Isolation Berlin – Geheimnis

VÖ: 08.10.2021

Label: Staatsakt

Genre: Indie-Pop/-Rock

Das Faszinierende für mich an deutscher/deutschsprachiger Pop- und Rock-Musik – und ich betone dabei: sie muss nicht zwangsweise aus dem Indie-Bereich kommen – ist oft, dass sie mich packt, wenn sie einmal gutes Songwriting aufweisen kann und vor allem von den tradierten, „radiophilen“ Strukturen abweicht. Das war bei mir in der Vergangenheit nahezu immer so. So habe ich letztens in zwei Shows der hicemusic Live Show mich einigen deutschsprachigen Songs gewidmet, die wahrlich den verschiedensten Genres entsprangen, aber auf jeweils unterschiedliche Weise ihren Eindruck hinterließen. Da gab es ja auch so einige Spielarten. Man denke nur an die ganzen Bands der Hamburger Schule, die aufgrund ihrer Texte, die auf unvergleichliche Weise mit der deutschen Sprache experimentierten – der Slogans, ihrem generellen Appeal für viele Hörer/innen u.a. – bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Und es musste ja nicht unbedingt (sozial)politisch oder intellektuell sein. Okay, auch in anderen Genres nicht. Die Band Isolation Berlin um Frontmann Tobias Bamborschke, die insbesondere im Bereich von Indie-Pop/-Rock und Post-Punk musizieren, habe ich vor kurzem im Radio vorgestellt, mit ihrem grandiosen Fahr weg (aus dem meisterlichen 2016er Werk Und aus den Wolken tropft die Zeit). Die aus der Bundeshauptstadt stammende Formation hat nun ihr viertes Album Geheimnis veröffentlicht, das mich – ähnlich wie die wundervollen Vorgänger – erneut aufgrund des souveränen Umgangs mit Sprache, der herrlichen offenen, sarkastisch-humorvollen Art der Abrechnung mit alltäglichen Problemen, Phänomenen und Klischees sowie dem unvergleichlichen Können, detailverliebte und vielseitige Melodien zu erschaffen, fasziniert. Mein absolutes Highlight und wahrscheinlich auch schon Songs des Jahres ist Enfant Terrible, in dem aus der Sicht eines Künstlers erzählt wird, der wahrhaft schwerlich seine inneren Gedankengänge und seine für die Mitmenschen scheinbar nicht zu ertragenden Art zu reflektieren versteht. Absolut großartig! Aber auch andere Lieder wie der Titelsong, (Ich will so sein wie) Nina Hagen, Ich hasse Fußballspielen, Stimme Kopf oder Private Probleme sind außergewöhnlich. Ganz sicher eines meiner Alben des Jahres, ohne Zweifel!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.isolationberlin.de/

 

              

Die Ärzte – Dunkel

VÖ: 24.09.2021

Label: Hot Action

Genre: Punk-/Alternative-Rock / Pop-Punk

Es ist nicht einmal ein Jahr her, als die Ärzte das wirklich gelungene Comeback-Album Hell nach 8 Jahren Platten-Pause vorlegten. So schrieb ich damals: „(…) vor allem die Texte sind wirklich gut geraten, mit gewohnt bösen, bissigen, ironischen und lustigen Stellungnahmen zu Politik und Gesellschaft. Natürlich fehlt da nicht der Klamauk, aber es sind eben diese direkten Statements zu zum Beispiel Rechtsextremismus, Schönheitswahn oder Chris Hemsworth, die mir imponieren.“ Vor allem möchte ich in diesem Zusammenhang betonen, dass mir der klamaukige Stil gerade bei den Ärzten sehr oft ja auch gefallen hat. Vor allem dann, wenn jeglicher Respekt gefehlt hat, der Humor mehrere Ebenen aufbot und hinter dem Ganzen eben besagte bissige Kommentare zu zeitgemäßen Geschehnissen und Entwicklungen steckten. Jetzt ist der Gegenpart zu Hell – ja Dunkel eben – erschienen. Und dieser Nachfolger ist mit gemischten Kritiken bedacht worden, was ich total nachvollziehen kann. Irgendwie bleibt kaum eine Textzeile bei mir hängen, kaum ein Song hinterlässt mit seiner Melodieführung Eindruck. Es wirkt alles so verkrampft, gerade im direkten Vergleich zu Hell. Nein, Dunkel ist für mich keine Katastrophe, das Album ist schon gut produziert, dennoch bleibt wie gesagt kaum etwas hängen. Und das ist schon – vielleicht auch aus meinem Respekt für Die Ärzte heraus – enttäuschend für mich. Was sagt ihr zu dem Album? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!

