Isolation Berlin – Geheimnis

VÖ: 08.10.2021

Label: Staatsakt

Genre: Indie-Pop/-Rock

Das Faszinierende für mich an deutscher/deutschsprachiger Pop- und Rock-Musik – und ich betone dabei: sie muss nicht zwangsweise aus dem Indie-Bereich kommen – ist oft, dass sie mich packt, wenn sie einmal gutes Songwriting aufweisen kann und vor allem von den tradierten, „radiophilen“ Strukturen abweicht. Das war bei mir in der Vergangenheit nahezu immer so. So habe ich letztens in zwei Shows der hicemusic Live Show mich einigen deutschsprachigen Songs gewidmet, die wahrlich den verschiedensten Genres entsprangen, aber auf jeweils unterschiedliche Weise ihren Eindruck hinterließen. Da gab es ja auch so einige Spielarten. Man denke nur an die ganzen Bands der Hamburger Schule, die aufgrund ihrer Texte, die auf unvergleichliche Weise mit der deutschen Sprache experimentierten – der Slogans, ihrem generellen Appeal für viele Hörer/innen u.a. – bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Und es musste ja nicht unbedingt (sozial)politisch oder intellektuell sein. Okay, auch in anderen Genres nicht. Die Band Isolation Berlin um Frontmann Tobias Bamborschke, die insbesondere im Bereich von Indie-Pop/-Rock und Post-Punk musizieren, habe ich vor kurzem im Radio vorgestellt, mit ihrem grandiosen Fahr weg (aus dem meisterlichen 2016er Werk Und aus den Wolken tropft die Zeit). Die aus der Bundeshauptstadt stammende Formation hat nun ihr viertes Album Geheimnis veröffentlicht, das mich – ähnlich wie die wundervollen Vorgänger – erneut aufgrund des souveränen Umgangs mit Sprache, der herrlichen offenen, sarkastisch-humorvollen Art der Abrechnung mit alltäglichen Problemen, Phänomenen und Klischees sowie dem unvergleichlichen Können, detailverliebte und vielseitige Melodien zu erschaffen, fasziniert. Mein absolutes Highlight und wahrscheinlich auch schon Songs des Jahres ist Enfant Terrible, in dem aus der Sicht eines Künstlers erzählt wird, der wahrhaft schwerlich seine inneren Gedankengänge und seine für die Mitmenschen scheinbar nicht zu ertragenden Art zu reflektieren versteht. Absolut großartig! Aber auch andere Lieder wie der Titelsong, (Ich will so sein wie) Nina Hagen, Ich hasse Fußballspielen, Stimme Kopf oder Private Probleme sind außergewöhnlich. Ganz sicher eines meiner Alben des Jahres, ohne Zweifel!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

https://www.isolationberlin.de/

 

              

Die Ärzte – Dunkel

VÖ: 24.09.2021

Label: Hot Action

Genre: Punk-/Alternative-Rock / Pop-Punk

Es ist nicht einmal ein Jahr her, als die Ärzte das wirklich gelungene Comeback-Album Hell nach 8 Jahren Platten-Pause vorlegten. So schrieb ich damals: „(…) vor allem die Texte sind wirklich gut geraten, mit gewohnt bösen, bissigen, ironischen und lustigen Stellungnahmen zu Politik und Gesellschaft. Natürlich fehlt da nicht der Klamauk, aber es sind eben diese direkten Statements zu zum Beispiel Rechtsextremismus, Schönheitswahn oder Chris Hemsworth, die mir imponieren.“ Vor allem möchte ich in diesem Zusammenhang betonen, dass mir der klamaukige Stil gerade bei den Ärzten sehr oft ja auch gefallen hat. Vor allem dann, wenn jeglicher Respekt gefehlt hat, der Humor mehrere Ebenen aufbot und hinter dem Ganzen eben besagte bissige Kommentare zu zeitgemäßen Geschehnissen und Entwicklungen steckten. Jetzt ist der Gegenpart zu Hell – ja Dunkel eben – erschienen. Und dieser Nachfolger ist mit gemischten Kritiken bedacht worden, was ich total nachvollziehen kann. Irgendwie bleibt kaum eine Textzeile bei mir hängen, kaum ein Song hinterlässt mit seiner Melodieführung Eindruck. Es wirkt alles so verkrampft, gerade im direkten Vergleich zu Hell. Nein, Dunkel ist für mich keine Katastrophe, das Album ist schon gut produziert, dennoch bleibt wie gesagt kaum etwas hängen. Und das ist schon – vielleicht auch aus meinem Respekt für Die Ärzte heraus – enttäuschend für mich. Was sagt ihr zu dem Album? Auf eure Meinungen bin ich gespannt!

