Rhye – Home

VÖ: 22.01.2021

Label: Caroline

Genre: (Sophisti-) Pop / Contemporary R&B / Soul

Gerade in diesen Zeiten – aber natürlich auch darüber hinaus – bin sicher nicht nur ich eher für die optimistisch-gestimmten, leicht-lockeren, gemütlichen Töne zu haben. Im Bereich des Films und der Serie habe ich da die Tendenz, möchte lieber die Geschichten sehen, die mir im Stile eines Little Miss Sunshine oder Almost Famous (einer meiner Lieblingsfilme) eher vermitteln, dass Werte wie Familie, Freundschaft, Liebe und Glück im Leben zählen. Generell gesehen sind es auch Momente wie zuletzt bei The Mandalorian Baby Yoda zu sehen, die mir Freude bereiten. Im Bereich der Musik war es letztens sicherlich kein Zufall, dass ich das Live-Album von Belle & Sebastian (von euch gerade zum Album des Monats Dezember hier bei hicemusic gewählt) so toll fand und es mir einige Male angehört habe. Wenn da jetzt der kanadische Künstler Mike Milosh mit seinem Projekt Rhye ein Album veröffentlicht, das Home heißt, bin ich schon neugierig. Musikalisch gibt es das ja her, rangieren die Klänge, die er produziert, im Großen und Ganzen im Feld von Pop/R&B und Soul (mit Elementen aus Jazz, Funk und Electronica u.a.), die von vornherein wohl eher Wärme vermitteln. Es werden auch thematisch positive Aspekte in den Fokus gerückt, Liebe und Sex aus unterschiedlichen Perspektiven in all ihren Ausdrucksformen beleuchtet. Das gefiel mir vor allem auf dem noch mit Ex-Mitglied Robin Hannibal entstandenen Debüt Woman (2013), mit klasse Songs wie Open und The Fall. Nach den beiden okayen Nachfolgern Blood (2018) und Spirit (2019) war ich wie bereits erwähnt neugierig, was Home aufbietet. Milosh bezieht den Titel auf das Persönliche, da er in Los Angeles seine Heimat gefunden hat und eben die positiven Erfahrungen in dem Zusammenhang in den Vordergrund gerückt werden. So habe ich mit der Annahme des Optimistischen natürlich nicht falsch gelegen, denn auch die Liebe und die Leidenschaft erscheinen hier im selbigen Licht. Über das Musikalische lässt sich sagen, dass die Songs erneut super instrumentiert sind, die Sounds bei aller Unaufgeregtheit trotzdem oder gerade deswegen schön zu hören sind. Gefällt mir im Gesamten, aber wahrscheinlich auch kein Wunder, oder?

