Floating Points, Pharoah Sanders & London Symphony Orchestra – Promises

VÖ: 26.03.2021

Label: Luaka Bop

Genre: Nu Jazz / Broken Beat

Treffen sich ein fantastischer Experimental-Electro-Produzent, eine Jazz-Koryphäe und eines der renommierten Orchester des Vereinigten Königreiches … Nein keine Angst, das ist kein billiger oder veralteter Musiker-Witz! Es soll vielmehr dazu dienen, sich einmal klarzumachen, mit was für einer Ausgangslage in künstlerischer Hinsicht wir es hier zu tun hatten und was für ein Resultat nun vorliegt! Beziehen wir uns zunächst einmal auf Sam Shepherd alias Floating Points, der mit Elaenia (2015) und Crush (2019) schon herausragende Werke veröffentlicht hat und auch mit seinen EPs, Soundtrack-Arbeiten und Compilations sowie seinen Live-Auftritten immer wieder für Erstaunen bei Fans und Kritiker/innen sorgte. Dann wäre da Pharoah Sanders, 80-jähriger US-Amerikaner, der unter anderem mit seiner Ehrfurcht gebietenden Technik des Saxophon-Spiels die unterschiedlichsten experimentellen Subgenres des Jazz revolutioniert hat und mit den ganz Großen wie John Coltrane gespielt hat. Dann noch das London Symphony Orchestra, das zu den ältesten und wichtigsten Orchestern Großbritanniens und weltweit zu zählen ist, dem in seiner Vergangenheit schon unzählige einflussreiche Musiker/innen angehörten (seit 2017 wird es zum Beispiel von Sir Simon Rattle dirigiert). Ich habe da im Vorfeld also schon mit Großem gerechnet! In diesem Zusammenhang könntet ihr euch vielleicht fragen, warum das Werk Promises nun also in der Rubrik „Kontrovers“ landet. Nun ganz einfach, ich habe mir die generellen Wertungen des Albums in verschiedenen Musik-Medien angeschaut. Die sind in der Mehrzahl überaus positiv, vielmehr preisen es einige als ein herausragendes Meisterwerk! Dies sehe ich eben genauso, ich würde es zweifellos in die ganz hohen Wertungsskalen packen. Es ist so, dass ich mir in einem Punkt sehr sicher bin: Promises ist in den 7 Jahren des Bestehens von hicemusic und damit in Anbetracht aller Veröffentlichungen, die in dieser Zeitspanne erschienen sind (d.h. abgesehen von den Alben, die ich in den „Classics rezensiert habe) eines der besten – höchstwahrscheinlich DAS BESTE – Album, über das ich an dieser Stelle geschrieben habe! Eines der Hauptargumente ist für mich, dass abgesehen von der Brillanz aller hier beteiligten Musiker/innen – die hier perfekt miteinander harmonieren und eine erhabene und atemberaubende Klangwelt introvertierten Charakters erschaffen – gerade angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignisse sich eines ausreichend genommen wird: ZEIT! Wann war das bitte das letzte Mal wirklich der Fall, dass Musik dich in andere, verschiedenen Stimmungszustände beschreibende Klangwelten mitnimmt, dich Zeit und Raum vergessen lässt und sich bewusst den aktuellen Trends verweigert? Ja, da muss man doch sicher länger überlegen, oder? Ich glaube, ich habe Floating Points bei aller Wertschätzung sogar noch unterschätzt, er hat mit Sanders und dem London Symphony Orchestra zweifelsfrei einen absoluten Meilenstein erschaffen! Was sagt ihr zu dem Album? Auf eure Reaktionen bin ich mehr als gespannt 😊

Note: 1,3 (mit Potential nach oben)

