – House Music Box (Past Present No Future)

VÖ: 27.11.2020

Label: The DJ Hell Experience

Genre: Electronica

Der Berliner Produzent Helmut Josef Geier aka DJ Hell ist bereits seit den späten 1970er Jahren musikalisch aktiv. So hat er sich gerade zu Beginn seiner Karriere viel mit der künstlerisch ambitionierten elektronischen Musik dieser Zeit in Deutschland auseinandergesetzt. Dieser Experimentiergeist drückt sich auch in seinem Klangschaffen aus. Stets am Puls der Zeit hat der 58-Jährige sich mit den jeweiligen Phasen des Genres auseinandergesetzt und dabei Referenzen auf seine großen Vorbilder eingebaut. Man denke da nur an das grandiose Teufelswerk (2009), auf dem er unter anderem Kraftwerk huldigte. Immer wieder gab es eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Stilen (u.a. mit dem von DJ Hell als große Inspiration bezeichnete Detroit Techno). Diese individuelle Interpretation und die Umsetzung haben ihm ein ausgezeichnetes Renommee verschafft, auch und insbesondere international. Sogar der große John Peel hat mit ihm 1995 eine seiner berühmten Sessions aufgenommen. Von vielen Fachzeitungen (u.a. das Groove Magazine) wähl(t)en ihn regelmäßig zu den besten deutschen DJs (neben anderen Größen der Szene mit einem ähnlich guten Image, wie z.B. Sven Väth). Nachdem DJ Hells letztes Album Zukunftsmusik (2017) titelgemäß mit den Sounds aufwartete, die ein späteres Jetzt definieren werden, wird nun auf der neuen LP House Music Box (Past Present No Future) eine Rückschau auf das geboten, was einmal die elektronische Musik, insbesondere den House, ausgemacht hat. Hier wird den Nostalgikern unter uns eine Möglichkeit gegeben, sich noch einmal in jene Zeiten zurückzuversetzen, als Techno und House ihre revolutionären Anfänge hatten, wo unzählige Menschen mit neuartigen Klängen konfrontiert wurden, die oft Bedeutung für sie über die Musik selbst hinaus haben würden.  So gibt es einen Bezug auf die großen deutschen Interpreten wie Kraftwerk, aber auch auf die Szenen in Chicago, Detroit und New York der 1980er Jahre bzw. die Inspirationen (u.a. mit einem Sample von Jimi Hendrix). Natürlich heißt es im Titel „No Future“, aber DJ Hell wäre nicht DJ Hell, wenn er trotz des Rückschau-Charakters nicht auch wieder zeigen würde, wie zukunftsgewandt seine Sounds dennoch immer sind!

Note: 2,0

https://www.facebook.com/DJHellOfficial

 

Deichkind – Wer sagt denn das?

VÖ: 27.09.2019

Label: Sultan Günther

Genre: Electro(-Punk)

