Washed Out – Purple Noon

VÖ: 07.08.2020

Label: Sub Pop

Genre: Synthie-/Dream-/Bedroom-Pop            

Der US-amerikanische Künstler Ernest Weatherly Greene Jr. alias Washed Out soll damals seine ersten Aufnahmen im eigenen Schlafzimmer produziert haben, nachdem er keine Anstellung in dem Bereich gefunden hat, den er ursprünglich erlernt hat (Bibliothekar). Ist ja sicherlich nicht nur von mir schon immer ein Traum gewesen, über Umwege noch Musikstar zu werden. Apropos Schlafzimmer: die Musik, die der 37-Jährige kreiert, lässt sich mit Bedroom-Pop umschreiben. Es sind langsam-verträumte, smoothe Klänge, erotisch angehaucht und mit einer ordentlichen Portion 80’s-Pop-Nostalgie versehen. Richtig aufmerksam wurde ich auf Washed Out im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Debüt-Studioalbums Within And Without (2011), als er aber schon einige EPs und Singles die Runde gemacht hatten und die Musikkritik ihn bereits empfohlen hatte. Es war halt die Blütezeit des Chillwave, deren Protagonisten ja genau dieses Retro des 80’s-Electro-Pop (damit auch von dessen visuellen Charakteristika) zum Ausdruck brachten. Neben Toro Y Moi und Neon Indian kann Washed Out als eine der wichtigsten unter ihnen angesehen werden. Allerdings muss auch festgehalten werden, dass dieses Genre des Chillwave mittlerweile etwas von seiner Durchschlagskraft und Attraktivität verloren hat. Es wäre durchaus weniger interessant geworden, wenn über 10 Jahre gleichklingende Sounds produziert und nicht frische Elemente eingefügt worden wären. Glücklicherweise haben es die Genannten als essenziell angesehen neue Einflüsse einzubauen. Natürlich ist dabei die grundlegende 80’s-Akustik und -Optik geblieben. Das wird auch beim Hören von Purple Noon klar. Es sind weiterhin diese warmen und verträumten Klänge, die zumindest in mir nostalgische Gefühle hervorgerufen haben, aber auch jenes Fernweh, welches das Album-Cover andeutet. Irgendwo am Meer und in der Sonne sein und sich diesen Balaeric-Pop/Chill Out-Klängen hingeben. Denn auch wenn das Album zum Ende hin ein bisschen an seinem Reiz einbüßt, überzeugt es mich im Großen und Ganzen. Mit Melodien, die sich oft an der Grenze zum Kitsch bewegen, dennoch irgendwie anziehend sind!

Note: 2,3

https://washedout.net/

 

