Daft Punk – Discovery

VÖ: 12.03.2001

Label: Virgin

Genre: (Post-)Disco / Dance / Electronica

Ich weiß, ich habe das sagenhafte Debütalbum der French House-Ikonen schon an dieser Stelle gepriesen. Doch es ist mir gerade, nachdem Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter traurigerweise am 22. Februar ihre Trennung bekannt gegeben haben, ein Bedürfnis, ein weiteres, meiner Meinung nach immer noch unterschätztes Werk aus ihrer Diskografie zu erwähnen und in höchsten Tönen zu loben! Bei aller Klasse einiger Nachfolger von Homework (1997) kann es doch eigentlich nur eines sein, das da in Frage kommt, oder? Es ist vor kurzem 20 Jahre (!) alt geworden und ich wollte es gerade nach dem Split von Daft Punk unbedingt zum Geburtstag auf Platte geschenkt haben. Doch keine Chance, es war ausverkauft! Ich meine natürlich Discovery, das wahrscheinlich nicht nur mir in Erinnerung geblieben ist: wegen der absoluten Hits wie One More Time, wegen der ganzen öffentlichen Diskussion um den damaligen Stilwechsel des Duos von French House- zu Disco-Sounds, den im Anime gehaltenen Musikvideos (die damals im Musik-Fernsehen rauf und runter gespielt wurden), dem unbestreitbaren Nostalgie-Faktor und vielem mehr! Aber der Reihe nach. Ende 2000 erschien besagtes One More Time, das der ganzen Fan-Schar, die das damals knapp 4 Jahre alte Debüt Homework zurecht anbeteten, doch einige Irritationen bereitete. Wollte Daft Punk etwa (auch vor „Cheesiness“ nicht zurückschreckenden) Disco-Pop/R&B (und weiteres wie New Wave, Funk und Jazz) mit „richtigen Song-Strukturen“ machen? Jene Band, die den French House und allerlei „bollernde“ Electro-Sounds mit Brechern wie Around The World, Da Funk, Burnin‘ und vielen anderen einer größeren Hörerschaft zugänglich, auf unvergessliche Weise erfahrbar gemacht – und damit ein Genre geprägt – haben? Warum? Es waren einige, die das zunächst nicht akzeptieren wollten. Ich gehörte schon 2001 als musikalisch nun wirklich nicht gefestigter Teenie nicht zu jener Gruppierung. Ich liebte One More Time und natürlich das dann ein paar Monate später, im Frühjahr des Jahres erschienene Album  Discovery  schon immer, hörte es zu dieser Zeit schon rauf und runter. Auch in der Gegenwart, insbesondere nachdem die für mich irgendwie doch bestürzenden Trennung von Daft Punk, habe ich das Album auf CD – ja, in meinem Auto ist das noch möglich 😊 – nochmal in Dauerschleife laufen lassen. Es bleibt dabei, ich liebe diese Platte immer noch! Es wirkt zu keinem Zeitpunkt veraltet, die Sounds dröhnen so frisch wie anno 2001 aus den Boxen. Daft Punk haben damit etwas erneut geschafft, was sie mit Homework Ende der 1990er Jahre für den House erreichten. Sie beeinflussten mit den Sounds folgende Musiker-Generationen, machten Disco-Sounds wieder salonfähig im Pop, prägten den Produktionsstil usw. Warum wohl hat Kanye West sich ein Harder, Better, Faster, Stronger als Sample-Vorlage vorgenommen, um 2007 mit Stronger einen Hip-Hop-/Electronica-Crossover-Hit zu landen? Waren es vorher die Rock-Fans, denen mit Homework Electro-Klänge schmackhaft gemacht werden sollten, war es diesmal genau andersherum: jetzt sollte klar werden, dass Rock eben cool ist. Daft Punk haben es sowieso seit jeher verstanden, innovativ und gleichzeitig kommerziell erfolgreich zu sein. Ein Song wie Get Lucky mit Pharrell Williams und Nile Rodgers von ihrem letzten Studio-Album Random Access Memories (2013) spricht da wohl Bände, auf dem man sich ja dann erneut auf die Disco-Erforschungsreise begab. Auf Discovery wurden die Grundlagen geschaffen! Das Hit-Quartett um One More Time, Aerodynamic, Digital Love und Harder,Better,Faster, Stronger, die weiteren, ebenso  erfolgreichen Singles Face To Face und Something About Us, aber auch die „heimlichen“ Granaten wie Voyager, Superheroes oder High Life – ach alle Songs – sind von ihren Stimmungen jeweils so unterschiedlich und von ihren musikalischen Stilen her so vielfältig aufgestellt, sie runden ein unvergleichliches Album ab! Sehr traurig, dass diese Band sich aufgelöst hat, aber es bleibt auch hier die Musik. Hört unbedingt ihr absolutes Meisterwerk Homework, aber vergesst mir Discovery bitte nicht!

