Brandão, Faber, Hunger – Ich liebe Dich

VÖ: 11.12.2020

Label: Two Gentlemen

Genre: Folk / Indie-Pop

Geht einmal bitte in euch und denkt an ein von allen Kritikern geliebtes Album, das euch beim besten Willen nicht gefallen möchte oder zumindest nicht so zusagt wie ihr es euch wünschen würdet. Bei den wirklich „großen Platten“ ist das ja manchmal gar nicht so schwer. Denn auch wenn unter Umständen die musikalische Klasse nicht abzustreiten ist, so spielt ja natürlich das individuelle Geschmacksempfinden, also das Subjektive, eine Rolle. Mir beispielsweise geht es so, dass ich – no offence – nicht mit den Songs von Leonard Cohen – abgesehen von Hallelujah – warm werde. Nun gut, da wird euch sicherlich auch der/die ein(e) oder andere Musiker/in einfallen. Wie ist das dann bei den Platten, die noch nicht so den „Klassiker“-Status aufweisen, die aber von Kritiker/innen über alle Maße geliebt oder zumindest äußerst lobend erwähnt werden? Kommen wir in diesem Zusammenhang auf Ich liebe Dich, die schweizerische Gemeinschaftsarbeit von Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão (sonst in der Formation Frank Powers, seit 2020 auch solo und in der Band Hungers aktiv) zu sprechen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich bin ein großer Bewunderer von den Arbeiten Hungers – erst dieses Jahr hat sie mit Halluzinationen ein exzellentes Album veröffentlicht. Fabers Musik ist ebenfalls toll und schön individuell gehalten (mit oft klar formulierten Statements zu sozialpolitischen Themen). Okay, mit der Musik von Brandão müsste ich mich ohnehin mehr befassen. Aber: bei dem Gemeinschaftswerk haben wir es bei mir mit dem oben erwähnten Fall zu tun, dass ich trotz der überaus positiven Reaktionen der Musikkritik nicht mit in den Kanon der Lobeshymnen einstimmen kann – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Und das liegt selbstverständlich nicht daran, dass ich das schweizerdeutsch kaum verstehe. Auch nicht an den wirklich wundervoll abwechslungsreichen Instrumentationen oder den minimal gehaltenen Folk-Strukturen. Nein…ich weiß es einfach nicht genau, warum ich – mit Ausnahme des Songs Ich liebe Dich, Faber – nicht ganz warm werde mit dem Album. Doch ich bleibe noch ein bisschen zurückhaltend. Vielleicht wird das noch. Oder bin ich eh auf dem falschen Dampfer? Was haltet ihr von dem Werk? Auf eure Reaktionen bin ich gespannt!

Note: 2,7 (eventuell mit Potential nach oben)

https://www.facebook.com/dino.brandao.yo/

https://fabermusik.de

https://www.sophiehunger.com

 

