Nicolas Jaar – Sirens

VÖ: 14.10.2016

Label: Other People

Genre: Electronica / Experimental

Wow, der nächste Vertreter der hier an dieser Stelle angekündigten großartigen Herbstwerke. Schön auch, dass diese eine breite Palette an Genres abdecken und repräsentieren, siehe Bon Iver, Nick Cave & The Bad Seeds, Kate Tempest. Gemeinsam ist den Künstlern auch, dass man einerseits nicht allzu überrascht sein sollte, waren doch die Vorgänger schon klasse bzw. genial, andererseits freut man sich angesichts der Unerschrockenheit, dem konkreten Umsetzen neuer, extrem vielfältiger Ideen, dem steten Experimentierwillen und dem Formulieren aussagekräftiger, nachvollziehbarer Botschaften.  Nicolas Jaar, der 26-jährige Produzent aus New York, hat uns nach seiner umwerfenden Erstlings-LP Space Is Only Noise (2011) endlich einen würdigen Nachfolger geschenkt, der die oben genannten Eigenschaften vereint. Wunderbar ist vor allem, dass es sich nicht aufdrängt, es kommen wieder entspannte, minimalistisch-langsame Momente vor, die so typisch für den Vorgänger waren – die ihn letztlich den ruhigen Bassmusik-Werken des sogenannten „Post-Dubstep“ im Stile von James Blake, Mount Kimbie oder Burial zuordnen lassen –, die immer wieder von vorwärtspumpenden House-Passagen durchbrochen werden, noch intensiver als es von Jaar hin und wieder zu hören gibt. Diversität definiert seine Musik seit jeher, denn unabhängig von der oben erwähnten LP hat er extrem tolle EPs (letztes Jahr zum Beispiel die Nymphs-Reihe), Remixe, Radio-Shows und Soundtracks – empfohlen sei vor allem Pomegranates  (auf dem Jaar den 1969er-Film Die Farbe des Granatapfels mit neuen Klängen untermalte). Nicht zu vergessen seine wunderbare Band Darkside (mit Dave Harrington), die seit 2014 leider nicht mehr besteht (Hoffnung auf ein Comeback ist angeblich berechtigt). Mit Sirens legt Jaar einen weiteres faszinierendes Werk vor, das avantgardistische Klänge bietet – unter anderem mit geschickt eingesetztem Saxofon-Spiel, Samples – u.a. private Aufnahmen von dem Produzenten, wie dieser mit seinem Vater spricht – und weiteren Klangexperimenten. Zudem sind sozialpolitische Bezüge vorhanden, u.a. werden Gewalttaten von Polizisten angeklagt. Ein extrem eindrückliches Werk, das sicherlich noch wachsen wird.

Note: 2,0 (mit Potential nach oben)

http://nicolasjaar.net/

 

Kate Tempest – Let Them Eat Chaos

VÖ: 07.10.2016

Label: Caroline

Genre: Hip-Hop /Spoken Word / Electronica

Der Herbst hält einige große Werke bereit! Nach dem atemberaubendem Skeleton Tree von Nick Cave und seinen Bad Seeds  – hier bei hicemusic verdienterweise gerade zum Album des Monats September gekürt – und dem ebenso fantastischen neuen Bon Iver-Tonträger meldet sich nun die 30-jährige Allroundkünstlerin Kate Esther Calvert alias Kate Tempest mit ihrem Zweitling zurück. Zum musikalischen Debüt wurde an dieser Stelle geschrieben, dass die Londonerin absolut versiert darin sei, „(…) Kritik an gesellschaftlichen Missständen auszuüben – selbstbewusst, pointiert, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.“  Diese Beschreibungen lassen sich 1:1 auf Let Them Eat Chaos übertragen, sie klingen fast schon untertrieben, angesichts der Direktheit, Kompromisslosigkeit und harten, schmerzhaften Ehrlichkeit, dem bitteren Pessimismus, mit dem man hier konfrontiert wird. Ähnlich wie auf Everybody Down folgt man unterschiedlichen Protagonisten, die gegenwärtige gesellschaftliche Probleme am eigenen Leib erfahren müssen, wobei die politische Note noch mehr betont wird als auf besagtem Vorgänger. Das Albumcover deutet es ja bereits an, dass auf dieser Welt einiges im Argen liegt, was Tempest natürlich nicht nur auf ihre Heimat im Zuge des bevorstehenden Brexits bezieht  – auch wenn der Ort der Handlung London ist, in der die Charaktere unabhängig ihres gesellschaftlichen Status zeitgleich (genau um 04:18 Uhr) der „sozialen Kälte“ ausgesetzt werden – sondern auf jegliche Brandherde referiert, allgemein Themen, die unsere Nachrichten momentan dominieren. Einerseits muss die sprachliche Brillanz dabei nicht verwundern, ist die Britin doch (mittlerweile eine recht bekannte) Autorin und Lyrikerin, andererseits ist man schon erstaunt über die konkrete Bildhaftigkeit, die inhaltliche Stringenz und Hintergründigkeit ihrer Geschichten. Man kann die Ängste und Nöte, die Traurigkeit der einzelnen Schicksale der Protagonisten sehr gut nachvollziehen und –fühlen. Zudem hat sich Kate Tempest auch musikalisch noch weiter gesteigert, ihre Raps sind fantastisch klar akzentuiert, die Kombination mit den futuristisch anmutenden (Electronica-)Sounds funktioniert ausgezeichnet. In höchstem Maße beeindruckend!