Note: 1,3

https://www.daftpunk.com/

                                

Floating Points, Pharoah Sanders & London Symphony Orchestra – Promises

VÖ: 26.03.2021

Label: Luaka Bop

Genre: Nu Jazz / Broken Beat

Treffen sich ein fantastischer Experimental-Electro-Produzent, eine Jazz-Koryphäe und eines der renommierten Orchester des Vereinigten Königreiches … Nein keine Angst, das ist kein billiger oder veralteter Musiker-Witz! Es soll vielmehr dazu dienen, sich einmal klarzumachen, mit was für einer Ausgangslage in künstlerischer Hinsicht wir es hier zu tun hatten und was für ein Resultat nun vorliegt! Beziehen wir uns zunächst einmal auf Sam Shepherd alias Floating Points, der mit Elaenia (2015) und Crush (2019) schon herausragende Werke veröffentlicht hat und auch mit seinen EPs, Soundtrack-Arbeiten und Compilations sowie seinen Live-Auftritten immer wieder für Erstaunen bei Fans und Kritiker/innen sorgte. Dann wäre da Pharoah Sanders, 80-jähriger US-Amerikaner, der unter anderem mit seiner Ehrfurcht gebietenden Technik des Saxophon-Spiels die unterschiedlichsten experimentellen Subgenres des Jazz revolutioniert hat und mit den ganz Großen wie John Coltrane gespielt hat. Dann noch das London Symphony Orchestra, das zu den ältesten und wichtigsten Orchestern Großbritanniens und weltweit zu zählen ist, dem in seiner Vergangenheit schon unzählige einflussreiche Musiker/innen angehörten (seit 2017 wird es zum Beispiel von Sir Simon Rattle dirigiert). Ich habe da im Vorfeld also schon mit Großem gerechnet! In diesem Zusammenhang könntet ihr euch vielleicht fragen, warum das Werk Promises nun also in der Rubrik „Kontrovers“ landet. Nun ganz einfach, ich habe mir die generellen Wertungen des Albums in verschiedenen Musik-Medien angeschaut. Die sind in der Mehrzahl überaus positiv, vielmehr preisen es einige als ein herausragendes Meisterwerk! Dies sehe ich eben genauso, ich würde es zweifellos in die ganz hohen Wertungsskalen packen. Es ist so, dass ich mir in einem Punkt sehr sicher bin: Promises ist in den 7 Jahren des Bestehens von hicemusic und damit in Anbetracht aller Veröffentlichungen, die in dieser Zeitspanne erschienen sind (d.h. abgesehen von den Alben, die ich in den „Classics rezensiert habe) eines der besten – höchstwahrscheinlich DAS BESTE – Album, über das ich an dieser Stelle geschrieben habe! Eines der Hauptargumente ist für mich, dass abgesehen von der Brillanz aller hier beteiligten Musiker/innen – die hier perfekt miteinander harmonieren und eine erhabene und atemberaubende Klangwelt introvertierten Charakters erschaffen – gerade angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignisse sich eines ausreichend genommen wird: ZEIT! Wann war das bitte das letzte Mal wirklich der Fall, dass Musik dich in andere, verschiedenen Stimmungszustände beschreibende Klangwelten mitnimmt, dich Zeit und Raum vergessen lässt und sich bewusst den aktuellen Trends verweigert? Ja, da muss man doch sicher länger überlegen, oder? Ich glaube, ich habe Floating Points bei aller Wertschätzung sogar noch unterschätzt, er hat mit Sanders und dem London Symphony Orchestra zweifelsfrei einen absoluten Meilenstein erschaffen! Was sagt ihr zu dem Album? Auf eure Reaktionen bin ich mehr als gespannt 😊

