Best Of 2010-2019: Arcade Fire – Reflektor

VÖ: 25.10.2013

Label: Vertigo

Genre: Art-/Dance-/Indie-Rock

Okay, ich gebe zu, ein zweites Mal Arcade Fire in der Bestenliste 2010-2019 spricht dafür, dass subjektive Gesichtspunkte eine wesentliche Rolle spielen. Die Kanadier gehören zweifelsohne zu meinen Lieblingsbands. Reflektor war jedoch nicht so unumstritten wie man glauben mag. Diese Tendenz zu artifiziell angehauchten Disco-Sounds rief auch 2013 schon Kritiker auf den Plan, nur halt noch nicht so viele wie dann beim Nachfolger Everything Now (2017, den ich übrigens auch recht gut finde). Nun gut, möchte da auch nicht übertreiben, generell waren die Bewertungen schon hoch. Meiner Meinung halt eben völlig zurecht, denn Arcade Fire traute sich nach dem genialen The Suburbs noch weiter hinaus, was auf jeden Fall bei all dem Pomp und den vielen mythischen Anspielungen hätte schiefgehen können. Andererseits hat man neben Markus Dravs – ihrem versierten Stammproduzenten –  auch die Hilfe von Electro-Fachmann und Produzentengenie James Murphy, dem Mastermind hinter DFA und LCD Soundsystem, sowie weiteren Kennern (u.a. Owen Pallett, Kid Koala, Colin Stetson, ja auch ihr Fan David Bowie war kurz im Studio) beansprucht. Eine super Wahl, denn die originellen Instrumentierungen, z.B. der Einsatz von Steel Drums oder einem Honky-Tonk Klavier, stechen wie das Experimentieren mit der Dynamik wirklich heraus. Nicht zu vergessen, der unvergleichliche Gesang von Régine Chassagne und Win Butler. Hier passte für mich alles! Ein Werk, das für mich genau zur richtigen Zeit veröffentlicht wurde!

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Best Of 2010-2019: The XX – Coexist

VÖ: 07.09.2012

Label: XL

Genre: Indie-/Dream-Pop / Electronica

Die 2005 in London gegründete Band hat zum Ausklang der letzten Dekade die Debüt-LP XX herausgebracht. Ein fantastisches Werk, dessen Bedeutung sich zunächst nicht aufgedrängt hat, erst in der Folge wurde klar, dass es Einfluss auf die Musik der 2010er Jahre nehmen würde. Klar, die öffentliche Aufmerksamkeit kam recht schnell nach der Veröffentlichung im August 2009, sowohl die Hörer als auch die Kritiker waren grundauf begeistert von diesem Sound. Es ist aber die Bedeutung der Musik, die sich erst später zu offenbaren schien. Sie ist im Grunde genommen sehr minimal gehalten, eine spannende Mischung aus Indie- und Dream-Pop mit Rock- und R&B-Einschlag sowie Electronica-Elementen. Nach dem Erfolg des Debüts war klar, dass die Erwartungen an den Nachfolger ausgesprochen hoch sein würden. Diesen haben The XX meiner Meinung standgehalten, mit einer weitgehenden Abkehr vom Rock mit Hinwendung zu Electro-Elementen durch Jamie XX – der dann drei Jahre später ein furioses Solo-Werk (In Colour) abliefern sollte bzw. ein Jahr zuvor ein klasse Remix-Album mit Gil-Scott Heron produzierte (We’re New Here). Dazu dann diese Erfolgsformel aus minimal gehaltenen Instrumentierungen, die langsam ihre Kraft entfalten (vor allem durch die Bässe!), einem wirkungsvollen Gesang von Romy Madley Croft und Oliver Sim sowie Texten, die ehrlich zu Herzen gehen. Coexist spielt vielleicht nicht ganz in der Liga des Debüts, ist aber dennoch grandios, zeigt eine Band in Topform. Vor allem: The XX sind ja immer noch so gut!

