Björk – Utopia

VÖ: 24.11.2017

Label: Embassy Of Music

Genre: Experimental(-Pop) / Folktronica

Eines ist ja mal klar, Björk Guðmundsdóttir muss keinem mehr etwas beweisen! Das was die kürzlich 52 Jahre alt gewordene Isländerin für die Musik getan hat, ist enorm. So vielschichtig, so bunt-schillernd ist ihr Sound bzw. ihr gesamtes Auftreten seit jeher. Man muss sich ja mal begreiflich machen, dass sie nicht erst seit 1993 aktiv ist – was eh schon eine lange Zeit wäre (da erschien ihr internationales, eben auch Debut betiteltes Erstlingswerk). Als sie gerade einmal 11 Jahre alt (!) war, hatte die Sängerin in ihrer Heimat bereits ein Album eingespielt, schlicht Björk genannt. Darauf coverte sie unter anderem Songs von Stevie Wonder (Your Kiss Is Sweet) und The Beatles (The Fool On The Hill) in isländischer Sprache. Es gibt eine ganz nette Review dazu bei Allmusic, die allerdings kein gutes Haar daran lässt. Dann gibt es noch die Bands, die sie seit ihren Teen-Jahren angehörte, die jeweils unterschiedlichste Stilrichtungen repräsentierten, unter anderem Punk, Jazz- und Gothic-Rock, natürlich nicht zu vergessen die wunderbare 80er-Avant-Pop/Alternative-Rock-Band The Sugarcubes, die dann bis 1992 existierte. Was folgte, ist insgesamt zu weitläufig, um es in diesem Text auszuformulieren. Es ist jedoch so, dass Björks ersten drei Solo-Werke der 1990er Jahre  – vor allem Post (1995) – schlichtweg genial sind, ich persönlich ihre gesamte Diskografie überaus schätze. Da ist so viel – die atemberaubenden Videos (ich sage nur: All Is Full Of Love!), die spektakulären Album-Cover (man betrachte nur mal jetzt wieder das Kunstwerk von Utopia), die Klanguniversen, die sie mit Hilfe großartiger Produzenten (Nellee Hooper, Tricky, Howie B, Mark Bell etc.) erschuf. Vieles trifft nun auch auf die neue Veröffentlichung zu: Arca, eine der spannendsten Musiker dieser Zeit, hilft wieder wie auf dem intensiv-emotionalen Vorgänger Vulnicura (2015) aus. Es geht jedoch nicht wie auf letztgenanntem um Trennungsschmerz, die Verarbeitung ihrer gescheiterten Beziehung (die langjährige Partnerschaft mit dem Künstler Matthew Barney endete damals), sondern nun um die Aussicht auf eine neue Liebe, eine effektive Reise in ihre Gefühlswelt. So ausführlich die Thematik ergründet wird, so komplex ist die Instrumentierung. Zudem bietet Björk – so wie der Titel des neuen Werks es deutlich macht – eine alternative Welt zur gegenwärtigen an. Es ist immer wieder eine Freude, dass die Isländerin jederzeit neue Impulse setzt, wie hier auf Utopia. Ein 70 Minuten dauernder, einnehmender Geniestreich!

Note: 1,7

https://bjork.com/splash/

 