Note: 2,3

https://www.rhyemusic.com/

Red Hot Chili Peppers – Californication

VÖ: 08.06.1999

Label: Warner

Genre: Alternative-/Funk-Rock

Es ist schon immer wieder schön zu merken, wie sehr Erinnerungen mit bestimmter Musik verbunden sind. Erst letztens habe ich in einer alten CD-Sammlung im Haus meiner Mutter gestöbert und einige Klassiker entdeckt. Da empfand ich schon ein bisschen Wehmut und auch Trauer, da sie meinem Vater gehörten, der – wie ich ja an dieser Stelle schon öfter erwähnt habe – mich musikalisch sehr geprägt hat. Er war den verschiedensten Genres gegenüber aufgeschlossen, neben Progressive Rock (im Stil von Van der Graaf Generator, Yes oder die „frühen“ Genesis) und generell „Classic“-Rock (à la Led Zeppelin, Black Sabbath, Pink Floyd, Deep Purple etc.) sowie verschiedenen Formen des Jazz (u.a. Miles Davis, Herbie Hancock, Jaco Pastorius) auch eher Selteneres und „Obskures“ als auch eben viele „neuere“ Strömungen, d.h. in dem Fall Bands der 1990er und frühen 2000er Jahre. Neben Electro/Ambient (The Chemical Brothers, The Prodigy, Moby etc.) vor allem auch unterschiedliche Rock- und Metal-Stile (z.B. Pearl Jam oder Rammstein, mit denen er die Nachbarn zu deren „Freude“ oft beschallte). Darunter fanden sich auch die Red Hot Chili Peppers und ihr (später kommerziell unglaublich erfolgreiches) Werk Californication. Mit diesem Album verbinde ich zudem eine weitere Erinnerung: den Kunst-Unterricht in der 10. Klasse. Damals hatten ein Freund von mir sowie weitere Klassenkameraden immer die neuesten Alben der Zeit, die dann gehört wurden, während wir im Kunst-Raum zeichneten, bastelten oder was auch immer machten. Der Lehrer, jetzt aus meiner Erinnerung heraus kein unbedingter Fan, ließ uns aber diese Freude. Dieser Freund (übrigens derselbe, den ich in der The Naked And Famous-Review erwähnte) hatte eines Tages eben jenes Californication dabei. Ich selbst war zu der Zeit noch nicht so ganz entschlossen, was das Musikalische anging, ich hörte viel aus den Charts und aus dem Radio (von 1 Live etc.). Doch es gab immer mal wieder einen Hoffnungsschimmer am Horizont bei mir, immer wieder wurde ich von bestimmter Musik gepackt, neben sowas wie Rage Against The Machine waren es eben jene Red Hot Chili Peppers, die ich vergötterte. Ich mochte ihr Meisterwerk Blood Sugar Sex Magik (1991) mit diesen unglaublichen Hymnen wie Under The Bridge oder Give It Away schon damals, auch das von Fans und Kritikern weniger geliebte One Hot Minute (1995) schätzte ich dank Aeroplane sehr. Doch richtig verliebt war ich in die Musik erst seit Californication, schon ab dem Moment, als die Klänge erstmals im Kunst-Unterricht ertönten. Was für Riesen-Songs darauf versammelt sind! Da wären zunächst die sechs unnachahmlichen Singles des Albums: natürlich Scar Tissue, Around The World (die das Werk großartig einleitet), Otherside, der geniale Titelsong, das wundervoll-introvertierte Road Trippin und Parallel Universe. Aber da sind ja noch die anderen Kompositionen wie das mitreißende Purple Stain, das stimmungsvolle Savior oder das kraftvolle I Like Dirt, ach das ist alles wunderbar. Diese Melodien! Nicht zu vergessen, die Themen, die hier wirkungsvoll und erstaunlich selbstreflektiert verarbeitet werden. Da wären zum einen sehr persönliche Angelegenheiten, wie die jahrelange Drogensucht aller Mitglieder sowie verschiedene Bezugnahmen auf sexuelle Angelegenheiten und auch auf die wechselhaften Momente der Karriere. Doch auch Tod, Selbstmord und gesellschaftspolitische Entwicklungen werden in den Fokus genommen (z.B. Globalisierung oder übertriebener Schönheitswahn). Überhaupt, sind die Leistungen aller Mitglieder hier lobend hervorzuheben. Vor allem Rückkehrer John Frusciante (der Dave Navarro ersetzte) erfüllte die Hoffnung der Band auf eine kreative Fortentwicklung im Sound mit unglaublich (ausdrucks-)starkem Gitarrenperformances. Diese Leistungen aller beteiligten Musiker/innen am Album wurden kongenial eingefangen von Stamm-Produzent Rick Rubin (seit Blood Sugar Sex Magik für sie tätig, erst 2016, auf The Getaway, wurde von den Red Hot Chili Peppers ein Anderer beauftragt, nämlich Danger Mouse)*. Die nachfolgenden Alben konnten da nicht mehr das Wasser reichen, auch wenn ich By The Way (2002) fantastisch finde. Blood Sugar Sex Magik ist vielleicht im Band- und im pophistorischen Kontext das wichtigere Werk, aber rein aus subjektiven Gesichtspunkten, insbesondere wegen der anfangs erwähnten persönlichen Erinnerungen, hat Californication einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen eingenommen.

