Rhye – Home

VÖ: 22.01.2021

Label: Caroline

Genre: (Sophisti-) Pop / Contemporary R&B / Soul

Gerade in diesen Zeiten – aber natürlich auch darüber hinaus – bin sicher nicht nur ich eher für die optimistisch-gestimmten, leicht-lockeren, gemütlichen Töne zu haben. Im Bereich des Films und der Serie habe ich da die Tendenz, möchte lieber die Geschichten sehen, die mir im Stile eines Little Miss Sunshine oder Almost Famous (einer meiner Lieblingsfilme) eher vermitteln, dass Werte wie Familie, Freundschaft, Liebe und Glück im Leben zählen. Generell gesehen sind es auch Momente wie zuletzt bei The Mandalorian Baby Yoda zu sehen, die mir Freude bereiten. Im Bereich der Musik war es letztens sicherlich kein Zufall, dass ich das Live-Album von Belle & Sebastian (von euch gerade zum Album des Monats Dezember hier bei hicemusic gewählt) so toll fand und es mir einige Male angehört habe. Wenn da jetzt der kanadische Künstler Mike Milosh mit seinem Projekt Rhye ein Album veröffentlicht, das Home heißt, bin ich schon neugierig. Musikalisch gibt es das ja her, rangieren die Klänge, die er produziert, im Großen und Ganzen im Feld von Pop/R&B und Soul (mit Elementen aus Jazz, Funk und Electronica u.a.), die von vornherein wohl eher Wärme vermitteln. Es werden auch thematisch positive Aspekte in den Fokus gerückt, Liebe und Sex aus unterschiedlichen Perspektiven in all ihren Ausdrucksformen beleuchtet. Das gefiel mir vor allem auf dem noch mit Ex-Mitglied Robin Hannibal entstandenen Debüt Woman (2013), mit klasse Songs wie Open und The Fall. Nach den beiden okayen Nachfolgern Blood (2018) und Spirit (2019) war ich wie bereits erwähnt neugierig, was Home aufbietet. Milosh bezieht den Titel auf das Persönliche, da er in Los Angeles seine Heimat gefunden hat und eben die positiven Erfahrungen in dem Zusammenhang in den Vordergrund gerückt werden. So habe ich mit der Annahme des Optimistischen natürlich nicht falsch gelegen, denn auch die Liebe und die Leidenschaft erscheinen hier im selbigen Licht. Über das Musikalische lässt sich sagen, dass die Songs erneut super instrumentiert sind, die Sounds bei aller Unaufgeregtheit trotzdem oder gerade deswegen schön zu hören sind. Gefällt mir im Gesamten, aber wahrscheinlich auch kein Wunder, oder?