Morrissey – Low In High School

VÖ: 17.11.2017

Label: BMG

Genre: (Indie-)Pop/Rock, Alternative Rock

Wow, was ist da denn los? Damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet, dass das neue Werk von Ex-The Smiths-Frontmann Morrissey dann doch so kontrovers aufgenommen wird. Passt natürlich jetzt, dass es hier bei hicemusic im Rahmen der entsprechenden Sparte besprochen wird. Die Wertungen gehen weit auseinander, sowohl in der nationalen als auch internationalen Musikpresse, von Lobeshymnen bis absoluten Verrissen ist alles dabei.  Natürlich finden sich da ebenso Einschätzungen darunter, in denen Low In High School nur mittelprächtig wegkommt, es ist jedoch auffällig, dass vieles in die jeweils extremen Richtungen tendiert. Jordan Bassett vom NME sieht ja zumindest noch die ersten fünf Songs als äußerst gelungen an, fügt aber hinzu: „Beyond this point, only the most hardened Moz fan should dare to venture.“  Die einen bezeichnen das Werk als „Traktat zur Rehabilitierung einer Ikone.“ oder als das Beste seit You Are The Quarry, die anderen schimpfen: „(…) man hört, was man eigentlich schon viel länger hätte hören können: einen alternden Mann, dem die Ideen und die Kraft ausgegangen zu sein scheinen, weshalb er Dringlichkeit mit Kraftmeierei verwechselt.“  oder  „Heute bleibt lediglich die bittere Erkenntnis, dass Morrissey vor allem eins ist: Der popkulturelle Arm des Wird-man-ja-wohl-noch-sagen-Dürfens.“ Was da deutlich wird – bei einer höchst ambivalenten, aber eben auch höchst verdienten Persönlichkeit wie Morrissey wohl unumgänglich –, ist die Tatsache, dass hier die sozialpolitischen Ansichten des 58-Jährigen eine zentrale Rolle einnehmen, denn da hat sich ja einiges in den letzten Monaten und Jahren angesammelt, was eben dann auch auf diesem Album in den Texten zum Ausdruck gebracht wird: Seine „Eigenarten“ sind im Popbusiness ja längst kein Geheimnis mehr, in letzter Zeit stoßen seine „speziellen“ Meinungen, die er allzu gerne in die Öffentlichkeit zu tragen scheint, doch ziemlich auf. Wie zuletzt im Interview mit dem Spiegel, in dem Morrissey Stellung zu aktuellen politischen Gegebenheiten und Ereignissen nahm. Da ist tatsächlich harter Tobak dabei, zu dem ich mich eigentlich nicht positionieren möchte. Nur so viel, ich verstehe schon die Skepsis einiger Leute. Es ist – so viel sollte man festhalten – schwierig. Das spiegelt sich auch in den Lyrics auf Low In High School wieder (das ebenso kontrovers aufgenommene Album-Cover sollte dem Betrachter auch einige Anzeichen geben). Hier scheint Morrissey ja teilweise auch richtig loszuwettern, die Menschen und die Welt an sich in ein äußerst negatives Licht zu rücken. Er fordert die Hörer auf, lieber zu Hause im Bett zu bleiben, sich von den Medien und ihren Berichterstattung nicht verblenden zu lassen. Er scheint sich zudem eindeutig (noch einmal) über den „Brexit“ zu freuen, auch seine Position zur Israel-Politik wirft zumindest Fragen auf. Da findet sich tatsächlich die eine oder andere Plattheit auf dem Album. Aber: Es sollte mal ins Auge gefasst werden, dass Morrissey (zumindest früher einmal, nicht nur zu The Smiths-Zeiten) zu den versiertesten Songwritern der letzten Jahrzehnte gehört(e). Sind da in den Texten dann nicht vielleicht auch ironische Anspielungen, Wortspielereien etc versteckt, die sich nicht sofort interpretieren und auf eine bestimmte Meinung hin analysieren lassen? Ich möchte nicht behaupten, dass ich alles verstanden habe, im Gegenteil, mir fällt die Bewertung der Texte unheimlich schwer, ich möchte nur diese Möglichkeit offen lassen. Sind da nicht auch starke Momente dabei, wenn beispielsweise in In Your Lap aus Sicht einer im Krieg befindlichen Person geschrieben wird, die darunter leidet, dass sie ihre Familie verloren hat, ihr Land dem Untergang geweiht ist? Oder wenn der „Mozzer“ das Versenden von folgsamen Soldaten in einen sinnlosen Krieg in Frage stellt? Gerade dann werden Texte und Musik überzeugend in Einklang gebracht. Nun also generell zum Sound: ich – der dem letzten Album von Morrissey, World Peace Is None Of Your Business, bis auf manche Singles nicht so viel abgewinnen konnte – finde, dass der Brite hier teilweise richtig tolle Instrumentierungen, oft ins Hymnenhafte tendierend,  liefert – vor allem nachzuhören in The Girl From Tel-Aviv Who Wouldn’t Kneel mit seinen vielseitigen Klängen u.a. aus Tango und Klezmer. Als sehr gut erachte ich zudem die Single Spent The Day In Bed und I Bury The Living. Gerade bei diesen lässt sich erneut über die Lyrics streiten, womit ich also folgende Frage stelle: sollte vielleicht bei der Beurteilung des Albums zwischen der Musik und dem Textlichen unterschieden werden? Ich zumindest finde generell beide extremen Bewertungen – egal ob sie äußerst positiv oder negativ ausfallen – übertrieben. Das Solo-Comeback-Album You Are The Quarry (2004) war schon genialer, ebenso das von Tony Visconti produzierte Ringleader Of The Tormentors (2006, Stichwort: You Have Killed Me), aber im Vergleich zu den beiden vorigen Tonträgern Years Of Refusal (2009) und besagtem Word Peace Is None Of Your Business (2014) erachte ich Low In High School als stärker. Ich bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden, zumindest eben vom Klanglichen. Was meint ihr? Was sagt ihr zu dem neuen Werk des „Moz“? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen!

