Ibeyi – Ash

VÖ: 29.09.2017

Label: XL

Genre: R&B / Neo-Soul / (Art-/Experimental-)Pop / World

Die französisch-kubanischen Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi Díaz sind bei mir vor 2 Jahren – als ihr selbstbetiteltes Debüt erschien – nicht so sehr angekommen, wie es angesichts der damaligen Berichterstattung hätte der Fall sein müssen. Ein persönliches Versäumnis, was aber nichts damit zu tun hatte, dass ich keinen Zugang zu ihren Klängen gehabt hätte. Ich kann mich an TV- und Radio-(Kultur-)Sendungen sowie Zeitungsartikel erinnern, in denen nicht nur kommuniziert wurde, dass es sich um die Töchter des ehemaligen und leider sehr früh verstorbenen Buena Vista Social Club-Multiinstrumentalisten Angá Díaz handelt, sondern auch  dass diese eine Musik präsentieren würden, die im Indie-Bereich außergewöhnlich sei, eine vielfältige Mixtur der unterschiedlichsten Weltmusik-Elemente. Dies kommt nicht von ungefähr: Naomi Díaz hat nach dem Tod ihres Vaters (2006, im Alter von 11 Jahren) dessen bevorzugtes Instrument zu spielen gelernt  – die Cajón de rumba („Trommel-Kiste“). Zudem haben sich beide Schwestern ausführlich mit Yorùbá-Folklore auseinandergesetzt, deren Ursprünge in Westafrika, insbesondere Nigeria, liegen und deren Kultur Ende des 18. bzw. Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge des Sklavenhandels in Kuba Verbreitung fand. Ibeyi kombiniert  die tradionelle Musik mit mittel-/südamerikanischen als auch „westlichen“ Elementen, bedingt durch die familiäre Abstammung – ihre französisch-venezolanische Mutter Maya Dagnino ist ebenso Musikerin (Sängerin, zudem heutige Managerin ihrer Töchter, sie soll ihnen auch jene traditionellen Yorùbá-Lieder in deren Kindesalter vorgesungen haben). Was daraus Spannendes resultiert, konnte man auf dem überaus gelungenen Debüt schließlich hören. Songs wie River und Exhibit Diaz unterstreichen die Mannigfaltigkeit ihrer Sounds sowie deren textlichen Stärken. So wurden auf Ibeyi  vor allem persönliche Themen aufgegriffen, der Tod ihres Vaters sowie der älteren Schwester verarbeitet. Dem Duo geht es jedoch ebenso um eine kulturell-gesellschaftliche Message, was jetzt auf dem Nachfolger besonders deutlich wird. So setzten sich Ibeyi für die Rechte der Frauen ein, greifen dazu in No Man Is Big Enough For My Arms wirkungsvoll auf ein Sample einer Michelle Obama-Rede zurück. Stark gemacht! Der Wahnsinn ist aber Deathless, welches an sich bereits groß ist, durch das unvergleichliche Saxophonspiels des Ausnahmekünstlers Kamasi Washington zusätzlich veredelt wird. Schon jetzt einer der Songs des Jahres! Insgesamt ist das Album ziemlich gut gelungen, bietet neben den musikalischen Fähigkeiten des Duos weitere tolle Gäste (Chilly Gonzales u.a.). Ich muss es allerdings noch etwas auf mich wirken lassen, um ein abschließendes Urteil fällen zu können!

Note: 2,3 (mit Potential nach oben)    

http://ibeyi.fr/

 

DJ Shadow – Endtroducing…..