* Es gibt allerdings nicht wenige Menschen, die das Album wegen der schlechten Soundqualität, der Übersteuerungen, kritisieren. So soll das Online-Magazin es als „Opfer des Loudness War“ bezeichnet haben (es gab wohl auch eine Petition für eine Überarbeitung laut Wikipedia). Kann sein, stört mich persönlich aber nicht 😊

Note: 1,3

https://redhotchilipeppers.com/

 

Run The Jewels – RTJ4

VÖ: 03.06.2020

Label: BMG

Genre: Hip-Hop

El-P und Killer Mike haben den Release ihrer neuen LP vorgezogen. Zwar nur um zwei Tage, aber die Botschaft dahinter erscheint viel bedeutender angesichts aktueller sozialpolitischer Geschehnisse. So schrieb das Duo auf Instagram: „Fuck it, why wait. The world is infested with bullshit so here’s something raw to listen to while you deal with it all. We hope it beings you some joy. Stay safe and hopeful out there and thank you for giving 2 friends the chance to be heard and do what they love. With sincere love and gratitude, Jaime + Mike.“ Dazu kann das Album auch gratis heruntergeladen werden (was laut NME aufgrund der immensen Nachfrage auf der entsprechenden Seite wohl nicht mehr möglich ist), mit der Option an das MDC (The Mass Defense Committee), ein Netzwerk zur Unterstützung verschiedener Protestbewegungen, zu spenden. Eindeutige Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Ereignissen haben Run The Jewels schon auf den vorherigen Werken vorgenommen, ihr letztes kam zu der Zeit heraus, als Donald Trump im Weißen Haus seine Amtszeit begann. Nun ist RTJ4 veröffentlicht worden, und wir alle wissen über die derzeitige Lage in den USA im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd und den Protesten der Black Lives Matter Bewegung gegen Polizeibrutalität Bescheid. Gerade El-P und Killer Mike haben ihre Wut über Rassismus gegenüber der afroamerikanischen Bevölkerung, aber auch generell gegen Minderheiten, ausdrucksstark zu Gehör gebracht und dabei stets kein Blatt vor den Mund genommen, sind dabei immer wieder tragischerweise aktuell. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit  bleiben einfach leider dauerhafte Themen. Deshalb ist es wirklich wichtig, dass Run The Jewels da sind, die sich auf diesem Album als „Yankee And The Brave“ dagegen zur Wehr setzen…und wie sie das tun! Absolut kraftvolle Beats und vielschichtige Rhythmen, großartig eingesetzte Samples, die allesamt mit ihrer Direktheit und Kompromisslosigkeit mich in ihren Bann gezogen haben. Die Düsternis und Aggressivität, diese vielsagenden und angesichts der aktuellen Geschehnisse eben gegenwärtigen Texte, das ist auf allerhöchstem Niveau. RTJ4 bietet zudem wieder einige namhafte Gäste auf, die sich hier solidarisieren, neben Pharrell Williams auch unter anderem Josh Homme (auch Co-Produzent des Albums), 2 Chainz, Mavis Staples und Zack De La Rocha (der ja einst mit Rage Against The Machine geniale, im höchsten Maße politisch motivierte Musik erschuf). Nicht nur für mich eine der besten und relevantesten Veröffentlichungen des Jahrgangs 2020, das bestimmt noch an Bedeutung hinzugewinnen wird! Schon jetzt meisterhaft!

Note: 1,7 (vielleicht sogar noch besser)

https://runthejewels.com/

 

Roosevelt – Young Romance

VÖ: 28.09.2018

Label: City Slang

Genre: (Synthie-)Pop / Electronica

In knapp drei Wochen werde ich mir die Live-Show von Marius Lauber aka Roosevelt in der Kölner Live Music Hall anschauen. Da bin ich schon ziemlich gespannt darauf, gerade weil ich ihn zu Zeiten seines zu Recht gefeierten Debüts (2016) nicht auf einer Bühne erleben durfte bzw. es aus meiner leider allzu häufigen Nachlässigkeit, mich nach Konzerten in meiner Nähe umzuschauen, verpasst habe. Erwartungen hatte ich auch angesichts des Nachfolgers, als dieser angekündigt wurde. Gleichzeitig war ich natürlich ebenso etwas skeptisch, ob dieser  ihnen standhalten kann. Wäre ja nun wirklich nicht das erste Beispiel! Bei der Klasse des Erstlings – auf dem der Kölner so gekonnt aktuelle  mit klassischen Electronica-Strömungen vereinte, wahrlich hitverdächtigen und gleichzeitig ambitionierten Elektro-/Synthie-Pop produzierte – war es eigentlich schon zu befürchten, dass Young Romance nicht ganz in der gleichen Liga spielt. Als ich das Album das erste Mal durchhörte, war ich tatsächlich auch nicht sonderlich angetan, dachte, dass Roosevelt doch nur eine zweite Version des Debüts abgeliefert habe. Damit hätte ich trotz kaum zu leugnender Parallelen dem neuen Werk Unrecht getan. Wie wichtig es doch ist, mehrere Hördurchläufe zu unternehmen! Denn Roosevelts Konzeption von elektronischer Popmusik ließ  sich hörbar noch weiter ausarbeiten, mit frischen neuen Ideen zwischen Dance, Disco, House und Chillout. Er ist ja längst nicht nur in Deutschland bekannt, man weiß schon genau weshalb. Würdiger Nachfolger, bei dem vor allem der Anfang überzeugt!

