PeterLicht – Beton und Ibuprofen

VÖ: 05.03.2021

Label: Tapete

Genre: Indie-/Electro-Pop

Na, wer erinnert sich von euch noch an eine Zeit, als kurz nach der Jahrtausendwende im Musik-Fernsehen auf Sendern wie – dem für meine musikalische Sozialisation äußerst wichtigen – VIVA Zwei ein sich in der Landschaft bewegender Bürostuhl zu sehen war? Nicht nur interessante und amüsante Bilder, sondern ebenso tolle elektronisch unterstütze Pop-Klänge waren zu vernehmen. Es handelt sich um den Indie-Hit Sonnendeck des Kölner Künstlers PeterLicht, über dessen Identität ja einige Zeit kaum etwas bekannt war (er zeigte sein Gesicht nicht, die ersten öffentlichen Fotos von ihm gab es ab 2006 herum). Das zugehörige Album Vierzehn Lieder (2001) gefiel mir ebenfalls sehr gut, gerade aufgrund der Musik, die sich über Pop und Electro hinaus ihren Blick auf weitere Genres richtete und in ihrer Erscheinungsform mannigfaltig war. Nicht zu vergessen sind die allgemein cleveren Texte, die vielleicht auf den einen oder anderen Hörer zunächst albern wirken könnten, in denen aber reflektierte Auseinandersetzungen mit sozialpolitischen Themen und der Natur des Menschen stecken. Und wenn nicht, dann sind sie halt einfach amüsant. Mein Favorit: „Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser / Die soll sich nicht so aufspielen die gelbe Sau“ (aus Lied gegen die Schwerkraft) 😊 Mich konnte zudem auch Lieder vom Ende des Kapitalismus (vor allem Wir werden siegen hat es mir angetan) überzeugen. So oder so, PeterLicht ist ein spannender und vielseitiger Künstler, der ja auch als Schriftsteller und Dramaturg tätig ist. Auf dem neuen Werk Beton und Ibuprofen geht es erneut zuvorderst um den Menschen, seine Lebensentwürfe, Ängste und Sorgen, seine Eigenarten an sich, ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus und seinen Folgen. Da erscheinen einige Textauszüge als Slogans oder Lebenstipps. Ein kleiner Auszug: „Wenn du traurig bist zieh deinen Mantel an und frag wen ob er dich nach Hause fährt / Wenn du kein Zuhause hast fahr besser nicht hin / Denn wenn du hinfährst (…) dann wirst du trauriger. Wenn du aber doch hinfährst schau wer im Haus drin ist / Manchmal ist das Haus okay es sind nur die falschen Leute drin.“ Ein weiteres klasse Album von PeterLicht!

Note: 2,3

https://www.peterlicht.de        

Róisín Murphy – Róisín Machine

VÖ: 02.10.2020

Label: Skint

Genre: Electronica / Elektro-/Art-Pop / Disco

Ich war richtig gespannt auf das fünfte Solo-Werk der ehemaligen Moloko-Frontfrau Róisín Murphy, das kann man wohl sagen! Ich bin fast schon in Panik geraten, als ich es Ende September – wo ich den Release erwartete – noch nicht hören konnte. Okay, es war ja eine Woche später da und die Freude war dementsprechend groß. Die Singles des Albums, die schon im Vorfeld erschienen, hatten bei mir zu dieser großen Erwartungshaltung geführt. Ich las etwas von einer Orientierung der 47-jährigen Irin zu House und 70er-/80er-Disco. Da hätten aber auch durchaus andere Musikrichtungen stehen können, ich wäre dennoch äußerst gespannt gewesen. Denn Murphy liefert beständig hohe Qualität ab, das hat sie schon mit ihrem Ex-Partner Mark Brydon als Moloko getan und führte dies in ihrer Mitte der 2000er Jahre beginnenden Solo-Karriere fort, zusätzlich auch als Gast (z.B. auf DJ Kozes formidablen 2018er Album Knock Knock). Die vier Vorgänger-Werke waren auf ihre Art immer speziell, präsentierten eine Künstlerin, die mehr oder weniger trendige, aber stets moderne und in ihrem Charakter unkonventionelle Sounds in ihre Musik einfließen ließ, ohne diese einfach zu kopieren. Es blieb stets eine individuelle Vorgehensweise bestehen, die sich zudem zu großen Teilen vom Klangkosmos von Moloko emanzipieren konnte. Dieses selbstbewusste, extrovertierte Auftreten hat mir eh schon seither imponiert, das war ja schon immer klasse, auch zu besagten Band-Zeiten. Meine Erwartungen wurden erfüllt. Auf Róisín Machine geht es tatsächlich in housige, discoide und wavige Sound-Gefilde, die Künstlerin lässt den Tracks jeweils genügend Zeit sich zu entfalten. Das imponiert, die Vorgehensweise ist insgesamt nicht ganz so unkonventionell wie auf den Vorgängern, sondern gibt den einen klaren Befehl: „Los, fang an zu tanzen!“. Das ist alles so herrlich modern und vielseitig produziert, klingt funky, sexy und einfach cool. Hervorragend in diesen Zeiten, um sich fallen zu lassen und die Musik auf sich wirken zu lassen. Bereits jetzt große Klasse!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.roisinmurphyofficial.com/