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Best Of 2010-2019: Frank Ocean – Channel Orange

VÖ: 20.07.2012

Label: Def Jam

Genre: R&B / Soul / Pop / Hip-Hop

Die „großen“ Alben in der Musikgeschichte haben ein oder mehrere Genre/s in neue Bahnen gelenkt oder gar erfunden, und es wurde etwas grundlegend wichtiges als erzählerisches Mittel in den Texten verankert, zum Beispiel als Kommentar zu gesellschaftspolitischen Entwicklungen – wenn diese nicht sogar mit dem enstprechenden Werk vorangetrieben wurden. In der gegenwärtigen Zeit geht es vordergründig darum, bereits bekannte Stilrichtungen nicht einfach retromäßig wiederzugeben, sondern diese mit modernen Sounds zu kombinieren oder anderweitig dafür zu sorgen, dass Spannung erhalten bleibt. Das hört sich negativer an, als es von mir bezweckt ist. Denn es gibt da schon einige Künstler/innen. Der vielseitig talentierte Frank Ocean hat dies vor allem in den Bereichen des R&B, Soul und Pop getan. Der zuvor im berüchtigten Odd Future-Kollektiv tätige Künstler präsentierte nach dem tollen Mixtape Nostalgia, Ultra (2011) auf seinem grandiosen Debüt-Studioalbum Channel Orange  zudem unglaublich offene Texte über persönliche Empfindungen und Alltagserlebnisse, über seine Zweifel und Ängste, als Botschaft für mehr Toleranz und Liebe. Dann dazu noch die Musik, die so kunstvoll und kraftvoll verschiedene Richtungen zusammenführt. Ein Werk, das durch seine detaillierten Instrumentierungen glänzt. Ganz ganz groß, wirklich!

frank ocean [pyramids] from nabil elderkin on Vimeo.

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Best Of 2010-2019: Grizzly Bear – Shields

VÖ: 14.09.2012

Label: Warp

Genre: Indie-/Folk-/Psychedelic-Rock / Baroque-Pop

Ich behalte mir immer gute Erinnerungen an meinen Vater wie die, dass ich einmal Musik hörte und er sich im selben Raum wie ich aufhielt. Er war mit irgendetwas beschäftigt und schien nicht so recht an den Klängen interessiert zu sein. Dann aber ertönte Yet Again, dieser perfekte Song der New Yorker Band Grizzly Bear, welcher die Aufmerksamkeit meines Vaters, der generell progressive Klänge bevorzugte (natürlich insbesondere die Klassiker wie King Crimson, Yes, Genesis und dergleichen), gewinnen konnte. Er fragte interessiert, was wir da hören würden (bzw. hatte er die Melodie schon einmal zuvor gehört, kannte die Band jedoch nicht). Ich fand es schön, dass wir uns da musikalisch einigen konnten, denn das zugehörige Album Shields erschien auf meinem Lieblingslabel Warp, das normalerweise für experimentelle Electronica-Sounds steht. Doch in deren „Indie-Phase“ (ab Mitte der 2000er Jahre) kamen auch Grizzly Bear dazu, deren vorherige Alben schon klasse waren, doch Shields ist ihr Meisterwerk! Mit herausragend produzierten Songs im psychedelischen, progressiven, generell experimentellen Rock-/Pop-/Folk-Universum! Dann kam irgendwann noch Painted Ruins (2017), das die Großartigkeit der US-Amerikaner manifestierte!

GRIZZLY BEAR – YET AGAIN from Emily Kai Bock on Vimeo.

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Best Of 2010-2019: Beach House – Bloom

VÖ: 11.05.2012

Label: Bella Union

Genre: Dream-/Indie-/Psychedelic-Pop

Ich weiß, der Vorgänger Teen Dream (2010) ist schon richtig genial, aber mir persönlich gefiel Bloom noch besser. Mittlerweile verbindet man den Dream-Pop der 2010er Jahre zu großen Teilen mit dem Duo aus Baltimore, weil Victoria Legrand und Alex Scally mit ihren Werken und den darauf präsentierten Ideen (zB. der Instrumentation) das Genre neu ausgerichtet haben. Das ist immer wieder ein Genuss, wie antmosphärisch und gefühlvoll die Songs sind. Gerade auf Bloom hat man jene Exemplare, die im Gedächtnis bleiben, allen voran natürlich Myth und Lazuli, aber auch beispielsweise Wild. Es ist so, dass man beim Hören Geduld braucht, sonst entgehen einem die vielen Feinheiten in den Arrangements (z.B. hinsichtlich der Rhythmusstruktur) und die Botschaften in den Texten. Dream Pop kann so vielfältig sein, repräsentativ dafür stehen Beach House! Vor allem war dieses Album ungemein erfolgreich in den Charts!