Note: 2,3

https://www.rhyemusic.com/

The Avalanches – We Will Always Love You

VÖ: 11.12.2020

Label: EMI

Genre: (Dance-)Pop / Electronica / Sampledelia

„We Will Always Love You“ – irgendwie gibt es da meinerseits einen Reflex, auf diesen Satz – vielmehr handelt es sich um den Titel des neuen Albums der Australier – mit „I Love You Too, Forever!“ zu antworten 😊 Denn es sollte ja hier auf hicemusic von mir schon oft genug erwähnt worden sein, dass ich The Avalanches für absolut fantastisch halte. Ihr 2000 veröffentlichtes, zahlreiche originell verarbeitete Samples (aus den unterschiedlichsten Richtungen) bietende Debüt Since I Left You halte ich für unglaublich meisterhaft, es gehört zu meinen All Time-Favorites und wurde hier nicht umsonst in der „Classics“-Reihe vorgestellt. Es gibt für mich – mal von DJ Shadow und seinem Endtroducing….. (1996) abgesehen – wohl kein Werk der sogenannten „Plunderphonics“, das mich mehr fasziniert hat! Wer erinnert sich als Musikfernseh-Freak, der um die 2000er Jahre VIVA Zwei gesehen hat, nicht gerne an die abgefahrenen, wahnsinnig originellen Videos von Since I Left You und Frontier Psychiatrist? Es war ja fast schon so, als hätte mich eine große Liebe für immer verlassen und womöglich enttäuscht, als ich als Fan so eine lange Zeit auf den immer wieder angekündigten Nachfolger gewartet hatte. Der erschien dann mit Wildflower (2016) und ich war aufgrund der psychedelischen, verlockenden Disco-/Electro-Melodien – auch wenn natürlich die Genialität des Debüts nicht ansatzweise erreicht werden konnte – doch wieder mit den Avalanches versöhnt. Ich konnte sie ja zusätzlich kurz darauf live in Köln sehen und war von der Show begeistert. Nun hat die australische Band sich glücklicherweise nicht wieder eineinhalb Dekaden versteckt und mich als Fan im Unklaren gelassen. Kurz vor Weihnachten wurde besagtes We Will Always Love You veröffentlicht, auf dem die Avalanches unzählige hochkarätige Gäste vereinen, unter anderem Blood Orange, MGMT, Kurt Vile, Neneh Cherry, Tricky, Jamie XX, Johnny Marr, Mick Jones, Leon Bridges Karen O, Denzel Curry, ja sogar Rivers Cuomo und Vashti Bunyan sind dabei. Es geht nicht mehr vordergründig um die Kunst des Samplings, sondern es wird den Stars die Möglichkeit gegeben, ihre individuelle Note (insbesondere mittels Gesang) einzubringen, ohne dass dem Duo Robbie Chater und Tony Di Blasi die unvergleichlichen Trademarks abhanden kommen. Das „We Will Always Love You“ nimmt Bezug auf Ann Druyan und Carl Sagan, die 1977 die Voyager Golden Records mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 als Botschaften an Außerirdische versendeten. Auch anderen großen Persönlichkeiten wird hier gehuldigt. Mit Musik, die mal sehnsuchtsvoll, mal romantisch, mal feierlich, mal melancholisch, generell gesagt zauberhaft daherkommt und zu jeder Zeit gewohnt vielseitig aufgebaut ist. Ich muss zugeben, nach dem ersten Hören war ich noch nicht ganz fasziniert (außer vom großartigen Gold Sky mit Kurt Vile), doch das Werk entfaltet seine Kraft mit jedem weiteren Durchgang. Bin mittlerweile mehr als überzeugt. Die alte Liebe zu den Avalanches besteht meinerseits immer noch, wie schön!

Note: 2,0

http://theavalanches.com/

 