https://www.listentopromises.com/     

 https://www.pharoahsanders.com/

lso.co.uk/

Roosevelt – Polydans

VÖ: 26.02.2021

Label: City Slang

Genre: Synthie-/Dance-Pop / Electronica

Ich finde die Musik von Marius Lauber alias Roosevelt wirklich ziemlich gut. Von seinen Live-Qualitäten konnte ich mich vor ein paar Jahren in der Kölner Live Music Hall überzeugen. Von seinen Studio-Alben bin ich ebenfalls angetan. Gerade das selbstbetitelte Debüt (2016) hat mich vollends überzeugt, hatte es (mit u.a. mit Colours , Fever und Night Moves) wirklich kraftvolle Songs zu bieten, die moderne Electro-/Dance-Musik (im Stile von Hot Chip) mit Elementen des „klassischen“ Synthie-Pop (Human League, New Order etc.) und einer großen Portion Individualität zusammenführte. Der Nachfolger Young Romance bereitete mir ebenfalls richtig Laune, auch wenn er nicht ganz die Qualität des Erstwerks erreichen konnte. Nur oberflächlich betrachtet waren das marginal veränderte Zutaten im Vergleich zum Vorgänger, denn auf den Songs des Zweitlings wurde Ausschau nach weiteren Stilrichtungen gehalten. So stellt sich anlässlich der Veröffentlichung des dritten Studio-Albums Polydans die Frage, ob und inwieweit Roosevelt sich musikalisch weiterentwickelt. Ich muss zugeben, dass ich gerade nach dem ersten Hören ein bisschen den Eindruck gewonnen hab, dass der 30-Jährige sich nun doch wiederholt, im Grunde genommen ähnliche Songs produziert hat, die sich letztlich nicht wirklich voneinander unterscheiden. Das ist ja teilweise auch in einzelnen Kritiken zum Album zu lesen. Das wird Polydans meiner Meinung nach (vor allem nachdem ich es ein paar weitere Male gehört habe) dann doch nicht richtig gerecht. Denn hier wird fleißig, aber nicht unoriginell – die Geschichte der Electro-/Dance-Historie zitiert, u.a. gibt es hier eindeutige Referenzen auf die (genialen und sich entsetzlicherweise kürzlich aufgelöst habenden) Daft Punk und ihre Sounds der Random Access Memories-Phase. So mancher Song vermittelt Energie und Originalität und verarbeitet originell verschiedenste Musikstile. Vor allem wird hier zum Glück nicht alles nur mit purer Ernsthaftigkeit angegangen wird, eine ordentliche Prise (1980er-)Nostalgie und Kitsch wird mit draufgepackt! Das kann man doof finden und ist vielleicht letzten Endes nicht wirklich originell, aber ich bin der Meinung, dass man es Roosevelt keinesfalls übelnehmen kann, dass er uns in diesen Zeiten Fröhlichkeit und Lust aufs Tanzen vermitteln möchte. Ich finde Polydans schwer in Ordnung! Wie findet ihr das Album? Auf eure Meinungen bin ich gespannt 😊

Note: 2,3

https://www.iamroosevelt.com

Bicep – Isles

VÖ: 22.01.2021

Label: Ninja Tune

Genre: Electronica

Da habe ich mich schon ziemlich geärgert damals, als mir dieses phänomenale selbstbetitelte Debüt (2017) des nordirischen Duos Bicep durch die Lappen gegangen ist (immerhin war es mir eine „besondere Erwähnung“ in den Jahreslisten damals wert). Und nicht nur das, auch die ganzen Veröffentlichungen in Form von EPs und Singles vorher, die sie seit 2010 herausbrachten, habe ich ignoriert. Komisch, denn einerseits handelt es sich genau um jene Form elektronischer Musik, die mir gemeinhin zusagt, und andererseits erschien die Musik seit 2017 bei einem meiner liebsten Labels, nämlich Ninja Tune. Immer wieder gab es höchst spannende Ausflüge in die unterschiedlichen Bereiche der Electronica, egal ob Chicago-House, Detroit-/Italo-Disco oder Mid-/Late 90’s-Electro-Stile, gemixt mit Ambient sowie psychedelischen und rhythmisch komplexen Strukturen/Texturen. Aber immerhin, jetzt das zweite Studio-Album ist mir mal nicht entgangen, ging ja auch kaum nach dem besagten Debüt! Nun: jetzt ist es so, dass die Kritiken nicht einhellig positiv sind, es gibt auch durchaus Bewertungen, in denen es im mittleren Segment angesiedelt ist. Selbst ich habe etwas erlebt, was sich in dieser Form schon lange nicht mehr hatte, ich habe meine Meinung komplett geändert! War ich nach den ersten Hördurchläufen eher desinteressiert, bin ich innerhalb von ca. einer Woche plötzlich überaus überzeugt von Isles, und frage mich, wie ich mal anderer Meinung sein konnte! Atmosphärisch dichte, charakterlich vielseitige Klänge, die den Hörer wieder in die ruhmreiche Vergangenheit der Electro-Musik – u.a. ambitionierte 90er-Sounds der Warp-Schule, Dubstep und Rave – zurückführen. Ich finde es richtig gut! Aber was sagt ihr zu dem Album? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt 😊