The Avalanches – We Will Always Love You

VÖ: 11.12.2020

Label: EMI

Genre: (Dance-)Pop / Electronica / Sampledelia

„We Will Always Love You“ – irgendwie gibt es da meinerseits einen Reflex, auf diesen Satz – vielmehr handelt es sich um den Titel des neuen Albums der Australier – mit „I Love You Too, Forever!“ zu antworten 😊 Denn es sollte ja hier auf hicemusic von mir schon oft genug erwähnt worden sein, dass ich The Avalanches für absolut fantastisch halte. Ihr 2000 veröffentlichtes, zahlreiche originell verarbeitete Samples (aus den unterschiedlichsten Richtungen) bietende Debüt Since I Left You halte ich für unglaublich meisterhaft, es gehört zu meinen All Time-Favorites und wurde hier nicht umsonst in der „Classics“-Reihe vorgestellt. Es gibt für mich – mal von DJ Shadow und seinem Endtroducing….. (1996) abgesehen – wohl kein Werk der sogenannten „Plunderphonics“, das mich mehr fasziniert hat! Wer erinnert sich als Musikfernseh-Freak, der um die 2000er Jahre VIVA Zwei gesehen hat, nicht gerne an die abgefahrenen, wahnsinnig originellen Videos von Since I Left You und Frontier Psychiatrist? Es war ja fast schon so, als hätte mich eine große Liebe für immer verlassen und womöglich enttäuscht, als ich als Fan so eine lange Zeit auf den immer wieder angekündigten Nachfolger gewartet hatte. Der erschien dann mit Wildflower (2016) und ich war aufgrund der psychedelischen, verlockenden Disco-/Electro-Melodien – auch wenn natürlich die Genialität des Debüts nicht ansatzweise erreicht werden konnte – doch wieder mit den Avalanches versöhnt. Ich konnte sie ja zusätzlich kurz darauf live in Köln sehen und war von der Show begeistert. Nun hat die australische Band sich glücklicherweise nicht wieder eineinhalb Dekaden versteckt und mich als Fan im Unklaren gelassen. Kurz vor Weihnachten wurde besagtes We Will Always Love You veröffentlicht, auf dem die Avalanches unzählige hochkarätige Gäste vereinen, unter anderem Blood Orange, MGMT, Kurt Vile, Neneh Cherry, Tricky, Jamie XX, Johnny Marr, Mick Jones, Leon Bridges Karen O, Denzel Curry, ja sogar Rivers Cuomo und Vashti Bunyan sind dabei. Es geht nicht mehr vordergründig um die Kunst des Samplings, sondern es wird den Stars die Möglichkeit gegeben, ihre individuelle Note (insbesondere mittels Gesang) einzubringen, ohne dass dem Duo Robbie Chater und Tony Di Blasi die unvergleichlichen Trademarks abhanden kommen. Das „We Will Always Love You“ nimmt Bezug auf Ann Druyan und Carl Sagan, die 1977 die Voyager Golden Records mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 als Botschaften an Außerirdische versendeten. Auch anderen großen Persönlichkeiten wird hier gehuldigt. Mit Musik, die mal sehnsuchtsvoll, mal romantisch, mal feierlich, mal melancholisch, generell gesagt zauberhaft daherkommt und zu jeder Zeit gewohnt vielseitig aufgebaut ist. Ich muss zugeben, nach dem ersten Hören war ich noch nicht ganz fasziniert (außer vom großartigen Gold Sky mit Kurt Vile), doch das Werk entfaltet seine Kraft mit jedem weiteren Durchgang. Bin mittlerweile mehr als überzeugt. Die alte Liebe zu den Avalanches besteht meinerseits immer noch, wie schön!

Note: 2,0

http://theavalanches.com/

 