AnnenMayKantereit – 12

VÖ: 17.11.2020

Label: Irrsinn Tonträger

Genre: (Indie-)Rock / (Folk-)Pop

Anlässlich des letzten Albums Schlagschatten (2018) – das hier bei hicemusic nicht ohne Grund in der Sparte „Kontrovers“ besprochen wurde (vorwiegend wegen der überwiegend negativen Kritiken) – schrieb ich, dass ich die Gruppe durchaus schätze. Es ist vielleicht nicht unbedingt so, dass ihre Texte immer vor Subtilität strotzen, aber ich würde den Kölnern schon assistieren, dass sie wissen, wie sie direkt und aufrichtig schreiben können und dabei auch sozialpolitische Themen verständlich verpacken können. Irgendwie kann ich mich oft mit den Texten identifizieren. Hier sehe ich den Unterschied zu vielen anderen deutschsprachigen Bands, die im Radio gespielt werden. Da empfinde ich die vermittelten Emotionen als eher oberflächlich und eindimensional, ja leider auch oft vollkommen irrelevant. Das soll oft gefühlvoll sein, dem Hörer aus der Seele sprechen, aber tut es das wirklich? Naja, soll ja denen gegönnt sein, die es mögen. Bei AnnenMayKantereit stelle ich jedoch oft etwas fest, was ich bei einigen Anderen vermisse: eine Unverkrampftheit gepaart mit wirklichem Können. Man muss sich nur mal die Version von The Polices Roxanne (zusammen mit Milky Chance) anschauen! Klar, dann ist da ja auch noch die markante Stimme von Henning May, die wirklich „älter“ klingt als von einem 28-Jährigen, die nicht nur der Musik der Band eine Individualität und einen Wiedererkennungswert verleiht, sondern unter anderem ja auch das grandiose Hurra die Welt geht unter von K.I.Z. veredelt hat Es gibt für mich bestimmt noch mehr Gründe, warum ich diese Band schätze. Ich empfinde es andererseits aber auch so, dass AnnenMayKantereit es manchmal übertreiben, die Tiefgründigkeit ihrer textlichen Ausführungen vielleicht nicht so hoch wie beabsichtig ist, ja manchmal auch vor Plattheiten nicht ganz zurückgeschreckt wird. Doch das hält sich für mich alles in allem in Grenzen. Jetzt ist eine neue LP – schlicht 12 betitelt – unvermittelt erschienen. Es gab da ein nicht wirklich überraschend dominierendes Thema, natürlich die Corona-Pandemie, von der natürlich auch die Band wie so viele – natürlich ebenfalls über die Musik-Branche hinaus – schwer getroffen wurde. Denn es war unter anderem eine ganz große Tour geplant. So gibt es viel zu reflektieren, natürlich auch generell aus sozialpolitischer Perspektive. Es werden die Ängste, Sorgen und Entbehrungen, die Isolation vieler Menschen uvm. verarbeitet. Was lässt sich nun zum Resultat sagen? Sagen wir es mal so, das Album bietet einerseits erneut tolle Songs, die hintergründig das Thema aufbereiten und dazu vielschichtige Sounds aufbieten. Andererseits sind da auch Lieder dabei, die nicht so richtig zum Zuge kommen und letztlich wenig Eindruck vermitteln. Über die kurzen Songs – die Demo-Fassung zu Beginn beispielsweise – kann ich mir noch nicht so richtig ein abschließendes Urteil bilden. Doch ich würde sagen, dass das Positive auf dem Album für mich überwiegt. Ich mag die Band halt immer noch irgendwie gern!

Note: 2,7

https://www.annenmaykantereit.com/

 

Kitty Solaris – Sunglasses

VÖ: 18.09.2020

Label: Solaris Empire

Genre: Electronica / (Synthie-)Pop

Ja, die Berlinerin habe ich bereits vor kurzem im Spotlight vorgestellt, weil ihre neue grandiose Single Cold Blood erschienen ist. Jetzt ist das dazugehörige Album veröffentlicht worden, es ist das siebte als Kitty Solaris. Die vielseitige Künstlerin suchte seit jeher eine Kombination aus Lo-Fi-/Pop/Alternative in verschiedenen Formen und experimentellen Electronica-Sounds. Die entsprechenden Werke sind auf ihrem eigenen Label Solaris Empire erschienen, auf dem sie auch einige Künstler/innen aus Berlin und dem Umfeld fördert, insbesondere internationale, die in der Hauptstadt Fuß fassen möchten. Aber auch selbst scheint es ihr in musikalischer Hinsicht sehr viele kreative Freiheiten zu geben. Auf dem fantastischen Studio-Debüt Future Air Hostess (2007) wurde schon ein ganz individueller Ansatz gewählt, um entspannten, introvertierten Lo-Fi zu kreieren. Mit jedem der nachfolgenden Alben wurden auch weitere Musikrichtungen ausprobiert, die vor allem in Richtung Electronica gingen, immer wieder interessante Auffassungen und Realisierungen. Auf Sunglasses geht es um die Symbiose aus groovie Synthie/Wave-Pop mit vielfältigen Electronica-/Disco-Elementen. Das gelingt wirklich richtig gut, denn Kitty Solaris ist mutig und direkt in der Ausarbeitung der Sounds und präsentiert einen ausdrucksvollen, individuellen  Gesang. Ich habe mal kurz an Soffy O gedacht, doch das ist schon eigenständig. Nicht nur die starken Singles (neben besagtem Cold Blood auch Easy und Supermoon) überzeugen vollends, das Album insgesamt ist mit seinen feministischen und Mut machenden Botschaften stark geraten. Beeindruckend ist zum Beispiel das Cover von Corey Harts 80er-Song Sunglasses At Night. Super Platte, liebe Kitty!