VÖ: 16.09.1996

Label: Mo‘ Wax

Genre: Electronica / Ambient / (Instrumental-/Experimental-)Hip-Hop

Wo ich schon über die Avalanches und deren Bedeutung für das Sampling (“Plunderphonics”) schreibe, die mit Since I Left You zweifellos ein absolutes Meisterwerk geschaffen haben, so kommt man in diesem Zusammenhang zwangsläufig auf ein weiteres Album zu sprechen, das dieser Kunstform – darüber hinaus im Generellen den Genres der Electronica und des Hip-Hop in den auf seinen Release folgenden Jahren und Jahrzehnten – erst recht und noch früher den ultimativen Stempel aufgedrückt, den Weg für neue Ausdrucksformen in den jeweiligen Spielarten geebnet hat. Man kommt einfach nicht darum herum, DJ Shadows Langspieldebüt Endtroducing zu erwähnen! Das ist mir aber auch alles andere als lästig oder unangenehm, im Gegenteil: das Werk gehört zu meinen zehn, wenn nicht sogar fünf  All-Time Favorites! Wenn man sich die Tracks anhört, merkt man ihnen nicht einen Moment lang ihr Alter von jetzt schon 21 Jahren (!) an. Es fängt mit dem unvergleichlichen Intro Best Foot Forward an, leitet in das geniale Building Steam With A Grain Of Salt über, nimmt den Hörer mit zu dem Über-Song  What Does Your Soul Look Like (Part 4), führt weiter über die genialen Singles Stem (auf dem Album ja erweitert mit Long Stem) und Midnight In A Perfect World. Und das sind ja nur die Eckpunkte, ebenso die anderen Tracks lassen einen als Hörer sprachlos zurück. Es gibt an keiner Stelle dieses Klangwunders einen Durchhänger, stattdessen wird man mit einer Sound-Vielfalt überrascht, die atemberaubend ist. Die Gänsehaut-Momente wollen wirklich nicht enden, man beachte nur diesen sensationellen Spannungsaufbau in Napalm Brain / Scatter Brain! Da mag man einwenden: „Der hat ja nur Samples verwendet, keines der zu hörenden Instrumente selber gespielt“. Das stimmt vielleicht (ein bisschen), Josh Davis aka DJ Shadow hat ein minimales Equipment zur Verfügung gehabt, mit dem er aber seine Klangforschungen wirkungsvoll in Szene setzte – er durchforstete unzählige Plattenläden, sammelte wie ein Besessener. Allerlei, unglaublich viele Ton-Schnipsel – aus den verschiedensten musikalischen Gattungen, Soundtracks, aufgezeichnete Dialoge etc., gerne auch mal selten oder obskur in ihrem Charakter – führte er kunstvoll zusammen. Da lohnt sich übrigens mal wieder (wie bei den Avalanches) ein Blick in die Einträge bei whosampled: man findet als Material unter anderem David Axelrods The Human Abstract, natürlich den Orgelpart aus Giorgio Moroders Tears, weiteres von James Brown, Björk, Metallica, Tangerine Dream, Pekka Pohjola, Beastie Boys, Kraftwerk, und was nicht alles sonst noch! Das müssen sich jene Skeptiker einmal vor Augen führen, dass man diese zahlreichen Einzelteile – die größtenteils im Original schon exquisit klingen – doch erst einmal zusammenbringen muss, die ja durchaus von ihrer Wesensart konträr zueinander stehen. Man muss schon über fundierte Kenntnisse verfügen! Vor allem ist zu bedenken, dass DJ Shadow zu dieser Zeit erst gerade mal 24 Jahre alt war! Ich selbst habe die Platte so Anfang der 2000er Jahre entdeckt, war aber sofort fasziniert. Ich weiß nicht, wie oft ich sie damals hörte! Dann brachte eine damalige Freundin von mir Endtroducing mit, von einem Aufenthalt in England, legte es auf ihrer Geburtstagsparty auf. Ich war für einige Momente in anderen Sphären, beachtete gar nicht, was um mich herum passierte. Auch wenn ich generell ein Träumer bin, ist dieser Schwebezustand, in dem man in andere Welten zu reisen glaubt, nicht untypisch während der Rezeption dieses Meilensteins (und das nicht nur, weil da Auszüge von den Gesprächen während der Mondlandung zu hören sind). Ich finde zwar, dass auch The Private Press (2002) großartig ist, seine weiteren Arbeiten – egal ob als Teil von Unkle (Psyence Fiction) oder in Form seiner LPs, EPs, Mixes und Compilations (Preemptive Strike!) – mit Ausnahme von The Outsider (2006, welches mir überhaupt nicht zusagte) – super oder zumindest okay sind, so groß wie Endtroducing ist das alles allerdings nicht. Absolut fantastisches Sampling-Kunstwerk, das ich immer wieder hören, das mich fortwährend und von Neuem überraschen und erfreuen kann!

P.S.: Wie die Avalanches durfte ich auch DJ Shadow live erleben, letztes Jahr im Kölner Gloria. Er ist immer noch gut drauf, soviel ist sicher!