Kylie Minogue – Disco

VÖ: 06.11.2020

Label: BMG

Genre: Dance-Pop / Disco

Tjaja, diese Teenies!…Da bin ich damals als 17-Jähriger in der am Hansaring in Köln gelegenen Filiale einer sehr namhaften Elektronik-Fachmarktkette an einem großen Pappaufsteller von der australischen Star-Sängerin Kylie Minogue vorbei geschlurft. Als ich ihn erblickte, war ich sofort verliebt und fasste den Entschluss, das damit beworbene Album Fever zu kaufen. Aus irgendeinem Grund habe ich es dann doch nicht getan, vielleicht weil ich einen anderen Aufsteller – nein Scherz! – eine andere Platte entdeckt hatte. Was ich damit sagen möchte, musikalisch war ich einfach nicht so gefestigt, es ging hier – okay, ich gebe es zu – um das gute Aussehen von Minogue. Allerdings, eigentlich gefiel mir der Sound schon damals nicht so wirklich. Es war ja die Zeit des großen Hits Can’t Get You Out Of My Head, der in den Radios und im Fernsehen (ja, sogar bei Viva Zwei) ziemlich oft gespielt wurde. Irgendwann war es mir zu viel, ich wollte den Song einfach nicht mehr hören. Aus der heutigen Perspektive betrachtet ist er fantastisch produziert und ich kann auch nachvollziehen, wenn man ihn mag. Ich persönlich tue mich allerdings immer noch schwer mit ihm, vielleicht ist es zu viel des „La La La“. Der Respekt für die Sängerin ist vorhanden, auch in Anbetracht der Tatsache, dass Kylie Minogue privat viel durchmachen musste und dass sie ohnehin schon so lange im Business unterwegs ist (seit 1979). Nachdem nun ihr neues Werk Disco in der Mehrzahl positiv von der Musikpresse bewertet wurde, war ich neugierig, was die dem im Titel benannten Genre ohnehin stets nahestehende Kylie Minogue nun in der neuen Dekade zu diesem zu sagen hat. Ich mache es kurz: die Australierin hat wieder einige tolle Produzenten ins Boot geholt, die ihr hochmoderne, wirklich eingängige Sounds kreiert haben. Die Künstlerin ist zweifellos auch gut aufgelegt. Aber: mir bleibt bis auf ein paar Ausnahmen kaum ein Song im Ohr! Irgendwie hat man das doch im Dance-Pop schon oft so in der Art gehört. Das ist mir zu aalglatt und letztlich für mich leider mittelmäßig in der Gesamtheit.  Oder bin ich einfach nicht nah genug an Disco, um das Album zu verstehen? Ich gebe ihm gerne noch eine Chance.  Gerade in diesen Zeiten ist es ja möglich, dass wir diese Ode an das Tanzen hören sollten. Wie findet ihr also die Platte? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt!

Note: 3,0 (vorerst)

https://www.kylie.com/

 

DJ Hell – House Music Box (Past Present No Future)

VÖ: 27.11.2020

Label: The DJ Hell Experience

Genre: Electronica

Der Berliner Produzent Helmut Josef Geier aka DJ Hell ist bereits seit den späten 1970er Jahren musikalisch aktiv. So hat er sich gerade zu Beginn seiner Karriere viel mit der künstlerisch ambitionierten elektronischen Musik dieser Zeit in Deutschland auseinandergesetzt. Dieser Experimentiergeist drückt sich auch in seinem Klangschaffen aus. Stets am Puls der Zeit hat der 58-Jährige sich mit den jeweiligen Phasen des Genres auseinandergesetzt und dabei Referenzen auf seine großen Vorbilder eingebaut. Man denke da nur an das grandiose Teufelswerk (2009), auf dem er unter anderem Kraftwerk huldigte. Immer wieder gab es eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Stilen (u.a. mit dem von DJ Hell als große Inspiration bezeichnete Detroit Techno). Diese individuelle Interpretation und die Umsetzung haben ihm ein ausgezeichnetes Renommee verschafft, auch und insbesondere international. Sogar der große John Peel hat mit ihm 1995 eine seiner berühmten Sessions aufgenommen. Von vielen Fachzeitungen (u.a. das Groove Magazine) wähl(t)en ihn regelmäßig zu den besten deutschen DJs (neben anderen Größen der Szene mit einem ähnlich guten Image, wie z.B. Sven Väth). Nachdem DJ Hells letztes Album Zukunftsmusik (2017) titelgemäß mit den Sounds aufwartete, die ein späteres Jetzt definieren werden, wird nun auf der neuen LP House Music Box (Past Present No Future) eine Rückschau auf das geboten, was einmal die elektronische Musik, insbesondere den House, ausgemacht hat. Hier wird den Nostalgikern unter uns eine Möglichkeit gegeben, sich noch einmal in jene Zeiten zurückzuversetzen, als Techno und House ihre revolutionären Anfänge hatten, wo unzählige Menschen mit neuartigen Klängen konfrontiert wurden, die oft Bedeutung für sie über die Musik selbst hinaus haben würden.  So gibt es einen Bezug auf die großen deutschen Interpreten wie Kraftwerk, aber auch auf die Szenen in Chicago, Detroit und New York der 1980er Jahre bzw. die Inspirationen (u.a. mit einem Sample von Jimi Hendrix). Natürlich heißt es im Titel „No Future“, aber DJ Hell wäre nicht DJ Hell, wenn er trotz des Rückschau-Charakters nicht auch wieder zeigen würde, wie zukunftsgewandt seine Sounds dennoch immer sind!