Ich kann mich erinnern, dass mal jemand sagte, dass Deichkind vor über zehn Jahren aus der deutschen Hip-Hop-Szene von anderen etablierten Acts  vertrieben worden seien.  Ich habe da Unterschiedliches gelesen, es wird aber schon allgemein gesagt, dass die damals noch als Trio aktiven Hamburger irgendwie kaum noch Perspektiven in diesem Genre sahen. Ich finde persönlich, dass man der Band allerhöchsten Respekt zollen sollte, egal aus welchen Motiven heraus dieser Wechsel in die Bereiche des Electro(-Punk) vollzogen wurde. Denn auch wenn ich sie als Hip-Hopper geschätzt habe – mit dem Debüt Bitte ziehen sie durch (2000) und Hits wie Wer bremst das?!, Komm schon, Kabeljau Inferno und vor allem die Nina-Kollaboration Bon Voyage (dessen einzigartiges Video ich damals auf MTV und den beiden VIVA-Channels rauf und runter geschaut habe) – finde ich sie seit dem Wechsel mindestens genauso spannend. Der Wortwitz, diese höchst originellen Slogans der frühen Bandphase sind ja geblieben.  Wer erinnert sich nicht an die Textzeilen beispielsweise aus Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)? Das Album, auf dem der wohl bekannteste Song enthalten ist – das 2006er-Aufstand im Schlaraffenland markierte den radikalen Wechsel zu Electro, nachdem man auf Noch fünf Minuten Mutti (2002) und mit der Trio-Ur-Besetzung ja schon viel damit experimentiert hat. Deichkind wurde umbesetzt –  aus der Urbesetzung blieb nur noch Philipp Grütering übrig, erst 2006 Malte Pittner und 2008 dann auch Bartosch Jeznach waren weg, es kamen neue Leute wie Ferris MC dazu, nicht zu vergessen im Jahre 2009 der tragische Tod des Produzenten Sebastian Hackert (der übrigens als hauptverantwortlich für den Stilwechsel gesehen wird)  –, die Live-Shows wurden von Mal zu Mal „ausgefallener“, mit verschiedenen originellen Kostümierungen sowie vielen Farben, und die Band somit kommerziell erfolgreich, ein Massenphänomen (ich kann mich erinnern, dass ich sie mal auf dem Hurricane-Festival sehen wollte, es aber einfach zu voll war, um überhaupt irgendetwas zu sehen). Das musikalische Rezept waren „Bollerbeats“  und eben jene zuvor erwähnte sloganartigen Texte, die im Stile von Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) auch auf den folgenden Alben Arbeit nervt (2008), Befehl von ganz unten (2012) und Niveau weshalb warum (2015) durchgezogen wurde. Aber: Langweilig wurde es zumindest für mich nicht, eben weil man den nötigen Humor beibehalten hat, sich immer wieder originelle Textpassagen einfallen ließ, man Stellung zu jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen und Phänomenen nahm. Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger hat dazu gestern in einem wirklich gut geschriebenen Artikel Stellung genommen, Deichkind bewege sich stetig auf der „Linie zwischen stumpfer Abfahrt und hoher Kunst“. Ich kann dem zustimmen, manchmal schüttele ich schon den Kopf ob so mancher Zeilen, habe aber immer wieder Spaß dabei. Mit dem jetzt erschienen siebten Album Wer sagt denn das?  (das erste ohne Ferris MC) geht mir das erneut so. Der Titelsong ist wirklich fantastisch, man nimmt pointiert und ironisch Stellung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen und zu Aussagen wie „Dummheit ist nicht erblich“. Doch auch der Rest ist zu großen Teilen wirklich herrlich, es gibt Sounds und Beats, die nur oberflächlich stumpf wirken, oftmals aber richtig hochqualitativ sind (z.B. eine richtig originelle Anspielung auf Kraftwerk in Endlich Autonom oder das auf Marilyn Manson anspielende Bude Voll People). Dann wieder einmal die wirklich intelligenten Texte, in denen man sich treffsicher und (selbst-)ironisch mit Themen wie Binge-Watching, wie in Keine Party zur eigenen Bandhistorie („Schluss mit Remmidemmi (…) dieses Bum-Bum-Bum hält doch keiner aus (…) /Da oben steht vermeintlich die Band, die die Party rockt / Doch die hab’n das alles einfach von den Beastie Boys gezockt“ u.a.) oder  Populismus nimmt. Die Band möchte wohl wirklich nicht mehr nur als „Partyband“ angesehen werden.  Ich bleibe dabei, ich bin ein Fan der Hamburger, auch – nein, vor allem wegen – Wer sagt denn das?. Ein großer Spaß mit viel Prominenz  in verschiedenen Funktionen (Jan Böhmermann, Olli Schulz, Alexander Marcus, Das Bo, Bela B, Lars Eidinger, Till Lindemann uvm.)!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)  

https://www.deichkind.de/

 

Peter Doherty & The Puta Madres – Peter Doherty & The Puta Madres

VÖ: 26.04.2019

Label: Strap Originals

Genre: Indie-/Garage-/Psychedelic-Rock

In meinem Freundeskreis werde ich manchmal dafür kritisiert, dass ich dazu neigen würde, meine Meinungen über Musik immer so zu formulieren, als seien meine Ausführungen die einzig wahren auf dieser Welt. Dann wird mir vorgeschlagen, dass ich es vielleicht einmal ein wenig umformuliere, so nach dem Muster: „Ich denke, dass…“ oder „Meiner Meinung nach ist das…“. Okay, ist ja bestimmt berechtigt. Ich kann schon einmal überhart mit einer Band oder einer/einem Sänger/in ins Gericht gehen, was ich natürlich im Rahmen dieses Blogs nie tun würde 🙂 Das gilt natürlich auch für Interpreten, die ich überaus liebe. Nun gut, ich will mich mal so ausdrücken und ich hoffe es ist okay so: Meiner Meinung  nach sind die Libertines  einer der besten (Indie-/Garage-Rock-)Bands, die ich jemals zu Gehör bekommen habe. Ich denke zudem, dass Pete(r) Doherty einer der fantastischsten Songwriter der 2000er Jahre ist, was er überdies bei den Babyshambles und auf seinen Solo-Arbeiten zu Genüge unter Beweis gestellt hat. Sein Comeback mit den Libertines war doch absolut klasse, oder nicht? Die Live-Show damals anno 2014 in Düsseldorf hat mir besonders gut gefallen. Jetzt hat Doherty eine neue Formation um sich geschart, The Puta Madres. Über das Debüt habe ich folgendes zu sagen: In meinen Augen sind die Songs in Ordnung, sie liefern in Sachen Songwriting überaus hohe Qualität ab. Dennoch muss ich feststellen, dass ich nicht so richtig geflasht bin, denn im Sound unterscheiden sie sich unwesentlich von dem seiner anderen Projekte. Man merkt, dass es Doherty momentan privat gut geht, so dass ein generell fröhlicher und entspannter Eindruck entsteht. Das wird auch in den Texten thematisiert. Freut mich für ihn, wirklich. Das Album ist schon okay in meinen Augen, aber…ach, schon gut!

