Matt Berninger – Serpentine Prison

VÖ: 16.10.2020

Label: Concord

Genre: Indie-Folk/-Rock / Chamber-Pop

Ist ja immer wieder eine spannende Angelegenheit mit Solo-Projekten von Bandmitgliedern. Ich meine das in dem Sinne, dass es doch einer Wundertüte gleichkommt, ob das überhaupt funktioniert. Denn es fallen ja doch einige Aufgaben an. Zuvorderst wird doch im Großen und Ganzen versucht, sich von der jeweiligen Hauptband musikalisch zu emanzipieren und einen neuen Weg einzuschlagen (gerade nach einem Ausstieg) oder eben Sachen auszuprobieren, die im Bandkontext schwer oder nicht möglich wären. Man könnte ja mal darüber reflektieren, wie viele berühmte Frontmänner es in der Pop-Geschichte versucht haben und wie viele von ihnen Erfolg hatten. Morrissey hat es ja beispielsweise zumindest eine lange Zeit geschafft, neue Wege abseits der Smiths zu gehen. Peter Gabriel zeigte neue Seiten, als er Genesis verlassen hatte. David Byrne, John Lennon, Bryan Ferry, Thom Yorke, Robert Plant….und und und. Es gibt schon die guten Beispiele, von denen ich an dieser Stelle sicherlich einige vergessen habe. Aber: es waren auch Solo-Künstler dabei, die vielleicht lieber bei ihrer Hauptband geblieben wären bzw. auf die „Alleingänge“ hätten verzichten sollen. Aber lassen wir da mal die Details!… Kommen wir lieber zu Matt Berninger, der eigentlich Sänger von The National ist. Ich hatte ehrlich gesagt die Befürchtung, dass da kaum was Neues kommt, was natürlich an sich schon ungerecht dem Künstler gegenüber ist. Es ist nun nicht so, dass die klanglichen Parallelen zu seiner Hauptband gar nicht auszumachen sind. Aber das war auch bei den oben Genannten nicht (immer) der Fall. Es gibt die feinen Unterschiede, zum Beispiel sind die Songs im Vergleich zu The Nationals Werke spärlicher instrumentiert, der Bariton-Stimme Berningers wird viel Raum zugestanden, musikalisch alles in der Tradition der Americana gehalten. Die erklingenden Instrumente wie Gitarre, Klavier, Streicher oder die von keinem Geringeren als Booker T. Jones (auch Produzent des Albums!) gespielte Hammond-Orgel werden eher im Hintergrund gehalten, sie dominieren nicht die Melodien. Alles ist ähnlich melancholisch in der Erscheinungsform, Berninger bezieht sich auf persönliche Erlebnisse und Erkenntnisse und derzeitige gesellschaftspolitische Zustände in den – im Vergleich zu The National weniger verschlüsselten – Texten, doch er setzt trotz allem gleichzeitig auf Optimismus und Entspannung, was sich auch in der Musik niederschlägt. Beeindruckendes Solo-Album mit vielen Facetten, die sich eben nicht direkt aufdrängen!

Note: 2,0

https://mattberningerswebsite.com

 

Bright Eyes – Down In The Weeds, Where The World Once Was

VÖ: 21.08.2020

Label: Dead Oceans

Genre: Indie-Rock/-Folk / Emo

Da war ich doch überrascht zu sehen, dass das letzte Werk – The People’s Key – von Bright Eyes neun Jahre alt ist. Die Band selbst hatte ja seitdem auch nicht mehr existiert und ist erst dieses Jahr zurückgekehrt. Wie zu hören ist, war diese Trennung damals wohl nicht mehr zu verhindern. Habe ich irgendwie alles nicht mitbekommen. Ich merke generell, dass ich nicht mehr wirklich den Überblick darüber habe, was Frontmann Conor Oberst in den letzten Jahren gemacht hat. Da waren halt einige Projekte, in denen der 40-Jährige seitdem engagiert war, zum Beispiel seine Solo-Sachen bzw. diejenigen mit der Begleitband The Mystic Valley Band. Oder die wiedervereinigten Desaparecidos oder jetzt zuletzt mit Phoebe Bridgers das aufregende Better Oblivion Community Center. Dann die 2016 erschienenen Wiederveröffentlichungen einiger Albumklassiker. Nicht zu vergessen seine Mitwirkungen an verschiedenen Alben (z.B. von Maria Taylor) und den Aktivitäten rund um die Labels Saddle Creek oder Team Love. Man muss sagen, dass nicht alles, was Oberst da präsentiert hat, jetzt großartig innovativ war, doch irgendwie konnte er zeigen, dass im Bereich von Indie-Rock, Folk und Emo er immer noch Spannendes abliefern kann, er vor allem in seinen Texten markante Stellungnahmen zu verschiedenen Themen einnimmt, er das Songwriting generell immer noch perfekt beherrscht. Klar waren da die Großtaten der 2000er Jahre, vor allem die beiden 2005er Werke I’m  Wide Awake, It’s Morning und Digital Ash In A Digital Urn. Da anzuschließen ist wohl schwer möglich, aber das muss ja auch nicht so sein. Mit Down In The Weeds, Where The World Once Was hat er ein wirklich starkes Album. Es bietet nicht nur wundervolle und komplexe instrumentelle Arrangements und im Gesamten eine atemberaubende Produktion mit diesem Größenwahn im positiven Sinne  (u.a. opulente Orchestrierungen, originelle eingesetzte Samples oder markante Gastauftritte z.B. von Red Hot Chili Peppers‘ Flea), sondern auch starke Texte, die uns in diesen schweren Zeiten Mut machen sollen. Oberst selbst verarbeitet den Tod seines Bruders (das Album ist diesem gewidmet) und ruft dazu auf, optimistisch zu bleiben. Ich muss dabei zugeben, dass ich nicht alles entschlüsseln kann, angesichts vieler Metaphern und anderer origineller Methoden. Das macht aber natürlich auch das Spannende aus. Ein Comeback, das wirklich überaus gelungen ist, mit einem wunderbaren Album und starken Songs!