Note: 2,0

https://www.facebook.com/DJHellOfficial

 

AnnenMayKantereit – 12

VÖ: 17.11.2020

Label: Irrsinn Tonträger

Genre: (Indie-)Rock / (Folk-)Pop

Anlässlich des letzten Albums Schlagschatten (2018) – das hier bei hicemusic nicht ohne Grund in der Sparte „Kontrovers“ besprochen wurde (vorwiegend wegen der überwiegend negativen Kritiken) – schrieb ich, dass ich die Gruppe durchaus schätze. Es ist vielleicht nicht unbedingt so, dass ihre Texte immer vor Subtilität strotzen, aber ich würde den Kölnern schon assistieren, dass sie wissen, wie sie direkt und aufrichtig schreiben können und dabei auch sozialpolitische Themen verständlich verpacken können. Irgendwie kann ich mich oft mit den Texten identifizieren. Hier sehe ich den Unterschied zu vielen anderen deutschsprachigen Bands, die im Radio gespielt werden. Da empfinde ich die vermittelten Emotionen als eher oberflächlich und eindimensional, ja leider auch oft vollkommen irrelevant. Das soll oft gefühlvoll sein, dem Hörer aus der Seele sprechen, aber tut es das wirklich? Naja, soll ja denen gegönnt sein, die es mögen. Bei AnnenMayKantereit stelle ich jedoch oft etwas fest, was ich bei einigen Anderen vermisse: eine Unverkrampftheit gepaart mit wirklichem Können. Man muss sich nur mal die Version von The Polices Roxanne (zusammen mit Milky Chance) anschauen! Klar, dann ist da ja auch noch die markante Stimme von Henning May, die wirklich „älter“ klingt als von einem 28-Jährigen, die nicht nur der Musik der Band eine Individualität und einen Wiedererkennungswert verleiht, sondern unter anderem ja auch das grandiose Hurra die Welt geht unter von K.I.Z. veredelt hat Es gibt für mich bestimmt noch mehr Gründe, warum ich diese Band schätze. Ich empfinde es andererseits aber auch so, dass AnnenMayKantereit es manchmal übertreiben, die Tiefgründigkeit ihrer textlichen Ausführungen vielleicht nicht so hoch wie beabsichtig ist, ja manchmal auch vor Plattheiten nicht ganz zurückgeschreckt wird. Doch das hält sich für mich alles in allem in Grenzen. Jetzt ist eine neue LP – schlicht 12 betitelt – unvermittelt erschienen. Es gab da ein nicht wirklich überraschend dominierendes Thema, natürlich die Corona-Pandemie, von der natürlich auch die Band wie so viele – natürlich ebenfalls über die Musik-Branche hinaus – schwer getroffen wurde. Denn es war unter anderem eine ganz große Tour geplant. So gibt es viel zu reflektieren, natürlich auch generell aus sozialpolitischer Perspektive. Es werden die Ängste, Sorgen und Entbehrungen, die Isolation vieler Menschen uvm. verarbeitet. Was lässt sich nun zum Resultat sagen? Sagen wir es mal so, das Album bietet einerseits erneut tolle Songs, die hintergründig das Thema aufbereiten und dazu vielschichtige Sounds aufbieten. Andererseits sind da auch Lieder dabei, die nicht so richtig zum Zuge kommen und letztlich wenig Eindruck vermitteln. Über die kurzen Songs – die Demo-Fassung zu Beginn beispielsweise – kann ich mir noch nicht so richtig ein abschließendes Urteil bilden. Doch ich würde sagen, dass das Positive auf dem Album für mich überwiegt. Ich mag die Band halt immer noch irgendwie gern!