Note: 1,0

http://djshadow.com/

 

Chelsea Wolfe – Hiss Spun

VÖ: 22.09.2017

Label: Sargent House

Genre: Gothic-/Noise-/Experimental-Rock, Doom Metal

Wow, ist das mal ein gruseliges Album-Cover! Ich persönlich fühle mich an einschlägige Psycho-Horror-Streifen à la The Ring oder The Grudge erinnert, die einem etwas zartbesaitetem Film-Fan wie mir auch heute noch Schauer über den Rücken laufen lassen. So stellte ich mir in Anbetracht des Bildes die Frage, was die 33-Jährige damit sagen möchte. Es ist allerdings nichts Neues, schon vorherige Album-Cover von ihr hatten etwas Gruseliges an sich – man denke da beispielsweise an  Apocalypsis (2011). Vom Musikalischen her weiß man ja, dass die Kalifornierin bevorzugt ins Düstere abdriftet, ihre Klänge  insgesamt mit einem kinematograpischen Touch versehen sind, nicht ohne Grund liefen ihre Songs schon in erfolgreichen Serien wie Game Of Thrones, auch in Fear The Walking Dead (dem Prequel zu The Walking Dead) und How To Get Away With Murder. Es ist ein bisschen wie bei einem hochwertigen Horrorfilm, man ist als Hörer eventuell ein wenig eingeschüchtert von den Klängen Chelsea Wolfes, wird vielleicht mit unbehaglichen und unangenehmen Gefühlen konfrontiert, bekommt Angstzustände, ist andererseits begeistert und fasziniert von dem Dargebotenen. Ich hatte es im Zusammenhang mit der Rezension zu ihrem letzten Werk Abyss bereits erwähnt, dass die Künstlerin es ausgezeichnet versteht, verschiedenste Stilarten – von Gothic-, Noise-, Post- und Experimental-Rock über Metal, Industrial, Post-Punk, Electronica sowie (psychedelischem und düsterem) Neo-Folk – zusammenzuführen, daraus einen sie definierenden Sound kreiert. Das ist – ich hatte bereits darüber geschrieben – in meinen Augen doch noch begeisternder als Zola Jesus neuestes, ebenso in diesem Monat veröffentlichtes Album. Abyss ist ein Geniestreich, was ich damals noch nicht so eingeschätzt, aber bereits erahnt habe. Auf dem Nachfolger Hiss Spun  baut Chelsea Wolfe in der  ähnlichen Form einen absolut fesselnden Spannungsbogen auf, spielt mit Stimmungen und nimmt umfangreich allerlei Sound-Experimente vor. Die Thematik enthält  einen gesellschaftlichen Bezug, das Düstere verwundert deshalb also nicht unbedingt. Unterstützt wird sie dabei unter anderem von Troy Van Leeuwen (Queens Of The Stone Age) und Aaron Turner (Isis). Mal wieder richtig mitreißend und überaus wirkungsvoll. Als Hörer muss man sich halt darauf einlassen und den Mut haben, wie als Filmfan bei einem guten Horrorfilm (übermorgen kommt ja zum Beispiel die Neuverfilmung von Stephen Kings Es heraus)!

Note: 2,0

http://www.chelseawolfe.net/

 

Spotlight On: Slothrust

PhotoCredit: Shervin Lainez

“Listen to songs by Slothrust, and you’ll hear aggressive sounds that hearken back to early ’90s rock bands like Nirvana and Dinosaur Jr. Listen more closely, and you’ll also hear elements of the blues that the band’s members learned when they met in their college’s jazz program.“ – NPR MUSIC

Neues Album: Everyone Else (VÖ: 06.10.2017)