 

Lady Gaga – Chromatica

VÖ: 29.05.2020

Label: Interscope

Genre: (Dance-/Electro-/Synthie-)Pop

Habe ich mich hier bei hicemusic eigentlich jemals zu Lady Gaga geäußert? Ich glaube nicht, oder? Hole ich das mal nach, jetzt wo ihr Comeback Chromatica „auf dem Markt ist“, wie man heute nicht mehr zu sagen pflegt. Ich werde jetzt kaum ausführlich, aber eigentlich hatte ich schon seit jeher hohen Respekt vor der Karriere der 34-Jährigen (und ihren vielen sozialen Engagements, Bühnen-Performances etc.). Produktionstechnisch war das Debüt The Fame (2008) für wirklich einwandfrei, mit einem klaren Bezug auf die 1980er-Jahre, vor allem den Synthie- und Elektropop dieser Zeit sowie dem Aufgreifen und einer sehr direkten Auseinandersetzung mit Themen wie Liebe, Sex, Drogen, Identitätssuche  (etc.) in ihren Texten. Ich fand jetzt nicht jeden Song gut darauf, aber als Gesamtkonzept war das schon irgendwie ziemlich beeindruckend. Nun, dann kamen die folgenden Alben – Born This Way (2011, mit einem meiner Meinung nach starken Titelsong), das nicht so geglückte Artpop (2013), die okaye Kollabo-Platte Cheek To Cheek (2014) mit Tony Bennett und das bei mir total durchgerauschte Joanne (2016). Sagen wir es mal so: ich finde die Musik aus produktionstechnischer Hinsicht generell besser als ich sie aus persönlicher Perspektive wahrnehme. Ich bin der Meinung, dass Lady Gaga im Zuge der Verarbeitung ihrer individuellen Erfahrungen und Erkenntnisse – die sicherlich oft nicht einfach zu bewältigen waren – wirklich nachvollziehbare und hintergründige Lyrics schreiben kann. Was zudem ihre Karriere anbelangt, verstehe ich irgendwie schon, weshalb sie einen solchen Erfolg hat und das gönne ich ihr in jedem Fall. Allerdings erreichen mich ihre Lieder emotional in den seltensten Fällen. Ich fand auch den Hype um ihre Rolle in der 2018er-Version A Star Is Born nicht ganz so nachvollziehbar, auch wenn ich die Songs auf dem Soundtrack mochte (natürlich vor allem Shallow). Nun, wie sieht es jetzt mit Chromatica aus? Soviel vorweg, es geht mir ähnlich wie auf den Vorgängern. Die vorab veröffentlichte Single Stupid Love ist ein wirklich toller Pop-Song. Aber der Rest: nun ja, ich bin nicht so ganz begeistert wie es viele Musikkritiker/innen sind, das Album bekommt ja durchweg ziemlich viele positive Wertungen. Aus produktionstechnischer Hinsicht kann ich da zustimmen, da gibt es kaum etwas auszusetzen, das ist moderner Dance-Pop, der sicherlich den Standards der beginnenden 2020er Jahre standhält. Dennoch: ich komme auf Albumlänge nicht so klar mit Chromatica, aus emotionaler Perspektive catcht es mich einfach nicht, obwohl hier so viele verschiedene Musikrichtungen eingewoben werden. Hmmm…An den Texten gibt es wirklich nicht auszusetzen, es sind sehr reflektierte und direkte Auseinandersetzungen mit Themen dieser Zeit und der Vergangenheit, die auch Lady Gaga selbst betreffen. Was mache ich also mit diesem Album? Es tut mir leid, aber ich muss irgendwie auch subjektive Kriterien hier einfließen lassen, weshalb sich die Wertung unten erklären lässt. Aber: ich lege mich nicht fest und lasse es noch auf mich wirken. Was sagt ihr zu dem Album? Findet ihr es richtig gut? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt!