Chromatics – Closer To Grey

VÖ: 02.10.2019

Label: Italians Do It Better

Genre: Electronica / Synth-/Dream-/Art-Pop

Es wäre doch angebracht, dass ich mich noch einmal aufmerksamer mit der Diskografie der Band aus Portland auseinandersetze. Ja klar, die allgemein höhere öffentliche Aufmerksamkeit haben die Chromatics wohl spätestens durch den Einsatz ihres großartigen Tick Of The Clock in den Action-Thrillern Drive und  96 Hours – Taken 2 erlangt. Der Track ist auf dem von Kritikern schon geliebten Album  Night Drive (2007) enthalten. Nun, es folgten weitere Einsätze von Chromatics-Songs in Kino- sowie TV-Filmen bzw. -serien (u.a. den neuen Twin Peaks-Folgen oder Mr. Robot). Es ist aber auch einfach Musik, die perfekt passt zu Bildern, die ihre entsprechende Wirkung erzielen sollen, anspruchsvoll und detailliert in den Arrangements. In der Veröffentlichungs-Geschichte der Chromatics sind große kreative Pausen nun schon gewöhnlich, betrachtet man einmal die Release-Abstände zwischen den letzten drei Alben Night Drive (2007), Kill For Love (2012) und jetzt Closer To Grey. Was ich damit betonen möchte, dass diese langen Phasen mir ganz guttun, um mich mit dem jeweils letzten Werk eingehender zu beschäftigen, das braucht bei mir seine Zeit! Wenn ich bedenke, dass ich Kill For Love zunächst noch nicht so viel abgewinnen konnte, es sich mir erst nach und nach erschlossen hat. Wenn ich ehrlich bin, dann aber auch noch nicht vollends, weshalb ich die Formulierung des ersten Satzes dieser Rezension gewählt habe. Bei Closer To Grey kann ich mich wertungstechnisch ebenfalls nicht sofort festlegen. Zwischendrin war es ja so, dass eigentlich ein Album mit dem Titel Dear Tommy erscheinen sollte (kommt wohl noch), die Veröffentlichung der hier besprochenen LP doch recht unvorhersehbar erfolgt ist. Das Release-Datum an einem Mittwoch (statt Freitag) ja auch recht vielsagend. Kommen wir zu der Musik: der Einstieg, das meiner Meinung nur okaye The Sound Of Silence-Cover, hat mich zunächst etwas abgeschreckt. Allerdings können die weiteren Songs schon bildhafte, atmosphärische, oft nachdenklich-träumerische Momente aufweisen, die mir ziemlich gut gefallen, unter anderem eine weitere, im Vergleich zu The Sound Of Silence eindrücklichere Neuinterpretierung – On The Wall, im Original von The Jesus And Mary Chain (Cover-Versionen beherrschen die Chromatics für gewöhnlich gut). Generell ist alles wie gewohnt anspruchs- und geschmackvoll in Hinsicht der Arrangements (die Gesangsstimme von Ruth Radelet fügt sich federleicht ein z.B.). Es fällt mir nur wie bereits erwähnt schwer, mir ein abschließendes Urteil zu bilden. Aber vielleicht ist das auch in Zusammenhang mit den Chromatics nicht die allererste Priorität. Ich bin mir auch sicher, dass die Platte sich entwickelt!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

https://www.facebook.com/CHROMATICSBAND

 

Angel Olsen – All Mirrors

VÖ: 04.10.2019

Label: Jagjaguwar

Genre:  Dream-/Baroque-/Art-Pop / Indie-Rock

Wann kann ich mich eigentlich mal von der Annahme befreien, dass die 32-jährige US-Amerikanerin noch nicht so lange im Business unterwegs ist!? Dabei ist sie doch bereits vor dem wirklich beeindruckenden My Woman (2016) künstlerisch aktiv gewesen, dieses Jahr ist es schon genau eine Dekade. In diesem Zusammenhang wurde von der pitchfork kürzlich im Rahmen des Polls „The 200 Best Albums of the 2010s“ ihr Zweitwerk Burn Your Fire For No Witness (2014) auf den fantastischen 26. Platz gewählt. Da wird es für mich, der sich mit der Diskografie von Angel Olsen bisher nur unzureichend vertraut gemacht hat – sieht man eben von besagten My Woman und dem neuen hier besprochenen Album  ab – unbedingt Zeit, das mal bei Gelegenheit nachzuholen. Es gibt da ja außer den ersten beiden Soloplatten noch weitere Arbeiten, an denen sie in verschiedenen Funktionen beteiligt war. Über die Musik, die ich bereits kenne, kann ich nur sagen, dass sie äußerst vielseitig instrumentiert ist, der Sound so wunderbar zwischen ambitioniertem Pop, Indie-Rock/Folk, etwas Soul und Country oszilliert bzw. ist eine stetige künstlerische Weiterentwicklung erkennbar. Das hatte bei My Woman dann etwas Filmisches im Stile von Twin Peaks, war durchgehend von einem hohen Experimentiergeist geprägt, mit einem Fokus auf Langsamkeit und instrumentellen Spielereien, generell einem wirklich hochqualitativen Songwriting. Diesen Weg geht die Künstlerin weiter, sie erlaubt sich allerdings noch mehr Opulenz im Sound, hier werden große Orchesterklänge aufgefahren, die den Texten über Liebe höchst wirkungsvoll Ausdruck verleihen. Angel Olsen gibt sich selbstkritisch, setzt sich mit all den Facetten menschlicher Beziehungen auseinander, das Feeling variiert dabei stetig, das Spiel mit ihrer Stimme macht die Spannung des Werkes aus. Das erinnert mich je nach Stimmung an die Erhabenheit einer Kate Bush oder Alison Goldfrapp, hat ein bisschen was von St.Vincent, ist andererseits zu jeder Zeit individuell und zeichnet die US-Amerikanerin Olsen als eine der schillerndsten Künstlerinnen der Gegenwart auf. All Mirrors ist einfach nur wundervoll!