Note: 1,3 (mit Potential nach oben)

https://www.listentopromises.com/     

 https://www.pharoahsanders.com/

lso.co.uk/

PeterLicht – Beton und Ibuprofen

VÖ: 05.03.2021

Label: Tapete

Genre: Indie-/Electro-Pop

Na, wer erinnert sich von euch noch an eine Zeit, als kurz nach der Jahrtausendwende im Musik-Fernsehen auf Sendern wie – dem für meine musikalische Sozialisation äußerst wichtigen – VIVA Zwei ein sich in der Landschaft bewegender Bürostuhl zu sehen war? Nicht nur interessante und amüsante Bilder, sondern ebenso tolle elektronisch unterstütze Pop-Klänge waren zu vernehmen. Es handelt sich um den Indie-Hit Sonnendeck des Kölner Künstlers PeterLicht, über dessen Identität ja einige Zeit kaum etwas bekannt war (er zeigte sein Gesicht nicht, die ersten öffentlichen Fotos von ihm gab es ab 2006 herum). Das zugehörige Album Vierzehn Lieder (2001) gefiel mir ebenfalls sehr gut, gerade aufgrund der Musik, die sich über Pop und Electro hinaus ihren Blick auf weitere Genres richtete und in ihrer Erscheinungsform mannigfaltig war. Nicht zu vergessen sind die allgemein cleveren Texte, die vielleicht auf den einen oder anderen Hörer zunächst albern wirken könnten, in denen aber reflektierte Auseinandersetzungen mit sozialpolitischen Themen und der Natur des Menschen stecken. Und wenn nicht, dann sind sie halt einfach amüsant. Mein Favorit: „Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser / Die soll sich nicht so aufspielen die gelbe Sau“ (aus Lied gegen die Schwerkraft) 😊 Mich konnte zudem auch Lieder vom Ende des Kapitalismus (vor allem Wir werden siegen hat es mir angetan) überzeugen. So oder so, PeterLicht ist ein spannender und vielseitiger Künstler, der ja auch als Schriftsteller und Dramaturg tätig ist. Auf dem neuen Werk Beton und Ibuprofen geht es erneut zuvorderst um den Menschen, seine Lebensentwürfe, Ängste und Sorgen, seine Eigenarten an sich, ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus und seinen Folgen. Da erscheinen einige Textauszüge als Slogans oder Lebenstipps. Ein kleiner Auszug: „Wenn du traurig bist zieh deinen Mantel an und frag wen ob er dich nach Hause fährt / Wenn du kein Zuhause hast fahr besser nicht hin / Denn wenn du hinfährst (…) dann wirst du trauriger. Wenn du aber doch hinfährst schau wer im Haus drin ist / Manchmal ist das Haus okay es sind nur die falschen Leute drin.“ Ein weiteres klasse Album von PeterLicht!