Note: 2,7

https://www.annenmaykantereit.com/

 

Green Day – American Idiot

VÖ: 27.09.2004

Label: Reprise

Genre: Punk-/Alternative-Rock    

Da sind die US-Wahlen erst ein paar Tage her, da fiel mir ein, dass es da doch mal eine Band gab, die einen Grund sah, ein deutliches Statement zum damals aktuellen sozialpolitischen Geschehen abzugeben. Sie zeigten sich überaus kritisch gegenüber bzw. positionierten sich eindeutig gegen den US-Präsidenten dieser Zeit, George W. Bush. Es war ja bis zu den US-Wahlen 2004 einiges in dessen Amtszeit passiert, insbesondere natürlich der Irakkrieg 2003 und die Terroranschläge am 11. September 2001. Zu den Reaktionen, den Maßnahmen und den Äußerungen der Regierungsverantwortlichen auf die verschiedenen einschneidenden Ereignisse gab es genug zu kommentieren, vor allem dachten Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tré Cool an die junge Generation, die mit den Traumata und mit den Maßnahmen und den Folgen umzugehen hat (z.B. jene, die als Soldaten nach Irak oder auch Afghanistan geschickt wurden). Vor allem wurde thematisiert, dass die Regierung bewusst eine Atmosphäre der Angst schaffen und bewusst Lügen verbreiten würde, um in diesem Zusammenhang die folgenden politischen Schritte zu legitimieren.  Zu diesen Themen produzierten Green Day ein Konzept-Album, eine Rock-Oper, die die Geschichte des Jesus Of Suburbia erzählt, ein aus der unteren Gesellschaftsschicht stammender, von Frontmann Armstrong erdachter Charakter, sowie eines Widerstandkämpfers namens St. Jimmy und ein ebenfalls rebellischer Whatsername. Zwar gibt es natürlich Bezüge auf das damalige Politgeschehen – den Zustand der US-Gesellschaft und der Bush-Regierung –, doch so wirklich als politisch wurde das Werk American Idiot gar nicht gesehen, bis auf den vielsagenden Titelsong und Holiday. War diese Band es vorher überhaupt, trotz dieser den Kaliforniern immanenten Punk-Attitüde? Zumindest hatte ich persönlich nicht damit gerechnet, dass ein Album mit sozio-politischen Messages und – no offence! – solch hintergründigen Texten von ihnen erscheint. Zumindest war es so, dass ich den Werken von Green Day nach dem genialen Dookie (1994) – mit diesen fantastischen Kompositionen wie Basket Case, When I Come Around und Longview – selbst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenkte. Es waren ja durchaus gute Alben – Insomniac (1995), Nimrod (1997) und Warning (2000), die allesamt interessante Songs aufboten, z.B. Brain Stew / Jaded, Good Riddance (Time Of Your Life) oder Warning –, die Kritiker/innen waren größtenteils begeistert, doch ich selbst fand nicht den Zugang. Der kommerzielle Erfolg hielt sich ohnehin in Grenzen. Das sollte sich mit American Idiot ändern, im Sommer 2004 hörte ich den besagten Punk-Rock-Titelsong und war sehr angetan, auch heute noch halte ich ihn für einen der besten Vertreter der 2000er Jahre.  Doch ich rechnete wirklich nicht damit, dass das dann ein Monat später veröffentlichte zugehörige Album so großartig werden würde. Grandiose Songs, die in mehrere Abschnitte unterteilt und sehr vielseitig sowie unglaublich offen gegenüber den verschiedensten Genres außerhalb des Punk-/Alternative-Rock angelegt sind (sogar u.a. Lateinamerikanische Musikstile und Polka). Was für Kompositionen, egal ob Jesus Of Suburbia, Holiday / Boulevard Of Broken Dreams, Wake Me Up When September Ends oder Homecoming.  Bis heute gehört das Werk zu meinen Lieblingen. Ich persönlich kann mich auch mit den Texten und den Messages identifizieren. Ich belasse es jetzt mal bei dieser politischen Stellungnahme und ziehe keine Parallelen zur Gegenwart. Ich finde es nur irgendwie passend, dass 2016 das Video zum Song American Idiot in Dauer-Rotation auf VIVA lief. So gut wie auf American Idiot war Green Day danach nicht mehr, war ja auch alles nicht mehr so ambitioniert. Trotzdem, für dieses Werk und Dookie werde ich den US-Amerikanern wohl auf ewig dankbar sein!