Infos zu: Slothrust

Genre: Alternative-/Garage-Rock

Die Musik des US-Trios wird im Pressetext folgendermaßen beschrieben: man habe es hier mit „Blues-Grunge“ zu tun. Es macht deutlich, dass es hier eine interessante Kombination aus alternativen Rock-Formen zu hören gibt, die mit anderen Stilen – u.a. Pop, Jazz – kombiniert werden, die Sounds also insgesamt nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt sind. Leah Wellbaum (Gesang, Gitarre), Kyle Bann (Bass) und Will Gorin (Schlagzeug) haben sich in den USA  schon einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet, auch über New York hinaus, wo Slothrust jahrelang durch die Clubs tourten. 2012 gab es die erste, vielbeachtete LP – Feels Your Pain –, auf dem bereits eine spannende Mixtur aus Blues-Rock und Jazz aufgeboten wurde, das Potential ihrer Musik markant zum Ausdruck kam.  Darauf gab es unter anderem den Song 7:30 am zu hören, der in der Titelsequenz der  US-amerikanischen Comedy-Serie You’re The Worst gefeatured wird. Nach dem nicht weniger spannenden Nachfolger Of Yourse You Do, der neben einer neueren Version des TV-Show-Hits weitere tolle, modern produzierte Songs enthält, erscheint im Oktober nun endlich das dritte Album Everyone Else hier in Deutschland. Eine großartige Nachricht ist zudem, dass Slothrust als Support von Manchester Orchestra auch hierzulande live zu sehen sein werden, die genauen Daten findet ihr unten!

Im Vorfeld des Releases habe ich Sängerin Leah Wellbaum befragt, unter anderem zu ihrer Band und Musik sowie  den Themen, die sie bewegen! Ich kann Euch versprechen, es ist sehr spannend!

 

Interview

  1. Eure Band wurde in New York gegründet, aber nach einigen Jahren hast Du geplant, nach Los Angeles, Kalifornien zu ziehen. Was war Deine Motivation? Kannst Du uns etwas über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Musik-Szenen erzählen?

New York ist eine verblüffende Stadt für angehende musikalische Künstler/innen, weil sich dort eine Menge Clubs befinden und man mehrere Nächte pro Woche auftreten kann. Wir haben das einige Jahre getan und es war großartig, aber als wir ein bekannterer Act wurden, begannen wir mehr zu touren, anstatt unaufhörlich unsere Heimatstadt zu bespielen. Los Angeles ist eine riesige Stadt mit einer Menge Platz. Dort wo ich in New York lebte, war es oft sehr laut und vollgestopft mit Menschen. Was mich betrifft, ich finde, mehr Platz und Ruhe tragen zu einem besseren Leben und einem schöpferischen Umfeld bei.

  1. Euer neues Album Everyone Else wird hier am 06. Oktober veröffentlicht. Kannst Du in Deinen eigenen Worten beschreiben, was musikalisch zu erwarten ist? Gibt es markante Änderungen bezüglich des Sounds im Vergleich zu Euren vorherigen Veröffentlichungen?

Ich denke, Everyone Else hat eine andere Art Flow als Of Course You Do oder Feels Your Pain. Es ist auch thematisch wortgetreuer. Wir haben bei diesem Album viel Zeit mit der Feinabstimmung der Sounds und dem Experimentieren mit verschiedenen Versionen dieser Songs verbracht. Ihr könnt ein Album erwarten, bei dem wir mit Herz und Verstand vorangegangen sind.

  1. Wer sind Eure Vorbilder? Hat jemand von ihnen einen besonders großen Einfluss auf Eure Sounds, speziell jenem auf Eurer neuen Platte?

„Vorbild“ ist ein komplizierter Begriff für mich, weil viele Musiker/innen, zu denen wir aufgeblickt haben, nicht zwangsläufig ausgeglichene Menschen sind, so wie wir gerne sein wollen. Es ist wirklich herzzerreißend, wie viele Musiker/innen unter unbehandelten psychischen Krankheiten und Drogenabhängigkeit leiden. Die Menschen übersehen dies häufig – dies ist auf jeden Fall ein kompliziertes Thema. Davon abgesehen, ich liebe die Karriere und die Musik von PJ Harvey, Jenny Lewis und Patti Smith. Ich liebe auch Instrumentalmusik, wie die von John Fahey und Chopin.

  1. Welche Themen behandelt Ihr in euren Texten? Sind aktuelle gesellschaftspolitische Bezüge zu finden?

Ein Großteil dieses Albums handelt von Gewässern, Träumen und verschiedenen Zuständen des Bewusstseins. Grundsätzlich befasst sich viel in meiner Musik mit Gender, Queer, Psychohygiene und wie es ist, damit zu leben, auf welche Weise diese Dinge in einer Gesellschaft aufbereitet werden, die nicht auf diese ausgerichtet ist.  Ich glaube nicht zwangsläufig, dass alle Menschen unsere Musik nach dem ersten Hördurchgang so interpretieren werden, aber für mich war dies alles immer da.

