Oktober 2020

Groove Armada- Edge Of The Horizon

VÖ: 02.10.2020

Label: BMG

Genre: Electronica / Ambient

Die beiden  Londoner von Groove Armada haben sich ja um die Jahrtausende in der Electo-/Ambient-/Downtempo-Szene schon einen Namen gemacht und einige „Chillout“- oder anderweitige Sampler mit ihren Hits wie At The River, Superstylin‘, I See You Baby oder My Friend ausstatten können. So blöd es ist, aber um die 20 Jahre später muss man sich schon etwas einfallen lassen, damit die Aufregung beim Hören erhalten bleibt. Das will Groove Armada zum Teil auch gelingen, aber oft gab es diese Sounds auch schon damals oder es ist halt irgendwie etwas von anderen Mitstreitern abgeschaut. Leider nicht so richtig bestechend, so zum Nebenbeihören jedoch geeignet, was ja dann doch irgendwie wieder passen sollte!

Note: 2,7 (passt eher als eine 3,0)

https://www.groovearmada.com/

 

 

Hot Chip – Late Night Tales: Hot Chip

VÖ: 02.10.2020

Label: Night Time Stories

Genre: Electronica / Pop / Alternative

Apropos, Groove Armada. Das Duo hat schon einmal eine Ausgabe zu der Late Night Tales-Reihe beigetragen. Seit 2001 haben das schon einige mehr oder weniger namhafte Acts getan. War klar, dass irgendwann auch mal die Jungs von Hot Chip einige ihrer favorisierten Songs beisteuern. Es ist ja generell auf diesen Samplern so, dass eine große Bandbreite an Stilrichtungen über Electronica hinaus abgedeckt und zusammengemischt werden. Die Briten haben schon oft gezeigt, dass sie Meister im Remixen sind. Hier trifft Ruhiges-Erhabenes (von Christina Vantzou, Nils Frahm u.a.), über discoide, ambitionierte Electronica (von Fever Ray, Suzanne Kraft, Planningtorock, Beatrice Dillon, Kaitlyn Aurelia Smith u.a.) bis zu anderen vorwiegend experimentellen Spielarten (u.a. auch von About Group, der anderen Gruppe des Hot Chip-Sängers Alexis Taylor). Ach ja, Eigenkompositionen wie Nothing’s Changed sind auch mit dabei. Guter, fein zusammengestellter Sampler, wie so oft bei den Late Night Tales!

Note: 2,3

https://latenighttales.co.uk/

https://www.hot-chip.co.uk/

 

 

Jónsi – Shiver

VÖ: 02.10.2020

Label: Krunk

Genre: Art-/Experimental-/Post-Rock / Elektropop

Sieben Jahre nach dem letzten (fantastischen) Sigur Rós-Album Kveikur und zehn Jahre nach der ersten Soloplatte Go erscheint von letzterer der Nachfolger, die den isländischen Sänger Jónsi wieder in einem sehr experimentellen, ernsten und bedächtigen, jedoch auch ein wenig dem Pop zugewandten Licht erscheinen lässt. Der 45-Jährige hat sich jetzt nicht gänzlich von den Sound-Wurzeln seiner Band emanzipiert, doch mit Hilfe von der großartigen schwedischen Sängerin Robyn und der nicht minder begnadeten Ex-Cocteau Twins-Künstlerin Elizabeth Fraser hat er dennoch ein teilweise eigenständiges, zu großen Teilen beeindruckendes Werk erschaffen, das den Hörer – sofern dieser es zulässt – schon für sich einnehmen kann!

Note: 2,3

https://jonsi.com/

 

 

Wandl – Womb

VÖ: 02.10.2020

Label: Affine

Genre: Electronica / Pop / Soul / R&B

Ich hatte die Debüt-LP It’s All Good Tho (2017) des Österreichers Wandl auf dem Schirm, habe aber sie aus einem mir nicht mehr nachvollziehbaren Grund hier auf hicemusic ignoriert. Dabei ist das darauf ein richtig raffinierter Mix aus Electro, Pop, Soul und (Post-)R&B, der im Stil von James Blake gehalten ist. Auf dem Nachfolger Womb wird die Marschrichtung beibehalten, doch in den Arrangements ist das noch detaillierter und komplexer. Das wird noch wachsen, ist aber jetzt schon richtig fein!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

https://de-de.facebook.com/wandlmusic/

 

 

Machinedrum – A View Of U

VÖ: 09.10.2020

Label: Ninja Tune

Genre: Electronica / Experimental

Wo wir bei richtig feiner Musik sind, diese bietet Travis Stewart alias Machinedrum auf A View Of Us. Mit einigen namhaften Gästen wie Freddie Gibbs, Mono/Poly, Chrome Sparks etc.  geht er erneut auf klangliche Abenteuer im Spannungsfeld von Electronica und Hip-Hop und beweist, dass da noch nicht alle Pfade beschritten wurden und sich einem als Hörer jederzeit neue Perspektiven auftun. Diese müssen sich mir – wie bei Wandl (siehen oben) – in ihrer Gänze noch erschließen, doch ich bin durchaus angetan!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

http://www.machinedrum.net/

 