Note: 2,3

http://www.iamroosevelt.com/

 

Radiohead – OK Computer / Kid A / Amnesiac  

Radiohead – OK Computer

VÖ: 13.07.1997

Label: Parlophone

Genre:   Alternative-/Art-Rock

 

Radiohead – Kid A

VÖ: 02.10.2000

Label: Parlophone

Genre: (Alternative-/Experimental-/Post-/Progressive-)Rock / Electronica / Ambient

 

Radiohead – Amnesiac

VÖ: 05.06.2001

Label: Parlophone

Genre: (Alternative-/Experimental-/Post-/Progressive-)Rock / Electronica

 

Die Briten Radiohead gehören zweifelsohne zu meinen All-Time Lieblingsbands, das wird sich bestimmt niemals ändern! Ich werde ihnen auf ewig dankbar sein für ihren Mut, ihren unbedingten Willen, der Pop-Musik DEN innovativen Stempel aufzudrücken, dabei null Kompromisse eingegangen zu sein, sich von den gängigen, konventionellen Strukturen entfernt zu haben! Damit beziehe ich mich vor allem auf jene Phase kurz vor und nach der Jahrtausendwende, als drei gigantische Werke entstanden, die mich auch heute noch jedes Mal  gefangen nehmen, mich fragen lassen, wie es nur möglich ist, solch überwältigende Musik produzieren zu können. Meine ersten Erinnerungen habe ich an Radiohead in Zusammenhang mit einer MP3-Sammlung eines Kumpels, die ein paar Songs ihres zweiten, auch schon fantastischen  Studioalbums The Bends (1995) enthielt, ich meine es waren High And Dry und Street Spirit (Fade Out). Es muss so 1997/98 gewesen sein, als OK Computer bereits erschienen war. Mir wurde schon damals irgendwie klar, dass die Musik der Briten um Thom Yorke kaum noch mit den damals vorherrschenden Britpop- und Alternative-Rock-Klängen der 1990er Jahre gleichzusetzen ist. Denn auch auf besagtem Zweitling deuteten sich, im Gegensatz zum Debüt Pablo Honey (1993) – das bis ein paar Ausnahmen, allen voran das sensationelle Creep (mit dem wahnsinnig genialen Gitarren-Sounds von Jonny Greenwood, die schon damals aus seiner Unlust heraus entstanden, die ursprünglich vorgesehenen konventionellen Melodien zu spielen) noch nicht so wagemutig daherkam – erste unkonventionelle Elemente an. Ja, und dann erschien das erstmalig komplett von ihrem späteren Langzeitproduzenten Nigel Godrich betreute OK Computer, ein Meilenstein in der Diskografie von Radiohead, der noch einmal eine gehörige Schippe drauflegte in Sachen Innovation. Es ging um höchst verstörende und beängstigende Themen, unter anderem um Isolation, Entfremdung, um die Verlorenheit des Individuums in der Gesellschaft (mit Verweis auf Literatur, z.B. von Noam Chomsky und Douglas Adams). Vor allem das Musikalische: erste Schritte in eine komplett andere Richtung, man begab sich auf die Spuren Pendereckis und anderer Komponisten zeitgenössischer Avantgarde, es flossen Elemente des Art- und Progressive-Rocks ein. Absolute Spitze, mit herausragenden Songs wie Paranoid Android, Karma Police uvm., auf einem Werk, das so viele nachfolgende Künstler/innen inspirieren sollte  Musik, die jederzeit die verschiedensten Wendungen nimmt, sich niemals auf der Stelle bewegt, sondern vor Ideen nur so strotzt! Wie so oft, habe ich etwas gebraucht, um die Musik in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Aber als es dann so weit war, war ich hingerissen. Ja und dann: Ende 2000 der absolute Wahnsinn, Kid A. Thom Yorke sang weiterhin über höchst „unbequeme“ Themen, begleitet von wagemutigen Klängen und Rhythmen, erzeugt von einem vielseitigen Instrumentarium (u.a. einer Ondes Martenot), inspiriert von den unterschiedlichsten Genres, die hier phänomenal vereint wurden.  Progressive-, Experimental-, Art- und Post-Rock, Jazz, Neue Musik, Ambient (Vorbilder: Brian Eno über Pink Floyd, Can, Neu! bis Miles Davis uvm.), vor allem ambitionierte Electronica, Yorkes Begeisterung für Künstler/innen wie Aphex Twin, Boards Of Canada, DJ Shadow, aber auch Kraftwerk hatte durchschlagende Wirkung erzielt! Kid A ist eines der besten Alben der 2000er Jahre für mich, wenn nicht sogar aller Zeiten! Etwa ein halbes Jahr später kam dann noch Amnesiac heraus, das alles andere als ein „Kid A 2“ ist, ebenso großartig wie die beiden Vorgänger, mit einem monumentalen Pyramid Song (diesen hörte ich zum Zeitpunkt des Releases während einer nächtlichen Autofahrt, er zog mich sofort in seinen Bann) und einer weiterhin festzustellenden beneidenswerten Kompromisslosigkeit. Danach brachte das Quintett weitere geniale Alben (u.a. Hail To The Thief, In Rainbows) heraus, dennoch sind die hier aufgeführten Werke meine absoluten Highlights! Radiohead, my heroes!

