Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen – Gschichterln aus dem Park Café

VÖ: 09.07.2021

Label: Tapete

Genre: Pop / Northern Soul

Ich habe ja hier bei hicemusic schon zu Genüge erwähnt, dass mir ein paar deutschsprachige Bands mit ihren humorvollen und ironischen, immer hintergründigen Texten sowie ihren Referenzen auf alltägliche, pophistorische und sozialpolitische Ereignisse oder Phänomene imponieren. Dazu gehörten zum Beispiel die Hamburger Formation Superpunk, die einige tolle Alben vorlegten, unter anderem das geniale Wasser Marsch (2001, mit Songs wie Neue Zähne für meinen Bruder und mich), das ebenfalls grandiose Einmal Superpunk, bitte (2004) oder die wirklich ausgezeichnete Compilation A Young Person’s Guide To Superpunk (2012). Letztere war ja dann leider auch das Abschiedsgeschenk. Allerdings gibt es da ein paar Herren (Carsten Friedrichs und Tim Jürgens) dieser Band, die dann eine Nachfolge-Formation gründeten, die so ein bisschen den Spirit der alten Tage aufleben ließ. Anlehnend an einen äußerst trashigen Film mit Sean Connery wurde Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen aus der Taufe gehoben. Da kommen mit den Klängen wohlige Erinnerungen an Superpunk hoch, wobei ein eigenständiger Charakter der Musik nun wirklich nicht abzusprechen ist. Nun, da sind seit 2012 ein paar wirklich gute Werke erschienen, die ganz im Sinne des Bandnamens ebenfalls eine humorvolle Herangehensweise an popkulturelle und sozialpolitische als auch generell Alltags-Themen aufgezeigt haben. Den Vorgänger des hier besprochenen Albums – Fuck Dance, Let’s Art (2019) – habe ich beispielsweise sehr geschätzt. Das neue Werk Gschichterln aus dem Park Café  unterscheidet sich erneut nicht durch die Herangehensweise, hat aber wieder – dem österreichischen Titel gemäß – schön gewitzte Geschichten mit neuen thematischen Perspektiven zu bieten und macht einfach wieder Spaß mit Songs wie Es ist nett, nett zu sein, Yo Zwanie, Houston, wir haben kein Problem, 2020 – Das erotische Jahr oder Rebekka will ihr Rad zurück. Einige schöne Melodie-Ideen (z.B. in Richtung 60er-Agentenmusik) inklusive! Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen gehört wie Superpunk eben auch zu meinen geschätzten deutschen Bands!

Note: 2,3

http://diegentlemen.de/

Laura Mvula- Pink Noise

VÖ: 02.07.2021

Label: Warner

Genre: (Electro-)Pop / R&B / Synth-Funk     

Retro bleibt in der Pop-Musik das große Ding, warum auch nicht? Immer wieder werden Stilrichtungen der vergangenen Dekaden mal mehr mal weniger bestechend rezitiert und erscheinen im neuen Licht. Letzteres ist ja eigentlich schon eine Voraussetzung, denn es funktioniert nun mal eher nicht, wenn schlicht kopiert wird. Stile wie Soul und R&B werden in unterschiedlichen Klangkontexten präsentiert, ja gerne auch in Verbindung mit Electro-Sounds. In den letzten Jahren war beispielsweise der 80’s-Soul-Funk-Disco-Pop im Stil eines Prince oder von Michael & Janet Jackson wieder ein Thema. Da kommen einem die stilvollen Experimente einer Janelle Monáe – mit ihrem superben 2018er-Werk Dirty Computer – in den Sinn oder auch die coolen Statements der Französin Christine And The Queens. Seit einigen Jahren macht auch die Britin Laura Mvula auf sich aufmerksam, präsentierte von der Kritik geliebte, preisgekrönte Alben mit Sing To The Moon (2013) und The Dreaming Room (2016). Das war nicht bloß Neo-Soul der einfachen Sorte, es konnte durchaus in die verschiedensten musikalischen Bereiche weiterreichen. Vergleiche mit Nina Simone und Davis Axelrod u.a. wurden zu Zeiten des Debüts angestellt. Auf Pink Noise geht es nun infolge eines langen Aufnahme- und eines persönlichen Aufarbeitungsprozesses der 35-Jährigen verstärkt in die bereits angerissenen 80’s-Gefilde mit Synthie-Pop sowie gewohnt gut produzierten, ausgeklügelt arrangierten Soundflächen und dieser unvergleichlichen Stimme Mvulas. Das ist keine neue Idee an sich, die Songs – wie Got Me oder Church Girl – hinterlassen dennoch Eindruck durch diese Unverkrampftheit, diese Direktheit und ja – Individualität. Starkes Album!