Note: 3,0 (vorerst)

https://www.ladygaga.com/

 

K.Flay – Solutions

VÖ: 12.07.2019

Label: Interscope

Genre: Indie-/Elektro-Pop

Kristine Meredith Flaherty – kurz K.Flay –, 34-jährige Künstlerin aus Wilmette, Illinois, bringt ihr drittes Album heraus. Ihre Musik ist mir erstmals vor 3 Jahren zu Gehör gekommen, als die Singles ihres Zweitwerkes (bzw. Major-Debüts) Every Where Is Some Where  (abends) im Radio liefen, u.a.  Blood In The Cut. Ich finde die Sounds im Bereich von Indie-Pop/-Rock/Hip-Hop und Electro gut, wenn auch nicht spektakulär. Irgendwie poppig, ohne im Gleichklang vieler Mainstream-Songs unterzugehen. Denn wirklich radiotauglich ist die Musik dann ja doch nicht, andererseits würde ich sagen, dass ihr von Grund auf Hit-Potential immanent ist. Darin liegt für mich vielleicht ein Problem, so dass ich mir (bestimmt nicht immer fairerweise) manchmal noch etwas mehr Individualität erhoffe. Welche musikalischen Vergleiche ließen sich da in diesem Zusammenhang ziehen? Zum Beispiel fallen mir Lily Allen oder Lady Sovereign (kennt jemand die Künstlerin noch?) ein. Nun gut, ich muss nach der Rezeption von Solutions sagen, dass ich insbesondere den Anfang zunächst nicht sonderlich interessant fand, wobei hier neben dem musikalischen Aspekt es vielleicht spannender ist, sich mit den Texten von K.Flay auseinanderzusetzen. Denn die sind größtenteils gelungen. Nehmen wir noch einmal den (vermeintlich?) lahmen Einstiegssong I Like Myself (Most Of The Time), dessen Titel schon gut vermittelt, dass großes Selbstbewusstsein immer wieder durch Selbstzweifel getrübt wird. Hier ist die Künstlerin sehr reflektiert, nimmt sich aktuelle gesellschaftsrelevante Themen an. Das Album ist letztendlich in Ordnung, mehr (zumindest jetzt noch) nicht!

Note: 2,7 (mit Potential nach oben)     

http://www.kflay.com/

 