Note: 2,3 (als erste Einschätzung)

http://morrisseyofficial.com/

 

Dillon – Kind

VÖ: 10.11.2017

Label: PIAS

Genre: Elektro-/Art-Pop

Ich hab es ja letztens an dieser Stelle schon einmal erwähnt, dass der kontemporäre R&B bis auf ein paar Ausnahmen meiner Meinung ohne Zuhilfenahme von Electro-Elementen kaum funktioniert oder zumindest wenig attraktiv ist. Es gibt einige Beispiele, wie zuletzt die neue Platte von Kelela, in der eben die Zusammenführung ziemlich gut funktioniert. Mir geht es so, dass auch der Pop im Kontext elektronischer Musik irgendwie spannender erscheint, egal ob diese vorder- oder hintergründig in das Klanggewand eingearbeitet ist. Es muss ja nicht immer hochexperimentell sein. Popmusik benötigt aber neue Ansätze, muss zumindest ein wenig zukunftsgerichtet sein. Da haben sich ja in den letzten Jahren einige Künstler/innen hervorgetan, die ich interessant fand/finde: Fever Ray, St. Vincent, Austra, Zola Jesus, um nur ein paar zu nennen. Nicht zu vergessen eine Sängerin, die in dieser Aufzählung nicht fehlen sollte: die 29-jährige, in Deutschland aufgewachsene  Brasilianerin Dominique Dillon de Byington, kurz Dillon. Ihr 2011 auf BPitch Control veröffentlichtes Debüt  This Silence Kills  – ein Label, auf dem man sich eher auf Techno/IDM spezialisiert (Ellen Allien hat es gegründet) – bot detailliert ausgearbeiteten, vielseitig instrumentierten Indie Pop mit progressiven Electronica-Elementen, in dessen Folge sie mit Björk oder auch Tori Amos verglichen wurde. In diesem Fall wurde Dillon natürlich wieder mit einer hohen Erwartungshaltung seitens Fans und Kritikern konfrontiert, was ihre Folgewerke angeht. Ich muss auch zugeben, dass ich trotz der (aus objektiver Sicht hervorzuhebenden) Klasse von The Unknown (2014) nicht so richtig warm mit dem Zweitling wurde. Jedoch muss(te) mir ja bewusst sein, dass Dillon keinesfalls daran denkt, den Zugang zu ihrer Musik möglichst einfach zu gestalten. Wäre ein erneutes Hören wohl nochmal angesagt, denn es ist sicherlich dieser Pop, den ich oben erwähnt und erwartet habe. Ihr drittes Album Kind bietet nun abwechslungsreiche, unkonventionelle Melodien mit Texten über Liebe, das individuelle Reifen und Sichbehaupten in seiner Umwelt. Auch hier habe ich zwar noch ein paar Anlaufschwierigkeiten, es ist jedoch wahrscheinlich, dass das dritte Werk ziemlich faszinierenden Electro-/Art-Pop mit Entwicklungspotential bereithält (u.a. mit Dirk von Lowtzow als Gast)!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)