Note: 3,0

https://www.bademeister.com/aktuell

Sufjan Stevens & Angelo De Augustine – A Beginner’s Mind   

VÖ: 24.09.2021

Label: Asthmatic Kitty

Genre: Indie-Folk/-Rock / Lo-Fi

Ich schreibe es auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Sufjan Stevens gehört – neben Conor Oberst (von u.a. Bright Eyes) – zu meinen Lieblingskünstlern im Spannungsfeld von Indie-Rock und Folk (zumindest von den heute auch noch aktiven)! Es wird sich halt nicht nur in diesen klanglichen Bereichen aufgehalten, sondern man hält sich offen für weitere musikalische Gefilde. So ist es auf einer meiner absoluten All-Time-Lieblings-LPs, dem meisterhaften Illinois (2005). Es gibt ja darauf nicht nur nachdenkliche und melancholische, sondern auch die wahrlich bombastischen Momente, ein Riesenfest! War ja ein Teil von Stevens‘ (angeblichen) „großen Projekt“: der Widmung von ganzen Alben für jeden einzelnen US-Bundesstaat. Am Ende waren es letztlich 2, neben besagten Illinois das nicht minder beeindruckende Michigan (2003). In letzter Zeit habe ich ehrlich gesagt ein bisschen den Überblick über die Veröffentlichungen und Kollaborationen des 46-jährigen US-Amerikaners verloren, ich fand auch nicht alles großartig seit dem Meisterstreich Carrie & Lowell (2015). Aber dann kommt Sufjan Stevens für mich unvermittelt mit einem riesigen Werk herbei, einem gemeinsamen Projekt mit dem Folk-Künstler Angelo De Augustine. A Beginner’s Mind glänzt mit hochqualitativen Kompositionen. Die Melodien sind detailverliebt ausgearbeitet, man nimmt sich genug Zeit und lässt die sie auf den Hörer wirken. Stevens und De Augustine haben sich erneut mit vielseitig angelegten Themen auseinandergesetzt, die generell gesellschaftlich relevant sind, aber es kann auch recht persönlich werden. Vor allem Popkultur – insbesondere die Kinogeschichte – spielt hier eine gewichtige Rolle, wenn klassische und kultige Filme wie Das Schweigen der Lämmer behandelt und einer gerne auch mal kritischen Neubewertung unterzogen werden. Faszinierendes und schillerndes Werk!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)     

https://music.sufjan.com/

https://angelodeaugustine.com/

Little Simz – Sometimes I Might Be Introvert

VÖ: 03.09.2021

Label: AGE 101

Genre: Hip-Hop / Soul / R&B / Jazz

Ich habe es hier an dieser Stelle schon oft geschrieben, dass vom Hip-Hop tatsächlich noch große Impulse ausgehen, da die sozialpolitischen und andere relevante Themen gerade in diesen Zeiten sicherlich nicht fehlen. Angesichts der auch heute noch bestehenden Vorwürfe gegen die Künstler/innen des Genres, dass Stereotype es dominieren, da muss so ein Hinweis doch stets erlaubt sein. Gerade jetzt, wo ich das fantastische Album Sometimes I Might Be Introvert der 27-jährigen Britin Little Simz gehört habe, ist das geradezu unausweichlich. Schon vor zwei Jahren, als ihr ebenfalls wundervolle Drittwerk Grey Area erschienen ist (dem ich vielleicht noch etwas mehr Aufmerksamkeit hier hätte widmen können), ist mir folgendes aufgefallen: „(…) hier wird so unverkrampft performt, sich so untypisch ehrlich mit den eigenen Ängsten und Sorgen in den Texten auseinandergesetzt. Wer aber glaubt, diese Frau sei nicht kritisch oder selbstbewusst, der ist ja mal so was von auf dem falschen Dampfer!“ Das sollte man auch für den Nachfolger so stehen lassen, Little Simz weiß, wie sie die aktuell relevanten Themen in den Fokus nehmen kann und diese reflektiert behandeln und die entsprechenden Erkenntnisse so bestechend in Worte fassen kann. So authentisch und unerschrocken, so klar ausformuliert! Neben den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen werden auch wieder persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse eingearbeitet, wenn sie beispielsweise die Beziehung zum Vater aufarbeitet oder die familiären Wurzeln beleuchtet. In musikalischer Hinsicht ist Sometimes I Might Be Introvert gleichfalls überaus beeindruckend, mit dieser perfekten Symbiose aus Hip-Hop, R&B, Soul, Jazz, Electronica und traditionellen afrikanischen Musik-Elementen sowie genial-epischen instrumentalen Arrangements. Absolutes Highlight dieses Jahres, jetzt schon!             