Ladytron – Ladytron

VÖ: 15.02.2019

Label: !K7

Genre: Synthie-/Elektro-/Art-Pop

They are back! Nach 8 Jahren erscheint nun also ein neues Album des Quartetts aus Liverpool – die Nummer Sechs in dessen Diskografie –, das ja schon seit Anfang letzten Jahres durch einige Singles angekündigt wurde. Seit dem Debüt 604 aus dem Jahr 2001 haben sie sich mit ihrer stets spannenden Mixtur aus elektronischem Pop und  Synthwave – manch einer sagt auch Electroclash dazu – sowie Shoegaze einen Namen machen können (es sollte vor allem nicht vergessen werden, wer sich schon von den Briten hat remixen lassen: u.a. Dave Gahan, Goldfrapp, die Nine Inch Nails oder Bloc Party). Die Musik hat mir ebenfalls stets gefallen, auch wenn mir ihre letzte Platte Gravity The Seducer (2011) ein wenig durchgegangen ist. Nun, Ladytron, deren Bandname sich von einem Song von Roxy Music (enthalten auf deren fantastischen selbstbetitelten Debüt; Ex-Mitglied Brian Eno hat sich übrigens mal sehr lobend über die britische Band geäußert ) ableitet, hat also auch bei mir eine gewisse Vorfreude geweckt. Schon als ich den ersten Song Until The Fire hörte, war ich überzeugt. Es sind jene Momente, in denen man weiß, dass eine Band lange Zeit nicht da war, sie dann aber jene Energie der „früheren Tage“ aufbringt und man davon gefesselt ist. Kenne ich zumindest manchmal so. Ich muss allerdings vorab sagen, dass es sich „nur“ um eine gute, aber keine außergewöhnliche Platte handelt. Das Niveau des ersten Songs wird meiner Meinung nicht noch einmal wirklich erreicht, obwohl die Singles The Island und The Animals auch klasse sind. Es sind vor allem Momente enthalten, die sich nicht sofort aufdrängen, vom vermeintlichen Hintergrund aus aber letztendlich eine Sogwirkung erzeugen. Das macht Ladytrons Sounds immer wieder so abwechslungsreich. Es kommt mir zwischendrin bei manchen Songs nur vor, als sind das geupdatete Versionen der Hits jener „frühen Tage“. Ist bestimmt etwas unfair. Wie gesagt, eine dennoch gute Platte, die vor allem aufgrund der erzeugten Stimmungen – vornehmlich im düsteren Bereich anzusiedeln – überzeugt!

Note: 2,3

http://www.ladytron.com/

 

James Blake – Assume Form

VÖ: 18.01.2019

Label: Polydor

Genre: (Elektro-)Pop / R&B

Das Jahr 2019 startet ja ziemlich verheißungsvoll, mit einigen vielversprechenden Neuveröffentlichungen mehr oder weniger bekannter Acts! So bekam ich nach einem neugierigen Blick meinerseits auf die anstehenden Alben einen Namen präsentiert, mit dem zumindest ich kaum gerechnet hatte, vor allem nicht mit einem sofortigen Release eines neuen Werkes am 18.01. Nun gut, manchmal bin ich ja auch nicht der Aufmerksamste 🙂  Ich weiß zudem nicht, ob ich vielleicht der Einzige bin, der angesichts der vielen Kooperationen von James Blake mit Künstler/innen unterschiedlichster musikalischer Couleur in der letzten Zeit vielleicht doch ein bisschen skeptisch war, ob der 30-jährige Londoner seinen Prinzipien – z.B. der Zusammenführung von ambitionierter Electronica und souligem R&B – weiterhin treu bleiben oder doch lieber einen konventionelleren Weg einschlagen würde. Angesichts der interessanten Features mit Beyoncé, Kendrick Lamar, Frank Ocean u.a. zugegebermaßen auch eine durchaus zu hinterfragende Skepsis. Nun gut, auf seinem vierten Tonträger hat James Blake erneut namenhafte und innovative Musiker/innen eingeladen: Travis Scott, André 3000, Metro Boomin (auch als Produzent tätig), Moses Sumney und vor allem ROSALÍA (der Ihr –falls noch nicht geschehen – unbedingt Eure Aufmerksamkeit schenken solltet). Ach ja, Dominic Maker (von Mount Kimbie) hat sich unter anderem hinter die Regler gesetzt. Wie ist nun das Werk zu beurteilen? Ich sage mal so, wenn man wie ich mit dem Anspruch daran geht, dass die Qualität der Vorgänger – allen voran natürlich des selbstbetitelten Meilenstein-Debüts – sofort erreicht wird, der wird vielleicht nicht sofort hundertprozentig zufrieden sein. Ich habe Assume Form allerdings einige Hördurchläufe zugestanden, weshalb ich davon ausgehe, dass es mir im Verlauf des Jahres immer besser gefallen wird. Denn, Blake verschleiert ja gar nicht, dass er Pop bieten möchte, der in vielen Momenten zugänglicher ist als es die vorherigen Alben von ihm waren. Das Düster-Pessimistische ist ebenso nicht ohne Grund einer „fröhlicheren“ Stimmung gewichen: er ist einfach verliebt (wie sicherlich einige wissen in die The Good Place-Darstellerin Jameela Jamil) und es geht ihm auch sonst besser als in der Vergangenheit!  Man könnte nun erneut  meinen, Blake würde deshalb es sich musikalisch einfacher machen. Das könnte man allerdings wohl kaum so stehen lassen, vielleicht experimentiert er weniger, doch ein den konventionelleren Tönen zugewandter Künstler ist er deshalb noch lange nicht! Die Spielereien mit seiner Stimme beispielsweise sind immer noch kraftvoll und gekonnt in Szene gesetzt. Ich halte mich noch ein wenig bedeckt, doch das Album kann wachsen, ganz sicher! Vor allem die von Klavier begleiteten hymnenhaften Songs lassen mich fest daran glauben!