Note: 1,7

https://greenday.com/

 

Woodkid – S16

VÖ: 16.10.2020

Label: Universal

Genre: Chamber-/Art-Pop / Neofolk / Electronica

Yoann Lemoine ist ein absolut vielseitiger Künstler, der 37-jährige Franzose hat sich unter anderem als Musikvideo-Regisseur hervorgetan. Da waren Arbeiten für Musiker/innen wie Lana Del Rey (Born To Die), Harry Styles (Sign Of The Times), Taylor Swift (Back To December), Moby (Mistake) und Katy Perry (Teenage Dream) dabei. Er hat auch weitere Shows und Features verantwortet und arbeitet als Grafikdesigner. Musikalisch gab es da einiges als Woodkid, unter anderem eine mit Ellis betitelte EP mit Nils Frahm (aus dem Jahr 2016). Naja und dann ist da natürlich diese Debüt-LP The Golden Age aus dem Jahr 2013. Diese enthält die heute in so vielen Zusammenhängen (vor allem in der Werbung oder in Filmen/Serien/Videospielen) gespielten Songs Iron, Run Boy Run und I Love You. Kein Wunder, sind diese doch in ihrem Klangcharakter – diesen vielschichtigen Instrumentationen – von epischer Natur und eignen sich für diese Medien perfekt. Die dazu veröffentlichten, vielfach ausgezeichneten, von Lemoine selbst gedrehten Musikvideos haben mit ihren Bildern auch bei mir Eindruck hinterlassen. Das Album hat mich auch erreichen können, es bietet vielseitige Klänge im Bereich von ambitioniertem Pop, Neo-Folk und Electronica, gerade diese metallenen Schlagzeug-Rhythmen treiben diese Musik stetig voran. Zudem sind natürlich diese epischen Live-Shows zu erwähnen (die ich persönlich aber bisher leider nur im Fernsehen sehen durfte). Was man aber nicht vergessen sollte: nicht alle Kritiker/innen mochten The Golden Age. Die Bewertungen fielen ziemlich zwiespältig aus, vielen schien das zu viel des Bombastes zu sein. Ähnliche Reaktionen gibt es nun zu dem Nachfolger S16, im Musikexpress beispielsweise ist ein Verriss zu lesen, in dem André Boße die Musik als „Neo-Klassik-TripHop für die höheren Stände“ abtut. Andererseits sind schon recht positive Kritiken zu lesen, ebenso wie jene, die im Mittelmaß angesiedelt sind. Auf S16 geht es um Schwefel (Chemiker wissen, dass der Titel des Albums der Ordnungszahl des Elements im Periodensystem entspricht) in der Bedeutung, die es Erzählungen zufolge im Zusammenhang mit dem Teufel hat. Dementsprechend düster wird es deshalb. Ich bleibe für mich aber dabei, ich mag dieses Stimmungsvolle, dieses Opulente ziemlich gerne. Auch wenn S16 für mich nicht an den Vorgänger herankommt, finde ich, dass das Werk erneut mit komplexen Strukturen, mit diesen filmischen und vielseitigen Texturen und Stimmungen sowie der Offenheit für verschiedenste musikalische Stile zumindest zu großen Teilen überzeugen kann. Was haltet ihr von dem Album? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt!