Note: 1,7 (mit Potential nach oben)

         

Lorde – Solar Power

VÖ: 20.08.2021

Label: Universal

Genre: (Psychedelic-/Folk-/Indie-)Pop

Wow, das sind doch tatsächlich wieder vier Jahre her, als das grandiose Melodrama erschien, ein (nach dem ebenfalls exzellenten 2013er-Debüt Pure Heroine) wohl kaum zu verhehlendes Statement in Sachen Pop mit klar definierten eingängigen als auch komplexen musikalischen Strukturen sowie smarten und doppelbödigen Texten! Was waren das für geniale Melodien in Songs wie Green Light, Perfect Places, Homemade Dynamite, Liability oder Sober! Da hat die damals 20-Jährige Lorde es wunderbar geschafft das Genre des Pop und dessen vielen Subgenres zu beleuchten und deren Essenzen zu einem einheitlichen Ganzen zu verschmelzen. Dazu textlich mit einem feinsinnigen Gespür für die Alltagserlebnisse und -sorgen von Teens und Twens, klar kann man sich nur als eine Stimme einer Generation empfehlen und letztendlich positionieren! Nun gut, da kann so ein drittes Werk schon etwas Zeit in Anspruch nehmen. Die Neuseeländerin suchte erneut Jack Antonoff auf, der schon besagtes Melodrama mitproduziert hatte. Und was ist das Ergebnis? Die Kritiken sind plötzlich im Gegensatz zum vielgefeierten Vorgänger höchst zwiespältig ausgefallen. Das gilt für die internationalen Magazine, allerdings auch für diejenigen in Deutschland. Yannik Götz von laut.de beispielsweise gibt der Review von Solar Power die Überschrift „Weltuntergangs-Stimmung für ein Nickerchen“, während im Musikexpress Julia Lorenz schreibt, es sei „(…) eine fantastische Platte darüber, wie sich eine Frühvollendete ein Westküstenfolkalbum vorstellt, dabei aber Kind ihrer Zeit bleibt.“  Ich selbst wusste schon im Vorfeld über diese gemischten Reaktionen Bescheid, doch – so war zumindest der Versuch – wollte ich davon unbeeinflusst bleiben. Ich weiß nicht, ob es mir wirklich gelungen ist. Was ich feststellen muss ist, dass mir leider kaum ein Song in Erinnerung geblieben ist. Irgendwie ist der Sound schon immer noch vielseitig in Folk- und Psychedelic-Gefilden angesiedelt, doch es fehlt mir irgendwie die Zugkraft eines Melodrama. Klar ist eine Hinwendung zu neueren Sound-Gebieten zu begrüßen, in diesem Fall zu von akustischen Instrumenten getragenen, generell minimalistisch anmutenden Melodien. Auch die Texte sind weiterhin hintergründig, mit ihrer Beschäftigung mit persönlichen Angelegenheiten Lordes (z.B. dem Älterwerden) sowie gesellschaftlichen Phänomenen – alles mit einer angenehmen humorvollen Herangehensweise. Doch irgendwie bekommt es mich nicht. Vielleicht sind weitere Hördurchgänge notwendig! Wie geht es Euch? Was haltet ihr von ihrem neuen Werk? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!         