Note: 2,3

https://www.peterlicht.de        

Beastie Boys – Hello Nasty

VÖ: 14.07.1998

Label: Capitol

Genre: Hip-Hop / Rap-Rock

Das war dann doch etwas kurios! Die damalige Freundin eines Freundes von mir hatte eher einen – nun ja – eher „gewöhnungsbedürftigen“ Musikgeschmack. Als ich einmal mit den Beiden im Auto unterwegs war, ertönten da doch tatsächlich Klänge von Mickie Krause, Jürgen Drews etc. Ist jetzt zugegebenermaßen nicht unbedingt meine Lieblingsmusik! Der Freund sagte daraufhin nur sowas wie: „Naja, aber sonst ist meine Freundin schon echt cool!“…Auf jeden Fall war ich damals in der gemeinsamen Wohnung der Beiden und schaute mir die Musik-Sammlung an. War da schon auf einiges gefasst, wurde zugegebenermaßen auch nicht „enttäuscht“, doch da entdeckte ich doch ein paar Schätze darunter, unter anderem eine wirklich tolle Single von Blumfeld – Graue Wolken (das auf dem tollen 2001er-Album Die Diktatur der Angepassten zu finden ist) – und eine weitere Platte:  Und das war eben eine, die mich aus vielerlei Gründen zum Staunen brachte. Unter anderem fragte ich mich: „Was macht das Album unter all den Mickie-Krausigen Tonträgern?“ Vor allem: „Waaas, die Beastie Boys haben mal Hardcore-Punk gemacht?“ Dieser Fakt war mir bis dahin verborgen geblieben. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie der Titelträger betitelt war (die 1982er-Harcore-Punk-EP Polly Wog Stew ist meines Wissens nach nicht mehr erhältlich). Wahrscheinlich war es eine Compilation. Für mich waren aber die Beastie Boys aus New York immer eine klare Hip-Hop Formation, die diesem Genre und in dem Sinne dem Rap-Rock entscheidende kreative Impulse gegeben hat und einige – mindestens fünf – unvergleichliche Meisterwerke vorgelegt haben. Da wären natürlich Licensed To Ill (1986), Paul’s Boutique (1989) und Ill Communication (1994) – letzteres mit dem legendären Sabotage (und dem zugehörigen grandiosen Spike Jonze – Video)! Und die beiden Tonträger, mit denen ich persönliche Erinnerungen verbinde. Check Your Head (1992) hätte ich hier an dieser Stelle auf jeden Fall erwähnen können. Mein Vater schenkte mr damals eine CD zum Geburtstag und ich hörte sie bis zum Umfallen! Was für ein sagenhaft gutes Werk! Apropos, bis zum Umfallen hören: mit einem Album von den Beastie Boys verbinde ich noch mehr Erinnerungen. Ich nahm es damals mit auf eine Klassenfahrt und es wurde so oft in den Spieler eingelegt, dass sie nachher total zerkratzt war. Es handelt sich um das 1998er-Werk Hello Nasty! Hier kommen die unterschiedlichsten Klänge, Beats, Melodien und Samples (eine wahre Fundgrube!) zusammen, die meisterhaft kombiniert und gewohnt grandios mit den Raps von Mike D, dem 2012 verstorbenen MCA (R.I.P.; nach seinem Tod löste sich die Band auf) und Ad-Rock unterlegt werden. Dazu dann die ganzen Mitwirkenden wie Money Mark, Mix Master Mike, Biz Markie  oder Lee „Scratch“ Perry! Unvergesslich ist – bestimmt nicht nur – für mich das Godzilla-artige Roboter-Video zum meisterhaften Intergalactic (das meiner Tante allerdings überhaupt nicht gefiel, die den von ihr gehörten Song in einem Telefonat mit Jemanden damals als „grauenhafte Musik“ betitelte)! Ach, da gibt es so Vieles! Für mich gerade aus sentimentalen und nostalgischen Gründen meine Lieblingsplatte der New Yorker! Die Beastie Boys waren grandios und es wirklich schade, dass es sie nicht mehr gibt! Aber die Musik bleibt uns! Zum Glück!