Note: 2,0

https://www.lauramvula.com/

                     

Kings Of Convenience – Peace Or Love

VÖ: 18.06.2021

Label: EMI

Genre: Indie-Folk /-Pop

Die Jahre von 2001 bis ca. 2005 waren für mich (auch) in musikalischer von sehr großer Bedeutung, was ich ja an dieser Stelle schon das ein oder andere Mal geschrieben habe. Es war eben jene Zeit, in der ich zumindest zu großen Teilen die Charts-Hits langweiliger fand und einige im Radio (dort dann eher im Abendprogramm) eher seltener zu vernehmende Klänge entdeckte. Das waren natürlich zuvorderst die Formationen der neuen damaligen Indie-/Garage-Rock/Post-Punk-Welle (z.B. die ganzen „The“-Bands: The Strokes, The White Stripes), Electronica, einige „Klassiker“ (z.B. durch meinen Vater, der mir unter anderem Progressive Rock näherbrachte) und so vieles mehr. So Ende 2001 / Anfang 2002 lernte ich auch die Norweger Röyksopp kennen, auf deren fantastischen Debüt Melody A.M. ein gewisser Erlend Øye zu hören war (auf Remind Me und Poor Leno). Mir entging damals jedoch komplett die Musik seiner Band Kings Of Convenience und deren wundervolles Erstwerk Quiet Is The New Loud (2001), das so gefühlvolle, introvertierte Indie-Pop und -Folk-Songs bot. Der Albumtitel wurde gar als Slogan verwendet und stellte eine Art Gegenbewegung zu den oben genannten Indie-/Garage-Rock/Post-Punk-Bands dar. Formationen wie die Turin Brakes oder Badly Drawn Boy, ja sogar Belle & Sebastian wurden hier zugerechnet.  Ich habe die Kings Of Convenience dann erst richtig im Zusammenhang mit dem Nachfolger Riot To An Empty Street (2004) mit Gästen wie der tollen kanadischen Sängerin Feist zu schätzen gelernt (und in dem Zuge mich dem Vorgänger gewidmet). Songs wie I’d Rather Dance With You beweisen ja, dass „Quiet Is The New Loud“ nicht gleichbedeutend mit ausnahmslos ruhigen Songs ist. Schon auf besagtem Debüt waren Alternative Rock-Elemente zu hören. 12 Jahre (!) nach dem dritten Album Declaration Of Dependence sind die beiden Norweger – Erlend Øye und sein Co Eirik Glambek Bøe –  zurück mit Peace Or Love. Es ist vieles wie früher, unter anderem ist Feist wieder dabei. Ich bemühe den Vergleich oft, wenn ich mit etwas Nostalgischem in Berührung komme: es ist so wie eine geliebte Person nach vielen Jahren wieder zu treffen. Man weiß, es sind einige Jahre ins Land gezogen, alles ist vertraut, doch letztlich ist die Begegnung wieder eines – richtig schön! Man versteht sich doch irgendwie noch, oder? Ich mag das Viertwerk, es sind schöne introvertierte und gefühlvolle Songs über Themen wie Liebe, Kummer und das Relaxen. Genau der Folk wird repräsentiert, den ich schätze! Die Kritiker sind da unterschiedlicher Meinung. Daher würde ich gerne von euch wissen: wie findet ihr Peace Or Love? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!

Note: 2,3

https://kingsofconvenience.eu/#!     