Note: 2,0  

http://www.kitty-solaris.de/

 

The Naked And Famous – Recover

VÖ: 24.07.2020

Label: Somewhat Damaged

Genre: (Synthie-/Indie-)Pop / Electronica

Ein Freund von mir unterschätzt sicherlich seine musikalische Kenntnis und Weitsicht. Schon seit Jahren versucht  er mir zu erklären, dass er sich keine Musiker/innen oder Bands  merken könne. Dabei kommt er oft mit Acts um die Ecke, von denen ich sicherlich noch nichts gehört habe. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass ich alles kenne, aber ja zumindest so ein paar der derzeitigen Bands im „Indie-Bereich“. Doch der Freund zeigt mir dann bei YouTube Sachen, da muss ich staunend mitteilen, dass ich von der Band oder dem/der Musiker/in X wenig bis gar nichts gehört habe. Sind schon interessante Sounds dabei erklungen. Er war es auch, der mir so vor ca. 10 Jahren diesen einen Song dieser neuseeländischen Formation erstmals gezeigt hat, der dann später von VIVA für einen Promo-Clip verwendet und irgendwann in der Folge ein veritabler Indie-Hit wurde. Ja klar, es handelt sich um Young Blood von The Naked And Famous. Der Song war wirklich eingängig, überzeugte gleichzeitig mit moderner Produktion und frischen Ideen. Das zugehörige Album Passive Me, Aggressive You (2010) war ein Beweis dafür, dass manchmal mehr als nur die Hit-Single rausspringen und eine gute Form weiter bestätigt werden kann. Es gab weitere Hymnen wie All Of This oder Punching In A Dream. Die Neuseeländer konnten auch auf dem Nachfolger In Rolling Waves (2013) mit einer unkonventionellen Herangehensweise an Indie-Pop überzeugen. Das dritte Werk Simple Forms (2017) konnte mich zumindest aber nicht mehr catchen. Zu viele Wiederholungen im Bereich von Synthie- und Indie-Pop mit weiteren Electronica-Elementen. Und nun gibt es Album Nummer Vier mit dem verheißungsvollen Titel Recover. Ich mache es kurz, es ist überhaupt nicht gut, es ist vielmehr unglaublich langweilig mit uninspirierten Songs zwischen den Polen Hymne und Ballade. Es gibt kaum nennenswerte Momente, es fließt so dahin, ohne dass es meine Aufmerksamkeit gewinnen kann. Die Texte sind nicht der Rede wert und alles lässt den Verdacht nahe erscheinen, dass man lieber massenkompatibel sein möchte. Muss nicht immer ungünstig sein, hier aber schon. Dem Duo Alisa Xayalith / Thom Powers (Aaron Short und Jesse Wood haben die Band vor zwei Jahren verlassen) gehen vielleicht die Ideen aus, wer weiß. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese Musik dem Freund gefällt, ich frage ihn mal bei Gelegenheit. Aber vielleicht sehe ich das ja auch total falsch. Was meint ihr? Ist das Album von The Naked And Famous doch klasse und ich erkenne es nicht? Oder stimmt ihr mit ein, dass es langweilig ist? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!