Note: 3,0 (eventuell mit Potential nach oben)

https://www.lorde.co.nz/

Jungle – Loving In Stereo

VÖ: 13.08.2021

Label: Caiola

Genre: Dance / Nu-Disco / Funk / Neo-Soul

Wie schnell 7 Jahre doch mal so ins Land ziehen, und ich beziehe das nicht auf dem Umstand, dass Deutschland Fußball-Weltmeister oder dieser Blog hier gegründet wurde. Denn es ist ebenso lang jetzt schon her, seit das wirklich zackige selbstbetitelte Debüt der Briten Jungle erschien. Das bot eine erstaunliche Reihe an Hits von Platoon, The Heat über Busy Earnin‘ bis zu Time. Und das waren nur die Singles! Erstaunlich wie leichtfüßig und gekonnt um die musikalischen Pole Neo-Soul, Dance, (Nu-)Disco, Pop, etwas Rock und Funk balanciert wurde, ohne dass Langweile oder Gleichförmigkeit festzustellen waren. Eingängigkeit mit einer unbändigen Experimentierfreude gepaart, mit dem klaren Auftrag: „Los, tanz jetzt!“. Nun, das Nachfolge-Werk For Ever (2018) setzte auf ein ähnliches Prinzip, wobei zwar nicht ganz die Klasse des Debüts erreicht wurde, aber die erwähnte Experimentierfreude und Hittauglichkeit nicht verloren gingen. Auf dem dritten Album bewegt man sich weiterhin nicht weg von den bereits eingeschlagenen Sound-Pfaden. Das mag dann irgendwann langweilig werden – so ist es ja teilweise in manchen Reviews zu lesen –, doch mir taugt das immer noch. Neben der bereits in vielen Kontexten verwendeten Hit-Single Keep Moving gefällt mir die Message, die in etwa so lautet: „Vergesst den ganzen Scheiß wie Corona, tanzt drauf los!“ Oder so ähnlich…Wie kann denn bitte Jungle dann etwas übelnehmen? Eben!

Note: 2,3  

https://www.junglejunglejungle.com/

Darkside – Spiral

VÖ: 23.07.2021

Label: Matador

Genre: Electronica / Experimental / Ambient

Es war ja auch im Genre der Electronica – wie in so ziemlich jeder musikalischen Spielart (wie dem Rock) irgendwann einmal so weit – zumindest in einigen der Subgenres -, dass die kreativen Tage etwas zurück lagen und bestimmte Sounds nicht mehr ganz so frisch klangen wie in der erfolgreichen Anfangszeit. Man nehme nur mal den Big Beat, der ja ab Anfang/Mitte der 1990er Jahre mit so Acts wie The Chemical Brothers, The Prodigy oder Fatboy Slim ordentlich Fahrt aufnahm und dann aber spätestens im Verlauf der 2000er Jahre an Attraktivität wieder verlor. Nun gut, dann kommen aber immer wieder neue Innovationen und frische Ideen, die in weiteren Subgenres ihren Ausdruck finden.  Im Electronica-Bereich sind da ja immer noch die Möglichkeiten gegeben, und da kommt auch so einiges. Gerade ein Mann hat sich da in den letzten Jahren sehr hervorgetan: Nicolas Jaar. Als Solo-Künstler auf Alben (wie dem 2011er-Meisterwerk Space Is Only Noise), Remixes, Compilations und diversen anderen Erscheinungsformen. Aber auch als Against All Logic oder als Darkside. Letzteres ist ein Projekt mit dem ebenfalls vielseitigen und umtriebigen Dave Harrington, das uns 2013 das grandiose Psychic schenkte. Darauf wurde experimentelle Elektronik sowohl mit vom Grundcharakter progressiv wirkenden als auch „mainstreamigeren“ Rockstrukturen sowie Ambient zusammengeführt. Nach ein paar weiteren Veröffentlichungen – u.a. als Daftside das Remix-Album Random Access Memories Memories (des letzten Daft Punk Werkes, wie der Titel es schon vermuten lässt) – war dann 2014 leider erst einmal Schluss! Doch seit 2018  ist das Duo wieder aktiv und legt mit Spiral das Zweitwerk vor, auf das – im Gegensatz zum vielgelobten Erstling – von der Kritik im Vergleich nicht ganz so  leidenschaftlich reagiert wurde. Vielleicht ist es allerdings auch etwas schwer dieses hohe Niveau zu bestätigen. Im Grunde werden die Experimente weiter vertieft, mit höchst spannenden klanglichen Exkursionen in World Music, Pop, ambitionierten Rock und entspannten Passagen in Psychedelia, Ambient und Folk sowie vieles mehr. Im Gesamteindruck ist das nicht ganz so bestechend wie auf besagtem Psychic, doch meiner Meinung nach ist es trotzdem ein fantastischer Nachfolger. Weiterhin großartig produziert, die Songs zeichnen sich durch Ideenvielfalt und einen unheimlich überzeugenden Willen zum Wagemut aus. Was haltet ihr vom Album? Seid ihr eher enttäuscht, ist es euch gleichgültig oder seid ihr ebenfalls begeistert? Auf eure Reaktionen bin ich gespannt 😊