Note: 2,0

https://bicepmusic.com/

Brandão, Faber, Hunger – Ich liebe Dich

VÖ: 11.12.2020

Label: Two Gentlemen

Genre: Folk / Indie-Pop

Geht einmal bitte in euch und denkt an ein von allen Kritikern geliebtes Album, das euch beim besten Willen nicht gefallen möchte oder zumindest nicht so zusagt wie ihr es euch wünschen würdet. Bei den wirklich „großen Platten“ ist das ja manchmal gar nicht so schwer. Denn auch wenn unter Umständen die musikalische Klasse nicht abzustreiten ist, so spielt ja natürlich das individuelle Geschmacksempfinden, also das Subjektive, eine Rolle. Mir beispielsweise geht es so, dass ich – no offence – nicht mit den Songs von Leonard Cohen – abgesehen von Hallelujah – warm werde. Nun gut, da wird euch sicherlich auch der/die ein(e) oder andere Musiker/in einfallen. Wie ist das dann bei den Platten, die noch nicht so den „Klassiker“-Status aufweisen, die aber von Kritiker/innen über alle Maße geliebt oder zumindest äußerst lobend erwähnt werden? Kommen wir in diesem Zusammenhang auf Ich liebe Dich, die schweizerische Gemeinschaftsarbeit von Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão (sonst in der Formation Frank Powers, seit 2020 auch solo und in der Band Hungers aktiv) zu sprechen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen, ich bin ein großer Bewunderer von den Arbeiten Hungers – erst dieses Jahr hat sie mit Halluzinationen ein exzellentes Album veröffentlicht. Fabers Musik ist ebenfalls toll und schön individuell gehalten (mit oft klar formulierten Statements zu sozialpolitischen Themen). Okay, mit der Musik von Brandão müsste ich mich ohnehin mehr befassen. Aber: bei dem Gemeinschaftswerk haben wir es bei mir mit dem oben erwähnten Fall zu tun, dass ich trotz der überaus positiven Reaktionen der Musikkritik nicht mit in den Kanon der Lobeshymnen einstimmen kann – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Und das liegt selbstverständlich nicht daran, dass ich das schweizerdeutsch kaum verstehe. Auch nicht an den wirklich wundervoll abwechslungsreichen Instrumentationen oder den minimal gehaltenen Folk-Strukturen. Nein…ich weiß es einfach nicht genau, warum ich – mit Ausnahme des Songs Ich liebe Dich, Faber – nicht ganz warm werde mit dem Album. Doch ich bleibe noch ein bisschen zurückhaltend. Vielleicht wird das noch. Oder bin ich eh auf dem falschen Dampfer? Was haltet ihr von dem Werk? Auf eure Reaktionen bin ich gespannt!

Note: 2,7 (eventuell mit Potential nach oben)

https://www.facebook.com/dino.brandao.yo/

https://fabermusik.de

https://www.sophiehunger.com

 

