Darkside – Spiral

VÖ: 23.07.2021

Label: Matador

Genre: Electronica / Experimental / Ambient

Es war ja auch im Genre der Electronica – wie in so ziemlich jeder musikalischen Spielart (wie dem Rock) irgendwann einmal so weit – zumindest in einigen der Subgenres -, dass die kreativen Tage etwas zurück lagen und bestimmte Sounds nicht mehr ganz so frisch klangen wie in der erfolgreichen Anfangszeit. Man nehme nur mal den Big Beat, der ja ab Anfang/Mitte der 1990er Jahre mit so Acts wie The Chemical Brothers, The Prodigy oder Fatboy Slim ordentlich Fahrt aufnahm und dann aber spätestens im Verlauf der 2000er Jahre an Attraktivität wieder verlor. Nun gut, dann kommen aber immer wieder neue Innovationen und frische Ideen, die in weiteren Subgenres ihren Ausdruck finden.  Im Electronica-Bereich sind da ja immer noch die Möglichkeiten gegeben, und da kommt auch so einiges. Gerade ein Mann hat sich da in den letzten Jahren sehr hervorgetan: Nicolas Jaar. Als Solo-Künstler auf Alben (wie dem 2011er-Meisterwerk Space Is Only Noise), Remixes, Compilations und diversen anderen Erscheinungsformen. Aber auch als Against All Logic oder als Darkside. Letzteres ist ein Projekt mit dem ebenfalls vielseitigen und umtriebigen Dave Harrington, das uns 2013 das grandiose Psychic schenkte. Darauf wurde experimentelle Elektronik sowohl mit vom Grundcharakter progressiv wirkenden als auch „mainstreamigeren“ Rockstrukturen sowie Ambient zusammengeführt. Nach ein paar weiteren Veröffentlichungen – u.a. als Daftside das Remix-Album Random Access Memories Memories (des letzten Daft Punk Werkes, wie der Titel es schon vermuten lässt) – war dann 2014 leider erst einmal Schluss! Doch seit 2018  ist das Duo wieder aktiv und legt mit Spiral das Zweitwerk vor, auf das – im Gegensatz zum vielgelobten Erstling – von der Kritik im Vergleich nicht ganz so  leidenschaftlich reagiert wurde. Vielleicht ist es allerdings auch etwas schwer dieses hohe Niveau zu bestätigen. Im Grunde werden die Experimente weiter vertieft, mit höchst spannenden klanglichen Exkursionen in World Music, Pop, ambitionierten Rock und entspannten Passagen in Psychedelia, Ambient und Folk sowie vieles mehr. Im Gesamteindruck ist das nicht ganz so bestechend wie auf besagtem Psychic, doch meiner Meinung nach ist es trotzdem ein fantastischer Nachfolger. Weiterhin großartig produziert, die Songs zeichnen sich durch Ideenvielfalt und einen unheimlich überzeugenden Willen zum Wagemut aus. Was haltet ihr vom Album? Seid ihr eher enttäuscht, ist es euch gleichgültig oder seid ihr ebenfalls begeistert? Auf eure Reaktionen bin ich gespannt 😊

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.darksidetheband.com/

 