Note: 1,0

https://beastieboys.com/

Roosevelt – Polydans

VÖ: 26.02.2021

Label: City Slang

Genre: Synthie-/Dance-Pop / Electronica

Ich finde die Musik von Marius Lauber alias Roosevelt wirklich ziemlich gut. Von seinen Live-Qualitäten konnte ich mich vor ein paar Jahren in der Kölner Live Music Hall überzeugen. Von seinen Studio-Alben bin ich ebenfalls angetan. Gerade das selbstbetitelte Debüt (2016) hat mich vollends überzeugt, hatte es (mit u.a. mit Colours , Fever und Night Moves) wirklich kraftvolle Songs zu bieten, die moderne Electro-/Dance-Musik (im Stile von Hot Chip) mit Elementen des „klassischen“ Synthie-Pop (Human League, New Order etc.) und einer großen Portion Individualität zusammenführte. Der Nachfolger Young Romance bereitete mir ebenfalls richtig Laune, auch wenn er nicht ganz die Qualität des Erstwerks erreichen konnte. Nur oberflächlich betrachtet waren das marginal veränderte Zutaten im Vergleich zum Vorgänger, denn auf den Songs des Zweitlings wurde Ausschau nach weiteren Stilrichtungen gehalten. So stellt sich anlässlich der Veröffentlichung des dritten Studio-Albums Polydans die Frage, ob und inwieweit Roosevelt sich musikalisch weiterentwickelt. Ich muss zugeben, dass ich gerade nach dem ersten Hören ein bisschen den Eindruck gewonnen hab, dass der 30-Jährige sich nun doch wiederholt, im Grunde genommen ähnliche Songs produziert hat, die sich letztlich nicht wirklich voneinander unterscheiden. Das ist ja teilweise auch in einzelnen Kritiken zum Album zu lesen. Das wird Polydans meiner Meinung nach (vor allem nachdem ich es ein paar weitere Male gehört habe) dann doch nicht richtig gerecht. Denn hier wird fleißig, aber nicht unoriginell – die Geschichte der Electro-/Dance-Historie zitiert, u.a. gibt es hier eindeutige Referenzen auf die (genialen und sich entsetzlicherweise kürzlich aufgelöst habenden) Daft Punk und ihre Sounds der Random Access Memories-Phase. So mancher Song vermittelt Energie und Originalität und verarbeitet originell verschiedenste Musikstile. Vor allem wird hier zum Glück nicht alles nur mit purer Ernsthaftigkeit angegangen wird, eine ordentliche Prise (1980er-)Nostalgie und Kitsch wird mit draufgepackt! Das kann man doof finden und ist vielleicht letzten Endes nicht wirklich originell, aber ich bin der Meinung, dass man es Roosevelt keinesfalls übelnehmen kann, dass er uns in diesen Zeiten Fröhlichkeit und Lust aufs Tanzen vermitteln möchte. Ich finde Polydans schwer in Ordnung! Wie findet ihr das Album? Auf eure Meinungen bin ich gespannt 😊