Note: 2,7 (mit Potential nach oben)

https://www.albionrooms.com//

 

Dendemann – Da nich für!

VÖ: 25.01.2019

Label: Vertigo

Genre:  Hip-Hop

Ich muss es noch einmal erwähnen: seit ich diese Rubrik „Kontrovers“ hier bei hicemusic vor 2 Jahren eingeführt habe, sind mehr (von mir überaus geschätzte) Acts darin aufgetaucht und zur Diskussion gestellt worden, als es mir lieb ist bzw. sein kann. Okay, das spoilert jetzt vielleicht ein bisschen, was ich mit dem neuen Album von Dendemann vorhabe. Aber erst einmal langsam, ich möchte ein paar Worte zu dem 44-jährigen Rapper verlieren, die ausnahmslos positiv sind. Er ist ja nicht nur in meinen Augen einer der größten Könner im deutschsprachigen Hip-Hop: seine knarzend-rauhe Stimme, seine lustigen, entspannten und geistreichen, den Alltag so genau beschreibenden Texte (die genialen Wortspiele, die sich auch in den Titeln wiederfinden), generell die großartigen Rap-Skills, der unnachahmliche Umgang mit der musikalischen Gestaltung (die Instrumentals!) sind unter anderem das, was ihn auszeichnen. Und Ihr wisst ja, in welcher Form Daniel Ebel auch aktiv war, das war immer etwas Besonderes, egal ob als Gast – z.B. in Fischmobs legendären Susanne zur Freiheit („chauvinistischer als Latexallergie“) oder mit seinen Projekten, allen voran Eins Zwo. Man, was liebe ich diese Musik, die er zusammen mit DJ Rabauke in Form von zwei herausragenden Alben produziert hat, insbesondere auf Gefährliches Halbwissen (1999, ich sage nur: Hand aufs Herz,mit diesem unglaublich guten, auf Talkshows rekurrierenden Video)! Achso, solo hat Dendemann natürlich auch erstklassig geliefert, mit Die Pfütze des Eisbergs (2006) und Vom Vintage verweht (2010, ich kann mich noch an einen wunderbaren Auftritt auf dem Hurricane in dem Jahr erinnern, Dendemann mit Vokuhila 🙂 )! Zuletzt habe bestimmt nicht nur ich ihn für seine Auftritte mit der Freien Radikalen im Neo Magazin Royale geschätzt!… Jetzt aber zu Da nich für!, dem doch irgendwie ersehnten Comeback-Album: ich habe es in die Rubrik  „Kontrovers“ reingenommen, da ich selbst noch nicht so geflasht bin, wie ich es im Vorfeld natürlich erwartet habe. Nicht falsch verstehen, ich kann mir gut vorstellen, dass es wächst, dass es auch mich noch kriegen kann. Die Kritiker sind ja mehrheitlich überzeugt. Ich ziehe es aber vor, ehrlich zu sein und mich noch etwas zurückzuhalten. So manche Songs lassen für mich gerade in textlicher Hinsicht etwas Finesse vermissen bzw. manche Kollaborationen mit den durchaus prominenten Künstler/innen (Casper, Beginner, Trettmann) haben bei mir bisher nicht richtig gezündet. Andererseits, in manchen Momenten blitzen schon jetzt Dendemanns zweifellos immer noch vorhandenen, zuvor bereits erwähnten Skills auf, zum Beispiel in Müde  (jazzige Musik in Kombination mit einem tollen Sample von Hildegard Knef; generell ist hier ausgezeichnetes, breit gefächertes Material verarbeitet worden, von Heinz Erhardt, Rio Reiser über Schwesta Ewa, Bilderbuch, Slime  bis Die Goldenen Zitronen uvm.). Was ihm dann doch irgendwie gut steht, sind die sozio-politischen Bezüge in den Texten, die er ja im Neo Magazin Royale schon so gekonnt in seine Songs verpackte, was aber hier auf dem Album eben nicht immer so tiefgründig wirkt wie erhofft. Fazit: Ein schon modern produziertes Album, das mich aber vor allem in textlicher Hinsicht noch etwas mehr überzeugen muss. Vielleicht habe ich aber auch einfach zu große Erwartungen (gehabt)! Was meint Ihr? Seid Ihr hundertprozentig überzeugt? Ich freue mich über Euer Feedback!