Alle drei Werke OK Computer / Kid A / Amnesiac

Note: 1,0

http://www.radiohead.com/deadairspace

OK Computer

 

 

Kid A

Radiohead – Everything In Its Right Place from Clare Zhou on Vimeo.

Radiohead – Idioteque [Kid A] from faustidioteque on Vimeo.

Radiohead – Optimistic [Kid A] from faustidioteque on Vimeo.

 

 

Amnesiac

 

Rhye – Blood

VÖ: 02.02.2018

Label: Caroline

Genre: (Sophisti-)Pop / Contemporary R&B / Soul

Manchmal bin ich wirklich simpel gestrickt, obwohl es in jenem Fall nun wirklich nicht beabsichtigt war. Als ich Ende 2015 auf einem Konzert von (dem damaligen Duo) Rhye war, von deren Existenz ich zu dieser Zeit noch nicht lange wusste, suchte ich recht angestrengt nach der Sängerin der Band. Auf die Idee, dass auf den Songs der Band eine männliche Stimme zu hören sein könne, kam ich in meiner Naivität nicht. Mike Milosh und Robin Hannibal stellten die Musik ihres prächtigen, 2013 veröffentlichten Debüts  Woman vor, unter anderem mit den klasse Singles Open und The Fall. Ich war fasziniert, fand diese Mischung aus Pop, R&B, Soul, elektronischen Elementen im Downtempo-Stil , etwas Jazz und Funk auch live ansprechend. Jetzt, wo der Nachfolger erhältlich ist, handelt es sich bei Rhye nur noch um ein Soloprojekt, denn Hannibal ist seit letztem Jahr nicht mehr mit an Bord. Milosh hat hohen Produktionsaufwand betrieben, alle Instrumente selbst eingespielt. Er beschäftigt sich erneut mit Liebe, Sex und Leidenschaft, glaubwürdig umrahmt von überwiegend ruhiger, intimer Musik. Dennoch – ich kann mir leider nicht helfen – bin ich nicht so begeistert, wie ich es bei Woman war. Gerade zu Beginn kommt die Musik trotz origineller instrumenteller Arrangements (z.B. im Funk-Stil) nicht richtig in Schwung. Andererseits, weshalb ich auch hin- und hergerissen bin, ist die zweite Hälfte richtig groß geraten, vor allem mit Phoenix und Sinful (das Blood absolut überzeugend beschließt). Etwas Zurückhaltung in der Beurteilung halte ich aber (noch) für angemessen!

Note: 2,7 (mit Potential zu einer 2,3)

http://www.rhyemusic.com/

 

Röyksopp – Melody A.M.