Note: 2,3

https://www.iamroosevelt.com

Mouse On Mars – AAI

VÖ: 26.02.2021

Label: Thrill Jockey

Genre: Electronica / Experimental

Für mich persönlich spielt die „Köln-Düsseldorf-Allianz“ Mouse On Mars innerhalb des klanglichen Spektrums der Experimental-Elektronik (die ja unter anderem auch IDM – „Intelligent Dance Music“ –  genannt wird) in derselben Liga wie internationale Größen, sagen wir mal Aphex Twin, Burial oder Four Tet. Davon abgesehen kennt man das Duo um Jan St. Werner und Andi Toma über Landesgrenzen hinaus. Zu Recht, denn sie spielten beispielsweise schon Shows auf allen Teilen der Erde, engagierten sich im Rahmen des Goethe-Instituts oder förderten mit ihrem Label sonig spannende Künstler/innen aus den verschiedensten Bereichen, sowohl in geographischer als auch in soundtechnischer Hinsicht. Das Erforschen und Experimentieren, die stete Bewegung in ihrer Musik sind und bleiben ein Markenzeichen.  Die vielen fantastischen Werke, unter anderem Studio-Album-Klassiker wie Iaora Tahiti (1995), Niun Niggung (1999), Radical Connector (2004) oder das von mir persönlich überaus geschätzte Idiology (2001) geben Zeugnis davon. Nicht zu vergessen die klangliche Experimentierfreude auf ihrer fabelhaften letzte Platte Dimensional People (2018), die ihr Leser hier zum Album des Monats gewählt habt. Nun ist ein weiteres Werk von Mouse On Mars erschienen. Es heißt AAI, was als Abkürzung für „Anarchic Artificial Intelligence“ steht. Allen – darunter auch jene, die der Electronica eher skeptisch gegenüberstehen – wird hier eine Möglichkeit gegeben, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, wie Maschinen Musik produzieren. Ist sie wirklich derartiges wie kalt, hart und unzugänglich? Oder gibt es da andere Facetten, die eine Rolle spielen? Auf Grundlage der Theorien des Wissenschaftlers Louis Chude-Sukei, dessen Aussagen im O-Ton Mouse On Mars unter anderem mithilfe einer Software neu angeordnet haben, werden hier unterschiedlichste Experimente vorgenommen und in Track-Form auf dem Album zusammengefasst. Ein höchst ambitioniertes Projekt, dessen Resultat mich wirklich begeistert. Mouse On Mars bleiben mit ihrer Herangehensweise an Musik weiterhin aufregend, zeitgemäß und vielseitig, was mit AAI eindrucksvoll bestätigt wird. Wahnsinn!

Note: 2,0

http://www.mouseonmars.com/

Mouse on Mars "AAI" Unboxing from Thrill Jockey Records on Vimeo.

 

Black Country, New Road – For The First Time

VÖ: 05.02.2021

Label: Ninja Tune

Genre: Post-Punk / Experimental-Rock

Post-Punk ist auch im Jahr 2021 weiterhin angesagt, hier bei hicemusic wurde darüber berichtet. Einige vielversprechende oder längst etablierte Bands, vornehmlich aus Großbritannien, nehmen mit ihren Werken Stellung zu sozialpolitischen Themen und geben ihrer Wut auf verschiedene Weise Ausdruck. Wenn dann noch eine Veröffentlichung über eines meiner liebsten Labels auf den Markt geworfen wird, werde ich natürlich erst recht hellhörig, unabhängig von den ohnehin schon vielen Lobeshymnen, die von vielen Kritiker/innen derzeit angestimmt werden. Bei Ninja Tune, auf dem seit jetzt schon 30 Jahren Musik aus dem (experimental-)elektronischen Bereich und dem Hip-Hop veröffentlicht wird, ist man halt immer mal für Überraschungen gut, darüber hinaus in die Weiten verschiedenster Stilrichtungen zu schauen. Black Country, New Road ist eine seit 2018 bestehende Formation aus London, die bereits im Vorfeld schon spannende Singles aufgeboten hat. Die nun vorliegende Debüt-Studio-LP – passend For The First Time betitelt – ist nicht nur musikalisch unheimlich breit aufgestellt und bietet progressive, straighte Ausflüge in Punk, Experimental-/Post-Rock und Jazz, sondern ist auch thematisch universell. Das Septett, dem unter anderem Tyler Hyde, Tochter von Karl Hyde (Underworld), angehört – offenbart eine äußerst direkte, sarkastische Herangehensweise, wenn es sich mit sozialer Ungleichheit und den Problemen der heutigen Jugend auseinandersetzt. Da kann es durchaus sehr persönlich werden! Ich kann nur sagen: der Hype ist total gerechtfertigt! Fragt sich nur, wie gut For The First Time wirklich ist. Für mich schon jetzt ein Hammer! Man nehme nur Opus, in dem unter anderem Strukturen des Balkan-Pop grandios eingearbeitet sind!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://blackcountrynewroad.com/