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FKA Twigs – Magdalene

VÖ: 08.11.2019

Label: XL

Genre: Art-Pop / R&B / Electronica

Ich befinde mich jetzt in einem Alter, in dem man für gewöhnlich anfängt – naja, es ist auch durchaus möglich, dies früher zu tun –, die Musik „von heute“ als eher schwierig bis unhörbar zu erachten und eher die „älteren“, vertrauteren Sounds zu hören. So bin ich manchmal nicht davor sicher, etwas schnell als nicht so toll abzutun, allein aus einer Grundskepsis heraus. Allerdings bemühe mich als passionierter Hörer den unterschiedlichsten Genres immer noch offen gegenüber zu bleiben (deshalb ja auch dieser Blog). Dem gegenwärtigen Charts-Pop kann ich allerdings – bis auf wenige Aufnahmen (ich habe mich letztens dabei erwischt, das letztjährige Flames von David Guetta feat. Sia richtig gut zu finden) – gar nichts abgewinnen. Jedoch sind im „Indie“-Sektor doch einige große Acts vertreten, was den Skeptikern, die behaupten, es gebe heute nichts Spannendes oder Innovatives mehr, den Wind aus den Segeln nehmen sollte. Ich suche wie so viele andere auch immer wieder darunter die Künstler/innen, die dem Pop in neue Bahnen lenken, eine Art „Zukunftssound“ produzieren. In diesem Zusammenhang muss der Name Tahliah Debrett Barnett fallen, besser bekannt als FKA Twigs. Ihre Sounds bewegen sich im Spannungsfeld von Pop, R&B, Electronica und Avantgarde, und das ist dann schon sehr verkürzt dargestellt, so vielfältig und aufregend sind sie. Vor fünf Jahren erschien ihr herausragendes, von mir damals wie von Kritikern gefeiertes Debüt, schlicht LP 1 betitelt. Darauf wurde von der heute 31-jährigen Britin – schon wie auf den zuvor veröffentlichten EPs – ausgiebig experimentiert, mit den musikalischen Strukturen als auch mit ihrem Gesang. Songs wie Two Weeks zeigen auch heute noch, dass sich ihre Musik 2014 weitab der gängigen Trends bewegte. Was soll man dann jetzt sagen, angesichts des Releases ihres zweiten Albums Magdalene? Hier bewegt sie sich schon beinah so weitab konventioneller Strukturen wie Radiohead damals zu Zeiten von Kid A. Ich finde diesen Vergleich nicht übertrieben, wenn man mal registriert, wie viele Wendungen sie allein innerhalb eines Songs jeweils nimmt und wie sie mit ihrer Stimme und anderen musikalischen Parametern spielt. Ich habe selbst mir so viel Zeit genommen, über dieses Album zu schreiben, da es hier wirklich so viel zu entdecken gibt, wobei ich sicherlich noch mehr brauche, es in seiner Gesamtheit und Komplexität zu erfassen. Wenn es überhaupt gelingen sollte. Das ist eine so geniale Verbindung von Pop und Avantgarde, wie ich sie schon lange nicht mehr vernommen habe. Noch größer als LP 1, wirklich! FKA Twigs hat vieles Persönliches zu verarbeiten gehabt, und wie so oft in der Musikgeschichte hat dies zu einem großartigen Werk geführt. Hier wird eindeutig belegt, dass oben erwähnte Skepsis gegenüber „neuer“ Musik einfach unsinnig bleibt. Punkt!

Note: 1,7 (mit Potential nach oben)

https://fkatwi.gs/

 

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Best Of 2010-2019: Alt-J – An Awesome Wave

VÖ: 25.05.2012

Label: Infectious

Genre: Indie-Pop / Art-Rock / Folktronica

Wieder eine Band mit akademischen Hintergrund, die alles andere als verkopfte Musik macht, sondern einen Pop kredenzt, der sich trotz oder gerade wegen der unterschiedlichen experimentellen Elemente nicht auf Eingängigkeit verzichtet. Eben auf eine ganz individuelle, nicht alltägliche Herangehensweise. Das ist saumäßig spannend geraten, vor allem auf diesem Debüt! Bei den beiden folgenden Alben der Jungs aus Leeds war die Kritik schon lauter, doch hier waren sich irgendwie alle sicher. Wie leichtfüßig hier zwischen den Stilen, den Tempi gewechselt, wie mit der Dynamik gespielt wird, das nötigt mir sehr viel Respekt ab. Das ist immer noch ein Entwurf vom Pop der Zukunft!