Kylie Minogue – Disco

VÖ: 06.11.2020

Label: BMG

Genre: Dance-Pop / Disco

Tjaja, diese Teenies!…Da bin ich damals als 17-Jähriger in der am Hansaring in Köln gelegenen Filiale einer sehr namhaften Elektronik-Fachmarktkette an einem großen Pappaufsteller von der australischen Star-Sängerin Kylie Minogue vorbei geschlurft. Als ich ihn erblickte, war ich sofort verliebt und fasste den Entschluss, das damit beworbene Album Fever zu kaufen. Aus irgendeinem Grund habe ich es dann doch nicht getan, vielleicht weil ich einen anderen Aufsteller – nein Scherz! – eine andere Platte entdeckt hatte. Was ich damit sagen möchte, musikalisch war ich einfach nicht so gefestigt, es ging hier – okay, ich gebe es zu – um das gute Aussehen von Minogue. Allerdings, eigentlich gefiel mir der Sound schon damals nicht so wirklich. Es war ja die Zeit des großen Hits Can’t Get You Out Of My Head, der in den Radios und im Fernsehen (ja, sogar bei Viva Zwei) ziemlich oft gespielt wurde. Irgendwann war es mir zu viel, ich wollte den Song einfach nicht mehr hören. Aus der heutigen Perspektive betrachtet ist er fantastisch produziert und ich kann auch nachvollziehen, wenn man ihn mag. Ich persönlich tue mich allerdings immer noch schwer mit ihm, vielleicht ist es zu viel des „La La La“. Der Respekt für die Sängerin ist vorhanden, auch in Anbetracht der Tatsache, dass Kylie Minogue privat viel durchmachen musste und dass sie ohnehin schon so lange im Business unterwegs ist (seit 1979). Nachdem nun ihr neues Werk Disco in der Mehrzahl positiv von der Musikpresse bewertet wurde, war ich neugierig, was die dem im Titel benannten Genre ohnehin stets nahestehende Kylie Minogue nun in der neuen Dekade zu diesem zu sagen hat. Ich mache es kurz: die Australierin hat wieder einige tolle Produzenten ins Boot geholt, die ihr hochmoderne, wirklich eingängige Sounds kreiert haben. Die Künstlerin ist zweifellos auch gut aufgelegt. Aber: mir bleibt bis auf ein paar Ausnahmen kaum ein Song im Ohr! Irgendwie hat man das doch im Dance-Pop schon oft so in der Art gehört. Das ist mir zu aalglatt und letztlich für mich leider mittelmäßig in der Gesamtheit.  Oder bin ich einfach nicht nah genug an Disco, um das Album zu verstehen? Ich gebe ihm gerne noch eine Chance.  Gerade in diesen Zeiten ist es ja möglich, dass wir diese Ode an das Tanzen hören sollten. Wie findet ihr also die Platte? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt!

Note: 3,0 (vorerst)

https://www.kylie.com/

 

Woodkid – S16

VÖ: 16.10.2020

Label: Universal

Genre: Chamber-/Art-Pop / Neofolk / Electronica

Yoann Lemoine ist ein absolut vielseitiger Künstler, der 37-jährige Franzose hat sich unter anderem als Musikvideo-Regisseur hervorgetan. Da waren Arbeiten für Musiker/innen wie Lana Del Rey (Born To Die), Harry Styles (Sign Of The Times), Taylor Swift (Back To December), Moby (Mistake) und Katy Perry (Teenage Dream) dabei. Er hat auch weitere Shows und Features verantwortet und arbeitet als Grafikdesigner. Musikalisch gab es da einiges als Woodkid, unter anderem eine mit Ellis betitelte EP mit Nils Frahm (aus dem Jahr 2016). Naja und dann ist da natürlich diese Debüt-LP The Golden Age aus dem Jahr 2013. Diese enthält die heute in so vielen Zusammenhängen (vor allem in der Werbung oder in Filmen/Serien/Videospielen) gespielten Songs Iron, Run Boy Run und I Love You. Kein Wunder, sind diese doch in ihrem Klangcharakter – diesen vielschichtigen Instrumentationen – von epischer Natur und eignen sich für diese Medien perfekt. Die dazu veröffentlichten, vielfach ausgezeichneten, von Lemoine selbst gedrehten Musikvideos haben mit ihren Bildern auch bei mir Eindruck hinterlassen. Das Album hat mich auch erreichen können, es bietet vielseitige Klänge im Bereich von ambitioniertem Pop, Neo-Folk und Electronica, gerade diese metallenen Schlagzeug-Rhythmen treiben diese Musik stetig voran. Zudem sind natürlich diese epischen Live-Shows zu erwähnen (die ich persönlich aber bisher leider nur im Fernsehen sehen durfte). Was man aber nicht vergessen sollte: nicht alle Kritiker/innen mochten The Golden Age. Die Bewertungen fielen ziemlich zwiespältig aus, vielen schien das zu viel des Bombastes zu sein. Ähnliche Reaktionen gibt es nun zu dem Nachfolger S16, im Musikexpress beispielsweise ist ein Verriss zu lesen, in dem André Boße die Musik als „Neo-Klassik-TripHop für die höheren Stände“ abtut. Andererseits sind schon recht positive Kritiken zu lesen, ebenso wie jene, die im Mittelmaß angesiedelt sind. Auf S16 geht es um Schwefel (Chemiker wissen, dass der Titel des Albums der Ordnungszahl des Elements im Periodensystem entspricht) in der Bedeutung, die es Erzählungen zufolge im Zusammenhang mit dem Teufel hat. Dementsprechend düster wird es deshalb. Ich bleibe für mich aber dabei, ich mag dieses Stimmungsvolle, dieses Opulente ziemlich gerne. Auch wenn S16 für mich nicht an den Vorgänger herankommt, finde ich, dass das Werk erneut mit komplexen Strukturen, mit diesen filmischen und vielseitigen Texturen und Stimmungen sowie der Offenheit für verschiedenste musikalische Stile zumindest zu großen Teilen überzeugen kann. Was haltet ihr von dem Album? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt!