Note: 4,0      

https://www.thenakedandfamous.com/

 

HAIM – Women In Music Pt. III

VÖ: 26.06.2020

Label: Vertigo

Genre: Pop(-Rock) / R&B

Ich habe letzte Woche bei der ARD-Sendung ttt – titel, thesen, temperamente mit dem wunderbaren Max Moor einen Beitrag zu HAIM, dem Trio aus Los Angeles, gesehen. Es war wirklich spannend, was dort berichtet wurde. Denn der Titel des dritten Albums Women In Music Part III beispielsweise sei ein klarer Fingerzeig an jene Journalisten, die der Band die tatsächlich oberdämliche Frage stellen würden, wie es denn als Frau sei Musik zu machen. Da verstehen es die Haim-Schwestern eben ,die passende Reaktion zu zeigen. Generell wurde ein großes Lob hinsichtlich der musikalischen Qualität ausgesprochen. Die Kritiken sind überaus positiv ausgefallen, Höchstwertungen sind wirklich keine Seltenheit. Es ist allerdings auch auffällig, wie es HAIM nach den beiden wirklich guten Vorgängern erneut gelingt, die Einflüsse aus der Historie des Pop  mit verschiedenen anderen Spielarten locker zu synthetisieren und in ein modernes Gewand zu kleiden. War auf dem Vorgänger Something To Tell You (2017) noch ein Schwerpunkt auf Soft-Rock/(Synthie-)Pop gelegt, der schon mit vielen weiteren musikalischen Elementen originell vermengt wurde, so wird auf Women In Music Pt. III so richtig geliefert. Okay R&B, Funk und Soul als weitere Klangquellen sind jetzt keine Neuheit bei HAIM, aber es zeigt sich, wie fokussiert und detailliert Haim sich mit der Pop-Geschichte auseinandergesetzt haben und diese Klänge mit anderen Stilen wie Jazz, Folk etc. zusammenzubringen. Da hört man so viel raus: von Fleetwood Mac, Joni Mitchell, über Prince bis zum R&B der 1990er-Jahre im Stile von TLC…und das sind nur Auszüge der Einflüsse. Ich habe sogar kurz mal an Donna Lewis (kennt noch jemand I Love You Always Forever?) oder Shania Twain gedacht. Es wird nicht einfach einfallslos kopiert, sondern so eingebaut, dass man die Musik dennoch als HAIM-Markenzeichen ansehen kann. Dann sind natürlich auch die Texte zu erwähnen: die drei Schwestern geben sehr viel Persönliches preis (die Krebserkrankung eines Freundes, der Unfalltod einer Freundin u.a.), bringen ihr Selbstbewusstsein zum Ausdruck, sind aber ebenso unglaublich selbstkritisch. Diese unverkrampfte – ja authentische – Herangehensweise zeichnet das Album aus. Es ist perfekter Pop mit ausgezeichnetem Gesang und einer ebenfalls beeindruckenden Instrumentation. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ich da an das großartige Vampire Weekend-Album Father Of The Bride aus dem letzten Jahr denken muss, auf dem Danielle Haim ja einen bleibenden Eindruck als Gastsängerin hinterlassen hat. Ex-Mitglied Rostam Batmanglij hat übrigens Women In Music Pt. III mitproduziert. Auch hier eine ausgezeichnete Arbeit. Ich bin zwar noch nicht ganz gehypt, aber das Album ist jetzt schon ganz ganz groß, auf jeden Fall!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

http://haimtheband.com/

 