 

Travis – 10 Songs

VÖ: 09.10.2020

Label: BMG

Genre: (Brit-)Pop

„What, Travis?!?“ – werden sich jetzt sicherlich einige fragen. Warum wird hier eine Band des Brit-Pop erwähnt, deren beste Zeiten schon um die 20 Jahre her sind. Naja gut, klar da war nach The Invisible Band (2001) nicht wirklich richtig Kraftvolles mehr in den letzten Jahren dabei (obwohl ich das 2013er-Werk Where You Stand ganz passabel fand), doch ich finde, dass die 10 Songs, die uns nun von den Schotten aufgeboten werden, zum größten Teil gut ins Ohr gehen. Das ist Brit-Pop der alten Schule, ein zweites Why Does It Always Rain On Me? Ist vielleicht auch nicht dabei, doch durch geschickte Kniffe im Aufbau mancher der Lieder – es dreht sich natürlich oft um die  Liebe und all das was dazugehört –  ist das charmant geraten, vor allem auch nicht (immer) nur zuckersüß!

Note: 2,3

https://www.travisonline.com

 

 

Autechre – Sign

VÖ: 16.10.2020

Label: Warp

Genre: Electronica / Experimental

Wenn die sogenannte „Intelligent Dance Music“ (IDM) ein Aushängeschild benötigte, dann wäre das sicherlich neben den anderen Warp-Größen wie Aphex Twin, Squarepusher und Boards Of Canada auch Autechre. Sean Booth und Rob Brown gehen seit 1987 in den Weiten der komplexen Electronica und ebenfalls unkonventionellen Ambient-Strukturen auf Forschungsreisen. Zuletzt war das wirklich sehr weit außerhalb  eventuell noch festzumachender klanglicher Schemata der elektronischen Musik. Ich muss zugeben, dass ich das manchmal schon als sehr herausfordernd empfand. Das soll nicht heißen, dass es nicht spannend ist. Im Gegenteil, auf Sign geht man wieder auf Tuchfühlung zum Ambient, der Experimentiergeist ist dabei weiter geblieben. Zum Glück natürlich!

Note: 2,0

https://www.autechre.ws/

 

 

Actress – Karma & Desire

VÖ: 23.10.2020

Label: Ninja Tune

Genre: Electronica / Experimental

Wo wir bei Aushängeschildern ambitionierter Electronica sind, müssen natürlich auch die Nicht-Warp-Vertreter genannt werden, neben Künstlern wie Burial und Four Tet ist das auch Darren J. Cunningham alias Actress. Wie passend, dass von ihm jetzt eine neue LP zu haben ist: Karma & Desire. Interessant ist, dass wie bei Auteche (siehe oben) die Musik fast als „zugänglicher“ zu bezeichnen ist, da nämlich den komplexen Strukturen schon sehr melodische Klänge hinzugefügt werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Experimente weniger werden, man höre nur die Tracks mit Gästen wie Sampha oder Zsela. Mal wieder eine tolle Platte von Actress, der ich noch mehr Zeit widmen muss!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

https://whoisactress.com/

 

 

Die Ärzte – Hell

VÖ: 23.10.2020

Label: Hot Action

Genre: Punk-/Alternative-Rock / Pop-Punk

Die Ärzte sind wieder da, haben sich ja letztens in den Tagesthemen zu der derzeitig durch Corona bedingte schwierige Situation von Musiker/innen und der Veranstaltungsbranche geäußert und sich für verschiedene Organisationen und Initiativen stark gemacht. Es gibt aber ebenfalls acht Jahre nach Auch (2012) ein neues Studio-Album. Es ist in musikalischer Hinsicht jetzt nicht unbedingt neu – obwohl die Produktion richtig klasse ist, mit Ausflügen in verschiedenste Genres –, aber vor allem die Texte sind wirklich gut geraten, mit gewohnt bösen, bissigen, ironischen und lustigen Stellungnahmen zu Politik und Gesellschaft. Natürlich fehlt da nicht der Klamauk, aber es sind eben diese direkten Statements zu zum Beispiel Rechtsextremismus, Schönheitswahn oder Chris Hemsworth, die mir imponieren. Klasse Comeback, liebe Ärzte!