Note: 3,0

https://www.bademeister.com/aktuell

Sufjan Stevens & Angelo De Augustine – A Beginner’s Mind   

VÖ: 24.09.2021

Label: Asthmatic Kitty

Genre: Indie-Folk/-Rock / Lo-Fi

Ich schreibe es auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: Sufjan Stevens gehört – neben Conor Oberst (von u.a. Bright Eyes) – zu meinen Lieblingskünstlern im Spannungsfeld von Indie-Rock und Folk (zumindest von den heute auch noch aktiven)! Es wird sich halt nicht nur in diesen klanglichen Bereichen aufgehalten, sondern man hält sich offen für weitere musikalische Gefilde. So ist es auf einer meiner absoluten All-Time-Lieblings-LPs, dem meisterhaften Illinois (2005). Es gibt ja darauf nicht nur nachdenkliche und melancholische, sondern auch die wahrlich bombastischen Momente, ein Riesenfest! War ja ein Teil von Stevens‘ (angeblichen) „großen Projekt“: der Widmung von ganzen Alben für jeden einzelnen US-Bundesstaat. Am Ende waren es letztlich 2, neben besagten Illinois das nicht minder beeindruckende Michigan (2003). In letzter Zeit habe ich ehrlich gesagt ein bisschen den Überblick über die Veröffentlichungen und Kollaborationen des 46-jährigen US-Amerikaners verloren, ich fand auch nicht alles großartig seit dem Meisterstreich Carrie & Lowell (2015). Aber dann kommt Sufjan Stevens für mich unvermittelt mit einem riesigen Werk herbei, einem gemeinsamen Projekt mit dem Folk-Künstler Angelo De Augustine. A Beginner’s Mind glänzt mit hochqualitativen Kompositionen. Die Melodien sind detailverliebt ausgearbeitet, man nimmt sich genug Zeit und lässt die sie auf den Hörer wirken. Stevens und De Augustine haben sich erneut mit vielseitig angelegten Themen auseinandergesetzt, die generell gesellschaftlich relevant sind, aber es kann auch recht persönlich werden. Vor allem Popkultur – insbesondere die Kinogeschichte – spielt hier eine gewichtige Rolle, wenn klassische und kultige Filme wie Das Schweigen der Lämmer behandelt und einer gerne auch mal kritischen Neubewertung unterzogen werden. Faszinierendes und schillerndes Werk!

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)     

https://music.sufjan.com/

https://angelodeaugustine.com/

Little Simz – Sometimes I Might Be Introvert

VÖ: 03.09.2021

Label: AGE 101

Genre: Hip-Hop / Soul / R&B / Jazz

Ich habe es hier an dieser Stelle schon oft geschrieben, dass vom Hip-Hop tatsächlich noch große Impulse ausgehen, da die sozialpolitischen und andere relevante Themen gerade in diesen Zeiten sicherlich nicht fehlen. Angesichts der auch heute noch bestehenden Vorwürfe gegen die Künstler/innen des Genres, dass Stereotype es dominieren, da muss so ein Hinweis doch stets erlaubt sein. Gerade jetzt, wo ich das fantastische Album Sometimes I Might Be Introvert der 27-jährigen Britin Little Simz gehört habe, ist das geradezu unausweichlich. Schon vor zwei Jahren, als ihr ebenfalls wundervolle Drittwerk Grey Area erschienen ist (dem ich vielleicht noch etwas mehr Aufmerksamkeit hier hätte widmen können), ist mir folgendes aufgefallen: „(…) hier wird so unverkrampft performt, sich so untypisch ehrlich mit den eigenen Ängsten und Sorgen in den Texten auseinandergesetzt. Wer aber glaubt, diese Frau sei nicht kritisch oder selbstbewusst, der ist ja mal so was von auf dem falschen Dampfer!“ Das sollte man auch für den Nachfolger so stehen lassen, Little Simz weiß, wie sie die aktuell relevanten Themen in den Fokus nehmen kann und diese reflektiert behandeln und die entsprechenden Erkenntnisse so bestechend in Worte fassen kann. So authentisch und unerschrocken, so klar ausformuliert! Neben den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen werden auch wieder persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse eingearbeitet, wenn sie beispielsweise die Beziehung zum Vater aufarbeitet oder die familiären Wurzeln beleuchtet. In musikalischer Hinsicht ist Sometimes I Might Be Introvert gleichfalls überaus beeindruckend, mit dieser perfekten Symbiose aus Hip-Hop, R&B, Soul, Jazz, Electronica und traditionellen afrikanischen Musik-Elementen sowie genial-epischen instrumentalen Arrangements. Absolutes Highlight dieses Jahres, jetzt schon!             

Note: 1,7 (mit Potential nach oben)

         

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