Sophia Kennedy – Monsters

VÖ: 07.05.2021

Label: City Slang

Genre: Indie-Pop / Hip-Hop / Electronica / Jazz

Die in Hamburg lebende US-Amerikanerin Sophia Kennedy kommt aus einem künstlerischen, musikalisch kreativen und mannigfaltigen Umfeld. Denn ihre Arbeiten der 31-Jährigen, die zunächst Film studieren wollte, sind unter anderem auf dem von Stefan Kozalla alias DJ Koze mitgegründeten, in vielen Genres verorteten Label Pampa Records zu finden. Das kann doch irgendwie nur spannend werden! Denn genauso wie besagter DJ Koze pflegt Kennedy eine individuellen, stets nach neuen Klängen forschenden Ansatz, der irgendwie eine gut ausgewogene Mischung aus Eingängigkeit und Experiment erschafft. Die Zusammenarbeiten geben da eine Richtung vor: u.a. mit Erobique (für ihre erste Single Angel Lagoon im Jahr 2013), DJ Koze (auf dessen großartigen 2018er-Album Knock Knock) sowie Stella Sommer (auf Man weiß es nicht genau, 2019). Nicht zu vergessen ist ihre mit Helena Ratka gegründete, vor allem in Bereich von Electronica-/Disco musikzierende Band Shari Vari. Mit Mense Reents (Die Goldenen Zitronen) nahm sie dann 2017 ihr selbstbetiteltes, von mir leider sehr spät entdecktes Solo-Debüt auf, das Pop-Musik aus mehreren Perspektiven interpretierte und mit ausgeklügeltem Songwriting glänzte. Vor allem legte Kennedy einen großen Wert darauf, ihrer Stimme einen großen Raum zu geben und in vielseitig angelegte Instrumental-Arrangements zu betten. Klappte perfekt! Auf dem nun erscheinenden Nachfolger Monsters wird diese Mischung aus Pop mit verschiedensten anderen Stilrichtungen weiter verfeinert und großartig ausgearbeitet. Stimmungstechnisch ist das ebenso vielseitig ausgelegt, was innerhalb der Stücke durchaus variieren kann, von euphorisch zu düsteren Momenten ist alles möglich! Eingängigkeit meets Experiment eben! Wunderbares Album voller Überraschungen!

Note: 2,0   

https://www.sophiakennedy.com/ 

                          

Vladislav Delay – Rakka II

VÖ: 16.04.2021

Label: Cosmo Rhythmatic

Genre: Ambient / Electronica

Ich habe letztens eine tolle Liste bei Spotify entdeckt, in der die interessantesten und herrlich verrückt-verspieltesten Tracks von Electronica-Acts aus dem Heimatland meiner Mutter zusammengefasst wurden. Sie nennt sich schlicht Finnish Electronic und präsentiert so unterschiedliche Künstler/innen wie Emilia, Jimi Tenor, Op:l Bastards, Esa Saarinen, Jaakko Eino Kalevi oder die Ural 13 Diktators. Natürlich findet sich darauf auch ein gewisser Sasu Ripatti, der in der Electronica-Szene unter verschiedenen Pseudonymen aktiv ist und die verschiedensten Subgenres sowie weitere Spielarten (vor allem Ambient) auslotet, in diesem Fall als Luomo. Da gab es 2000 unter anderem Vocalcity und 2003 das von mir ebenfalls höchst geschätzte The Present Lover, auf denen verschiedenen House-Formen (u.a.a Deep, Micro) kunstvoll zum Ausdruck kamen. Andere Pseudonyme waren Sistol, Uusitalo, Conoco, Ripatti, nicht zu vergessen die weiteren Kollaborationen wie das Vladislav Delay Quartet, AGF/Delay bzw. The Dolls (Gemeinschaftsarbeiten mit Antye Greie und letzteres auch noch mit Craig Armstrong) oder jene mit dem Moritz von Oswald Trio. Am bekanntesten ist Ripatti aber wohl immer noch als Vladislav Delay. Die Sounds, die unter diesem Alias produziert, zeichnen sich durch eine höchst atmosphärische Tiefe, komplexe musikalische Strukturen und eine strikt konzeptuelle Herangehensweise aus. So widmete Vladislav Delay sich auf Rakka (2020) anhand auditiv anregender, stimmungsvoller, mitreißender aber auch durchaus herausfordernder Klangerlebnisse der finnischen Natur und ihren Eigenschaften. Ist ja zu Zeiten der Corona-Pandemie irgendwie nachvollziehbar, dass man sich dieser Thematik, den verschiedenen Rückzugsorten widmet (auch wenn die Natur schon immer eine Rolle bei Vladislav Delay gespielt hat). Auf dem Nachfolger schließt er daran an, präsentiert erneut atmosphärische Klangreisen, denen wieder ein introvertierter Charakter innewohnt. Die Sounds werden fortlaufend weiterentwickelt, präsentieren vielschichtige Strukturen, überraschende Wendungen und unterschiedliche Perspektiven. Als Halbfinne mag ich da „vorbelastet“ zu sein und von Grund auf eine positive Erwartungshaltung zu haben, wenn Vladislav Delay ein neues Album präsentiert, aber es ist ja auch im Ergebnis wunderbar, oder nicht?