P.S.: Ich empfehle die Zeit-Rezension von Jens Balzer über Assume Form, fantastisch geschrieben!: https://www.zeit.de/2019/04/james-blake-album-assume-form-kritik

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.jamesblakemusic.com/

 

Jens Friebe – Fuck Penetration

VÖ: 02.11.2018

Label: Staatsakt

Genre: (Indie-/Elektro-)Pop

Im Jahr 2004 wurde in den Jahresbestenlisten ein Album vielfach aufgeführt, dass mich in meiner damaligen musikalischen Unbedarftheit nur mit dem Kopf schütteln ließ, da ich – so erscheint es mir zumindest in der Nachbetrachtung – vor allem die Hintergründigkeit und Ironie der Texte nicht erkannte. Ich beziehe mich auf Vorher Nachher Bilder von Jens Friebe. Ich habe ja lange Zeit geglaubt, der gebürtige Lüdenscheider würde aus Hamburg kommen, was ja wiederum nicht so eine abwegige Vermutung meinerseits war. Denn zumindest musikalisch kommen einem bei der Musik die großen Acts jener Bewegung in den Sinn, die Ende der 1980er bis Mitte der -90er Jahre als Interpreten der „Hamburger Schule“ bekannt wurden. In der norddeutschen Stadt wurde Friebe – der übrigens auch Musikjournalist ist und für die dieses Jahr leider eingestellte Intro schrieb – von Alfred Hilsberg Anfang des Jahrtausends entdeckt, der das besagte Debüt auf seinem Label ZickZack veröffentlichte. Bis zu Beginn dieser Dekade erschienen dort dann weitere Alben. So richtig mit seiner Musik und Texten beschäftigt habe ich mich zugegebenermaßen aber erst mit dem ersten über das fantastische, in Berlin (übrigens auch Lebensmittelpunkt von Friebe) ansässige Label Staatsakt herausgegebene  Werk Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus (2014). Denn hier wurden kunstvolle, gekonnt und vielseitig instrumentierte Songs mit wunderbaren Texten kombiniert, in denen nicht nur Liebe und Sex thematisiert, sondern auch reflektiert Stellung zum Tod und vor allem den Zustand der Gesellschaft genommen wurde. Es ist nun ebenso bei dem neuen Album der Fall, dass hinter dem vermeintlich albernen Titel natürlich noch viel mehr steckt: es geht u.a. um Geschlechtsidentität und damit zusammenhängende Stereotypen. Mal in Englisch, mal in Deutsch vorgetragen, manchmal albern, manchmal tiefgründig, aber jederzeit klanglich und stilistisch abwechslungsreich aufbereitet. Vor allem der Titelsong, aber auch Only Because You’re Jealous Doesn’t Mean You’re In Love sowie das schön ungewöhnliche Tränen eines Hundes haben es mir sofort angetan. Wirklich guter, anspruchsvoller Pop aus Deutschland, den ich heutzutage viel zu selten höre (insbesondere im Radio)!