Lady Gaga – Chromatica

VÖ: 29.05.2020

Label: Interscope

Genre: (Dance-/Electro-/Synthie-)Pop

Habe ich mich hier bei hicemusic eigentlich jemals zu Lady Gaga geäußert? Ich glaube nicht, oder? Hole ich das mal nach, jetzt wo ihr Comeback Chromatica „auf dem Markt ist“, wie man heute nicht mehr zu sagen pflegt. Ich werde jetzt kaum ausführlich, aber eigentlich hatte ich schon seit jeher hohen Respekt vor der Karriere der 34-Jährigen (und ihren vielen sozialen Engagements, Bühnen-Performances etc.). Produktionstechnisch war das Debüt The Fame (2008) für wirklich einwandfrei, mit einem klaren Bezug auf die 1980er-Jahre, vor allem den Synthie- und Elektropop dieser Zeit sowie dem Aufgreifen und einer sehr direkten Auseinandersetzung mit Themen wie Liebe, Sex, Drogen, Identitätssuche  (etc.) in ihren Texten. Ich fand jetzt nicht jeden Song gut darauf, aber als Gesamtkonzept war das schon irgendwie ziemlich beeindruckend. Nun, dann kamen die folgenden Alben – Born This Way (2011, mit einem meiner Meinung nach starken Titelsong), das nicht so geglückte Artpop (2013), die okaye Kollabo-Platte Cheek To Cheek (2014) mit Tony Bennett und das bei mir total durchgerauschte Joanne (2016). Sagen wir es mal so: ich finde die Musik aus produktionstechnischer Hinsicht generell besser als ich sie aus persönlicher Perspektive wahrnehme. Ich bin der Meinung, dass Lady Gaga im Zuge der Verarbeitung ihrer individuellen Erfahrungen und Erkenntnisse – die sicherlich oft nicht einfach zu bewältigen waren – wirklich nachvollziehbare und hintergründige Lyrics schreiben kann. Was zudem ihre Karriere anbelangt, verstehe ich irgendwie schon, weshalb sie einen solchen Erfolg hat und das gönne ich ihr in jedem Fall. Allerdings erreichen mich ihre Lieder emotional in den seltensten Fällen. Ich fand auch den Hype um ihre Rolle in der 2018er-Version A Star Is Born nicht ganz so nachvollziehbar, auch wenn ich die Songs auf dem Soundtrack mochte (natürlich vor allem Shallow). Nun, wie sieht es jetzt mit Chromatica aus? Soviel vorweg, es geht mir ähnlich wie auf den Vorgängern. Die vorab veröffentlichte Single Stupid Love ist ein wirklich toller Pop-Song. Aber der Rest: nun ja, ich bin nicht so ganz begeistert wie es viele Musikkritiker/innen sind, das Album bekommt ja durchweg ziemlich viele positive Wertungen. Aus produktionstechnischer Hinsicht kann ich da zustimmen, da gibt es kaum etwas auszusetzen, das ist moderner Dance-Pop, der sicherlich den Standards der beginnenden 2020er Jahre standhält. Dennoch: ich komme auf Albumlänge nicht so klar mit Chromatica, aus emotionaler Perspektive catcht es mich einfach nicht, obwohl hier so viele verschiedene Musikrichtungen eingewoben werden. Hmmm…An den Texten gibt es wirklich nicht auszusetzen, es sind sehr reflektierte und direkte Auseinandersetzungen mit Themen dieser Zeit und der Vergangenheit, die auch Lady Gaga selbst betreffen. Was mache ich also mit diesem Album? Es tut mir leid, aber ich muss irgendwie auch subjektive Kriterien hier einfließen lassen, weshalb sich die Wertung unten erklären lässt. Aber: ich lege mich nicht fest und lasse es noch auf mich wirken. Was sagt ihr zu dem Album? Findet ihr es richtig gut? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt!