Note: 2,0    

https://vladislavdelay.bandcamp.com/

         

Modeselektor – Extended

VÖ: 09.04.2021

Label: Monkeytown

Genre: Electronica / Experimental

Ich habe im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des letzten Albums Who Else (2019) erwähnt, dass ich Moderat – die andere Band der beiden Modeselektor-Mitglieder Gernot Bronsert und Sebastian Szary, die sie zusammen mit Sascha Ring (alias Apparat) bilden – ein bisschen mehr mögen würde, weil man sich insgesamt weiter hinauswage im weit gefassten Bereich der Electronica. Ich war dann letztens Endes nicht ganz so begeistert von besagter Platte und packte sie in die „Kontrovers“-Sparte. Müsste sie vielleicht noch einmal hören. Denn eines muss man auch sagen: Modeselektor kann man dennoch nicht einfach in eine Schublade packen, in der aggressiv nach vorne pushende, mit zu wenig Ecken und Kanten gesegnete – ja – „gefällige“ Electro-Sounds platziert werden. Das wäre schlicht gesagt nicht fair! Schon in Anbetracht toller Platten wie Happy Birthday! (2007) oder das tatsächlich schon 10 Jahre alte (!) Monkeytown kann man das wohl kaum objektiv behaupten, denn da war die Musik schon ausgesprochen vielseitig, die Strukturen gingen sehr wohl in Richtung ambitionierte Electronica.  Vor allem wird dies jetzt erneut untermauert, mit dem als Mixtape konzipierten Extended! Es finden sich darauf einige Tracks von Modeselektor – sowohl neue als auch alte unveröffentlichte. Es ist im Kontext der Corona-Beschränkungen und der damit zusammenhängenden Ängsten und Unsicherheiten konzipiert. Musikalisch wirft man einen Blick zurück auf die eigene Diskografie und widerlegt ziemlich eindeutig meine Ausführungen vom Anfang dieses Textes! Es gibt die unterschiedlichsten Subgenres der Electronica, die hier zum Ausdruck kommen. Das ist unheimlich spannend im Ergebnis und gefällt mir zumindest richtig gut! Man höre nur so was Fantastisches wie den atmosphärischen Ambient-Track Lockdown! Zudem bietet man mit Paul St. Hilaire und (dem auf Warp Records gesignten) Jackson And His Computerband ebenfalls zu Experimenten neigende Gäste auf. Wie gesagt, richtig gute Platte, die sicherlich einige Hörer an selige Zeiten durchtanzter Nächte erinnern wird!