Note: 2,7 (mit Potential nach oben)        

http://www.dendemann.de/

 

Dirty Projectors – Lamp Lit Prose

VÖ: 13.07.2018

Label: Domino

Genre:  (Indie-/Art-/Experimental-)Pop / Folk

Auf dem letzten, selbstbetitelten, vor eineinhalb Jahren erschienenen Album verarbeitete David Longstreth – Mastermind der New Yorker Dirty Projectors – die Trennung von Amber Coffman, seiner ehemaligen Band- und Lebenspartnerin. Ein wirklich schillerndes Werk ist dabei herausgekommen. Denn trotz eines traurigen Anlasses, demzufolge der Frontmann seine persönlichste Seite in den Texten zeigte, war die Musik nicht ausschließlich von einer melancholischen Stimmung geprägt. Es wurde die experimentellere Herangehensweise an die Pop-Musik beibehalten, die man schon auf den Vorgängern gewählt hatte. Denn obwohl die Band immer wieder der New Yorker Indie-Szene der späten 2000er Jahre zugerechnet wird, hat sie sich in Hinsicht ihres Klangstils von anderen der dortigen Formationen emanzipieren können. Die unterschiedlichsten Referenzen sind seitdem schon von Kritikerseiten herangezogen worden, von David Byrne über Frank Zappa und Yes bis Mariah Carey (!). Nun gut, einige dieser Vergleiche haben Longstreth angeblich auch verärgert. Dennoch eine Vielseitigkeit ist kaum abzustreiten. Besagtes Dirty Projectors bot bunten, wagemutigen Pop in Kombination mit R&B sowie Electronica-Elementen mit wirklich spannungsgeladenen, ideenreichen  Songs wie Cool Your Heart und spannenden Gästen. Der Nachfolger soll nun als Neustart verstanden werden, in mehrerer Hinsicht. Nicht nur, in besetzungstechnischer (es handelt sich nun um ein Sextett), denn zum einen möchte Longstreth seinen damaligen Trennungsschmerz als verarbeitet verstanden wissen – so dass die Texte wesentlich optimistischer ausfallen – und zum anderen ist auch in Bezug auf den Sound eine (kleine) Veränderung vorgenommen worden. Es geht mehr in Richtung Folk und den Indie-Pop/-Rock früherer Tage. Zum Glück wurde das Experimentelle dabei nicht vernachlässigt, so dass man als Hörer immer wieder mit neuen musikalischen  Ideen (insbesondere die instrumentellen Arrangements betreffend) versorgt wird. So gefällt mir vor allem das in Zusammenarbeit mit Amber Mark entstandene I Feel Energy mit einer Michael Jackson-artigen Soul/Funk/Pop-Mischung. Die Dirty Projectors bleiben weiter bestechend, soviel ist klar, auch wenn ich noch nicht ganz so begeistert von Lamp Lit Prose bin wie von dem Vorgänger!

Note: 2,3 (mit Tendenz nach oben)

http://dirtyprojectors.net/

 