Note: 2,3

https://www.bademeister.com/aktuell/

 

 

Faithless – All Blessed

VÖ: 23.10.2020

Label: BMG

Genre: Electronica / Dance

Da kommen ja plötzlich alle Electro-/Ambient-Helden der 1990er Jahre wieder zurück, nach Groove Armada (siehe oben) auch die Londoner von Faithless. Ich kann mich an einen grandiosen Live-Auftritt von ihnen auf dem Hurricane-Festival 2010 erinnern. Ich muss gleichzeitig zugeben, dass ich überrascht war von dieser Intensität, denn – auch wenn das bei so großen Tracks wie Insomnia recht klar sein sollte – war der musikalische Output da ja nicht mehr ganz so aufregend. Nach der Auflösung 2011 und der Reunion vier Jahre später (anlässlich zwei Dekaden Bandbestehens) ist ein neues Album da. Es ist, um es kurz zu fassen: sehr mäßig. Als wäre es nicht schlimm genug, dass Frontmann Maxi Jazz nicht dabei ist. Es handelt sich leider ebenfalls um Etikettenschwindel. Viele 90er-Sounds ohne Bezug zur Gegenwart. Früher wäre die Musik vielleicht super gewesen, heute entlockt sie einem nur ein schlichtes „Meh“!

Note: 3,3

https://faithless.co.uk/

 

 

Gorillaz – The Song Machine, Season One: Strange Times

VÖ: 23.10.2020

Label: Parlophone

Genre: Electro-/Synthie-Pop / R&B / Hip-Hop / (Alternative-)Rock

Das neue Werk von den Gorillaz – wieder mit einer Reihe an namhaften Gästen (Robert Smith, Beck, Elton John, Joan As Police Woman, Slowthai, der leider kürzlich verstorbene Tony Allen uvm.) – ist nicht als „klassisches“ Album zu verstehen, sondern als Sammlung von Singles und Videos, die eine gehörige Bandbreite an Genres abdeckt. Das ist in der Kombination der Features und der Sounds ein richtig interessantes Konzept, viele der Songs haben wieder dieses Potential, den Pop der Zukunft zu skizzieren, wie es schon einige in der Vergangenheit der Gorillaz getan haben (hört nur das zehn Jahre alte Plastic Beach und ihr wisst was ich meine). Spannend!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

https://www.gorillaz.com/

 

 

Adrianne Lenker – Songs And Instrumentals

VÖ: 23.10.2020

Label: 4AD

Genre: Folk / Lo-Fi

Ich kann hundertprozentig verstehen, weshalb diese beide Alben bei den Kritiker/innen so hoch im Kurs stehen, das ist Folk der Extraklasse. Es ist ja ohnehin schon so, dass die Band von Lenker – Big Thief – mit U.F.O.F. und Two Hands im letzten Jahr zwei großartige Werke im Feld von Indie- und Folk-Rock veröffentlicht haben. Jetzt hat sie sich – nachdem die Tour ihrer Formation im März abgesagt wurde und sie eine schmerzhafte Trennung hinter sich hatte – so wie damals Bon Ivers Justin Vernon – in eine einsame Hütte zurückgezogen und diese grandiosen Songs voller Wärme über u.a. Liebe, das Alleinsein und Wehmut aufgenommen. So ehrlich, so intim, so gnadenlos direkt war ein/e Künstler/in wohl lange nicht mehr! Dann noch die beiden Instrumentals, göttlich! Solltet ihr euch unbedingt anhören, liebe Leser!

Note: 1,7

https://adriannelenker.com/

 

 

Ela Minus – Acts Of Rebellion

VÖ: 23.10.2020

Label: Domino

Genre: Electro-Pop / Electronica

Der Oktober hält einige spannende Veröffentlichungen parat, vor allem im Bereich der Electronica. Ich bin so froh, dass ich auf das Debüt-Werk der Kolumbianerin Ela Minus aufmerksam gemacht wurde. Denn hier bekommt man eine wirkungsvolle, exzellent produzierte und in allen Belangen faszinierende Platte geliefert, auf der wunderbar Pop-Elemente in die Electro-Sounds eingearbeitet sind, diese sich spielend leicht zwischen ruhigen und nach vorne pumpenden Momenten bewegen. Dazu werden in den Texten durchaus sozialkritische Töne angeschlagen bzw. macht Ela Minus sich für junge Menschen stark. Nach der tollen Platte von Kitty Solaris folgt dieses Jahr noch eine weitere aufregende Veröffentlichung im Spannungsfeld von Electronica und Pop, soviel ist klar!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://elaminus.com/

 

 

Oneohtrix Point Never – Magic Oneohtrix Point Never

VÖ: 30.10.2020

Label: Warp

Genre: Electronica / Ambient / Experimental

Ja, ich weiß, ich habe eine Schwäche für elektronische Musik, aber es ist diesen Monat tatsächlich so, dass hier – wie oben erwähnt – einfach super Alben erscheinen, eben auch von den aufregendendsten Musiker/innen.  Auf Warp Records kommt nach Autechre (siehe oben) jetzt auch der wunderbare Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never mit einer neuen LP daher. Es werden Samples von Radio-Sendungen verfremdet und höchst effektiv mit Experimental-Electro-Ambient-Klängen kombiniert. Interessante Ode an das Medium Radio in all seinen Ausprägungen! Erinnert bestimmt nicht nur mich vom Sound her an die legendären Label-Kollegen Boards Of Canada!

Note: 2,0

https://pointnever.com/