Note: 2,3       

http://woodkid.com/

 

Idles – Ultra Mono

VÖ: 25.09.2020

Label: Partisan

Genre: Post-/Hardcore-Punk

Wie ihr sicherlich schon in den Kurzkritiken für diesen Monat gesehen habt, ist der 25. September diesen Jahres ein Release-Tag, an dem einige tolle Künstler/innen/Bands ihre Platten veröffentlicht haben. Da fiel es mir auch ziemlich schwer auszuwählen, wen ich denn genauer besprechen sollte. Zwischen den Fleet Foxes (okay, da war der VÖ schon am 22.09.), Will Butler, Crucchi Gang, den Deftones, Sufjan Stevens und Anna von Hausswolff. Zudem waren da ja noch einige Acts, die ich außen vor gelassen habe (es gab ja unter anderem noch Releases von Bob Mould, Thurston Moore, Sylvan Esso, Sophia oder Public Enemy!) Und dann wären da eben noch jene Post-Punker, denen ich hier bei hicemusic schon längst hätte mal meine Aufmerksamkeit widmen sollen, die Idles! Ich habe mich für Letztere entschieden, aber neben dem erwähnten Grund war es vor allem eine weitere Angelegenheit, auf die ich mich beziehen muss. Denn das dritte Album der Band um Frontmann Joe Talbot bekommt gemischte Kritiken in der Presse. Deshalb auch unter „Kontrovers“ diese Auseinandersetzung mit Ultra Mono. Zunächst aber: wer sind eigentlich die Idles? Nun der 2009 in Bristol gegründete Fünfer hat sich im Bereich des Post-Punk mit aggressiv-energetischem Sound und Parolen gegen die gesellschaftlich-politischen Missstände  – insbesondere in der Heimat in Großbritannien (z.B. in Opposition zur Politik Boris Johnsons) – Aufmerksamkeit verschafft. Die großartigen Werke Brutalism (2017, hier waren aber auch persönliche Themen vorhanden, z.B. der Tod von Talbots Mutter) und Joy Of An Act Of Resistance (2018) waren Zeugnis einer auf Krawall gebürsteten Haltung. Warum sollten sich die Idles in 2020 – einem Jahr, in dem ja wieder so einiges passiert ist – also nicht auch wieder Gehör verschaffen? Na klar, im Bereich des Post-Punk sind in letzter Zeit schon Alben in der Art erschienen, unter anderem von Protomartyr, Fontaines D.C. oder den Sleaford Mods. Doch die Idles sollten da nicht fehlen. Wie erwähnt sind die Reaktionen unterschiedlich. In den deutschen Magazinen sind sie eher positiv, in den internationalen Medien tendieren sie in die negative oder verhaltene Richtung (5.5/10 in der Pitchfork z.B.) Es werden ihnen zum Beispiel musikalische Wiederholung und  Unfokussierheit vorgeworfen. Kann ich persönlich nicht bestätigen, ich finde das Album erneut stark in seiner klanglichen Rohheit, in der ehrlichen textlichen Ausarbeitung mit der Wut über die Mächtigen und der Solidarität mit Menschen in sozialer Not, als auch der Produktion an sich (Nick Launey, Adam Greenspan). Ich bin sogar begeistert! Wie geht es euch? Was haltet ihr von dem Album? Auf eure Reaktionen bin ich sehr gespannt!