Fortuna Ehrenfeld – Die Rückkehr zur Normalität

VÖ: 04.06.2021

Label: tonproduktion

Genre: (Indie-)Pop

Ich habe ja an dieser Stelle schon öfter über den deutschsprachigen Pop geschrieben und wie ich ihn im Allgemeinen einschätze. Gerade die Präsentation im Radio, wie dieser dort für gewöhnlich interpretiert wird, wie die Texte als lebensnah oder „echt“ beschrieben werden, auch wenn es in meinen Augen nicht immer zutreffend ist, darüber habe ich allzu häufig etwas bei hicemusic ausgeführt. Ich muss allerdings in diesem Zusammenhang klarstellen, dass meine Ansichten in der Mehrheit in dieser Hinsicht nicht negativ sind. Denn der deutschsprachige Pop hat jene Bands zu bieten, die eine Vielfältigkeit, eine Stilsicherheit und Authentizität an den Tag legen, aber wem sage ich das? Eine dieser Formationen, die ich sehr schätze, sind die Kölner um Frontmann Martin Bechler – Fortuna Ehrenfeld. Denn neben dem Humor und der Ironie, die sich nicht nur in einigen der Song- und Albentitel ausdrücken, wird eine Hintergründigkeit in der Auseinandersetzung mit alltäglichen Themen in den Texten deutlich, die über die von Jan Böhmermann (als Jim Pandzko) einst so gut auf den Punkt gebrachten Komplexe Menschen Leben Tanzen Welt hinausgehen bzw. diese etwas reflektierter und komplexer ausgestalten. Zudem ist im Bezug auf die Musik zu sagen, dass Fortuna Ehrenfeld immer wieder neue Ansätze und Musikrichtungen entwickeln und einfließen lassen. Auf dem neuen Album Die Rückkehr zur Normalität werden beispielsweise Electro-Elemente eingearbeitet, die unter anderem 1990er-Techno-Flair aufweisen. Nicht ganz ohne Zufall, denn das Feiern und die Ausgelassenheit wird herbeigesehnt. So ist der Albumtitel angesichts der derzeitigen Situation wohl auch erklärbar. Das Ende der Corona-Zeit als zentrales Ziel, zum Beispiel mit fröhlich skandierten „Sha-la-la-la“ (in Anleitung zum Sha-la-la)!) oder „Lo-lo-lo-lo (…)“ (im besten Song der Platte, Die panamoralische Liebe). Es soll zumindest Mut gespendet werden. Dies gelingt in der Gesamtheit wirklich gut, ein gleichzeitig unterhaltsames Album, das man gerade jetzt bestimmt ausgezeichnet hören kann!

Note: 2,3

http://antispecht.de/fortuna/  

                      

Blur – Parklife / Oasis – (What’s The Story) Morning Glory?

Blur – Parklife

VÖ: 25.04.1994

Label: Parlophone

Genre: Britpop / Alternative-/Indie-Rock


Oasis – (What’s The Story) Morning Glory?

