AnnenMayKantereit – 12

VÖ: 17.11.2020

Label: Irrsinn Tonträger

Genre: (Indie-)Rock / (Folk-)Pop

Anlässlich des letzten Albums Schlagschatten (2018) – das hier bei hicemusic nicht ohne Grund in der Sparte „Kontrovers“ besprochen wurde (vorwiegend wegen der überwiegend negativen Kritiken) – schrieb ich, dass ich die Gruppe durchaus schätze. Es ist vielleicht nicht unbedingt so, dass ihre Texte immer vor Subtilität strotzen, aber ich würde den Kölnern schon assistieren, dass sie wissen, wie sie direkt und aufrichtig schreiben können und dabei auch sozialpolitische Themen verständlich verpacken können. Irgendwie kann ich mich oft mit den Texten identifizieren. Hier sehe ich den Unterschied zu vielen anderen deutschsprachigen Bands, die im Radio gespielt werden. Da empfinde ich die vermittelten Emotionen als eher oberflächlich und eindimensional, ja leider auch oft vollkommen irrelevant. Das soll oft gefühlvoll sein, dem Hörer aus der Seele sprechen, aber tut es das wirklich? Naja, soll ja denen gegönnt sein, die es mögen. Bei AnnenMayKantereit stelle ich jedoch oft etwas fest, was ich bei einigen Anderen vermisse: eine Unverkrampftheit gepaart mit wirklichem Können. Man muss sich nur mal die Version von The Polices Roxanne (zusammen mit Milky Chance) anschauen! Klar, dann ist da ja auch noch die markante Stimme von Henning May, die wirklich „älter“ klingt als von einem 28-Jährigen, die nicht nur der Musik der Band eine Individualität und einen Wiedererkennungswert verleiht, sondern unter anderem ja auch das grandiose Hurra die Welt geht unter von K.I.Z. veredelt hat Es gibt für mich bestimmt noch mehr Gründe, warum ich diese Band schätze. Ich empfinde es andererseits aber auch so, dass AnnenMayKantereit es manchmal übertreiben, die Tiefgründigkeit ihrer textlichen Ausführungen vielleicht nicht so hoch wie beabsichtig ist, ja manchmal auch vor Plattheiten nicht ganz zurückgeschreckt wird. Doch das hält sich für mich alles in allem in Grenzen. Jetzt ist eine neue LP – schlicht 12 betitelt – unvermittelt erschienen. Es gab da ein nicht wirklich überraschend dominierendes Thema, natürlich die Corona-Pandemie, von der natürlich auch die Band wie so viele – natürlich ebenfalls über die Musik-Branche hinaus – schwer getroffen wurde. Denn es war unter anderem eine ganz große Tour geplant. So gibt es viel zu reflektieren, natürlich auch generell aus sozialpolitischer Perspektive. Es werden die Ängste, Sorgen und Entbehrungen, die Isolation vieler Menschen uvm. verarbeitet. Was lässt sich nun zum Resultat sagen? Sagen wir es mal so, das Album bietet einerseits erneut tolle Songs, die hintergründig das Thema aufbereiten und dazu vielschichtige Sounds aufbieten. Andererseits sind da auch Lieder dabei, die nicht so richtig zum Zuge kommen und letztlich wenig Eindruck vermitteln. Über die kurzen Songs – die Demo-Fassung zu Beginn beispielsweise – kann ich mir noch nicht so richtig ein abschließendes Urteil bilden. Doch ich würde sagen, dass das Positive auf dem Album für mich überwiegt. Ich mag die Band halt immer noch irgendwie gern!

Note: 2,7

https://www.annenmaykantereit.com/

 

Album des Monats – Oktober 2020

The National-Frontmann Matt Berninger hat sich mit seinem superschönen und klasse abwechslungsreich instrumentierten Solo-Album gegen eine Konkurrenz von 17 anderen Acts (!) knapp vor den Ärzten und den Future Islands – die ebenfalls gute neue Werke veröffentlicht haben – durchsetzen können. Starke Wahl, liebe Leser 🙂

Das Album des Monats Oktober 2020 ist: Matt Berninger – Serpentine Prison

 

Vielen lieben Dank für die Teilnahme!