  1. Ab Oktober werdet Ihr auf Tour nach Deutschland kommen. Gibt es hierzulande Bands (egal ob diese noch aktiv sind oder nicht), die Euch ein Begriff sind, deren Musik Ihr besonders schätzt?

Ich bin nicht besonders vertraut mit deutschen Künstlern/innen! Ich bin mal dem Synthesizer-Spieler von Rammstein in der High School begegnet, haha. Ich freue mich, mehr darüber zu erfahren.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

Video

Aus dem neuen Album Everyone Else vorab drei Songs mit tollen Videos!

 

Ein älteres Video zum Song Crockpot aus dem Vorgänger Of Course You Do (2014):

 

Audio

Das ganze Album vorab bei Soundcloud:

 

Tour

Slothrust kommen im Oktober nach Deutschland. Hier die drei Termine!

30. OKT – Köln, DE @ Gebaude 9
03. NOV – Berlin, DE @ Franz
04. NOV – Hamburg, DE @ Molotow

 

Web

http://www.slothrust.com/

https://www.facebook.com/Slothrust/

 

The Avalanches – Since I Left You


VÖ: 27.11.2000

Label: Modular

Genre:  Dance-Pop / Electronica

Im Zusammenhang mit der Besprechung des Röyksopp-Klassikers Melody A.M. – und nicht nur zu diesem Anlass – habe ich hier bei hicemusic erwähnt, dass ich ganz wehmütig werde, wenn ich an die Zeiten Anfang der 2000er Jahre zurückdenke, als es noch „richtiges“ Musikfernsehen gab. Vor allem natürlich diesen Sender mit der Ambition, seine Zuschauer mit alternativen, ebenso seltener zu vernehmenden Klängen und sehenden Bildern vertraut zu machen. Gemeint ist selbstverständlich VIVA Zwei. Ich möchte nicht als jemand erscheinen, der getreu dem Motto „früher war alles besser“ argumentiert – das stimmt sicherlich schon aus dem Grund nicht, weil man dazu neigt, einiges nostalgisch zu verklären, etwas aus gegenwärtiger Perspektive eventuell positiver beurteilt wird, als es gewesen ist  –, aber in diesem Fall muss ich darauf bestehen, dass den Clips zu den Songs damals mehr Bedeutung eingeräumt wurde. Ich habe durch das Musikfernsehen eben Sounds kennengelernt, mit denen  ich auf anderem Wege höchstwahrscheinlich nicht in Berührung gekommen wäre. Ende 2000 war Since I Left You von The Avalanches erschienen, ohne dass es von mir damals registriert wurde. Doch dann sah ich bei VIVA Zwei einen wirklich verrückten Videoclip, in dem eine Vielzahl von unterschiedlich verkleideten Personen herumtanzten, gestikulierten, die Samples des Musikstücks (Gesang oder Dialoge) nachspielten und rezitierten. Eine Riesenshow, voller Humor und Raffinesse, meiner Meinung bis heute eines der besten Videos der 2000er Jahre! Es handelt sich um Frontier Psychiatrist, das schon als Musikstück eine Wucht ist, durch das Video noch zusätzlich aufgewertet wird. Ich war begeistert und wurde kurz darauf noch aufmerksamer auf die Avalanches, als ein weiterer hochwertiger Clip erschien, wieder zu sehen auf VIVA Zwei.  Dieser ist schwarz-weiß gehalten:  zwei Bergarbeiter finden durch eine unterirdische Höhle Zugang zu einem dann in bunten Bildern dargestellten Tanzstudio, in dem zwei Ballerinen sich zu den Klängen der Musik bewegen, die Männer schließlich so in einen Begeisterungsrausch versetzt werden, dass sie mit diesen zusammen das Tanzbein schwingen. Wundervoll, es handelt sich natürlich um das Video zu dem fantastischen Titelsong! In dem Porträt bei laut.de hat man passend dazu eine richtige Beschreibung gefunden: „Die Musikvideo-gewordene Band“. Unvergessen bleiben die Avalanches natürlich auch durch ihre unglaubliche Versiertheit im Sampling (bei Interesse könnt ihr euch mal über die sogenannten „Plunderphonics“ informieren, für die The Avalanches neben Künstlern wie DJ Shadow, MF Doom oder DJ Food in der Moderne stehen). Die Australier verarbeiteten für ihre Debüt-LP – auf der selbstverständlich die beiden oben genannten Songs zu finden waren, die ohnehin exemplarisch dafür stehen – unzählige Samples (es sollen angeblich bis zu 3.5000 sein, schaut mal gerne bei whosampled.com nach) aus den unterschiedlichsten Herkunftsbereichen – diverse Musikrichtungen (von Madonna bis Boney M, allerdings auch viel Unbekanntes), Filme (bei Frontier Psychiatrist gibt es beispielsweise einen Textauszug aus John Waters‘ Polyester zu hören) und eine unglaubliche Menge an weiteren Kunstformen und Medien. Eine wahrlich gigantische Fundgrube. Ich selbst habe immer wieder eine Freude daran, das Album zu hören, die Vielseitigkeit zu genießen, mich jedes Mal auf das Neue überraschen zu lassen. Wie groß das Werk ist, hat man ja allein daran gemerkt, wie sehnsüchtig man auf den lang angekündigten Nachfolger gewartet hat, darauf, eine ähnlich mitreißende Klangreise zu unternehmen. Immer wieder hieß es, da kommt was Neues – ich hörte beispielsweise vor Jahren im Radio mal davon, dass Massive Attack, die Gorillaz sowie eben die Avalanches zusammen ins Studio gegangen seien (was sich leider noch nicht bewahrheitet hat). 2016 war es endlich soweit, ich freute mich riesig:  Wildflower kam heraus. Es war richtig gut, aber die Klasse von dem Debüt Since I Left You erreichte es nicht! Wie soll das aber auch möglich sein?!? Das Debüt hat für mich bis heute nichts von seinem Glanz verloren. Kein Durchhänger, auf gesamter Länge ergreifend und voller Energie!