http://dillonzky.com/

 

Daft Punk – Homework

VÖ: 20.01.1997

Label: Virgin

Genre: (French) House / Electronica / Dance

In der jüngsten “Classics”-Besprechung der beiden ersten LCD Soundsystem-Werke wurde ein Hit des James Murphy-Kollektivs erwähnt:  Daft Punk Is Playing At My House. In ihm wird neben der namentlichen Nennung  im Titel auch im Text, in der Ausgestaltung des Sounds und im Video Bezug auf ein legendäres französisches Duo genommen  – abgesehen davon, dass James Murphy schon in seiner Debütsingle Losing My Edge behauptete, er habe es als Erster den „Rock Kids“ vorgestellt. Ich würde mal sagen, dass jeder oder zumindest sehr viele – selbst jene Musikfans, die lieber Rock und Pop oder andere Stilarten außer Electronica, House und Dance hören bzw. letzteren wenig abgewinnen können – mittlerweile seit mindestens 4 Jahren wissen, wer Daft Punk ist, ihr Markenzeichen kennen: die Helme*. Da gab es ja diesen einen Megahit mit Pharrell Williams und Nile Rodgers…Nun ja, darauf kommen wir später noch einmal zurück! Man muss sich noch einmal vergegenwärtigen, wie lang Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas  Bangalter als besagter Act aktiv sind, fast 25 Jahre! Wie manche der französischen Musikkollegen aus der Zeit der frühen bis mittleren 1990er Jahre (z.B. Air) begannen beide in sehr jungen Jahren mit Rock. Zusammen mit dem heutigen Phoenix-Gitarristen Laurent Brancowitz nannten sie sich Darlin‘, deren Sounds ein Redakteur des Melody Makers wenig schätzte, er bezeichnete sie als „A daft punky thrash“. Nun ja, es ist ersichtlich, was passierte, nicht lange danach war das hier besprochene Duo geboren, das in den früheren, eher konventionelleren Klängen keine Zukunft sah, sich dem weiten Feld der elektronischen Musik widmete, neue Wege eingehen wollte. Vor allem was für welche! Während die französischen Landsleute Air großartige Ambient/Downtempo-Sounds erkundeten, ging es hier in Richtung House/Techno, was später wegen Daft Punk und Kollegen wie Cassius, Étienne de Crécy, Mr. Oizo, Alex Gopher u.a.  als „French House“ bekannt wurde. Die früheren Tracks ließen schon erahnen, wie kompromisslos, progressiv, nach vorne treibend, dabei auch eingängig  das dann 1997 erschienene, im Schlafzimmer von Bangalter selbst produzierte Debüt Homework werden würde (sie waren dann, u.a. in umgearbeiteter Form auf diesem enthalten). Es wurde nicht zu viel versprochen, alles an dem Album, egal ob die Sounds, die legendären, unvergesslichen Videos der Singles Da Funk und Around The World  (von großartigen Regisseuren wie Spike Jonze und Michel Gondry inszeniert), –  ach – einfach alles begeistert mich heute noch. Das Werk gehört in meinen Augen neben Airs Moon Safari zu den besten französischen, jedoch ebenso generell  zu den größten Tonträgern der 1990er Jahre, ist ein Top5-Kandidat meiner persönlichen All-Time Favourite-Liste! Hier wurden Electro- wie Rock-Fans gleichermaßen infiziert, die (vermeintlich?) so zerstrittenen Lager vereint (wie es damals auch den Chemical Brothers, The Prodigy oder sehr viel später auch Justice gelang).  Na klar, heute kennen die Franzosen so viele wegen oben gemeinten, 2013 veröffentlichten Get Lucky, dieses „Massentaugliche“ wurde jedoch schon mit Around The World erreicht, spätestens ja dann mit dem – in meinem Augen immer noch wundervollen, wie Random Access Memories den Disco-Sounds frönenden – Nachfolger Discovery (mit One More Time, Aerodynamic, Digital Love und Harder, Better, Faster, Stronger etc.). Dass Homework auch Kreise außerhalb der French House-Lager erreichen konnte, wird durch meine persönlichen Erlebnisse gestützt. Ich habe Daft Punk das erste Mal in einer Sendung sehen können, die leider nicht sehr lange bestand und sich an ein Charts-orientiertes als auch an unkonventionelleren Sounds interessiertes Publikum richtete: das von Thomas Germann moderierte WDR-TV-Format Hit Clip. Neben Videos von unterschiedlichen Acts wie Oasis, No Doubt, Scatman John und Babylon Zoo (Spaceman) lief dort eben auch dieses in einem Take gedrehte Kunstwerk Around The World. Damals noch nicht ganz das Potential erkennend, war es mir später gelungen zu begreifen, was für eine fantastische Band Daft Punk ist. Vor allem wie genial und einflussreich Homework ist. Hypnotisch, tanzbar und absolut seelenvoll!