Green Day – American Idiot

VÖ: 27.09.2004

Label: Reprise

Genre: Punk-/Alternative-Rock    

Da sind die US-Wahlen erst ein paar Tage her, da fiel mir ein, dass es da doch mal eine Band gab, die einen Grund sah, ein deutliches Statement zum damals aktuellen sozialpolitischen Geschehen abzugeben. Sie zeigten sich überaus kritisch gegenüber bzw. positionierten sich eindeutig gegen den US-Präsidenten dieser Zeit, George W. Bush. Es war ja bis zu den US-Wahlen 2004 einiges in dessen Amtszeit passiert, insbesondere natürlich der Irakkrieg 2003 und die Terroranschläge am 11. September 2001. Zu den Reaktionen, den Maßnahmen und den Äußerungen der Regierungsverantwortlichen auf die verschiedenen einschneidenden Ereignisse gab es genug zu kommentieren, vor allem dachten Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tré Cool an die junge Generation, die mit den Traumata und mit den Maßnahmen und den Folgen umzugehen hat (z.B. jene, die als Soldaten nach Irak oder auch Afghanistan geschickt wurden). Vor allem wurde thematisiert, dass die Regierung bewusst eine Atmosphäre der Angst schaffen und bewusst Lügen verbreiten würde, um in diesem Zusammenhang die folgenden politischen Schritte zu legitimieren.  Zu diesen Themen produzierten Green Day ein Konzept-Album, eine Rock-Oper, die die Geschichte des Jesus Of Suburbia erzählt, ein aus der unteren Gesellschaftsschicht stammender, von Frontmann Armstrong erdachter Charakter, sowie eines Widerstandkämpfers namens St. Jimmy und ein ebenfalls rebellischer Whatsername. Zwar gibt es natürlich Bezüge auf das damalige Politgeschehen – den Zustand der US-Gesellschaft und der Bush-Regierung –, doch so wirklich als politisch wurde das Werk American Idiot gar nicht gesehen, bis auf den vielsagenden Titelsong und Holiday. War diese Band es vorher überhaupt, trotz dieser den Kaliforniern immanenten Punk-Attitüde? Zumindest hatte ich persönlich nicht damit gerechnet, dass ein Album mit sozio-politischen Messages und – no offence! – solch hintergründigen Texten von ihnen erscheint. Zumindest war es so, dass ich den Werken von Green Day nach dem genialen Dookie (1994) – mit diesen fantastischen Kompositionen wie Basket Case, When I Come Around und Longview – selbst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenkte. Es waren ja durchaus gute Alben – Insomniac (1995), Nimrod (1997) und Warning (2000), die allesamt interessante Songs aufboten, z.B. Brain Stew / Jaded, Good Riddance (Time Of Your Life) oder Warning –, die Kritiker/innen waren größtenteils begeistert, doch ich selbst fand nicht den Zugang. Der kommerzielle Erfolg hielt sich ohnehin in Grenzen. Das sollte sich mit American Idiot ändern, im Sommer 2004 hörte ich den besagten Punk-Rock-Titelsong und war sehr angetan, auch heute noch halte ich ihn für einen der besten Vertreter der 2000er Jahre.  Doch ich rechnete wirklich nicht damit, dass das dann ein Monat später veröffentlichte zugehörige Album so großartig werden würde. Grandiose Songs, die in mehrere Abschnitte unterteilt und sehr vielseitig sowie unglaublich offen gegenüber den verschiedensten Genres außerhalb des Punk-/Alternative-Rock angelegt sind (sogar u.a. Lateinamerikanische Musikstile und Polka). Was für Kompositionen, egal ob Jesus Of Suburbia, Holiday / Boulevard Of Broken Dreams, Wake Me Up When September Ends oder Homecoming.  Bis heute gehört das Werk zu meinen Lieblingen. Ich persönlich kann mich auch mit den Texten und den Messages identifizieren. Ich belasse es jetzt mal bei dieser politischen Stellungnahme und ziehe keine Parallelen zur Gegenwart. Ich finde es nur irgendwie passend, dass 2016 das Video zum Song American Idiot in Dauer-Rotation auf VIVA lief. So gut wie auf American Idiot war Green Day danach nicht mehr, war ja auch alles nicht mehr so ambitioniert. Trotzdem, für dieses Werk und Dookie werde ich den US-Amerikanern wohl auf ewig dankbar sein!