Bicep – Isles

VÖ: 22.01.2021

Label: Ninja Tune

Genre: Electronica

Da habe ich mich schon ziemlich geärgert damals, als mir dieses phänomenale selbstbetitelte Debüt (2017) des nordirischen Duos Bicep durch die Lappen gegangen ist (immerhin war es mir eine „besondere Erwähnung“ in den Jahreslisten damals wert). Und nicht nur das, auch die ganzen Veröffentlichungen in Form von EPs und Singles vorher, die sie seit 2010 herausbrachten, habe ich ignoriert. Komisch, denn einerseits handelt es sich genau um jene Form elektronischer Musik, die mir gemeinhin zusagt, und andererseits erschien die Musik seit 2017 bei einem meiner liebsten Labels, nämlich Ninja Tune. Immer wieder gab es höchst spannende Ausflüge in die unterschiedlichen Bereiche der Electronica, egal ob Chicago-House, Detroit-/Italo-Disco oder Mid-/Late 90’s-Electro-Stile, gemixt mit Ambient sowie psychedelischen und rhythmisch komplexen Strukturen/Texturen. Aber immerhin, jetzt das zweite Studio-Album ist mir mal nicht entgangen, ging ja auch kaum nach dem besagten Debüt! Nun: jetzt ist es so, dass die Kritiken nicht einhellig positiv sind, es gibt auch durchaus Bewertungen, in denen es im mittleren Segment angesiedelt ist. Selbst ich habe etwas erlebt, was sich in dieser Form schon lange nicht mehr hatte, ich habe meine Meinung komplett geändert! War ich nach den ersten Hördurchläufen eher desinteressiert, bin ich innerhalb von ca. einer Woche plötzlich überaus überzeugt von Isles, und frage mich, wie ich mal anderer Meinung sein konnte! Atmosphärisch dichte, charakterlich vielseitige Klänge, die den Hörer wieder in die ruhmreiche Vergangenheit der Electro-Musik – u.a. ambitionierte 90er-Sounds der Warp-Schule, Dubstep und Rave – zurückführen. Ich finde es richtig gut! Aber was sagt ihr zu dem Album? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt 😊

Note: 2,0

https://bicepmusic.com/

Rhye – Home

VÖ: 22.01.2021

Label: Caroline

Genre: (Sophisti-) Pop / Contemporary R&B / Soul

Gerade in diesen Zeiten – aber natürlich auch darüber hinaus – bin sicher nicht nur ich eher für die optimistisch-gestimmten, leicht-lockeren, gemütlichen Töne zu haben. Im Bereich des Films und der Serie habe ich da die Tendenz, möchte lieber die Geschichten sehen, die mir im Stile eines Little Miss Sunshine oder Almost Famous (einer meiner Lieblingsfilme) eher vermitteln, dass Werte wie Familie, Freundschaft, Liebe und Glück im Leben zählen. Generell gesehen sind es auch Momente wie zuletzt bei The Mandalorian Baby Yoda zu sehen, die mir Freude bereiten. Im Bereich der Musik war es letztens sicherlich kein Zufall, dass ich das Live-Album von Belle & Sebastian (von euch gerade zum Album des Monats Dezember hier bei hicemusic gewählt) so toll fand und es mir einige Male angehört habe. Wenn da jetzt der kanadische Künstler Mike Milosh mit seinem Projekt Rhye ein Album veröffentlicht, das Home heißt, bin ich schon neugierig. Musikalisch gibt es das ja her, rangieren die Klänge, die er produziert, im Großen und Ganzen im Feld von Pop/R&B und Soul (mit Elementen aus Jazz, Funk und Electronica u.a.), die von vornherein wohl eher Wärme vermitteln. Es werden auch thematisch positive Aspekte in den Fokus gerückt, Liebe und Sex aus unterschiedlichen Perspektiven in all ihren Ausdrucksformen beleuchtet. Das gefiel mir vor allem auf dem noch mit Ex-Mitglied Robin Hannibal entstandenen Debüt Woman (2013), mit klasse Songs wie Open und The Fall. Nach den beiden okayen Nachfolgern Blood (2018) und Spirit (2019) war ich wie bereits erwähnt neugierig, was Home aufbietet. Milosh bezieht den Titel auf das Persönliche, da er in Los Angeles seine Heimat gefunden hat und eben die positiven Erfahrungen in dem Zusammenhang in den Vordergrund gerückt werden. So habe ich mit der Annahme des Optimistischen natürlich nicht falsch gelegen, denn auch die Liebe und die Leidenschaft erscheinen hier im selbigen Licht. Über das Musikalische lässt sich sagen, dass die Songs erneut super instrumentiert sind, die Sounds bei aller Unaufgeregtheit trotzdem oder gerade deswegen schön zu hören sind. Gefällt mir im Gesamten, aber wahrscheinlich auch kein Wunder, oder?