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Best Of 2010-2019: Radiohead – The King Of Limbs

VÖ: 25.03.2011

Label: XL

Genre: Experimental-Rock / Electronica

Es gibt Stimmen, die sagen, dass The King Of Limbs zu den schwächeren Vertretern von Radiohead-Alben gehört. Das mag sein, aber da ist ja die Frage, welche Messlatte man hier anlegt. Denn es stellt sich zumindest für mich immer noch so dar, dass selbst ein „nicht so geniales“ Werk der Briten immer noch irgendwie in einer eigenen Liga spielt, was Experimentiergeist und Fortschrittswille im Pop angeht. Klar, da gab es den Vorgänger In Rainbows (2007) mit dieser genialen Download-Marketingstrategie und den vielen Lobeshymnen der Kritiker. Doch andererseits bietet auch das erste Radiohead-Album in dieser Dekade viele interessante Elemente- vor allem Electronica-Spielereien (mit kreativem Einsatz von Loops, Samples etc.) -,  die funktionieren und gleichzeitig hochmodern produziert sind. Bestimmt nicht Radioheads bestes Werk, dennoch gehört es zu meinen Favoriten dieses Jahrzehnts!

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Best Of 2010-2019: James Blake – James Blake

VÖ: 04.02.2011

Label: Polydor

Genre: Electronica / Soul / UK Bass

In der Zurückhaltung liegt die Kraft, in etwa das, was man Anfang der 2000er mal als „Quiet Is The New Loud“ (orientiert an dem Titel des großartigen Debütalbums der Norweger Kings Of Convenience) bezeichnet hatte. Es gibt bei James Blake sehr stille, intime Momente, die einen introvertierten, mit einer exzeptionellen Soul-Stimme gesegneten Künstler präsentieren, der seine persönlichsten Erlebnisse und Sorgen dem Hörer mitteilt. Dann gibt es diese kraftvollen Ausbrüche, in denen die Electronica-Sounds sich ihren Weg freimachen, vor allem bassbetonte Sounds, die man früher mal als Dubstep kannte. Ich habe es erlebt, wie das alles live wirkt, es war ein außerordentliches Erlebnis. Das Debüt ist der Wahnsinn – insbesondere mit diesem Cover des Feist-Songs Limit To Your Love) -, auch wenn die Nachfolger natürlich ebenso faszinieren. Heute ist der Brite nicht umsonst ein gefragter Produzent (für Beyoncé uvm.)!

P.S.: Ihr solltet euch auch unbedingt mal die ganz frühen EPs von ihm anhören, z.B. Klavierwerke!

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Best Of 2010-2019: PJ Harvey – Let England Shake

VÖ: 11.02.2011

Label: Island

Genre: Folk-/Art-Rock

Eigentlich sind ja so ziemlich – wenn nicht gar – alle Alben von PJ Harvey fantastisch, egal in welchem Jahrzehnt sie seit den frühen 1990er Jahren veröffentlicht worden sind. Let England Shake erschien als erstes in der jetzigen Dekade und war auch das einzige Studiowerk neben The Hop Six Demolition Project (2016), sieht man mal von dem diesjährigen Soundtrack zu All About Eve ab.  Große Alben, doch wenn ich mich entscheiden müsste, wäre die Antwort klar, welches mir am besten in den letzten zehn Jahren gefallen hat. Let England Shake bietet musikalische Instrumentierungen, die nicht „alltäglich“ sind, die gekonnt mit weiteren experimentellen Elementen kombiniert werden. Die Texte erweisen sich zudem als klare Statements zu politischen Entwicklungen (vor allem in ihrem Heimatland Großbritannien), die man erst einmal aufgrund ihrer vielen Referenzen entschlüsseln muss. Das ist Musik, die zu jeder Zeit kraftvoll ist. Eine Künstlerin mit einer ausgezeichneten Gesangsstimme und einem ausgezeichneten Feeling für äußerst kreative Zusammenarbeiten (u.a. John Parish, Mick Harvey)!

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