Note: 1,7

https://angelolsen.com

 

Low – Double Negative

VÖ: 14.09.2018

Label: Sub Pop

Genre: Ambient-/Dream-Pop, Slowcore, Electronica

Bands, die sich stets weigern schlecht zu sein, Teil 2: Nach dem überaus gelungenen Comeback von Spiritualized in diesem Monat hat eine weitere Musikgruppe ein Album veröffentlicht, dessen erneute Großartigkeit mich angesichts der bisherigen Entwicklung der US-Amerikaner nicht wirklich überrascht. Ich bin aber dennoch irgendwie überwältigt, zu den genauen Gründen komme ich später. Low hat nicht erst mit Double Negative unter Beweis gestellt, wie experimentell und individuell sie sich im Indie-Sektor bewegen und wie viele bunte Ideen sie stets in ihrem Sound verarbeiten können. Im Bereich zwischen Indie-/Alternative-Rock und Slowcore sind sie grob einzuordnen, ohne dass sie sich darauf festlegen lassen. Die Hörer wurden mit jedem Album auf irgendeine Weise überrascht, Low ist nicht umsonst seit nun 25 Jahren eine Institution, deren öffentliche Bekanntheit in meinen Augen jedoch sicherlich noch größer sein darf. Neben den Klassikern – da sei beispielsweise das Debüt I Could Live In Hope aus dem Jahr 1994 zu nennen, aber auch Secret Name  (1999), Things We Lost In The Fire (2001) oder Drums And Guns (2007), wobei so manch einer sicherlich noch weitere aufzählen könnte – hat mir unter anderem auch ihr letztes Werk  Ones And Sixes (2015) gut gefallen. Doch – und damit komme ich auf den Anfang des Textes zurück – nicht so sehr wie nun Double Negative, das mich sofort gepackt hat und dessen experimentellen Charakter ich trotz der mir bekannten Kompromissbereitschaft von Low ich in dieser Form nicht erwartet hätte. Hier hat sich das Trio zwar erneut wie bei besagtem Vorgänger mit Produzent BJ Burton zusammengetan, doch ihm scheinbar noch mehr kreative Freiheiten eingeräumt. Denn von Indie-Rock ist nichts bzw. kaum etwas zu hören, es wird – dem Slowcore gemäß – ein langsames Tempo eingeschlagen – dabei vermehrt auf Experimental-Electro-Elemente gesetzt. Das ist schon herausfordernd, aber sofern man sich auf diese Platte einlässt, wird man als Hörer mit unglaublich intensiven Melodien belohnt, großartig getragen von Mimi Parkers und Alan Sparhawks Gesangstimmen. Schon jetzt ganz klar eines meiner Highlight-Alben des Jahres 2018!

Note: 1,7        

https://www.chairkickers.com/

 