Note: 1,0

 

P.S.: Wer einmal sehen möchte, was für Könner de Homem-Christo und Thomas  Bangalter sind, sollte sich unbedingt die aufschlussreiche Dokumentation Unchained ansehen! Dort ist beispielsweise zu sehen, wie Bangalter 1996 in Wisconsin ein umjubeltes Set spielt, mit vermeintlich einfachsten Mitteln einen riesigen Effekt erzielt. Gänsehaut pur (wie Produzent Todd Edwards richtigerweise in dem Film sagt)!

*Es gibt im Booklet zu Homework ein Bild zu sehen, auf dem die beiden Mitglieder ohne den Helm zu sehen und ihre Gesichter ansatzweise zu erkennen sind, zudem jeweils ein Kinderfoto.     

https://www.daftpunk.com/

 

Fever Ray – Plunge

VÖ: 27.10.2017

Label: Rabid

Genre: Electronica / Synthie-Pop

Da hat mich Karin Dreijer Andersson aber doch ziemlich überrumpelt!  Ich beziehe mich sicher nicht auf die musikalische Qualität ihres neuen Albums. Dass diese wie gewöhnlich hoch ist, überrascht mich keinesfalls. Ich war nur vom Datum des Releases verblüfft, hab das persönlich vorher überhaupt nicht vorausgeahnt. Obwohl andererseits, hätte ja eigentlich möglich sein können, denn ich hatte schon etwas von einem interessanten Video gehört, dem – so viel ist nun klar – zur Vorabsingle To The Moon And Back. Ist so oder so nicht schlimm, bespreche ich Plunge eben im Rahmen von Nachgehakt (der physische Release soll ohnehin erst Ende Februar 2018 erfolgen).  Die Schwedin Karin Dreijer Andersson meldet sich also unter ihrem Solo-Alias Fever Ray zurück, nach geschlagenen 8 Jahren! Sie hat 2013 mit ihrem kongenialen, zusammen mit Bruder Olof Dreijer geführten Hauptprojekt The Knife zumindest bei mir wieder mal hohen Eindruck hinterlassen, mit dem letzten Album Shaking The Habitual.  Generell schätze ich die Musik dieses Duos sehr, für mich gehören vor allem ihr Zweitwerk Deep Cuts (2003, u.a. mit dem später von Landsmann José González so super gecoverten, aber eben auch im Original schon großartigen Heartbeats) sowie dessen Nachfolger Silent Shout (2006) zu den wichtigsten Electro-/Synthie-Pop-Veröffentlichungen aus Skandinavien, die im letzten Jahrzehnt erschienen sind. Da ich es in diesem Zusammenhang bereits erwähnt hatte, die Solo-Electro-LP von Fever Ray war ebenfalls richtig stark, mit beeindruckenden Songs wie If I Had A Heart und When I Grow Up. Es war ihr geglückt, sich von dem The Knife-Trademark-Sound weitgehend zu emanzipieren, mit noch ambitionierteren, ziemlich düsteren Klängen. Ein wirkungsvolles Statement, eine der besten Electronica-Releases 2009. Nun, nach besagter langer Zeit gibt es das zweite Album, auf dem Dreijer Andersson sich in Bezug auf das Klangbild noch offener gegenüber anderen Stilarten außerhalb der Electronica gibt, unter anderem Dark Wave, Industrial und – wie in der Frühzeit von The Knife es der Fall war – dem Pop (vor allem im oben erwähnten To The Moon And Back). Thematisch geht es insbesondere um Liebe, Sex und Gewalt, unergründlich und direkt zugleich, mit einer selbstbewussten, in diesen Zeiten sicherlich wichtigen feministischen Positionierung. Das Album macht es dem Hörer wirklich nicht immer leicht, doch meiner Meinung nach ist der Schwedin erneut ein richtig großer Wurf gelungen. Mal wieder!