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.darksidetheband.com/

 

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Gschichterln aus dem Park Café

VÖ: 09.07.2021

Label: Tapete

Genre: Pop / Northern Soul

Ich habe ja hier bei hicemusic schon zu Genüge erwähnt, dass mir ein paar deutschsprachige Bands mit ihren humorvollen und ironischen, immer hintergründigen Texten sowie ihren Referenzen auf alltägliche, pophistorische und sozialpolitische Ereignisse oder Phänomene imponieren. Dazu gehörten zum Beispiel die Hamburger Formation Superpunk, die einige tolle Alben vorlegten, unter anderem das geniale Wasser Marsch (2001, mit Songs wie Neue Zähne für meinen Bruder und mich), das ebenfalls grandiose Einmal Superpunk, bitte (2004) oder die wirklich ausgezeichnete Compilation A Young Person’s Guide To Superpunk (2012). Letztere war ja dann leider auch das Abschiedsgeschenk. Allerdings gibt es da ein paar Herren (Carsten Friedrichs und Tim Jürgens) dieser Band, die dann eine Nachfolge-Formation gründeten, die so ein bisschen den Spirit der alten Tage aufleben ließ. Anlehnend an einen äußerst trashigen Film mit Sean Connery wurde Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen aus der Taufe gehoben. Da kommen mit den Klängen wohlige Erinnerungen an Superpunk hoch, wobei ein eigenständiger Charakter der Musik nun wirklich nicht abzusprechen ist. Nun, da sind seit 2012 ein paar wirklich gute Werke erschienen, die ganz im Sinne des Bandnamens ebenfalls eine humorvolle Herangehensweise an popkulturelle und sozialpolitische als auch generell Alltags-Themen aufgezeigt haben. Den Vorgänger des hier besprochenen Albums – Fuck Dance, Let’s Art (2019) – habe ich beispielsweise sehr geschätzt. Das neue Werk Gschichterln aus dem Park Café  unterscheidet sich erneut nicht durch die Herangehensweise, hat aber wieder – dem österreichischen Titel gemäß – schön gewitzte Geschichten mit neuen thematischen Perspektiven zu bieten und macht einfach wieder Spaß mit Songs wie Es ist nett, nett zu sein, Yo Zwanie, Houston, wir haben kein Problem, 2020 – Das erotische Jahr oder Rebekka will ihr Rad zurück. Einige schöne Melodie-Ideen (z.B. in Richtung 60er-Agentenmusik) inklusive! Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen gehört wie Superpunk eben auch zu meinen geschätzten deutschen Bands!

Note: 2,3

http://diegentlemen.de/

Laura Mvula- Pink Noise

VÖ: 02.07.2021

Label: Warner

Genre: (Electro-)Pop / R&B / Synth-Funk     

Retro bleibt in der Pop-Musik das große Ding, warum auch nicht? Immer wieder werden Stilrichtungen der vergangenen Dekaden mal mehr mal weniger bestechend rezitiert und erscheinen im neuen Licht. Letzteres ist ja eigentlich schon eine Voraussetzung, denn es funktioniert nun mal eher nicht, wenn schlicht kopiert wird. Stile wie Soul und R&B werden in unterschiedlichen Klangkontexten präsentiert, ja gerne auch in Verbindung mit Electro-Sounds. In den letzten Jahren war beispielsweise der 80’s-Soul-Funk-Disco-Pop im Stil eines Prince oder von Michael & Janet Jackson wieder ein Thema. Da kommen einem die stilvollen Experimente einer Janelle Monáe – mit ihrem superben 2018er-Werk Dirty Computer – in den Sinn oder auch die coolen Statements der Französin Christine And The Queens. Seit einigen Jahren macht auch die Britin Laura Mvula auf sich aufmerksam, präsentierte von der Kritik geliebte, preisgekrönte Alben mit Sing To The Moon (2013) und The Dreaming Room (2016). Das war nicht bloß Neo-Soul der einfachen Sorte, es konnte durchaus in die verschiedensten musikalischen Bereiche weiterreichen. Vergleiche mit Nina Simone und Davis Axelrod u.a. wurden zu Zeiten des Debüts angestellt. Auf Pink Noise geht es nun infolge eines langen Aufnahme- und eines persönlichen Aufarbeitungsprozesses der 35-Jährigen verstärkt in die bereits angerissenen 80’s-Gefilde mit Synthie-Pop sowie gewohnt gut produzierten, ausgeklügelt arrangierten Soundflächen und dieser unvergleichlichen Stimme Mvulas. Das ist keine neue Idee an sich, die Songs – wie Got Me oder Church Girl – hinterlassen dennoch Eindruck durch diese Unverkrampftheit, diese Direktheit und ja – Individualität. Starkes Album!