Note: 2,0

https://www.modeselektor.com/

Daft Punk – Discovery

VÖ: 12.03.2001

Label: Virgin

Genre: (Post-)Disco / Dance / Electronica

Ich weiß, ich habe das sagenhafte Debütalbum der French House-Ikonen schon an dieser Stelle gepriesen. Doch es ist mir gerade, nachdem Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter traurigerweise am 22. Februar ihre Trennung bekannt gegeben haben, ein Bedürfnis, ein weiteres, meiner Meinung nach immer noch unterschätztes Werk aus ihrer Diskografie zu erwähnen und in höchsten Tönen zu loben! Bei aller Klasse einiger Nachfolger von Homework (1997) kann es doch eigentlich nur eines sein, das da in Frage kommt, oder? Es ist vor kurzem 20 Jahre (!) alt geworden und ich wollte es gerade nach dem Split von Daft Punk unbedingt zum Geburtstag auf Platte geschenkt haben. Doch keine Chance, es war ausverkauft! Ich meine natürlich Discovery, das wahrscheinlich nicht nur mir in Erinnerung geblieben ist: wegen der absoluten Hits wie One More Time, wegen der ganzen öffentlichen Diskussion um den damaligen Stilwechsel des Duos von French House- zu Disco-Sounds, den im Anime gehaltenen Musikvideos (die damals im Musik-Fernsehen rauf und runter gespielt wurden), dem unbestreitbaren Nostalgie-Faktor und vielem mehr! Aber der Reihe nach. Ende 2000 erschien besagtes One More Time, das der ganzen Fan-Schar, die das damals knapp 4 Jahre alte Debüt Homework zurecht anbeteten, doch einige Irritationen bereitete. Wollte Daft Punk etwa (auch vor „Cheesiness“ nicht zurückschreckenden) Disco-Pop/R&B (und weiteres wie New Wave, Funk und Jazz) mit „richtigen Song-Strukturen“ machen? Jene Band, die den French House und allerlei „bollernde“ Electro-Sounds mit Brechern wie Around The World, Da Funk, Burnin‘ und vielen anderen einer größeren Hörerschaft zugänglich, auf unvergessliche Weise erfahrbar gemacht – und damit ein Genre geprägt – haben? Warum? Es waren einige, die das zunächst nicht akzeptieren wollten. Ich gehörte schon 2001 als musikalisch nun wirklich nicht gefestigter Teenie nicht zu jener Gruppierung. Ich liebte One More Time und natürlich das dann ein paar Monate später, im Frühjahr des Jahres erschienene Album  Discovery  schon immer, hörte es zu dieser Zeit schon rauf und runter. Auch in der Gegenwart, insbesondere nachdem die für mich irgendwie doch bestürzenden Trennung von Daft Punk, habe ich das Album auf CD – ja, in meinem Auto ist das noch möglich 😊 – nochmal in Dauerschleife laufen lassen. Es bleibt dabei, ich liebe diese Platte immer noch! Es wirkt zu keinem Zeitpunkt veraltet, die Sounds dröhnen so frisch wie anno 2001 aus den Boxen. Daft Punk haben damit etwas erneut geschafft, was sie mit Homework Ende der 1990er Jahre für den House erreichten. Sie beeinflussten mit den Sounds folgende Musiker-Generationen, machten Disco-Sounds wieder salonfähig im Pop, prägten den Produktionsstil usw. Warum wohl hat Kanye West sich ein Harder, Better, Faster, Stronger als Sample-Vorlage vorgenommen, um 2007 mit Stronger einen Hip-Hop-/Electronica-Crossover-Hit zu landen? Waren es vorher die Rock-Fans, denen mit Homework Electro-Klänge schmackhaft gemacht werden sollten, war es diesmal genau andersherum: jetzt sollte klar werden, dass Rock eben cool ist. Daft Punk haben es sowieso seit jeher verstanden, innovativ und gleichzeitig kommerziell erfolgreich zu sein. Ein Song wie Get Lucky mit Pharrell Williams und Nile Rodgers von ihrem letzten Studio-Album Random Access Memories (2013) spricht da wohl Bände, auf dem man sich ja dann erneut auf die Disco-Erforschungsreise begab. Auf Discovery wurden die Grundlagen geschaffen! Das Hit-Quartett um One More Time, Aerodynamic, Digital Love und Harder,Better,Faster, Stronger, die weiteren, ebenso  erfolgreichen Singles Face To Face und Something About Us, aber auch die „heimlichen“ Granaten wie Voyager, Superheroes oder High Life – ach alle Songs – sind von ihren Stimmungen jeweils so unterschiedlich und von ihren musikalischen Stilen her so vielfältig aufgestellt, sie runden ein unvergleichliches Album ab! Sehr traurig, dass diese Band sich aufgelöst hat, aber es bleibt auch hier die Musik. Hört unbedingt ihr absolutes Meisterwerk Homework, aber vergesst mir Discovery bitte nicht!

Note: 1,3

https://www.daftpunk.com/

                                