Note:  2,0 (hat aber höchstwahrscheinlich noch Potential nach oben)

https://feverray.com/

 

The Grizzled Mighty – Crooked Little Finger

VÖ: 01.11.2017

Genre: Blues-/Garage-Rock

Label: One RPM

Ich habe das hier bei hicemusic schon einmal erwähnt, dass ich ein Riesenfan der White Stripes bin. Ich kann auch bereits jetzt spoilern, dass im Rahmen der „Classics“-Reihe mindestens eines der Alben des Detroiter Duos besprochen wird. Über die „Fußballhymne“ Seven Nation Army hinaus – die eben nicht „nur“ eine ist, der Song gehört sicherlich zu meinen Favoriten des letzten Jahrzehnts – hat die Band mir so viel gegeben, ich werde sie immer lieben. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich  die letzten Werke nicht mehr ganz so genial fand, ist es für mich sehr schade, dass die Whites nicht mehr zusammen musizieren. So hätte ich sicherlich nichts dagegen, wenn sie sich mal wieder zu einer Reunion entschließen würden (auch wenn es nur für ein paar Live-Shows wäre). Die Sachen, die Jack White solo oder mit den Raconteurs sowie Dead Weather gemacht hat, haben mir zum größten Teil schon ziemlich gut gefallen, allerdings nicht so sehr wie wenn er mit Meg die Schnittstellen zwischen Rock, Blues und Punk ergründet hat. Vielleicht ist es nun aber auch so, dass in diesen Soundsegmenten ein wenig die neuen Ideen fehlen. Andererseits gibt es ja die eine oder andere Band, die noch etwas zu erzählen hat. Das folgende Duo aus Seattle beispielsweise, über das im Pressetext folgendes geschrieben wird: „Stellt euch die White Stripes auf Steroiden vor und ihr bekommt ein Gefühl dafür was THE GRIZZLED MIGHTY ausmacht.“ Es ist zumindest so, dass Faustine Hudson und Ryan Granger mit dem 2015 veröffentlichten, offensiv nach vorne treibenden Closed Knuckle Jaw, aber auch mit ihren zuvor erschienenen Werken die härtere, rohere Variante der Garage-/Blues-Schule zum Ausdruck brachten. Die Vorabsingle des neuen Albums, Set A Light, schlägt in eine ähnliche Kerbe und verbreitet ordentlich Laune, es geht soundtechnisch schon in Richtung von Royal Blood. Das gilt ebenso für die weiteren Songs. Ich muss gestehen, dass mich das Album noch nicht ganz gepackt hat, es fehlen mir noch ein wenig jene individuell ausgearbeiteten Momente der erwähnten Vorgänger, ich bin jedoch überzeugt, dass sich das sich meine Meinung ändern kann/wird. Braucht halt noch etwas Zeit! Glühende Fans des Blues-/Garage-Rock werden auf jeden Fall ihren Spaß haben!