Note: 2,3

https://www.rhyemusic.com/

Brandão, Faber, Hunger – Ich liebe Dich

VÖ: 11.12.2020

Label: Two Gentlemen

Genre: Folk / Indie-Pop

Geht einmal bitte in euch und denkt an ein von allen Kritikern geliebtes Album, das euch beim besten Willen nicht gefallen möchte oder zumindest nicht so zusagt wie ihr es euch wünschen würdet. Bei den wirklich „großen Platten“ ist das ja manchmal gar nicht so schwer. Denn auch wenn unter Umständen die musikalische Klasse nicht abzustreiten ist, so spielt ja natürlich das individuelle Geschmacksempfinden, also das Subjektive, eine Rolle. Mir beispielsweise geht es so, dass ich – no offence – nicht mit den Songs von Leonard Cohen – abgesehen von Hallelujah – warm werde. Nun gut, da wird euch sicherlich auch der/die ein(e) oder andere Musiker/in einfallen. Wie ist das dann bei den Platten, die noch nicht so den „Klassiker“-Status aufweisen, die aber von Kritiker/innen über alle Maße geliebt oder zumindest äußerst lobend erwähnt werden? Kommen wir in diesem Zusammenhang auf Ich liebe Dich, die schweizerische Gemeinschaftsarbeit von Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão (sonst in der Formation Frank Powers, seit 2020 auch solo und in der Band Hungers aktiv) zu sprechen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich bin ein großer Bewunderer von den Arbeiten Hungers – erst dieses Jahr hat sie mit Halluzinationen ein exzellentes Album veröffentlicht. Fabers Musik ist ebenfalls toll und schön individuell gehalten (mit oft klar formulierten Statements zu sozialpolitischen Themen). Okay, mit der Musik von Brandão müsste ich mich ohnehin mehr befassen. Aber: bei dem Gemeinschaftswerk haben wir es bei mir mit dem oben erwähnten Fall zu tun, dass ich trotz der überaus positiven Reaktionen der Musikkritik nicht mit in den Kanon der Lobeshymnen einstimmen kann – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Und das liegt selbstverständlich nicht daran, dass ich das schweizerdeutsch kaum verstehe. Auch nicht an den wirklich wundervoll abwechslungsreichen Instrumentationen oder den minimal gehaltenen Folk-Strukturen. Nein…ich weiß es einfach nicht genau, warum ich – mit Ausnahme des Songs Ich liebe Dich, Faber – nicht ganz warm werde mit dem Album. Doch ich bleibe noch ein bisschen zurückhaltend. Vielleicht wird das noch. Oder bin ich eh auf dem falschen Dampfer? Was haltet ihr von dem Werk? Auf eure Reaktionen bin ich gespannt!

Note: 2,7 (eventuell mit Potential nach oben)

https://www.facebook.com/dino.brandao.yo/

https://fabermusik.de

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