Note: 3,0 (vorerst)

https://www.ladygaga.com/

 

Låpsley – Through Water

VÖ: 20.03.2020

Label: XL

Genre: (Art-)Pop / Electronica / R&B / Soul

Holly Lapsley Fletcher ist gerade einmal 23 Jahre alt, wird aber schon seit über einer halben Dekade für ihre Musik gefeiert, nach ein paar Singles und EPs  für ihre Debüt-LP Long Way Home, die – wie ich kürzlich feststellen musste – ja schon Anfang 2016 veröffentlicht wurde! Es erschien auf einem Label, das ja nicht erst in den letzten Jahren erfolgreich einige Acts unter Vertrag genommen und gepusht hat, die im Spannungsfeld von Pop, Electronica, Soul, R&B etc. neue und aufregende Wege beschreiten (im Stile eines, darauf leider nicht gesignten James Blake) – natürlich meine ich XL! Klar, da wäre unter anderem FKA Twigs zu nennen, die im letzten Jahr eine Riesenplatte herausgebracht hat, in deren Liga zu spielen wohl äußerst schwer sein wird. Aber: es geht ja hier nicht vordergründig um Wettbewerb, Låpsley stellt unter Beweis, dass sie ebenfalls spannende, stilistisch vielfältige Musik zu produzieren imstande ist, die perfekt in den Katalog der britischen Plattenfirma passt. Long Way Home war vielleicht in meinen Augen nicht so genial wie es teilweise von der Kritik eingeschätzt wurde, aber dennoch war eine individuelle Handschrift erkennbar, in Produktion und Komposition. Vor allen die Stimme ist markant und die Sounds bewegten sich perfekt zwischen Eingängigkeit und Anspruchsdenken. Einige Songs wie Falling Short und Hurt Me machen einem das deutlich. Vor allem sollte nicht vergessen werden, dass die damalige Teenagerin in aller Ausführlichkeit über ihre Gefühlswelt berichtet hat, ihr Innenleben in vollem Detail ausgeleuchtet und reflektiert hat. Das war schon bemerkenswert. Jetzt hat sich die Britin Zeit gelassen, um den Nachfolger zu produzieren. 4 Jahre, in denen sie einiges erlebt hat (soziales Engagement, eine gescheiterte Beziehung u.a.). Da ist klar, dass noch einmal die Emotionen und Ereignisse ihres Lebens bis zu den Früh-Zwanzigerjahren eine zentrale Rolle spielen, obwohl auch ein Bezug auf sozialpolitische Fragestellungen vorgenommen wird (Klimawandel u.a.). Vor allem hat hier das Wasser und die Farbe Blau einen hohen Stellenwert. Produktionstechnisch wurde erneut tolle Arbeit geleistet, wirklich fein ausgearbeitete, moderne Sounds sind zu hören, die Songs sind schön vielfältig gelungen! Meiner Meinung stellt Through Water eine Weiterentwicklung zum Debüt dar, es ist bestechender und aussagekräftiger! Ein rundum gelungenes Werk!

Note: 2,0

https://musiclapsley.com/

 

La Roux – Supervision

VÖ: 07.02.2020

Label: Supercolour

Genre: (Synthie-)Pop / Disco

Elly Jackson hat 2009 – damals noch im Duo mit Ben Langmaid – das selbstbetitelte Debüt vorgelegt, welches künstlerisch als auch kommerziell erfolgreich war. Entsprechende Preise – oder zumindest Nominierungen (für den Mercury Prize z.B.) – ließen nicht auf sich warten. Diese Orientierung an Synthie-Pop-Melodien der 1980er Jahre im Verbund mit modernen Electro-Strukturen, das wurde von La Roux wirklich gut inszeniert, sich ausdrückend in Hit-Songs wie In For The Kill und Bulletproof. Doch Erfolg kann ja bekanntlich auch seine Schattenseiten mit sich bringen. Jackson fühlte sich unglaublich  unter Druck gesetzt, einen adäquaten Nachfolger einzuspielen, Langmaid – ohnehn ein Mann im Hintergrund – zeigte sich nicht einverstanden mit der vorgesehenen Richtung und verließ La Roux. Jackson machte allein weiter und brauchte letztendlich 5 Jahre, bis dann endlich Uptight Downtown fertig war. Mir gefiel diese Mischung aus bekannten Synthie-Pop-Klängen und einer ordentlichen Portion Disco im Stile von Chic oder Donna Summer ganz gut. Als ich dann kürzlich hörte, dass La Roux das dritte Album Supervision am Start hat, wurde ich aufmerksam. Doch: die Kritiken sind ziemlich gemischt, von Verrissen bis Lobesbekundungen ist national und international alles zu lesen. Ich pendele mich letztendlich in der Mitte ein. Die Songs sind recht ordentlich produziert und haben einen poppigen Appeal, doch mir fehlt ein wenig der jeweilige Charakter, der sie voneinander unterscheidet oder einen von ihnen hervorheben könnte (okay, Gullible Fool ist klasse). Es klingt nach 1980er-Pop, ein bisschen nach Disco, doch was bietet uns das Album wirklich Neues? Ich kann da leider keine wirklich gute Antwort geben. Wie ist das mit euch? Was haltet ihr von Supervision? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!