DJ Koze – Knock Knock

VÖ: 04.05.2018

Label:  Pampa

Genre: Electronica / (Psychedelic-)Pop

Das Jahr 2018 – so viel steht jetzt schon fest – hält einige hochverdiente Größen mit fantastischen Alben bereit – gerade im Electronica-Bereich, was mich natürlich besonders freut! Nach dem bestechenden neuen Werk von Mouse On Mars – hier bei hicemusic gerade verdientermaßen zum Album des Monats April gewählt – folgt nun – so viel muss ich jetzt schon verraten – ein weiteres brillantes Statement eines Interpreten, der in diesem Genre ebenfalls schon längst eine Koryphäe ist. Vor allem – das sei hier noch einmal betont – nicht nur in Deutschland, sondern auch international! Klar, ich meine natürlich Stefan Kozalla alias DJ Koze! Ich hatte kürzlich nochmal einen Ohrwurm  von Susanne zur Freiheit, diesem unwiderstehlichen, in diesem Jahr schon 20 Jahre alt (!) werdenden Song von Fischmob (mit so vielen großartigen Gästen wie Dendemann, Smudo, Michi Beck und den Stieber Twins u.a.)! Da fällt bestimmt nicht nur mir auf, an welchen Projekten Kozalla bereits zuvor erfolgreich beteiligt war, in welchen musikalischen Stilrichtungen er unter diesen sich schon kreativ ausgetobt hat. Da wären ja vor allem International Pony und Adolf Noise zu nennen! Seit den 2000ern ist er zudem als DJ Koze unterwegs, hat unter diesem Pseudonym nicht minder fantastische Alben vorgelegt, egal ob offizielle Studioalben (erwähnt sei hier nochmal sein 2013 veröffentlichtes Amygdala)  oder Compilations wie die beiden Reincarnations-Remixplatten. Knock Knock habe ich vor ein paar Wochen das erste Mal beim Joggen gehört und wurde schon da von einigen Tracks mitgerissen. Vor allem fand ich bereits auffällig, wie gut Kozalla die Potentiale der Gäste hier zur Geltung bringen kann, z.B. José González in einem psychedelischen oder Róisín Murphy in einem experimentell-elektronischen Gewand. Jetzt nach  abermaligen Hördurchläufen muss ich hinzufügen, dass DJ Koze das Kunststück gelingt, diese ganzen (stilistisch unterschiedlich einzuordnenden)  Features – u.a. atemberaubende Auftritte von Bon Iver, Kurt Wagner, Sophia Kennedy oder den legendären Arrested Development – gekonnt und mit viel Humor ausgestattet in einem neuen, nicht unbedingt zu erwartenden  Kontext zu präsentieren, das es eine wahre Freude ist. Das hier ist schon jetzt ein Klassiker, soviel steht fest! Gebt ihm noch ein wenig Zeit und Ihr werdet das Album feiern, das verspreche ich Euch!  Schon jetzt herausragend!

Note: 1,7 (mit Potential nach oben)

https://pamparecords.com/

 

Drangsal – Zores

VÖ: 27.04.2018

Label: Caroline

Genre: Indie-Pop / New Wave / Post-Punk

Es müsste das erste Mal sein, dass hier in der Kategorie “Kontrovers“ ein Act auftaucht, der von den Kritikern eigentlich relativ bis  sehr gute Wertungen für sein Album erhält. Zumindest habe ich noch keinen Verriss gelesen. Es liegt in diesem Fall an mir,  der gerne einmal erklärt haben möchte, woher die mehrheitliche Begeisterung für Drangsals zweites Album kommt. Das vor 2 Jahren erschienene Debüt des Mittzwanzigers – Harieschaim – hat mir größtenteils gefallen. Insbesondere Allan Align hatte es mit angetan, denn Max Gruber – so der bürgerliche Name von Drangsal – schuf damit einen zwar eindeutig und vornehmlich an den 1980er-New- sowie Dark-Wave-Bands orientierten Pop-Song (dieser war auch mit einer dementsprechenden Klangästhetik  versehen), aber der Künstler machte daraus ja kein Geheimnis, zeigt vielmehr, dass er über eine ausgezeichnete Kenntnis der Musik dieser Dekade verfügt und diese gekonnt in die Gegenwart zu transferieren in der Lage war. Ich kann mir nicht helfen, aber nach dem Debüt verlor ich allmählich das Interesse an Drangsals musikalischem Output.  Die letztjährige Kooperation Keine Angst mit Casper erachtete ich beispielsweise als lange nicht so spannend wie viele Andere. Ähnliche Eindrücke habe ich bei Zores. Es ist relativ schnell klar, dass Drangsal sich erneut den 1980er Jahren widmet, nun vor allem sich klangästhetisch auf das Frühwerk der Ärzte konzentriert (aber auch weiterhin an oben genannten Dark- und New-Wave-Bands sowie der „Neuen Deutschen Welle“). Nun ja, das hat schon seinen Charme, die Texte, die der Künstler wählt, werden ebenso sicher und verdientermaßen Anklang bei einigen Hörern finden, wenn er sie so ehrlich und direkt präsentiert. Da finden sich auf jeden Fall auch interessante Passagen auf Zores – schlecht ist das keinesfalls! –, aber so richtig packt es mich dennoch nicht. Wie findet Ihr das Album? Über Euer Feedback würde ich mich sehr freuen!

Note: 3,0

http://www.drangs.al/

 

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