Note: 2,0

https://www.idlesband.com/uk

 

Biffy Clyro – A Celebration Of Endings  

VÖ: 14.08.2020

Label: Warner

Genre: Alternative-Rock

Ich habe es ja an dieser Stelle schon einmal erwähnt, dass ich ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Alternative-Rock und Nu-Metal der 1990er/2000er Jahre habe. Zum einen habe ich damals natürlich viel gekauft, einiges gefällt mir aus heutiger Sicht noch ganz gut, manches eher wenig bis gar nicht. Dann gab es unzählige Bands dieser Genres, die mich schon damals eher wenig interessiert haben. Doch es finden sich darunter ebenso ein paar Vertreter, die ich später entdeckt habe. Es ist halt die Frage, inwiefern man sich neuen Richtungen geöffnet hat, denn vor allem Nu-Metal hatte dann irgendwann im Verlauf der 2000er Jahre einiges an Bedeutung verloren. Für manche der Formationen – ich nenne bewusst keine Namen – schäme ich mich etwas. Allerdings: der Erstling von Linkin Park – Hybrid Theory – sagt mir nach wie vor zu. Beim Alternative-Rock der 2000er Jahre habe ich ebenfalls ein paar Bands gemocht, bei denen ich die teilweise negativen Kritiken nicht immer nachvollziehen konnte. Dann gibt es die Formationen, die generell gut aufgenommen wurden. Da gehört sicherlich auch Biffy Clyro dazu, das Trio aus Schottland. Auf ihren Werken wurden immer interessante Ausflüge in andere Bereiche der Rock-Spielarten wie Emo, Hardcore, Grunge, Progressive- oder Experimental-Rock unternommen. Gerade die Werke der Frühzeit, aber auch diejenigen der späten 2000er Jahre haben mir sehr bis ziemlich gut gefallen. Im darauffolgenden Jahrzehnt wurde Biffy Clyro für mich weniger interessant, wobei die Kritiken weiterhin ziemlich positiv ausfielen (okay, bei dem 2016er Ellipsis war es etwas schwieriger). So verhält es sich ja nun auch bei A Celebration Of Endings, was ich – soviel sei jetzt verraten – ich nun aber überhaupt nicht verstehen kann. Obwohl: der Einstiegssong North Of No South ist super gelungen. Auch das nachfolgende The Champ hat was.  Doch der Rest: der ist für mich zum größten Teil wenig interessant. Textlich – obwohl mit gesellschaftskritischen Kommentaren (und der Aufforderungen positiv zu bleiben) recht ambitioniert – leider oft belanglos und von der Musik irgendwie in den 1990er Jahren steckengeblieben. Die Balladen haben mich nicht gepackt und diese größtenteils präsentierte Mischung aus Pop-Punk und Alternative-Rock – die früher oft auf Soundtracks zu „leichten“ High School-Komödien zu finden war – ist damals natürlich der Hit gewesen, doch heute ist das irgendwie nicht wirklich mehr interessant. Oder irre ich mich da? Was ist eure Meinung zu dem Album? Auf eure Reaktionen bin ich sehr gespannt!

Note: 3,3    

https://www.biffyclyro.com/

 