Note: 2,0

https://www.thisisbrighteyes.com/

 

Bon Iver – i, i

VÖ: 09.08.2019 (physischer Release: 30.08.2019)

Label: Jagjaguwar

Genre: Folktronica, Indie-/Chamber-Folk

Die Tatsache, dass Justin Vernon und seine Mitstreiter/innen von Bon Iver ihre fantastischen, tief zu Herzen gehenden Folk-Melodien immer wieder neuen Änderungen und Experimenten unterzogen haben, war nach dem unnachahmlichen Debüt For Emma, Forever Ago (2008) zu jeder Zeit eine gute Entscheidung. Denn die Musik blieb ja den Prinzipien – nämlich „ehrliche“, sehr intim-persönliche Texte mit eben mitreißenden Sounds zu unterlegen – treu. Vor allem diese Stimme von Vernon! Sie bekommt mich immer wieder, egal mit welchen instrumentellen Arrangements er sie präsentiert. Beim ebenfalls grandiosen, opulenten selbstbetitelten Zweitwerk (2011) gab es unter anderem Kammerpop sowie Post- und Soft-Rock-Klänge zu hören, auf dem eine halbe Dekade später erschienenen 22, A Million (2016) wurde nach den für Vernon sicherlich inspirierenden Gastauftritten und Produktionsarbeiten (u.a. bei James Blake, Kanye West) auch ein Ausflug in elektronische, generell musikalisch unkonventionelle Gefilde unternommen. Nicht nur aus diesem Grund hat letztere Platte einen speziellen Platz in meinem Herzen eingenommen. In einer für meine Familie und mich damals sehr schweren Zeit wurde mir mit gefühlvollen – mal Trauer, mal Hoffnung vermittelnden –Texten Trost gespendet! Ich fühlte mich irgendwie verstanden. In diese Phase wurde ich jetzt ein wenig zurückgeworfen, als ich die ersten Songs des neuen Werks i, i hörte. Zu Beginn glaubte ich an eine klare Weiterführung der Experimente, doch die sind im Vergleich dann doch seltener zu hören, wobei die Electronica nicht gänzlich verschwunden ist. Wenn man so will, ist das tatsächlich eine Kombination der Sounds aller drei Alben, so dass erneut die verschiedensten Emotionen vermittelt werden. Vernon nennt i,i ein „Herbstalbum“. Kann man im Spätsommer so sehen, auch dass jede der Werke von Bon Iver eine Jahreszeit repräsentiert. So oder so, man kann auch einfach sagen: es ist mal wieder ein fantastisches Album einer verdammt guten Band (mit tollen Gastauftritten übrigens)!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)  

https://boniver.org/

 

Beirut – Gallipoli

VÖ: 01.02.2019

Label: 4AD

Genre: Indie-Folk / Baroque-Pop

Beirut, ehemals Soloprojekt von Zach Condon, jetzt Sextett unter dessen Führung, hat schon seit jeher einen „weltoffenen“ Sound geschaffen, ganz wie es der Bandname vermuten lassen kann. Die Hauptstadt des Libanon stehe für einen Ort, an dem die verschiedenen Kulturen zusammenprallen würden. Condon hat sich gemäß seiner Aussage verschiedensten Musikströmungen dieser Welt gewidmet.  Eine vereinfachte Beschreibung des charakteristischen Sounds der Band würde wie die der englischen Wikipedia-Seite lauten: eine Mischung aus Indie-Rock und World Music. Wir aber wissen, dass da noch mehr existiert. Ja klar, unter anderem Folk, jedoch ebenso elektronische Sounds oder (ambitionierter) Pop, die im Klangkosmos von Beirut keinen Fremdkörper darstellen. Was sind da schon für großartige Schätze in der Diskografie der Band aus Santa Fe zu finden, beginnend mit dem wundervollen Debüt Gulag Orkestar (2006, u.a. mit Elephant Gun und Postcards From Italy, die mir bis heute herrliche Ohrwürmer bescheren) und weiterführend mit dem eleganten Chanson-Werk The Flying Club Cup (2007) und The Rip Tide (2011, mit dem mir überaus imponierenden Song Santa Fe), nicht zu vergessen, die EPs. Doch auch das dann von der Kritik im Vergleich nicht mehr so gut aufgenommene No No No (2015) konnte mich mit seinem für Beirut-Verhältnisse fast schon auszumachenden instrumentellen Minimalismus packen. Dem neuen Werk Gallipoli werden ja ebenso nicht nur positive Reaktionen entgegengebracht, was mich etwas  wundert. Eine breite Palette an Emotionen (es gibt wieder einige persönliche Angelegenheiten zu verarbeiten) werden durch die Texte und die begleitende, erneut qualitativ hochwertig instrumentierten Melodien (unter anderem wieder einmal so schöne Trompetenparts!) vermittelt. Ich muss zugeben, dass auch ich die neue LP nicht ganz so toll wie die Frühwerke finde, doch Beirut macht in Sachen wirkungsvolle und animierende Klangreise immer noch kaum jemand etwas vor, zumindest nicht im Indie-Sektor. Fernweh ist vorprogrammiert!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)                    

http://www.beirutband.com/

 

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