Note: 1,7

https://www.katetempest.co.uk/

Kate Tempest – Let Them Eat Chaos (Album Trailer) from Eskimo Media & Technology on Vimeo.

 

Album des Monats September

Wählt bis zum 10.10. das Album des Monats September!

Ihr entscheidet, welche Veröffentlichung „Album des Monats September“  wird.

Zur Wahl stehen diejenigen Alben, die in dem Monat veröffentlicht und bei hicemusic vorgestellt wurden.

Ihr urteilt über die Umfrage „Wie bewertest Du die Musik?“. Das Album mit den besten Werten, also idealerweise mit dem Urteil „Großartig“, gewinnt (je mehr Nennungen, desto besser).

Zur Wahl stehen folgende Alben:

Bon Iver – 22, A Million

Jamie T – Trick

M.I.A. – A.I.M.

Trentemøller – Fixion

Sowie aus den Kurzbesprechungen unter:

https://hicemusic.wordpress.com/september-2016/

King Creosote – Astronaut Meets Appleman

James Vincent McMorrow – We Move

Nils Petter Molvær – Buoyancy

Angel Olsen – My Woman

Warhaus – We Fucked A Flame Into Being

Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree

Okkervil River – Away

Wilco – Schmilco

Preoccupations – Preoccupations

Devendra Banhart – Ape In Pink Marble

Warpaint – Heads Up

Banks – The Altar

Pixies – Head Carrier

Regina Spektor – Remember Us To Life

 

Viel Spaß beim Wählen!

Bon Iver – 22, A Million

VÖ: 30.09.2016

Label: Jagjaguwar

Genre: Indie-Rock / Folktronica

Die US-amerikanische Folkgruppe ist nach 5 Jahren langer Pause endlich wieder mit einer LP zurück! Der Frontmann der Band, Justin Vernon, war ja – wie man vielleicht weiß – in der Zeit nicht untätig, auch als Bon Iver hatte er mit seinen Kollegen noch musikalische Auftritte, unter anderem steuerten sie Songs zum Soundtrack des Zach Braff-Films Wish I Was Here (Heavenly Father) und zu Peter Gabriels Konzeptalbum And I’ll Scratch Yours (Come Talk To Me) bei. Über seine Bandarbeiten hinaus hat Vernon in anderen Formationen gespielt (z.B. Volcano Choir) und mit einigen Künstlern unterschiedlichster Gattungen zusammengearbeitet, zum Beispiel Kanye West – insbesondere als Songwriter und Gastsänger auf dessen vielgefeierten My Beautiful Dark Twisted Fantasy (2010) – und mit James Blake – wie jüngst in einem der besten Songs des Jahres I Need A Forest Fire, auf dessen großartigen The Colour In Anything. Immer wieder konnte Vernon unter Beweis stellen, dass seine außergewöhnlichen Fähigkeiten sich nicht nur auf das Produzieren von Sounds im Spannungsfeld zwischen Folk, Indie Rock und kammermusikalischem Pop beschränkt, wie er es mit seinen Bandkollegen auf den wundervollen ersten beiden Alben getan hat. Das Material für das sensationelle Debüt For Emma, Forever Ago (2008) hat Vernon in einer einsamen Waldhütte geschrieben und aufgenommen, dort seine persönlichen Probleme der Zeit verarbeitet. Das selbstbetitelte zweite Werk war ebenso großartig, wies opulente Klangstrukturen auf, mit einer vielfältigen Auswahl an Instrumenten. Auf dem dritten Album hört man klar heraus, dass nicht nur Vernon die Künstler beeinflusst hat, mit denen er seitdem zusammengearbeitet hat, sondern dass auch er selbst was von diesen gelernt hat. Kanye Wests Stile – zum Beispiel der Einsatz von Autotune-Effekten, aber auch das Experimentieren mit Stimmen, wie James Blake es kann, hat hörbar Eindruck hinterlassen. Darüber hinaus ist 22, A Million brillant, findet absolut gekonnt den Weg zwischen diesen elektronischen Spielereien (Samples u.a.) und gefühlvollem Indie-Folk, den man bereits von ihm gewohnt ist. Die kraftvolle Stimme Vernons ist wie immer atemberaubend!

Note: 1,7            

http://boniver.org/

Bon Iver on Jimmy Fallon from Sofia Payro on Vimeo.

 

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