Spiritualized – And Nothing Hurt

VÖ: 07.09.2018

Label: Bella Union

Genre: Space-/Psychedelic-/Indie-Rock, (Dream-)Pop

Bands, die sich stets weigern schlecht zu sein, Teil 1: Ja klar, da kann man schon einige Formationen nennen, ich beziehe mich aber nun ausdrücklich auf diejenigen, die ihre Veröffentlichungen im September herausbringen. Spiritualized um Jason Pierce (Ex-Spacemen 3) veröffentlicht nach 6 langen Jahren Album Nummer 8, das den Titel And Nothing Hurt trägt und – wie angedeutet – wieder mal richtig gut ist. Natürlich gab es in der Diskografie der seit fast 3 Dekaden musizierenden Briten auch mal Werke, die vielleicht nicht ganz so herausragend waren, die nicht in der Liga ihres unantastbaren Meilensteins Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space (1997) spielten –, aber ich habe bisher kein einziges gehört, das mir überhaupt nicht gefallen hat. Pierce hat zwar in der Zeit des Bestehens immer kräftig die Besetzung ausgetauscht, geschadet hat es der Qualität nicht, im Gegenteil, man hatte das Gefühl, dass diese damit einhergehend konstant hoch bleibt, mit dem mittlerweile 52-Jährigen als kreativen Kopf, der vieles in Eigenregie produziert. Das Songwriting war immer schon herausragend, die musikalische Experimentierfreude kannte stets keine Grenzen, mit Shoegaze (vor allem in der Frühphase) sowie Space- und Pschedelic-Rock als Grundpfeiler, man hielt sich anderen Stilen gegenüber aber fortwährend offen. Auf And Nothing Hurt geht die musikalische Vielfalt erneut einher mit fantastischen Lyrics, die Jason Pierce bewusst auf die eigene Person bezieht, seine Erlebnisse und seine Gefühle. Dabei scheut er keine Direktheiten, das kann insgesamt sehr zu Herzen gehen. Die Instrumentierungen sind beeindruckend, das Album in sich stimmig. Einfach top!

Note: 2,0 (mit Tendenz nach oben)  

https://www.spiritualized.com/

 

Wy – Okay

VÖ: 20.10.2017

Label: Better Call Rob

Genre: Indie-/Dream-Pop

Dem Genre des Dream Pop lassen sich ja zurzeit eine Menge Acts zuordnen, da ist die Bandbreite recht groß. Eine Lana Del Rey ebenso wie Natasha Khan aka Bat For Lashes wie die Chromatics (ja genau, jene US-Amerikaner, die unter anderem den Ryan Gosling-Film Drive so effektiv mit ihrer Musik untermalt haben) oder – na klar – Beach House. Nicht zu vergessen die Klassiker-Bands wie die Cocteau Twins  oder die im Shoegazing verwurzelten My Bloody Valentine, generell jene Formationen, die einzelne Elemente davon in ihre Sounds einfließen lassen. Da kann man schnell mal die Übersicht verlieren bzw. es braucht für die im Dream Pop musizierenden Künstler/innen schon ein Alleinstellungsmerkmal, das sie von den Anderen hervorhebt. In diesem Zusammenhang macht es Sinn, mal nach Skandinavien zu blicken, genauer gesagt nach Schweden. Nein, ich meine nicht Lykke Li oder The Radio Dept. Es geht um ein Duo aus Malmö, das sich Wy nennt. Ebba Ågren und Michel Gustafsson nutzen zwar typische Elemente des Dream Pop, man fühlt sich hier und da auch an manche der oben genannten Musiker/innen erinnert, dennoch gelingt es ihnen mehrheitlich, dass ihre Klänge durch eine individuelle Ausdrucksweise  charakterisiert werden und dem Hörer eine intensive Atmosphäre vermitteln. Dies gelingt durch die stimmige Instrumentierung, wodurch Ågrens Gesang perfekt in Szene gesetzt wird. Wenn dann wie auf der letztjährigen, sehr beachtlichen EP Never Was mitreißende, gefühlsbetonte Texte dazu geboten werden, hat das wirklich einen großen Reiz. Auf ihrer Debüt-LP Okay werden jene Stärken erneut ausgespielt, man befasst sich mit der Jugend der Gegenwart, ihren Hoffnungen und Sorgen in einer sich wandelnden Gesellschaft, emotional vorgetragen und effektiv mit sehnsuchtsvollen Melodien unterlegt. Mir persönlich imponiert das bereits jetzt. Ich bin mir andererseits sicher, dass noch mehr Potential in dem Album steckt, es benötigt Geduld und Aufmerksamkeit. Auf jeden Fall betörend!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

http://wearewy.com/

 