P.S.: Ich hatte dieses Jahr die Gelegenheit, die Band live in Köln zu erleben. Es machte unheimlich Spaß, die unbändige Spiellaune steckte das Publikum merklich an. Schön war’s!

Note: 1,0

http://theavalanches.com/

 

Ariel Pink – Dedicated To Bobby Jameson

VÖ: 15.09.2017

Label: Mexican Summer

Genre:  Progressive-/Psychedelic-/Avant-Pop , Chillwave

Es ist ja wohl kaum zu bestreiten, dass Ariel Marcus Rosenberg, kurz Ariel Pink genannt, zu den spannendsten und schillerndsten Musikern der Gegenwart gehört, egal wie man nun zu seiner Musik persönlich steht. Insbesondere aus der Sicht heraus, wie er sich künstlerisch den Sounds aus der Jetztzeit und der Vergangenheit, in der Konsequenz der Verschmelzung dieser beiden Pole, widmet. Klar, Psychedelia im Pop ist keine Neuheit, wird ja von Mac DeMarco, MGMT, Animal Collective, Grizzly Bear und wie sie alle heißen, aufgegriffen, in unterschiedlicher Form interpretiert und ausgearbeitet. Ebenso der Rückgriff auf Electronica-Elemente in Kombination mit einer 1980er-Ästhetik (bei Ariel Pink sind allerdings eher die -70er im Fokus), gerne „Chillwave“, „Dream-Beat“ oder „Hypnagogic Pop“  getauft, kennt man bereits, Musiker wie Toro Y Moi, Washed Out, Tycho oder Neon Indian schwören bzw. schworen darauf. So gut einige der genannten Musiker auch sind, geht Ariel Pink noch viel mehr in Richtung Avantgarde, in ähnlicher Form, wie es John Maus tut, orientiert sich zudem an legendären Größen wie R. Stevie Moore, Throbbing Gristle oder Can. Andererseits bleibt der 39-Jährige dem Pop treu, übernimmt dessen Strukturen und Eigenschaften, was in einer tatsächlich individuellen Mixtur resultiert. Ich finde insbesondere die als Ariel Pink’s Haunted Graffiti eingespielten Alben Before Today (2010) und Mature Themes (2012) genial. Sein letztes Werk Pom Pom mag ich auch sehr. Zudem bin ich mir bewusst, dass ich seinen früheren Tonträgern noch etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken habe. Eines ist jedoch klar, seine gegenwärtigen Schritte in der Musik sind von einer eindrucksvollen Eleganz und Durchschlagskraft. So widmet Pink sich nun – wie der Titel verrät – dem ehemaligen, 2015 verstorbenen Singer/Songwriter Bobby Jameson, um den sich ja so einige Geschichten und Mythen ranken, man weiß zumindest, dass er sich aufgrund vieler Schicksalsschläge aus dem Musikbusiness zurückzog, zuletzt bis zu seinem Tod einen YouTube-Channel führte. Passt eigentlich, denn auch Ariel Pink gibt gerne Erzählungen um seine Person und sein Umfeld preis, von denen nicht immer behauptet werden kann, dass sie hundertprozentig wahr sind. Trotzdem, es liegt hier mal wieder ein wundervolles, vielseitiges Werk vor, dass die musikalische Versiertheit des Künstlers überdeutlich macht. Wer sonst bekommt Songs wie Feels Like Heaven, Death Patrol, Another Weekend oder Acting (letzteres ist in Zusammenarbeit mit Dâm-Funk entstanden) so bunt und spannungsgeladen hin? Es gibt zumindest nicht viele davon (okay, John Maus bestimmt)!