P.S.: The Grizzled Mighty werden als eine absolut fantastische Live-Band gefeiert. Davon könnt Ihr euch ab nächster Woche selbst überzeugen, wenn sie nach Europa kommen. Unten findet Ihr noch einmal die genauen Daten

Note: 2,7 (mit Potential nach oben)

https://www.thegrizzledmighty.com/

 

 

Die Tourdaten  (die Deutschland-Termine sind fett hervorgehoben):

16.11. Röda | Steyr (AT)

17.11. Anziehbar | Dornbirn (AT)

18.11. Musig in der Beiz Festival | Wil (CH)

21.11. Lovelace Hotel | München (DE)

22.11. Rote Fabrik | Zürich (CH)

23.11. Fluc | Wien (AT)

24.11. Club Glam | Feldbach (AT)

25.11. Fümreif | St.Georgen (AT)

26.11. Stara Pekarna | Brno (CZ)

28.11. Cafe Glocksee | Hannover (DE)

29.11. Helgas Stadtpalast | Rostock (DE)

30.11. Sage Club | Berlin (DE)

01.12. Kasseturm | Weimar (DE)

02.12. Bolleke | Duisburg (DE)

04.12. Kulturzentrum K19 | Kassel (DE)

05.12. Lost Weekend | München (DE)

06.12. Hex | Denklingen (DE)

07.12. Zelig | Lausanne (CH)

08.12. Bar 59 | Luzern (CH)

09.12. 8304 Bar | Zürich-Wallisellen (CH)

LCD Soundsystem – LCD Soundsystem / Sound Of Silver

LCD Soundsystem – LCD Soundsystem

VÖ: 24.01.2005

Label:  DFA

Genre: Dance-Punk / Electronica

 

LCD Soundsystem – Sound Of Silver

VÖ: 16.03.2007

Label: DFA

Genre: Dance-Punk / Electronica

 