Goldfrapp – Felt Mountain

VÖ: 05.02.2001

Label: Mute

Genre: Ambient / Electronica / (Kammer-/Dream-)Pop

Das Film-Feeling, das ich im Zusammenhang mit Music Has The Right To Children von Boards Of Canada angesprochen habe, kommt noch stärker im Zusammenhang mit einem Album zum Tragen, welches ich leider erneut erst spät kennengelernt habe. Ich kann mich noch ganz dunkel daran erinnern, dass ich – vermutlich im damaligen alternativen Abendprogramm von Radio 1Live, im „Kult Komplex“ (heute „Plan B“) – den Song Utopia hörte. Das muss ein paar Monate, vielleicht auch ein Jahr nach dem Release von Felt Mountain gewesen sein. Ich bin mir jedoch sehr sicher, dass ich außerordentlich fasziniert von diesen Melodien war. Wer kann bei solchen Klängen aber auch nicht an Filme denken, große epische Western, vielmehr Werke mit atemberaubenden Natur- oder Fantasyaufnahmen? Hieß ja nicht umsonst Utopia. Das Album selbst habe ich dann erst um 2003 zur Kenntnis genommen, als der fantastische Nachfolger Black Cherry erschien, der in Richtung Synthie-Pop und Electroclash tendierte. So oder so, die unglaublich präsente und zauberhafte Stimme dieser Sängerin passte zu beiden Varianten, dem „härteren“ Sound, den letztgenanntes Werk aufbot, gleichsam wie zu dem „sanften“ Klanggewand, das noch besser – nein, wirklich perfekt – auf Felt Mountain zur Entfaltung kommt (danach wurden fast im Wechsel beide Soundformen auf Goldfrapps weiteren Alben fortgeführt). Alison Goldfrapp schafft es spielend leicht, unvergleichliche Höhen zu erreichen, fast so wie es die abgebildeten Gebirgsaufnahmen im Booklet versinnbildlichen könnten (man höre nur mal ihre Leistungen in dem einzigartigen Titelsong). Ich hatte es in der Review zum neuen, wirklich immer noch wunderbar produzierten Silver Eye schon erwähnt, welche Ausstrahlung Alison Goldfrapp hat, was für eine bewundernswerte Persönlichkeit sie ist. Mit dem Debüt hat meine Wertschätzung für die damals 34-Jährige ihren Anfang genommen. Man sollte jedoch auch nicht vergessen, wer die sagenhaften Melodien zu ihrem fabelhaften Gesang mitgestaltet, ihr kongenialer Partner  Will Gregory. In Zusammenarbeit sind großartige, höchst aufwendige instrumentell arrangierte Songs entstanden, in denen verschiedene stilistische Einflüsse genial in einem einzigartigen Sound verschmolzen werden, angelegt zwischen Ambient, Electronica, Pop, Jazz, Cabaret, Folk, Trip-Hop und eben Filmmusik. Kein Wunder, dass man zugleich an Portishead oder Björk, an James Bond-Soundtracks – vor allem jene von Shirley Bassey – aber eben auch an Ennio Morricone, Lalo Schifrin oder auch Maurice Jarre denkt. Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass der Aufnahmeprozess einige Schwierigkeiten für das Duo bereithielt, man etliche Hürden auf sich nahm, um dieses Album zu produzieren, zum Beispiel setzte die Abgeschiedenheit in der Grafschaft Wiltshire Sängerin Alison Goldfrapp zu. Wie so oft in der Kunst führen verschiedene Aufarbeitungen persönlicher Probleme zu herausragenden Werken. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit und Filmklassikern – z.B. mit Roman Polanskis Wenn Katelbach kommt (im Original: Cul-de-sac), das Sinnieren über Reisen im Weltall sind nur ein paar der vielen Themen auf Goldfrapps Meisterwerk. Mal introvertiert und verträumt, mal nach vorne treibend und erotisch angehaucht. Unglaublich, für mich ein ewiger Klassiker, der in den über eineinhalb Dekaden seines Bestehens nichts von seinem Glanz verloren hat. Felt Mountain stellt unter den sieben, allesamt tollen Studioalben der Briten das Prachtexemplar dar, ist mein absoluter Favorit!

Note: 1,0

https://www.goldfrapp.com/

A Trip to Felt Mountain from Rick Romaniuk on Vimeo.

Lovely Head (Alternate Version) from Goldfrapp on Vimeo.

Goldfrapp: ‚Feltmountain‘ (2000) from Music Collector on Vimeo.