Note: 2,3

http://www.jens-friebe.de/

 

Gorillaz – The Now Now

VÖ: 29.06.2018

Label: Parlophone

Genre: (Electro-/Synthie-)Pop / Funk / Soul

Für mich kam das schon ein wenig überraschend, dass die Gorillaz ein neues Album veröffentlichen, etwas mehr als ein Jahr nach ihrem letzten. Ich muss zugeben, dass – obwohl die Briten um Damon Albarn und Jamie Hewlett (die Band wird dieses Jahr schon 20 Jahre alt!) zu meinen All-Time Favoriten gehören – ich auch jetzt nicht in totale Begeisterung versetzt wurde, meine Erwartungen nicht die höchsten waren. Dies liegt daran, dass mir der besagte letzte Release Humanz (er landete hier bei hicemusic in der Kategorie „Kontrovers“) nicht wirklich zusagte. Irgendwie wirkte das zu bemüht, zu sehr an angesagten Trends (vor allem Hip-Hop und R&B) orientiert, ohne die individuelle Note, die die Gorillaz seit jeher ausgezeichnet hat, einzubringen. Viele tolle Gäste (u.a. Danny Brown, Grace Jones, Benjamin Clementine) waren darauf vertreten, jedoch war das in meinen Augen nicht jene vergleichbare  Magie, die ich verspürte, wie als ich damals die Kooperationen mit  Del The Funky Homosapien, Tina Weymouth oder De La Soul, ja auch Bobby Womack und Snoop Dogg hörte (es wurde wohl auch von vielen kritisiert, dass das Album mit so vielen Features vollgepackt sei). Dann glaubte ich ohnehin an eine eventuelle Bonus-LP, die nicht verwendetes Material aus den Humanz-Sessions versammeln würde. Kein Wunder also, dass ich da wenig zuversichtlich war. Nun, vor ein paar Wochen hörte ich dann die Vorabsingle Humility bei 1Live (mit George Benson), eine wirklich eingängige, frische Nummer, die dank Multitalent Albarns Gesang so angenehm entspannt rüberkam, wie ich es von den Gorillaz früher kannte. Insgesamt kann The Now Now, das mich vom allgemeinen Klangbild stark an Plastic Beach (aber nicht nur, weil Snoop Dogg erneut als Gast vertreten ist) erinnert, mit teilweise mit hübschen Melodien, netten Texten und einer Crew punkten, die scheinbar wieder motivierter ist. Das ist dann nicht so groß wie die ersten drei Studioalben (allen voran das selbstbetitelte Debüt), jedoch interessanter als Humanz, keine Frage. Hat manchmal ein paar kleine Durchhänger, jedoch gerade zum Ende hin gefällt The Now Now mir gut!

Note: 2,3

http://www.gorillaz.com/

 

Dillon – Kind

VÖ: 10.11.2017

Label: PIAS

Genre: Elektro-/Art-Pop

Ich hab es ja letztens an dieser Stelle schon einmal erwähnt, dass der kontemporäre R&B bis auf ein paar Ausnahmen meiner Meinung ohne Zuhilfenahme von Electro-Elementen kaum funktioniert oder zumindest wenig attraktiv ist. Es gibt einige Beispiele, wie zuletzt die neue Platte von Kelela, in der eben die Zusammenführung ziemlich gut funktioniert. Mir geht es so, dass auch der Pop im Kontext elektronischer Musik irgendwie spannender erscheint, egal ob diese vorder- oder hintergründig in das Klanggewand eingearbeitet ist. Es muss ja nicht immer hochexperimentell sein. Popmusik benötigt aber neue Ansätze, muss zumindest ein wenig zukunftsgerichtet sein. Da haben sich ja in den letzten Jahren einige Künstler/innen hervorgetan, die ich interessant fand/finde: Fever Ray, St. Vincent, Austra, Zola Jesus, um nur ein paar zu nennen. Nicht zu vergessen eine Sängerin, die in dieser Aufzählung nicht fehlen sollte: die 29-jährige, in Deutschland aufgewachsene  Brasilianerin Dominique Dillon de Byington, kurz Dillon. Ihr 2011 auf BPitch Control veröffentlichtes Debüt  This Silence Kills  – ein Label, auf dem man sich eher auf Techno/IDM spezialisiert (Ellen Allien hat es gegründet) – bot detailliert ausgearbeiteten, vielseitig instrumentierten Indie Pop mit progressiven Electronica-Elementen, in dessen Folge sie mit Björk oder auch Tori Amos verglichen wurde. In diesem Fall wurde Dillon natürlich wieder mit einer hohen Erwartungshaltung seitens Fans und Kritikern konfrontiert, was ihre Folgewerke angeht. Ich muss auch zugeben, dass ich trotz der (aus objektiver Sicht hervorzuhebenden) Klasse von The Unknown (2014) nicht so richtig warm mit dem Zweitling wurde. Jedoch muss(te) mir ja bewusst sein, dass Dillon keinesfalls daran denkt, den Zugang zu ihrer Musik möglichst einfach zu gestalten. Wäre ein erneutes Hören wohl nochmal angesagt, denn es ist sicherlich dieser Pop, den ich oben erwähnt und erwartet habe. Ihr drittes Album Kind bietet nun abwechslungsreiche, unkonventionelle Melodien mit Texten über Liebe, das individuelle Reifen und Sichbehaupten in seiner Umwelt. Auch hier habe ich zwar noch ein paar Anlaufschwierigkeiten, es ist jedoch wahrscheinlich, dass das dritte Werk ziemlich faszinierenden Electro-/Art-Pop mit Entwicklungspotential bereithält (u.a. mit Dirk von Lowtzow als Gast)!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