VÖ: 03.09.2001

Label: Wall Of Sound

Genre: Downtempo / Electronica

Ende 2001 lief bei VIVA – ja genau, zu einer Zeit als es 24 Stunden am Tag da war, der alternative Schwestersender VIVA Zwei noch existierte und MTV ein Bestandteil des Free TV war – eine Sendung im Abend-/Nachtprogramm, die ich sehr mochte. Es gab dort – ich meine, es war immer freitags – neben Klassikern des Ambient-/Electronica-Genres von u.a. Air, Daft Punk, den Chemical Brothers oder auch Kraftwerk (ich kann mich an das Expo 2000-Video erinnern) viele seltene, sonst – wenn überhaupt – nur im Nachtprogramm laufende Clips zu sehen. Da hatte man zum Beispiel Aphex Twin (ich sah erstmals Windowlicker, On und wahrscheinlich auch Come To Daddy), Add N To (X), Orbital, Mouse On Mars, Jeff Mills und vieles mehr im Angebot, das mich als Jugendlicher damals unglaublich faszinierte. Ich hatte – aus heutiger Sicht lacht man darüber – einen MiniDisc-Player, auf dem ich Mitschnitte dieser Sendung festhielt (einfach aus dem Fernsehen aufgenommen). Es passiert mir in der Gegenwart oft, dass ich ein wenig mit Wehmut auf diese Zeit zurückblicke, denn es gab da so viel Musik, die mir vorher nichts gesagt hatte, aber auch nach nun über eineinhalb Dekaden – zumindest zu einem sehr großen Teil – eine fesselnde Wirkung auf mich ausübt. Ich verdanke neben VIVA Zwei – da gab es ja unter anderem die wunderbare Sendung Electronic Beats mit Ill-Young Kim – eben auch Berlin House (das vorher Housefrau hieß), dass ich mit der Ambient-/Electronica-Musik der 1990er- sowie der beginnenden 2000er Jahre bekannt gemacht wurde, einen Einblick in die Sounds jenseits des Mainstreams erhielt. Nun, dort lief Ende 2001 ein Video, das mich sehr einnahm. Es handelt sich um eine Melodie, die in höheren Tonlagen angesiedelt ist – ein Sample von Bob James‘ You’re As Right As Rain –, die auf den Einen oder Anderen enervierend wirken könnte, bei genauerem Hinhören aber klar wird, dass der Song eine hypnotisierende, höchst emotionale Komponente beinhaltet, die er zumindest mir deutlich vermittelt. Gemeint ist Eple von dem norwegischen Duo Röyksopp (zu Deutsch:  „Bauchpilz“), das wiederum auf dem fantastischen Debütalbum Melody A.M. von Svein Berge und Torbjørn Brundtland zu finden ist. Als dann Berlin House und der Sender VIVA Zwei zu meinem Bedauern Anfang 2002 eingestellt wurden, gab es ungefähr zur selben Zeit auf MTV ein weiteres wundervolles animiertes Video zu sehen: Poor Leno, das einen exzellenten Gesangsbeitrag von Landsmann Erlend Øye beinhaltet – der ja mit seiner Band Kings Of Convenience (erinnert sei an deren ebenso tolles, im selben Jahr erschienenes Debüt Quiet Is The New Loud) wie Röyksopp zu der sogenannten „Bergen Wave“ zählt. Mir war schnell klar, was die Skandinavier da auf die Beine gestellt hatten. Klänge, die verschiedenste Stimmungen vermitteln  – von träumerisch-introvertiert über bedrohlich, melancholisch bis heiter-optimistisch –,  dass man spielend leicht zwischen Eingängigkeit und Experiment balanciert, die Samples aus der Popmusik-Historie (u.a. von Burt Bacharach und Hal David oder dem Peter Thomas Sound Orchestra) und die Features (neben Øye u.a. von Anneli Drecker in dem unvergesslichen Sparks) perfekt einbaut. Ich denke beim Anblick des Covers, das sicherlich eine solche veranschaulicht, an eine Naturlandschaft in Norwegen, die ich selbst in frühen Kind- und Jugendzeiten kennenlernen durfte. Kein Wunder, das Duo hat in ihrem Heimatland sicherlich entsprechende Gegenden als Anreiz genutzt, um diese Melodien zu kreieren (es kommt aus dem sehr nördlich gelegenen Tromsø und musizierte vornehmlich in Bergen). Vielleicht ist Melody A.M. kein unnachahmlicher Meilenstein – Air, Massive Attack, Kruder & Dorfmeister, Boards Of Canada, Moby  sind nur ein paar der Vorreiter, die mit ihrem Mitt- und End-1990er-Alben den Grundstein für neue, innovative Ambient-/Electronica-Erkundungen legten, aber Röyksopp haben ihre individuellen Schlüsse daraus gezogen und mit ihrer Interpretation großen Eindruck hinterlassen. Zumindest bei mir, ich liebe dieses Album, auch heute noch!