The Naked And Famous – Recover

VÖ: 24.07.2020

Label: Somewhat Damaged

Genre: (Synthie-/Indie-)Pop / Electronica

Ein Freund von mir unterschätzt sicherlich seine musikalische Kenntnis und Weitsicht. Schon seit Jahren versucht  er mir zu erklären, dass er sich keine Musiker/innen oder Bands  merken könne. Dabei kommt er oft mit Acts um die Ecke, von denen ich sicherlich noch nichts gehört habe. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass ich alles kenne, aber ja zumindest so ein paar der derzeitigen Bands im „Indie-Bereich“. Doch der Freund zeigt mir dann bei YouTube Sachen, da muss ich staunend mitteilen, dass ich von der Band oder dem/der Musiker/in X wenig bis gar nichts gehört habe. Sind schon interessante Sounds dabei erklungen. Er war es auch, der mir so vor ca. 10 Jahren diesen einen Song dieser neuseeländischen Formation erstmals gezeigt hat, der dann später von VIVA für einen Promo-Clip verwendet und irgendwann in der Folge ein veritabler Indie-Hit wurde. Ja klar, es handelt sich um Young Blood von The Naked And Famous. Der Song war wirklich eingängig, überzeugte gleichzeitig mit moderner Produktion und frischen Ideen. Das zugehörige Album Passive Me, Aggressive You (2010) war ein Beweis dafür, dass manchmal mehr als nur die Hit-Single rausspringen und eine gute Form weiter bestätigt werden kann. Es gab weitere Hymnen wie All Of This oder Punching In A Dream. Die Neuseeländer konnten auch auf dem Nachfolger In Rolling Waves (2013) mit einer unkonventionellen Herangehensweise an Indie-Pop überzeugen. Das dritte Werk Simple Forms (2017) konnte mich zumindest aber nicht mehr catchen. Zu viele Wiederholungen im Bereich von Synthie- und Indie-Pop mit weiteren Electronica-Elementen. Und nun gibt es Album Nummer Vier mit dem verheißungsvollen Titel Recover. Ich mache es kurz, es ist überhaupt nicht gut, es ist vielmehr unglaublich langweilig mit uninspirierten Songs zwischen den Polen Hymne und Ballade. Es gibt kaum nennenswerte Momente, es fließt so dahin, ohne dass es meine Aufmerksamkeit gewinnen kann. Die Texte sind nicht der Rede wert und alles lässt den Verdacht nahe erscheinen, dass man lieber massenkompatibel sein möchte. Muss nicht immer ungünstig sein, hier aber schon. Dem Duo Alisa Xayalith / Thom Powers (Aaron Short und Jesse Wood haben die Band vor zwei Jahren verlassen) gehen vielleicht die Ideen aus, wer weiß. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese Musik dem Freund gefällt, ich frage ihn mal bei Gelegenheit. Aber vielleicht sehe ich das ja auch total falsch. Was meint ihr? Ist das Album von The Naked And Famous doch klasse und ich erkenne es nicht? Oder stimmt ihr mit ein, dass es langweilig ist? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!

Note: 4,0      

https://www.thenakedandfamous.com/

 

Phoebe Bridgers – Punisher

VÖ: 19.06.2020

Label: Dead Oceans

Genre: Indie-/Folk-Rock

Um eines vorweg klarzustellen: ich möchte keinesfalls damit provozieren, dass ich das Zweitwerk Punisher von Phoebe Bridgers in die „Kontrovers“-Sparte gepackt habe. Denn normalerweise kommen Alben dieser Qualität nicht da rein. Es gibt ja einige Lobeshymnen darauf. Denn es ist egal, ob in der nationalen oder internationalen Musikpresse, es gibt nur die ganz hohen Wertungen, unter anderem 5½ Sterne im Musikexpress oder 8.7/10 Punkte bei Pitchfork. Nicht falsch verstehen, ich kann zu Teilen die Begeisterung nachvollziehen, denn die 25-jährige US-Künstlerin liefert wirklich ein starkes Statement mit Punisher ab. Schon das Debüt Stranger In The Alps (2017) hatte die Richtung angedeutet, dass Phoebe Bridgers richtig gute Texte zu schreiben und musikalisch interessante Wege im Spannungsfeld von Folk, Indie-Rock und Emo, ein bisschen Psychedelia, zu beschreiten vermag. Dann folgte ja letztes Jahr noch das fantastische selbstbetitelte Werk von Better Oblivion Community Center, dem Gemeinschaftsprojekt mit Conor Oberst. Ich weiß, dass Phoebe Bridgers eine wirklich spannende Künstlerin ist. Das wird ja auch auf Punisher klar, wenn sie in den Texten über ihre persönlichsten Erlebnisse, Erinnerungen und Erkenntnisse berichtet, sie sehr pointierte Stellungnahmen zu verschiedensten Themen wie (Liebes-)Schmerz, Hoffnung oder Verzweiflung präsentiert. Es gibt tatsächlich richtig starke Momente, in der die Musik eine unglaubliche Erhabenheit ausstrahlt. Deshalb ist Punisher auch wirklich richtig gut. Es ist nur so: ich sehe es (noch) nicht als Meisterwerk. Vielleicht kann ich es einfach nicht ganz packen, da ich mit Folk nicht immer die großen Berührungspunkte habe. Was haltet ihr von dem Album? Ist es dieses große Werk? Auf eure Meinungen bin ich wirklich sehr gespannt!

Note: 2,0 (hat aber Potential zu mehr)

https://phoebefuckingbridgers.com/

 

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