http://dillonzky.com/

 

Noga Erez – Off The Radar

VÖ: 02.06.2017

Label: City Slang

Genre: Elektropop/-clash, Worldbeat

Im Jahr 2005, so ziemlich zu der Zeit, als die zweite 2000er-Indie-Rock-Welle vornehmlich britischer Bands auch hier in Deutschland ankam, sorgte ein Debüt für Aufregung, das – abgesehen von der Zugehörigkeit zu einem anderen Genre – so gar nicht zu diesen Sounds passte und in diesem Sinne wie ein Fremdkörper wirkte. Klar, es gab unter anderem so einige Electroclash-Acts wie die Scissor Sisters, Goldfrapp oder Peaches, die ebenso gehört wurden, aber dies war so viel politischer und von ausgesprochen kraftvoller und kompromissloser Energie. Die unheimlich vielfältigen Sounds zielten in so ziemlich jede musikalische Richtung, vereinten sozusagen Nord- mit Südhalbkugel. Es handelt sich bei dem beschriebenen Album um Arular von der damals 29-jährigen Künstlerin Mathangi “Maya“  Arulpragasam alias M.I.A.. Auf den folgenden Tonträgern verlor sie nichts von dieser Schärfe und der unkonventionellen Art. Kala (2007), Stichwort: Paper Planes, und vor allem Maya (2010), auf dem zum Beispiel Born Free mit diesem Brutalo-Video enthalten war, legen Zeugnis davon ab. Interessant ist, dass  seit besagtem Debüt kaum Musiker/innen folgen sollten, die Sounds ähnlicher Art produzierten, abgesehen vielleicht von Santigold oder vielleicht Amanda Blank, die ja aber nicht so viele (gesellschafts)politische Bezüge in ihren Texten aufwiesen. Nun präsentiert allerdings Noga Erez mit ihrer Debüt-LP ein Werk, das sich zumindest zum Großteil mit den Sounds und dem Habitus von M.I.A. vergleichen lässt. Die 1989 in Tel Aviv geborene Künstlerin beschäftigt sich mit den Problemen in ihrem Heimatland, thematisiert ebenso soziale Mitbestimmung sowie Vereinsamung, ist im Gesamten ein ausgesprochen kritischer Geist, konfrontiert den Hörer mit der harten Realität. Das imponiert wirklich sehr, wie auch die Kreativität in Sachen Sound. Da kommt von tollen Electro-Elementen über  kontemporärem R&B und Hip-Hop bis Pop und etwas Psychedelia so ziemlich alles vor, was natürlich gekonnt zusammengeführt wird. Nicht ganz so aggressiv wie die Musik von M.I.A., vielleicht auch nicht ganz so gut, trotzdem beeindruckend! Übrigens, Noga Erez wird dieses Jahr auf einigen Festivals zu sehen sein, unter anderem dem Melt.

Note: 2,3

http://nogaerez.com/

 

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