Roosevelt – Polydans

VÖ: 26.02.2021

Label: City Slang

Genre: Synthie-/Dance-Pop / Electronica

Ich finde die Musik von Marius Lauber alias Roosevelt wirklich ziemlich gut. Von seinen Live-Qualitäten konnte ich mich vor ein paar Jahren in der Kölner Live Music Hall überzeugen. Von seinen Studio-Alben bin ich ebenfalls angetan. Gerade das selbstbetitelte Debüt (2016) hat mich vollends überzeugt, hatte es (mit u.a. mit Colours , Fever und Night Moves) wirklich kraftvolle Songs zu bieten, die moderne Electro-/Dance-Musik (im Stile von Hot Chip) mit Elementen des „klassischen“ Synthie-Pop (Human League, New Order etc.) und einer großen Portion Individualität zusammenführte. Der Nachfolger Young Romance bereitete mir ebenfalls richtig Laune, auch wenn er nicht ganz die Qualität des Erstwerks erreichen konnte. Nur oberflächlich betrachtet waren das marginal veränderte Zutaten im Vergleich zum Vorgänger, denn auf den Songs des Zweitlings wurde Ausschau nach weiteren Stilrichtungen gehalten. So stellt sich anlässlich der Veröffentlichung des dritten Studio-Albums Polydans die Frage, ob und inwieweit Roosevelt sich musikalisch weiterentwickelt. Ich muss zugeben, dass ich gerade nach dem ersten Hören ein bisschen den Eindruck gewonnen hab, dass der 30-Jährige sich nun doch wiederholt, im Grunde genommen ähnliche Songs produziert hat, die sich letztlich nicht wirklich voneinander unterscheiden. Das ist ja teilweise auch in einzelnen Kritiken zum Album zu lesen. Das wird Polydans meiner Meinung nach (vor allem nachdem ich es ein paar weitere Male gehört habe) dann doch nicht richtig gerecht. Denn hier wird fleißig, aber nicht unoriginell – die Geschichte der Electro-/Dance-Historie zitiert, u.a. gibt es hier eindeutige Referenzen auf die (genialen und sich entsetzlicherweise kürzlich aufgelöst habenden) Daft Punk und ihre Sounds der Random Access Memories-Phase. So mancher Song vermittelt Energie und Originalität und verarbeitet originell verschiedenste Musikstile. Vor allem wird hier zum Glück nicht alles nur mit purer Ernsthaftigkeit angegangen wird, eine ordentliche Prise (1980er-)Nostalgie und Kitsch wird mit draufgepackt! Das kann man doof finden und ist vielleicht letzten Endes nicht wirklich originell, aber ich bin der Meinung, dass man es Roosevelt keinesfalls übelnehmen kann, dass er uns in diesen Zeiten Fröhlichkeit und Lust aufs Tanzen vermitteln möchte. Ich finde Polydans schwer in Ordnung! Wie findet ihr das Album? Auf eure Meinungen bin ich gespannt 😊

Note: 2,3

https://www.iamroosevelt.com

Mouse On Mars – AAI

VÖ: 26.02.2021

Label: Thrill Jockey

Genre: Electronica / Experimental

Für mich persönlich spielt die „Köln-Düsseldorf-Allianz“ Mouse On Mars innerhalb des klanglichen Spektrums der Experimental-Elektronik (die ja unter anderem auch IDM – „Intelligent Dance Music“ –  genannt wird) in derselben Liga wie internationale Größen, sagen wir mal Aphex Twin, Burial oder Four Tet. Davon abgesehen kennt man das Duo um Jan St. Werner und Andi Toma über Landesgrenzen hinaus. Zu Recht, denn sie spielten beispielsweise schon Shows auf allen Teilen der Erde, engagierten sich im Rahmen des Goethe-Instituts oder förderten mit ihrem Label sonig spannende Künstler/innen aus den verschiedensten Bereichen, sowohl in geographischer als auch in soundtechnischer Hinsicht. Das Erforschen und Experimentieren, die stete Bewegung in ihrer Musik sind und bleiben ein Markenzeichen.  Die vielen fantastischen Werke, unter anderem Studio-Album-Klassiker wie Iaora Tahiti (1995), Niun Niggung (1999), Radical Connector (2004) oder das von mir persönlich überaus geschätzte Idiology (2001) geben Zeugnis davon. Nicht zu vergessen die klangliche Experimentierfreude auf ihrer fabelhaften letzte Platte Dimensional People (2018), die ihr Leser hier zum Album des Monats gewählt habt. Nun ist ein weiteres Werk von Mouse On Mars erschienen. Es heißt AAI, was als Abkürzung für „Anarchic Artificial Intelligence“ steht. Allen – darunter auch jene, die der Electronica eher skeptisch gegenüberstehen – wird hier eine Möglichkeit gegeben, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, wie Maschinen Musik produzieren. Ist sie wirklich derartiges wie kalt, hart und unzugänglich? Oder gibt es da andere Facetten, die eine Rolle spielen? Auf Grundlage der Theorien des Wissenschaftlers Louis Chude-Sukei, dessen Aussagen im O-Ton Mouse On Mars unter anderem mithilfe einer Software neu angeordnet haben, werden hier unterschiedlichste Experimente vorgenommen und in Track-Form auf dem Album zusammengefasst. Ein höchst ambitioniertes Projekt, dessen Resultat mich wirklich begeistert. Mouse On Mars bleiben mit ihrer Herangehensweise an Musik weiterhin aufregend, zeitgemäß und vielseitig, was mit AAI eindrucksvoll bestätigt wird. Wahnsinn!

Note: 2,0

http://www.mouseonmars.com/

Mouse on Mars "AAI" Unboxing from Thrill Jockey Records on Vimeo.