Note: 1,3

http://royksopp.com/

 

 

Dizzee Rascal – Raskit

VÖ: 21.07.2017

Label: Island

Genre:  Grime / Hip-Hop

Hat nicht dieses Jahr der absolut versierte britische MC Wiley ein neues Album veröffentlicht? Ist hicemusic mal wieder total entgangen, dass im Januar Godfather erschienen ist. Vielleicht wird eine Rezension bei Gelegenheit nachgeholt, großartige Kritiken hat das Werk ja bereits bekommen. Besagter Künstler gehört zu den wichtigsten Vertretern des Grime, einer Stilrichtung, die elektronische Elemente (UK Garage, Dubstep, Jungle u.a.) mit Hip-Hop, Ragga und Dancehall vermählt, deren Ursprünge im London der frühen 2000er Jahre liegen.  Weitere unbedingt zu erwähnende Musiker des Genres sind Kano, Skepta oder Roll Deep, aber vor allem auch Dizzee Rascal, der sicherlich dafür sorgte, dass Grime einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde. Der Schreiber dieser Zeilen (der übrigens im selben Jahr wie Rascal geboren wurde) kann sich erinnern, wie er damals beim Joggen das fantastische Fix Up, Look Sharp hörte, welches mit einem einheizenden, vorwärtstreibenden Beat unterlegt war und angeführt wurde von einer ebenso kraftvollen Stimme (genau, es handelt sich um ein Billy Squier-Sample) . Dieser Song stammt von dem meisterhaften Debüt Boy In Da Corner (2003), auf dem unter anderem auch die nicht minder beeindruckenden Jus‘ A Rascal und I Luv U zu finden waren. Unglaublich, wie ein damals 18-Jähriger solch einen Sound produzieren konnte, sich textlich positionieren konnte, indem er die sozialpolitischen Probleme in Großbritannien anprangerte, mit ordentlich Wut im Bauch. Der ein Jahr später veröffentlichte Nachfolger Showtime war fast genauso großartig. Mit steigendem kommerziellem Erfolg sank leider die musikalische Qualität. Maths + English (2007) war noch okay (featurte unter anderem Lily Allen und Alex Turner von den Arctic Monkeys), Tongue N‘ Cheek hatte immerhin noch Bonkers zu bieten. The Fifth war aber nur noch enttäuschend und medioker, an Mainstream-Sounds orientiert, ohne eigene Akzente zu setzen. Produziert wurde es unter anderem von will.i.am, der nicht einzig der Meinung von hicemusic zufolge mit den Black Eyed Peas leider nur noch flachen, kantenlosen Dance-Pop fabriziert. Wie auch immer, mit Raskit kann Rascal zum Glück wieder ansatzweise an alte Glanzzeiten ansetzen. Lange nicht so druckvoll und aussagekräftig, aber ihm sind wieder neue Ideen eingefallen und er ist immer noch wütend über den Zustand der Welt. Das ist sehr erfreulich. Ordentliches Comeback!

Note: 2,3

http://raskit.co.uk/

 