Note: 2,0

http://ariel-pink.com/

 

The National – Sleep Well Beast

VÖ: 08.09.2017

Label: 4AD

Genre: Indie-/Alternative-Rock

Ich bin erleichtert! 4 Jahre kommen mir dann doch immer länger vor, als ich ohnehin schon befürchte, obwohl diese Zeitspanne zwischen dem Release zweier LPs im Musikbusiness keine Ausnahmeerscheinung mehr darstellt. So ewig ist es auf jeden Fall her, als The National ihre letzte Platte – das mal wieder einige Hymnen bereithaltende Trouble Will Find Me (Demons, I Need My Girl u.a.) – veröffentlichten. Seitdem hat sich ja bandintern einiges getan, die Mitglieder hatten andere Projekte initiiert bzw. weiter geführt, nicht nur Frontmann Matt Berninger. Da gab es unter anderem EL VY, LNZNDRF, die Pfarmers etc., in denen sich ebenso die anderen Mitglieder engagierten, zuletzt hatte ja Bryce Dessner dieses Vorhaben, ein Konzeptalbum über Planeten zu schreiben, mit Nico Muhly, Sufjan Stevens und James McAlister in die Tat umgesetzt. Manches funktionierte, manches eher weniger. Über die Hauptband lässt sich jedoch einfach nicht meckern, wenn dann nur auf hohem Niveau. The National hat in der Frühphase schon beachtenswerte Tonträger produziert, spätestens mit Boxer (2007) dann in künstlerischer Hinsicht den Durchbruch geschafft, mit jenen Hymnen, für die man die Formation aus Cincinnati so liebt. Ich sage nur Fake Empire! Für mich zählen der Song sowie das dazu gehörige Album ungelogen zu meinen absoluten Favoriten des letzten Jahrzehnts. Genauso bin ich mir sicher, dass der Nachfolger High Violet (2010) am Ende dieser Dekade zu meinen liebsten Werken gehören wird. Auch hier, großartig geschriebene Songs wie Bloodbuzz Ohio oder Anyone’s Ghost, unvergessliche Geniestreiche! Bei dem bereits zu Beginn erwähnten Trouble Find Me war ich zwar nicht vergleichbar euphorisiert, dennoch fand ich das Ergebnis überaus gelungen. Als ich erstmals die Singles von Sleep Well Beast hörte, erachtete ich sie anfangs als „nur“ gut, muss allerdings sagen, dass sie ihre Wirkung mit jedem weiteren Hören weiter entfalten, vor allem Day I Die und Carin At The Liquor Store. Es gibt manche, die schreiben, dass The National nicht mehr zu überraschen wüssten, zu einer recht oberflächlichen „Stadion-Band“ mutiert seien. Weshalb? Hier gibt es hintergründige Texte, die zum einen persönliche, zum anderen gesellschaftspolitische Bezüge aufweisen, unterlegt von immer noch mitreißenden Melodien, bei denen mit frischen Ideen überrascht wird (Mouse on Mars haben unter anderem ausgeholfen!). Also mir jedenfalls gefällt es nach wie vor ausgesprochen gut!

Note: 2,0      

http://americanmary.com/

 

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