 

Bicep – Isles

VÖ: 22.01.2021

Label: Ninja Tune

Genre: Electronica

Da habe ich mich schon ziemlich geärgert damals, als mir dieses phänomenale selbstbetitelte Debüt (2017) des nordirischen Duos Bicep durch die Lappen gegangen ist (immerhin war es mir eine „besondere Erwähnung“ in den Jahreslisten damals wert). Und nicht nur das, auch die ganzen Veröffentlichungen in Form von EPs und Singles vorher, die sie seit 2010 herausbrachten, habe ich ignoriert. Komisch, denn einerseits handelt es sich genau um jene Form elektronischer Musik, die mir gemeinhin zusagt, und andererseits erschien die Musik seit 2017 bei einem meiner liebsten Labels, nämlich Ninja Tune. Immer wieder gab es höchst spannende Ausflüge in die unterschiedlichen Bereiche der Electronica, egal ob Chicago-House, Detroit-/Italo-Disco oder Mid-/Late 90’s-Electro-Stile, gemixt mit Ambient sowie psychedelischen und rhythmisch komplexen Strukturen/Texturen. Aber immerhin, jetzt das zweite Studio-Album ist mir mal nicht entgangen, ging ja auch kaum nach dem besagten Debüt! Nun: jetzt ist es so, dass die Kritiken nicht einhellig positiv sind, es gibt auch durchaus Bewertungen, in denen es im mittleren Segment angesiedelt ist. Selbst ich habe etwas erlebt, was sich in dieser Form schon lange nicht mehr hatte, ich habe meine Meinung komplett geändert! War ich nach den ersten Hördurchläufen eher desinteressiert, bin ich innerhalb von ca. einer Woche plötzlich überaus überzeugt von Isles, und frage mich, wie ich mal anderer Meinung sein konnte! Atmosphärisch dichte, charakterlich vielseitige Klänge, die den Hörer wieder in die ruhmreiche Vergangenheit der Electro-Musik – u.a. ambitionierte 90er-Sounds der Warp-Schule, Dubstep und Rave – zurückführen. Ich finde es richtig gut! Aber was sagt ihr zu dem Album? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt 😊

Note: 2,0

https://bicepmusic.com/

The Avalanches – We Will Always Love You

VÖ: 11.12.2020

Label: EMI

Genre: (Dance-)Pop / Electronica / Sampledelia

„We Will Always Love You“ – irgendwie gibt es da meinerseits einen Reflex, auf diesen Satz – vielmehr handelt es sich um den Titel des neuen Albums der Australier – mit „I Love You Too, Forever!“ zu antworten 😊 Denn es sollte ja hier auf hicemusic von mir schon oft genug erwähnt worden sein, dass ich The Avalanches für absolut fantastisch halte. Ihr 2000 veröffentlichtes, zahlreiche originell verarbeitete Samples (aus den unterschiedlichsten Richtungen) bietende Debüt Since I Left You halte ich für unglaublich meisterhaft, es gehört zu meinen All Time-Favorites und wurde hier nicht umsonst in der „Classics“-Reihe vorgestellt. Es gibt für mich – mal von DJ Shadow und seinem Endtroducing….. (1996) abgesehen – wohl kein Werk der sogenannten „Plunderphonics“, das mich mehr fasziniert hat! Wer erinnert sich als Musikfernseh-Freak, der um die 2000er Jahre VIVA Zwei gesehen hat, nicht gerne an die abgefahrenen, wahnsinnig originellen Videos von Since I Left You und Frontier Psychiatrist? Es war ja fast schon so, als hätte mich eine große Liebe für immer verlassen und womöglich enttäuscht, als ich als Fan so eine lange Zeit auf den immer wieder angekündigten Nachfolger gewartet hatte. Der erschien dann mit Wildflower (2016) und ich war aufgrund der psychedelischen, verlockenden Disco-/Electro-Melodien – auch wenn natürlich die Genialität des Debüts nicht ansatzweise erreicht werden konnte – doch wieder mit den Avalanches versöhnt. Ich konnte sie ja zusätzlich kurz darauf live in Köln sehen und war von der Show begeistert. Nun hat die australische Band sich glücklicherweise nicht wieder eineinhalb Dekaden versteckt und mich als Fan im Unklaren gelassen. Kurz vor Weihnachten wurde besagtes We Will Always Love You veröffentlicht, auf dem die Avalanches unzählige hochkarätige Gäste vereinen, unter anderem Blood Orange, MGMT, Kurt Vile, Neneh Cherry, Tricky, Jamie XX, Johnny Marr, Mick Jones, Leon Bridges Karen O, Denzel Curry, ja sogar Rivers Cuomo und Vashti Bunyan sind dabei. Es geht nicht mehr vordergründig um die Kunst des Samplings, sondern es wird den Stars die Möglichkeit gegeben, ihre individuelle Note (insbesondere mittels Gesang) einzubringen, ohne dass dem Duo Robbie Chater und Tony Di Blasi die unvergleichlichen Trademarks abhanden kommen. Das „We Will Always Love You“ nimmt Bezug auf Ann Druyan und Carl Sagan, die 1977 die Voyager Golden Records mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 als Botschaften an Außerirdische versendeten. Auch anderen großen Persönlichkeiten wird hier gehuldigt. Mit Musik, die mal sehnsuchtsvoll, mal romantisch, mal feierlich, mal melancholisch, generell gesagt zauberhaft daherkommt und zu jeder Zeit gewohnt vielseitig aufgebaut ist. Ich muss zugeben, nach dem ersten Hören war ich noch nicht ganz fasziniert (außer vom großartigen Gold Sky mit Kurt Vile), doch das Werk entfaltet seine Kraft mit jedem weiteren Durchgang. Bin mittlerweile mehr als überzeugt. Die alte Liebe zu den Avalanches besteht meinerseits immer noch, wie schön!