Roosevelt – Roosevelt

VÖ: 19.08.2016

Label: City Slang

Genre: (Synthie-)Pop / Electronica

Schon direkt von Anfang an, beginnend mit dem Intro, fühlt man sich beim Hören der Debüt-LP von Marius Lauber alias Roosevelt an die ganz Großen der Musikszene erinnert, die sich seit einigen Jahren im Spannungsfeld zwischen Pop- und Electronica bewegen: LCD Soundsystem, Caribou, Hot Chip z.B., inklusive dieser klugen Verweise auf die Synthie-Pop/New Wave-Urväter der 1980er Jahre (Pet Shop Boys, New Order, The Human League etc.). Gleichzeitig merkt man, dass da jemand nicht bloß zitiert, sondern diese Anlehnungen nutzt, um sie mit individuellen Ideen zu würzen, die vielen Spielarten gegenwärtiger Electronica – u.a. Balearic House und Italo Disco – integriert und wirksam verarbeitet, einen feinen Mix aus Eingängigkeit und Experiment kreiert – eben wie oben erwähnte Künstler es stets so eindrucksvoll tun. Roosevelt ist aber selbst längst kein Unbekannter mehr, denn er hat nicht nur mit seinen in letzten Jahren veröffentlichten EPs und Compilations, mit seinen Remixen (von Acts wie Kakkmaddafakka oder die Glass Animals) in Kritiker- als auch Fankreisen auf sich aufmerksam gemacht, sondern auch die Clubs und Bühnen dieser Welt bespielt, unter anderem zusammen mit oben erwähnten Hot Chip. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist vor allem auch, dass der 25-Jährige unter Beweis stellt, dass in (seinem Wohnort) Köln weiterhin großartige Electronica-Sounds produziert werden. Wie vielseitig seine instrumentellen Arrangements, wie groß seine stilistische Bandbreite ist, macht Roosevelt allein schon auf den bereits im letzten Jahr erschienenen Singles Hold On und Night Moves deutlich, kann die hohe Qualität jedoch ebenso auf Albumlänge halten. Trotz weiterer, wahrlich hervorstechender Songs wie Colours oder Fever gibt es bezüglich des Niveaus keinen Ausfall zu verzeichnen. Die vier Jahre, die Lauber insgesamt in die Produktion dieses Albums investiert hat, haben sich also wahrlich gelohnt.

Note: 2,0                                                           

http://www.iamroosevelt.com/

 

Radiohead – A Moon Shaped Pool

VÖ: 08.05.2016

Label: XL

Genre: Art-Rock / Electronica

Diese Briten sind einfach nicht zu schlagen. Immer wenn man glaubt, man habe diese Band nur im Ansatz verstanden, sie in Momenten erwische, wo sie „Schwächen“ zeigen oder irritiert sind und sich im Kreis drehen, kommen Thom Yorke und Co. daher und strecken einem die Zunge heraus, machen einem deutlich, dass man sich wieder einmal unglaublich geirrt hat. Natürlich sind die Alben, die in Nachfolge der unglaublich genialen OK Computer (1997), Kid A (2000) und dessen „Zwilling“ Amnesiac (2001, mit Meisterstücken wie dem Pyramid Song) erschienen sind, nicht mehr so großartig wie diese, aber wer möchte bitte leugnen, dass Werke wie Hail To The Thief (2003) oder In Rainbows (2007), selbst das letzte,  The King Of Limbs (2011), doch immer noch auf ihre Weise  atemberaubend waren? Es wird sicherlich vielen Menschen ein Rätsel bleiben, wie Radiohead es hinbekommen, die Messlatte so hoch zu legen, dass so gut wie keine Band diese auch nur ansatzweise erreichen können. Denn jetzt legen sie noch einen drauf, indem sie einem ein Album präsentieren, das Songs beinhaltet, die teilweise klanglich in ähnlicher Form schon auf vergangenen Veröffentlichungen zu hören waren (man findet sicherlich immer wieder jeweils ein Äquivalent aus der früheren Zeit). Einige wurden auch schon vor vielen Jahren geschrieben oder gehören nahezu ebenso lang zum Live-Repertoire der Band.  True Love Waits beispielsweise datiert bereits aus dem Jahr 1995! Trotz allem ist A Moon Shaped Pool inhaltlich und musikalisch kohärent, behandelt persönliche Erlebnisse und Erfahrungen (z.B. die Trennung  Yorkes von seiner Lebensgefährtin nach 23 Jahren Beziehung).  Es ist zu vermuten, dass Radiohead ihrer Diskografie ein weiteres Meisterwerk hinzugefügt haben. Denn es ist immer wieder verrückt, wie selbstsicher, versiert die Briten Melodien kreieren können, die den Hörer fesseln, in ungläubiges Erstaunen versetzen. Mit Hilfe des London Contemporary Orchestra und Radioheads Stammproduzenten Nigel Godrich ist ein Album entstanden, dessen Größe sich wohl erst nach einiger Zeit offenbaren wird. Songs wie Burn The Witch oder Identikit sind Stellvertreter eines Wunderwerks!

Note: 1,7 (mit Potenzial nach oben)

 

Erstelle kostenlos eine Website oder ein Blog auf WordPress.com.

Nach oben ↑