Note: 1,7

https://greenday.com/

 

Album des Monats Oktober 2020

Wählt bis zum 09.11. das Album des Monats Oktober 2020!

Ihr entscheidet, welche Veröffentlichung „Album des Monats Oktober 2020“ wird.

Zur Wahl stehen diejenigen Alben, die in dem Monat veröffentlicht und bei hicemusic vorgestellt wurden:

 

Viel Spaß beim Wählen! Erneut eine richtig große Auswahl an interessanten Acts (18 an der Zahl!), ich bin gespannt 🙂

Woodkid – S16

VÖ: 16.10.2020

Label: Universal

Genre: Chamber-/Art-Pop / Neofolk / Electronica

Yoann Lemoine ist ein absolut vielseitiger Künstler, der 37-jährige Franzose hat sich unter anderem als Musikvideo-Regisseur hervorgetan. Da waren Arbeiten für Musiker/innen wie Lana Del Rey (Born To Die), Harry Styles (Sign Of The Times), Taylor Swift (Back To December), Moby (Mistake) und Katy Perry (Teenage Dream) dabei. Er hat auch weitere Shows und Features verantwortet und arbeitet als Grafikdesigner. Musikalisch gab es da einiges als Woodkid, unter anderem eine mit Ellis betitelte EP mit Nils Frahm (aus dem Jahr 2016). Naja und dann ist da natürlich diese Debüt-LP The Golden Age aus dem Jahr 2013. Diese enthält die heute in so vielen Zusammenhängen (vor allem in der Werbung oder in Filmen/Serien/Videospielen) gespielten Songs Iron, Run Boy Run und I Love You. Kein Wunder, sind diese doch in ihrem Klangcharakter – diesen vielschichtigen Instrumentationen – von epischer Natur und eignen sich für diese Medien perfekt. Die dazu veröffentlichten, vielfach ausgezeichneten, von Lemoine selbst gedrehten Musikvideos haben mit ihren Bildern auch bei mir Eindruck hinterlassen. Das Album hat mich auch erreichen können, es bietet vielseitige Klänge im Bereich von ambitioniertem Pop, Neo-Folk und Electronica, gerade diese metallenen Schlagzeug-Rhythmen treiben diese Musik stetig voran. Zudem sind natürlich diese epischen Live-Shows zu erwähnen (die ich persönlich aber bisher leider nur im Fernsehen sehen durfte). Was man aber nicht vergessen sollte: nicht alle Kritiker/innen mochten The Golden Age. Die Bewertungen fielen ziemlich zwiespältig aus, vielen schien das zu viel des Bombastes zu sein. Ähnliche Reaktionen gibt es nun zu dem Nachfolger S16, im Musikexpress beispielsweise ist ein Verriss zu lesen, in dem André Boße die Musik als „Neo-Klassik-TripHop für die höheren Stände“ abtut. Andererseits sind schon recht positive Kritiken zu lesen, ebenso wie jene, die im Mittelmaß angesiedelt sind. Auf S16 geht es um Schwefel (Chemiker wissen, dass der Titel des Albums der Ordnungszahl des Elements im Periodensystem entspricht) in der Bedeutung, die es Erzählungen zufolge im Zusammenhang mit dem Teufel hat. Dementsprechend düster wird es deshalb. Ich bleibe für mich aber dabei, ich mag dieses Stimmungsvolle, dieses Opulente ziemlich gerne. Auch wenn S16 für mich nicht an den Vorgänger herankommt, finde ich, dass das Werk erneut mit komplexen Strukturen, mit diesen filmischen und vielseitigen Texturen und Stimmungen sowie der Offenheit für verschiedenste musikalische Stile zumindest zu großen Teilen überzeugen kann. Was haltet ihr von dem Album? Auf eure Meinungen bin ich sehr gespannt!

Note: 2,3       

http://woodkid.com/

 

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