Note: 2,0

http://theavalanches.com/

 

DJ Hell – House Music Box (Past Present No Future)

VÖ: 27.11.2020

Label: The DJ Hell Experience

Genre: Electronica

Der Berliner Produzent Helmut Josef Geier aka DJ Hell ist bereits seit den späten 1970er Jahren musikalisch aktiv. So hat er sich gerade zu Beginn seiner Karriere viel mit der künstlerisch ambitionierten elektronischen Musik dieser Zeit in Deutschland auseinandergesetzt. Dieser Experimentiergeist drückt sich auch in seinem Klangschaffen aus. Stets am Puls der Zeit hat der 58-Jährige sich mit den jeweiligen Phasen des Genres auseinandergesetzt und dabei Referenzen auf seine großen Vorbilder eingebaut. Man denke da nur an das grandiose Teufelswerk (2009), auf dem er unter anderem Kraftwerk huldigte. Immer wieder gab es eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Stilen (u.a. mit dem von DJ Hell als große Inspiration bezeichnete Detroit Techno). Diese individuelle Interpretation und die Umsetzung haben ihm ein ausgezeichnetes Renommee verschafft, auch und insbesondere international. Sogar der große John Peel hat mit ihm 1995 eine seiner berühmten Sessions aufgenommen. Von vielen Fachzeitungen (u.a. das Groove Magazine) wähl(t)en ihn regelmäßig zu den besten deutschen DJs (neben anderen Größen der Szene mit einem ähnlich guten Image, wie z.B. Sven Väth). Nachdem DJ Hells letztes Album Zukunftsmusik (2017) titelgemäß mit den Sounds aufwartete, die ein späteres Jetzt definieren werden, wird nun auf der neuen LP House Music Box (Past Present No Future) eine Rückschau auf das geboten, was einmal die elektronische Musik, insbesondere den House, ausgemacht hat. Hier wird den Nostalgikern unter uns eine Möglichkeit gegeben, sich noch einmal in jene Zeiten zurückzuversetzen, als Techno und House ihre revolutionären Anfänge hatten, wo unzählige Menschen mit neuartigen Klängen konfrontiert wurden, die oft Bedeutung für sie über die Musik selbst hinaus haben würden.  So gibt es einen Bezug auf die großen deutschen Interpreten wie Kraftwerk, aber auch auf die Szenen in Chicago, Detroit und New York der 1980er Jahre bzw. die Inspirationen (u.a. mit einem Sample von Jimi Hendrix). Natürlich heißt es im Titel „No Future“, aber DJ Hell wäre nicht DJ Hell, wenn er trotz des Rückschau-Charakters nicht auch wieder zeigen würde, wie zukunftsgewandt seine Sounds dennoch immer sind!

Note: 2,0

https://www.facebook.com/DJHellOfficial

 

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