 

 

London Grammar – Truth Is A Beautiful Thing   

VÖ: 09.06.2017

Label: Island

Genre: Dream-/Indie-Pop

Hier bei hicemusic muss zugeben werden, dass das britische Trio in seinen Anfangstagen nicht sonderlich geschätzt, auch das 2013 veröffentlichte Debüt If You Wait zunächst für etwas überbewertet gehalten wurde. Im Nachhinein betrachtet viel zu voreilig, denn dieses Werk beinhaltet wirklich beeindruckende Songs wie Metal & Dust, Strong, Hey Now oder Wasting My Young Years. Klanglich wurde es mit der Musik von Florence Welch (Florence And The Machine), Annie Lennox und Julee Cruise verglichen und war zudem kommerziell äußerst erfolgreich. Den Kritikern gefiel das Debüt ohnehin schon damals. 2014, als der Schreiber dieser Zeilen das Hurricane Festival besuchte, konnte er sich erstmals von den Qualitäten von London Grammar überzeugen. Es war schon toll, was beispielweise die Sängerin Hannah Reid da bot. Sie teilte dem Publikum mit, dass sie eine Mandelentzündung habe und sie deshalb von ihm unterstützt werden müsse. Das tat dieses natürlich auch, aber was die Künstlerin selbst zum Besten gab, konnte nur ehrfurchtvoll zur Kenntnis genommen werden. Denn trotz gesundheitlicher Probleme war die Stimme von solch großer Emotionalität und Ausdruckskraft gekennzeichnet. Natürlich geht es in den Texten um Liebe sowie damit verbundenes Freud und Leid. Das Debüt behandelte dabei vor allem persönliche Erfahrungen von Reid (die Trennung von ihrem damaligen Freund u.a.). Auf dem zweiten Album Truth Is A Beautiful Thing geht es zwar erneut um Liebe, Emotion und auch Melancholie, es werden aber ebenso die eigene Identität, Versagensängste und Träume beleuchtet, wohl auch Selbstzweifel, Empfindungen und Erlebnisse, die man während des aufwendigen Aufnahmeprozesses dieses Tonträgers hatte, aufgearbeitet. Die  Musik ist gewohnt atmosphärisch, die Instrumentierung wird oftmals zugunsten der außergewöhnlichen Stimme Reids im Hintergrund gehalten, andererseits untermalt sie diese effektiv. Diesmal gefällt das Album hicemusic auf Anhieb! Übrigens, auf der Deluxe-Version ist ein ganz nettes Cover von The Verves Bitter Sweet Symphony zu finden.

Note: 2,3

https://splash.londongrammar.com/

 

Klangstof – Close Eyes To Exit

VÖ: 27.01.2017

Label: Mind Of A Genius

Genre:   (Elektro-/Dream-)Pop / (Indie-/Alternative-)Rock

Hört man den Anfang dieses Albums, meint man es mit einem Post-Rock-Werk der Mogwai-Tortoise-Sigur Rós-Prägung zu tun zu haben, was ja gemeinhin nicht gerade zu den leichtesten Übungen musikalischen Tuns zählt. Ohnehin keine konkrete Stilrichtung, sondern ein Experimentierfeld für Rock, der sich den traditionellen Schemata entzieht, oftmals ohne Gesang auskommt, unkonventionelle Rhythmusstrukturen zur Anwendung bringt, eine beträchtliche zeitliche Dauer mit sich bringen kann. Heutzutage genießt dieser Post-Rock nicht unbedingt mehr den besten Ruf, ab und zu können jene Bands, die zu den Begründern (insbesondere oben genannte) gehören, glänzen (manchmal  eben auch nicht). Auch wenn der Einstieg Doolhof nicht wirklich zu den besten Songs auf dem Debüt der niederländischen Band gehört, macht dieser neugierig auf das was danach folgen wird. Denn der Übergang zu Sleaze funktioniert bestens, das wiederum in eine ganz andere musikalische, eine weitaus (elektro)poppigere Richtung geht. Eben diese klangliche Vielfalt begeistert auch im weiteren Verlauf, anders als mit seiner anderen Band Moss (deren Bassist er ist) kann Koen van de Wardt hier als Frontmann seiner recht offensichtlichen Neugierde auf das klangliche Experimentieren freien Lauf lassen. Natürlich kommen in diesem Zusammenhang auch Stereotypen auf, wenn ein bereits in früher Lebenszeit in Norwegen aufgewachsener Niederländer sich gern auch epischer Musik widmet, die durchaus mit Sigur Rós vergleichen lässt. Doch Post-Rock ist wie bereits erwähnt nur eines von vielen Klangexperimenten, hier wird eine Melange aus eingängigen, gern auch mal ins etwas Kitschige tendierenden und weitaus unkonventionelleren Pop/Rock-Strukturen geboten, der Melodieentwicklung mit spannungsgeladener Atmosphäre wird viel Raum geboten. Ein Werk stellte laut van de Wardt die Hauptinspiration für dieses Debüt dar, der Geniestreich von Radiohead  kurz vor der Jahrtausendwende: OK Computer. Natürlich kann dessen Niveau nicht erreicht werden, aber wundervoll ist dieses Album dennoch!