VÖ: 02.10.1995

Label: Big Brother

Genre: Britpop / (Alternative-)Rock


Ich möchte jetzt nach über 25 Jahren hier nicht noch einmal den „Battle Of Britpop“ in allen Details ausbreiten, der ja von der Presse damals heraufbeschworen wurde und als „(…) the greatest pop rivalry since the days of the Beatles and the Stones“ bezeichnet und behandelt wurde. Natürlich lässt sich eine Frage, welche der beiden Bands die bessere ist, schon vor allem aus subjektiver Perspektive heraus beantworten, doch muss das wirklich sein?!? Denn ähnlich wie bei den Beatles und den Rolling Stones ist doch eigentlich kaum zu bezweifeln, dass beide Gruppen unheimlich wichtig sind. Sowohl Blur als auch Oasis haben großartige Werke und Songs geschrieben und den Pop und Rock revolutioniert  – und somit eben nicht „nur“ den Britpop der Zeit. Dieser gab den Musikfans ab den frühen 1990er Jahren das Gefühl, dass essenzielle Bestandteile verschiedenster Sounds und damit zusammenhängender Lebenseinstellungen und Botschaften aus 30 Jahren Pop und Rock – eben auch von den genannten Beatles und den Rolling Stones, aber auch anderen Formationen der Jahrzehnte zuvor (vor allem der Modbands der 1960er Jahre sowie des 1980er Indie-Rocks), und mit dem „Modfather“ Paul Weller als treibende Kraft des Genres – wieder eine Renaissance erleben durften. Mit einem britischen Anstrich versehen und als Ausdruck eines Lebensgefühls. Natürlich wären für diese Musikrichtung auch noch andere Bands zu nennen, natürlich Suede und Pulp, aber auch zum Beispiel Manic Street Preachers, The Verve, Supergrass, Ocean Colour Scene, Ash, Kula Shaker, manche sagen ja auch Radiohead etc., doch insbesondere Blur und Oasis haben wahrscheinlich nicht nur bei mir diesen großen Eindruck hinterlassen, und das nicht nur wegen ihres kommerziellen Erfolgs damals. Welche(r) Tonträge(r) mit welchem/n Song(s) das dann genau ist/sind, da kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Der „Battle Of Britpop“ ist ja im Zuge der Veröffentlichung der beiden Singles – Blurs Country House aus dem Album The Great Escape und Oasis‘ Roll With It aus (What’s The Story) Morning Glory?, die beide 1995 erschienen – entstanden. Dabei hatten beide Gruppen schon vorher geniale Werke veröffentlicht. Blur legte mit Leisure 1991 allerdings noch ein kommerziell nicht sonderlich erfolgreiches und von der Kritik wenig begeistert aufgenommenes, zum Beispiel Shoegaze und Madchester-Sounds kombinierendes Debüt vor. Doch mit Modern Life Is Rubbish (1993) wurde der Britpop eindrucksvoll von den Londonern eingeleitet. Mit Parklife ein Jahr später setzten sie einen qualitativ hohen Standard, der die grundlegenden Zutaten des Genres pointiert und musikalisch kraftvoll zum Ausdruck brachte. Großartige Songs wie Girls & Boys, der Titelsong, End Of A Century oder This Is A Low, ich persönlich liebe auch Tracy Jacks! Die Kommentare zu den sozialpolitischen Verhältnissen in stark geschriebenen Texten, die vor allem mit viel Humor und Spaß glänzten. Dann die musikalische Offenheit gegenüber den verschiedensten Stilrichtungen (hier unter anderem Punk, Psychedelia, Synthie Pop und Walzer). Später ging das ja bei Blur auch nach dem Britpop weiter, mit großartigen Leistungen auf Alben wie auf Blur (1997), 13 (1999)  oder Think Tank (2003). Parklife habe ich damals von einem Freund auf CD geschenkt bekommen, zusammen mit Leisure und Modern Life Is Rubbish. Das hier besprochene Werk ist bei aller Wertschätzung des letztgenannten das einzige, was ich auch heute noch regelmäßig höre. Großartig! Apropos großartig, das sind auch noch immer die beiden ersten Alben von Oasis, die ebenfalls fantastische Texte (von Noel Gallagher) und vielseitige, im positiven Sinne großspurige Musik (aus unter anderem Punk, Psychedelia) boten. Definitely Maybe (1994) mit Hammer-Songs wie Supersonic oder Live Forever war das kommerziell erfolgreichste Debüt aller Zeiten in Großbritannien. Dem wurde nur ein Jahr später der nicht minder fantastische Nachfolger (What’s The Story) Morning Glory? hinzugefügt, mit diesen auch heute noch von allen zurecht angestimmten Hymnen wie Wonderwall oder Don’t Look Back In Anger! Ich persönlich schätze das Zweitwerk sogar noch mehr, habe es in den über 25 Jahren so unglaublich viel gehört. Ich erinnere mich auch, wie wir das Album im Party-Keller eines Freundes – jährlich zu dessen Geburtstag – aufgelegt und die Hymnen feierlich mitgesungen haben! So gut waren die Jungs aus Manchester um die so oft zerstrittenen Gallagher-Brüder danach nicht wieder! Doch Oasis und Blur haben mich mit ihren Genre-Werken gleichfalls begeistert, Britpop at its best, das nun wirklich keinen „Battle“ nötig hat!    

Beide Werke, Parklife und (What’s The Story) Morning Glory?           

Note: 1,0

https://www.blur.co.uk/

https://www.oasisinet.com/#!/home


Blur – Parklife


Oasis – (What’s The Story) Morning Glory?

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