Note: 2,0

https://www.lauramvula.com/

                     

Kings Of Convenience – Peace Or Love

VÖ: 18.06.2021

Label: EMI

Genre: Indie-Folk /-Pop

Die Jahre von 2001 bis ca. 2005 waren für mich (auch) in musikalischer von sehr großer Bedeutung, was ich ja an dieser Stelle schon das ein oder andere Mal geschrieben habe. Es war eben jene Zeit, in der ich zumindest zu großen Teilen die Charts-Hits langweiliger fand und einige im Radio (dort dann eher im Abendprogramm) eher seltener zu vernehmende Klänge entdeckte. Das waren natürlich zuvorderst die Formationen der neuen damaligen Indie-/Garage-Rock/Post-Punk-Welle (z.B. die ganzen „The“-Bands: The Strokes, The White Stripes), Electronica, einige „Klassiker“ (z.B. durch meinen Vater, der mir unter anderem Progressive Rock näherbrachte) und so vieles mehr. So Ende 2001 / Anfang 2002 lernte ich auch die Norweger Röyksopp kennen, auf deren fantastischen Debüt Melody A.M. ein gewisser Erlend Øye zu hören war (auf Remind Me und Poor Leno). Mir entging damals jedoch komplett die Musik seiner Band Kings Of Convenience und deren wundervolles Erstwerk Quiet Is The New Loud (2001), das so gefühlvolle, introvertierte Indie-Pop und -Folk-Songs bot. Der Albumtitel wurde gar als Slogan verwendet und stellte eine Art Gegenbewegung zu den oben genannten Indie-/Garage-Rock/Post-Punk-Bands dar. Formationen wie die Turin Brakes oder Badly Drawn Boy, ja sogar Belle & Sebastian wurden hier zugerechnet.  Ich habe die Kings Of Convenience dann erst richtig im Zusammenhang mit dem Nachfolger Riot To An Empty Street (2004) mit Gästen wie der tollen kanadischen Sängerin Feist zu schätzen gelernt (und in dem Zuge mich dem Vorgänger gewidmet). Songs wie I’d Rather Dance With You beweisen ja, dass „Quiet Is The New Loud“ nicht gleichbedeutend mit ausnahmslos ruhigen Songs ist. Schon auf besagtem Debüt waren Alternative Rock-Elemente zu hören. 12 Jahre (!) nach dem dritten Album Declaration Of Dependence sind die beiden Norweger – Erlend Øye und sein Co Eirik Glambek Bøe –  zurück mit Peace Or Love. Es ist vieles wie früher, unter anderem ist Feist wieder dabei. Ich bemühe den Vergleich oft, wenn ich mit etwas Nostalgischem in Berührung komme: es ist so wie eine geliebte Person nach vielen Jahren wieder zu treffen. Man weiß, es sind einige Jahre ins Land gezogen, alles ist vertraut, doch letztlich ist die Begegnung wieder eines – richtig schön! Man versteht sich doch irgendwie noch, oder? Ich mag das Viertwerk, es sind schöne introvertierte und gefühlvolle Songs über Themen wie Liebe, Kummer und das Relaxen. Genau der Folk wird repräsentiert, den ich schätze! Die Kritiker sind da unterschiedlicher Meinung. Daher würde ich gerne von euch wissen: wie findet ihr Peace Or Love? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!

Note: 2,3

https://kingsofconvenience.eu/#!     

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