Note: 3,0      

https://www.laroux.co.uk/

 

Caribou – Suddenly

VÖ: 28.02.2020

Label: City Slang

Genre: Electronica / Pop

Meine ausgesprochen hohe Wertschätzung für den Kanadier Dan Snaith kam ja höchstwahrscheinlich zuletzt im Jahrzehntrückblick zum Ausdruck, da ich seine beiden als Caribou in der letzten Dekade veröffentlichten Alben Swim (2010) und Our Love (2014) darin aufgelistet habe. Er ist für mich einer der Künstler/innen, die es in den 2000er Jahren stets verstanden haben, die beiden musikalischen Pole Pop und Electronica (anfangs auch Folk) am eindrucksvollsten zusammenzuführen. Denn es wird meiner Meinung oft vergessen, dass schon The Milk Of Human Kindness (2005) sowie Andorra (2007, mit diesem Wahnsinnssong Melody Day ) Meisterstreiche darstellten. Erwähnt seien zudem das frühere bzw. aktuelle Projekt Snaiths  (Manitoba bzw. Daphni), mit denen er ebenfalls Electronica und Pop zusammenführ(t)e, aber auf eine noch andere Weise als unter dem bekanntesten Alias Caribou. Es ist halt so, dass er unter dem letztgenannten Pseudonym bei allem musikalischen Anspruch das Hitpotential dazu kommt, man nehme nur Songs wie Odessa, Sun, Our Love oder Can’t Do Without You. Ich liebe es! Dementsprechend hoch sind meine Erwartungen an das neue  Album Suddenly gewesen, dessen Erscheinen (nach 6 langen Jahren!) mit den absolut beeindruckenden Singles Home und You And I Ende des letzten Jahres angekündigt wurde. Was soll ich sagen? Ich bleibe weiterhin ein Riesenfan von Dan Snaith, soviel ist sicher. Wer es so beeindruckend hinbekommt, einen Song wie erwähntes, mit einem grandiosen Sample von Gloria Barnes aufwartendes Home an die Glanzzeiten der eigenen Diskografie erinnern zu lassen, dabei aber so viele neue Ideen dezent wieder einfließen zu lassen, dem ist doch jegliches Lob sicher (zumindest von mir)! Generell schafft er es als Caribou, wieder Pop und Electronica spannend zu synthetisieren – mit vielfältigen Ideen (z.B. passend ausgewählten Hip-Hop-Samples) – und diese mit unterschiedlichen Genres zu kombinieren. Mir gefällt zudem der Verweis auf die eigene Diskografie (z.B. die frühe IDM-Phase als Manitoba, mit hypnotischem Leiern im Stile Boards Of Canadas), die nicht einfach zitiert, sondern originell in einen modernen Kontext verpflanzt wird. Vielleicht spielt Suddenly (noch) nicht in der Liga der beiden Vorgänger, doch Snaith hält genügend Ideen für die neue Dekade bereit, das steht fest!

Note: 2,0 (vorerst)      

http://www.caribou.fm/

 

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