Note: 2,3       

http://woodkid.com/

 

Matt Berninger – Serpentine Prison

VÖ: 16.10.2020

Label: Concord

Genre: Indie-Folk/-Rock / Chamber-Pop

Ist ja immer wieder eine spannende Angelegenheit mit Solo-Projekten von Bandmitgliedern. Ich meine das in dem Sinne, dass es doch einer Wundertüte gleichkommt, ob das überhaupt funktioniert. Denn es fallen ja doch einige Aufgaben an. Zuvorderst wird doch im Großen und Ganzen versucht, sich von der jeweiligen Hauptband musikalisch zu emanzipieren und einen neuen Weg einzuschlagen (gerade nach einem Ausstieg) oder eben Sachen auszuprobieren, die im Bandkontext schwer oder nicht möglich wären. Man könnte ja mal darüber reflektieren, wie viele berühmte Frontmänner es in der Pop-Geschichte versucht haben und wie viele von ihnen Erfolg hatten. Morrissey hat es ja beispielsweise zumindest eine lange Zeit geschafft, neue Wege abseits der Smiths zu gehen. Peter Gabriel zeigte neue Seiten, als er Genesis verlassen hatte. David Byrne, John Lennon, Bryan Ferry, Thom Yorke, Robert Plant….und und und. Es gibt schon die guten Beispiele, von denen ich an dieser Stelle sicherlich einige vergessen habe. Aber: es waren auch Solo-Künstler dabei, die vielleicht lieber bei ihrer Hauptband geblieben wären bzw. auf die „Alleingänge“ hätten verzichten sollen. Aber lassen wir da mal die Details!… Kommen wir lieber zu Matt Berninger, der eigentlich Sänger von The National ist. Ich hatte ehrlich gesagt die Befürchtung, dass da kaum was Neues kommt, was natürlich an sich schon ungerecht dem Künstler gegenüber ist. Es ist nun nicht so, dass die klanglichen Parallelen zu seiner Hauptband gar nicht auszumachen sind. Aber das war auch bei den oben Genannten nicht (immer) der Fall. Es gibt die feinen Unterschiede, zum Beispiel sind die Songs im Vergleich zu The Nationals Werke spärlicher instrumentiert, der Bariton-Stimme Berningers wird viel Raum zugestanden, musikalisch alles in der Tradition der Americana gehalten. Die erklingenden Instrumente wie Gitarre, Klavier, Streicher oder die von keinem Geringeren als Booker T. Jones (auch Produzent des Albums!) gespielte Hammond-Orgel werden eher im Hintergrund gehalten, sie dominieren nicht die Melodien. Alles ist ähnlich melancholisch in der Erscheinungsform, Berninger bezieht sich auf persönliche Erlebnisse und Erkenntnisse und derzeitige gesellschaftspolitische Zustände in den – im Vergleich zu The National weniger verschlüsselten – Texten, doch er setzt trotz allem gleichzeitig auf Optimismus und Entspannung, was sich auch in der Musik niederschlägt. Beeindruckendes Solo-Album mit vielen Facetten, die sich eben nicht direkt aufdrängen!

Note: 2,0

https://mattberningerswebsite.com

 