Was? Zwei Alben von ein und derselben Band in der “Classics”-Reihe? Wie kann das denn angehen? Ja, tut mir leid, aber ich konnte mich einfach nicht für einen Liebling entscheiden! Erst habe ich überlegt, mit welchem Werk ich mehr Erinnerungen verbinde, welches mir wichtiger ist, welches in der Diskografie von James Murphy und Co. einen höheren Stellenwert einnimmt. Das ist nicht wirklich leicht zu entscheiden, oder doch!? Ihr könnt mir diesbezüglich gerne mal eine Rückmeldung geben! Ich habe im Zusammenhang mit der Review zum neuen Release  American Dream schon von meinem denkwürdigen Erlebnis auf dem Hurricane im Jahre 2010 berichtet. Ich werde niemals vergessen wie Frontmann und Mastermind Murphy diese denkwürdigen Zeilen aus All My Friends – der zweiten Single von Sound Of Silver – zum Besten gab, als es wie aus Bächen schüttete, die Zuschauer unglaublich nass wurden:  „But if you’re worried about the weather / Then you picked the wrong place to stay.“ Ein Geschehensablauf, als ob ihn ein Drehbuchautor just für diesen Moment geschrieben hätte! Ich kann mich kaum an eine andere Situation erinnern, in dem die Musik sowie der Text besser zum Erlebten gepasst hat! Sound Of Silver ist generell ein absolutes Glanzstück, mit diesen unglaublichen Songs, die Win Butler von Arcade Fire sicherlich unter anderem meinte, als er auf der damaligen Abschiedsshow im Madison Square Garden (2011) den sich im Erzählfluss befindenden James Murphy anschrie: „Shut up and play the hits“ (so wurde der das Konzert dokumentierende, wunderbare Film schließlich genannt). Da waren – abgesehen von All My Friends – die weiteren Singles North American Scum, Someone Great sowie Time To Get Away. Aber es gibt ja noch die anderen Perlen wie der geniale, ein Kraftwerk-Sample (The Robots) aufbietende Einstieg Get Innocuous!, der Titeltrack, Us V Them etc. Ich hatte damals den perfekten Soundtrack für’s Joggen gefunden (interessanterweise erschien in Deutschland im selben Jahr das von LCD Soundsystem für Laufaktivitäten vorgesehene 45:33, das ich aber viel später entdeckte)! Sound Of Silver ist ein Meisterwerk, zweifellos! Es darf bei aller Genialität der Zweitlings jedoch nicht vergessen werden, was die New Yorker zwei Jahre vorher bereits geleistet haben. Denn das selbstbetitelte Debüt enthält ebenso jene „Hits“ (die Win Butler sicherlich auch meinte), womit Murphy und seine Mitstreiter/innen den Dance-Punk der 2000er Jahre ausdefinierten, Pop-, Rock- und Electronica/House-Elemente brillant zusammenführten. Klar, es gab andere super Bands aus dem lokalen und musikalischen Umfeld – die meisten von ihnen wurden von Murphy gefördert und auf dessen Label DFA gesignt, wie The Rapture, !!! , The Juan MacLean (letztere mit der absolut charismatischen Nancy Whang von LCD Soundsystem) etc.-, aber wirklich gleichwertiges Niveau wurde von ihnen meiner Meinung nach nicht erreicht. Diese Sounds, Rhythmen (z.B. die markanten Kuhglocken), die einprägsamen und sloganartigen Texte, dieses universelle Verständnis der Musikhistorie, das jederzeit aufblitzt und eindrucksvoll auf jeglichen Ebenen zum Ausdruck kommt. Man nehme nur das großartige, heute schon längst als Klassiker geltende Daft Punk Is Playing At My House (das unter anderem später so wunderbar von der Knarf Rellöm Trinity aufgegriffen wurde, in deren LCD Is Playing At My House). Darüber hinaus Umwerfendes wie Tribulations, Yeah, Disco Infiltrator, Movement uvm. Auf einer Sonder-Edition sind ja auch noch ältere Tracks zu finden, wie die fantastische Debüt-Single Losing My Edge (die ursprünglich schon 2002 erschien und sich absolut gekonnt durch die Pop-Historie zitiert), Give It Up, die unglaublichen Yeah-Remixe, nicht zu vergessen das an Talking Heads erinnernde Yr City’s A Sucker! Ich merke schon wieder, wie ich beim Schreiben dieser Zeilen regelrecht ins Schwärmen gerate! Ebenso seit jeher ein ständiger Begleiter! LCD Soundsystem haben mit den weiteren Releases aufhorchen lassen – unter anderem dem Drittling This Is Happening (2010) und zuletzt auch mit dem Comeback American Dream. Ich habe mich unglaublich gefreut, bleibe aber dabei: die ersten beiden LPs sind die unantastbaren Meisterwerke von LCD Soundsystem, einer meiner Lieblingsbands!

Beide Werke  LCD Soundsystem / Sound Of Silver

Note: 1,0

https://lcdsoundsystem.com/

LCD Soundsystem

 

 

Sound Of Silver

LCD Sound System – All My Friends.mov from Andrew Reznik on Vimeo.

 

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