Note: 2,0

http://klangstof.com/

 

Frank Ocean – Blonde

VÖ: 20.08.2016

Label: Boys Don’t Cry

Genre: Contemporary R&B / (Dream) Pop

Fokussiert man sich auf die Ausdrucksweise des 29-Jährigen, so mutet es eventuell ein wenig verwunderlich an, dass Frank Ocean aus dem Umfeld der Odd Future Wolf Gang Kill Them All (um Tyler, The Creator) stammt. Während einige andere Mitglieder des Hip-Hop-Kollektivs oftmals einen aggressiveren, auch vor ziemlich derber Sprache nicht zurückschreckenden Stil pflegen, um sich Gehör zu verschaffen und schonungslose Sozialkritik anzubringen, gibt sich dieser sich oftmals extrem verletzlich, teilt seine Gefühlswelt ohne große Umschweife seiner Hörerschaft mit, schlägt einen sehr persönlichen Ton an, thematisiert nichtsdestotrotz auch mal gesellschaftliche Missstände. Natürlich haben beide konträren Ausdrucksweisen ihre Berechtigung und es sollen an dieser Stelle auf keinen Fall Stereotypen gefördert werden, die im Kontext des Hip-Hops generell kursieren, aber diese Offenheit ist innerhalb des Musikgenres alles andere als selbstverständlich. Allerdings geht der Stil Frank Oceans sowieso mehr in Richtung R&B, Pop und Soul, die mit experimentellen, elektronisch unterstützten Elementen kombiniert werden. Hip-Hop spielt da eher weniger eine Rolle, macht zumindest nicht den Hauptteil der Musik aus. Als individuell kann man den Stil auf jeden Fall bezeichnen, Kritiker und auch Musik-Kollegen waren schon früh von den kreativen Leistungen begeistert, bereits als Ocean sein erstes Mixtape Nostalgia, Ultra (2011) veröffentlichte, waren es zudem weiterhin, als die Debüt-LP Channel Orange im darauffolgenden Jahr erschien. In beiden Fällen kein Wunder, die Begeisterung kann nur geteilt werden (man höre nur mal Songs wie Novacane, Pyramids, Thinkin Bout You oder Bad Religion). Viele der Fans und Kritiker haben nun lange auf den Nachfolger gewartet, auf dem sich Ocean textlich erneut viel mit persönlichen Eindrücken und Erlebnissen auseinandersetzt, musikalisch im Vergleich zum Vorgänger noch unkonventionellere Strukturen präsentiert, unter anderem durch den Einsatz spannender und wirkungsvoller Samples. Insgesamt ist Blonde sehr atmosphärisch geraten, erfordert vom Hörer Geduld und Aufmerksamkeit, ist letztendlich ein wundervolles Album geworden. Zu Recht gerade vielfach in den Bestenlisten!

Note: 2,0

http://boysdontcry.co/

Frank Ocean – 'Nikes' from DoBeDo Productions on Vimeo.

Self Control — Frank Ocean from Joshua Tetreault on Vimeo.

 

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