Future Islands – As Long As You Are

VÖ: 09.10.2020

Label: 4AD

Genre: Synthie-/Indie-Pop / Alternative-Rock

Ich habe letztens im Freundeskreis noch einmal den mittlerweile schon äußerst bekannten Live-Auftritt der Future Islands bei David Letterman im Jahre 2014 gesehen. Die US-Amerikaner performten damals den Song Seasons (Waiting On You). Zu der Melodie bot Sänger Samuel Herring einige Dance-Moves, die in ihrer Spezialität einfach beeindruckend waren und der scheinbaren Verzweiflung über die Liebe, die er in dem Text vermittelt, noch mehr Ausdruck verlieh. Da kam ja dann noch der Gesang dazu, den der Frontmann zwischendrin gar in Richtung Growling im Death Metal-Stil tendieren ließ. Großartiger Auftritt, der nicht nur David Letterman sichtlich imponierte, sondern auch dafür sorgte, dass er zu den meistgesehenen Live-Videos der entsprechenden Late Night Show-YouTube-Seite wurde. Die Kritiker/innen waren ebenfalls begeistert, der Song wurde mehrfach in den Fachmagazinen und -portalen zu dem besten des Jahres 2014 und auch der letzten Dekade gewählt. Das entsprechende Album Singles ist ebenfalls richtig gut, bietet es doch eben jene gefühl- und sehnsuchtsvollen, vermehrt im Synthie-/Indie-Pop zu verortenden Melodien mit reflektierten Texten über Liebe und ihre verschiedenen Ausdrucks- und Erscheinungsformen. Der Nachfolger The Far Field (2017) konnte nicht nur mich erneut überzeugen, da nicht krampfhaft versucht wurde, die Geheim- und Erfolgsformel des Vorgängers zu kopieren, sondern neue Facetten im Sound aufgeboten wurden. Aufmerksames Hören ist geboten, auch bei dem neuen Werk As Long As You Are. Denn auch wenn sich die Unterschiede zu The Far Field vielleicht nicht aufdrängen sollten, sind sie in musikalischer Hinsicht schon da. Es gibt wieder die Auseinandersetzung mit der Liebe, doch immer mit verschiedenen Sichtweisen darauf und Beschäftigungen mit einhergehenden Fragen. Bleibt halt irgendwie weiterhin spannend. Genauso schaffen es die Future Islands den Kitsch geschickt zu umfahren. Ich mag As Long As You Are auf jeden Fall jetzt schon, gebe dem Album aber auch die nötige Zeit!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

https://future-islands.com/

 

Róisín Murphy – Róisín Machine

VÖ: 02.10.2020

Label: Skint

Genre: Electronica / Elektro-/Art-Pop / Disco

Ich war richtig gespannt auf das fünfte Solo-Werk der ehemaligen Moloko-Frontfrau Róisín Murphy, das kann man wohl sagen! Ich bin fast schon in Panik geraten, als ich es Ende September – wo ich den Release erwartete – noch nicht hören konnte. Okay, es war ja eine Woche später da und die Freude war dementsprechend groß. Die Singles des Albums, die schon im Vorfeld erschienen, hatten bei mir zu dieser großen Erwartungshaltung geführt. Ich las etwas von einer Orientierung der 47-jährigen Irin zu House und 70er-/80er-Disco. Da hätten aber auch durchaus andere Musikrichtungen stehen können, ich wäre dennoch äußerst gespannt gewesen. Denn Murphy liefert beständig hohe Qualität ab, das hat sie schon mit ihrem Ex-Partner Mark Brydon als Moloko getan und führte dies in ihrer Mitte der 2000er Jahre beginnenden Solo-Karriere fort, zusätzlich auch als Gast (z.B. auf DJ Kozes formidablen 2018er Album Knock Knock). Die vier Vorgänger-Werke waren auf ihre Art immer speziell, präsentierten eine Künstlerin, die mehr oder weniger trendige, aber stets moderne und in ihrem Charakter unkonventionelle Sounds in ihre Musik einfließen ließ, ohne diese einfach zu kopieren. Es blieb stets eine individuelle Vorgehensweise bestehen, die sich zudem zu großen Teilen vom Klangkosmos von Moloko emanzipieren konnte. Dieses selbstbewusste, extrovertierte Auftreten hat mir eh schon seither imponiert, das war ja schon immer klasse, auch zu besagten Band-Zeiten. Meine Erwartungen wurden erfüllt. Auf Róisín Machine geht es tatsächlich in housige, discoide und wavige Sound-Gefilde, die Künstlerin lässt den Tracks jeweils genügend Zeit sich zu entfalten. Das imponiert, die Vorgehensweise ist insgesamt nicht ganz so unkonventionell wie auf den Vorgängern, sondern gibt den einen klaren Befehl: „Los, fang an zu tanzen!“. Das ist alles so herrlich modern und vielseitig produziert, klingt funky, sexy und einfach cool. Hervorragend in diesen Zeiten, um sich fallen zu lassen und die Musik auf sich wirken zu lassen. Bereits jetzt große Klasse!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.roisinmurphyofficial.com/

 

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